ISLAM UND ERNÄHRUNGSETHIK

„Konsumverhalten auf nachhaltige Methoden ausrichten“

Die Massenproduktion bringt viele ethische Fragen mit sich. Insbesondere bei der Herstellung tierischer Produkte. Was der Islam dazu sagt, erklärt Isabel Schatzschneider.

12
10
2019
Muslime und Konsum
Symbolbild: Konsumverhalten © Shutterstock, bearbeitet islamiQ.

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges hat sich die Landwirtschaft in der westlichen Welt drastisch verändert. Technische und wissenschaftliche Fortschritte ermöglichen es, mit wenig Kosten und Arbeitskräften erhebliche Ertragssteigerung zu erzielen. Moderne landwirtschaftliche Methoden hat man in westlichen Ländern entwickelt, breiten sich jedoch immer mehr in der restlichen Welt aus. Auch muslimisch geprägte Länder und die Halal-Industrie sind von diesen Veränderungen betroffen.

Die effiziente und kostenminimierende Produktion hat jedoch massive Konsequenzen: Bodenverdichtung, Ressourcenverknappung, Verlust der Agrobiodiversität durch Überdüngung, Pestizideneinsatz, hochsensible und krankheitsanfällige Nutztiere, Hormon-, Antibiotika- und Pestizidrückstände in Lebensmitteln, schlechte Löhne und Arbeitsbedingungen, Land Grabbing, Bauernsterben, Überfischung und Weltmeere, Verletzung von Verbraucherrechten usw.

Je industrieller die Methoden zur Produktion, desto intensiver werden moralisch relevante Güter tangiert. Der Fachbereich der Ernährungsethik beschäftigt sich mit den Folgen der Land- und Lebensmittelwirtschaft, mit Verhaltensmustern der Konsumenten und gesellschaftspolitischen Werten. Es werden insbesondere die ökologischen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen der Produktion, Verarbeitung, Vermarktung und des Konsums von Lebensmitteln beleuchtet.

In diesem Artikel wird die Ernährungsethik als eine säkulare Wissenschaft mit islamischen Prinzipien zur Ernährung und Lebensmittelproduktion verbunden. Eine dualistische Trennung zwischen Religion/Spiritualität und Wissenschaft/Natur gibt es im Islam nicht.

Vier Grundprinzipien der säkularen Ernährungsethik

Die islamische Religion offenbart ein holistisches und breitgefächertes Rechtssystem – die „Scharia“. Das Ziel dieses Rechtssystems ist es, die islamische Religion, das Leben des Menschen und das Wohlergehen des gesamten Universums zu sichern und zu bewahren. Aus dem Koran und den Überlieferungen des Propheten Muhammads lassen sich eine Vielzahl von rechtlichen sowie ethischen Regeln und Pflichten zur Herstellung, Verarbeitung und Konsumption von Lebensmitteln ableiten.

In der säkularen Ernährungsethik haben sich vier Grundprinzipien vor allem ausgeprägt, die ethisches Verhalten im Konsumverhalten und in den Methoden im Bereich der Lebensmittel betreffen: Vorsorge, Verantwortung, Gerechtigkeit und Vielfalt.

Vorsorgeprinzip – Schäden vermeiden

Gemäß dem Vorsorgeprinzip, das als wesentlicher Grundsatz auch in der Umwelt- und Gesundheitspolitik verankert ist, sollen Schäden und Belastungen vermieden werden, bevor sie entstehen. Maßnahmen, die Schäden, beispielsweise Umweltverschmutzungen, herbeiführen können, sind nach dem Vorsorgeprinzip nicht gestattet. Ähnlich verankert ist dies auch in der islamischen Ethik. Hier wird von Prävention von Unheil gesprochen. Die Hauptaufgabe des Menschen liegt in der Vermeidung von Schaden gegenüber der Mitwelt. Das arabische Wort „fasad“ (Unheil) bezieht sich auf alle Handlungen und Methoden, die direkt oder indirekt physikalischen oder spirituellen Schaden gegenüber Individuen, Gemeinschaften oder Gesellschaften anrichten (Sure Bakara, 2:204-205).

Verantwortungsprinzip – der Mensch als Kalif dieser Welt

Das Verantwortungsprinzip zielt nicht nur auf die Verantwortbarkeit der Handlungsfolgen für die eigene Person und das unmittelbare Umfeld ab, sondern auch auf viel weiter gefasste soziale und ökologische Ressourcen, für die die Nutzer Verantwortung tragen (müssten). Nach dem islamischen Weltbild hat Gott den Menschen die Führerschaft oder Statthalterschaft (Kalif) für Mitmenschen, Lebewesen und dieser Erde übertragen. Es ist die Pflicht jedes Muslims, die Aufgaben, die ihm zugeteilt wurden, nach den göttlichen Regeln auszuführen. Wenn der Mensch diese Verantwortung nicht erfüllt, wird er für seine Taten zur Rechenschaft gezogen. Das Missachten der göttlichen Regeln führt immer zu einem Schaden des Menschen und seiner Umgebung, da die Offenbarung Gottes sich immer auf das Wohlbefinden seiner Geschöpfe ausrichtet.

Gerechtigkeit – Rücksicht auf alle Lebewesen nehmen

Gerechtigkeit kann als der optimale Zustand des sozialen Miteinanders betrachtet werden, in dem Interessen, Güter und Möglichkeiten angemessen berücksichtigt werden. Aus islamischer Perspektive wurden die Tiere und die Natur für die menschliche Verwendung erschaffen. Dies gibt dem Menschen jedoch nicht das Recht, diese auszubeuten und zu kontaminieren. Die Erde ist die Schöpfung Gottes und er ist der rechtmäßige Besitzer.

Gerechte Aufteilung aller Ressourcen

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Ernährungsethik ist die Herstellung und Verteilung von Lebensmitteln. Bei diesem Aspekt geht es um die faire Befriedigung von Bedürfnissen und die Vermittlung von Zugangschancen zu genügend und guter Nahrung für alle Menschen. Auch ein wichtiger Bestandteil der islamischen Ethik ist die Bekämpfung von Armut und Welthunger. Dieser Kampf wird durch das Konzept von Zakât und der Institution von Awkâf realisiert. Es gibt zahlreiche Koranverse und Überlieferungen des Propheten Muhammad, die Muslime auffordern die Armen zu speisen. Ein Hadith besagt: „Wer satt zu Bett geht, während sein Nachbar hungert, ist nicht von uns“ (Sunan al-kabîr).

Natürliche Ressourcen wie Wasser und fruchtbare Böden werden immer knapper, sie werden auf unverantwortliche Weise ausgebeutet – zum Leidwesen eines Großteils der heute lebenden Menschen und aller späteren Generationen. Biodiversität ist für die Erhaltung der Gesamtheit aller Lebensformen entscheidend. Täglich sterben über 100 Arten für immer aus, manche von ihnen sind dem Menschen noch nicht einmal bekannt. Dabei ist es allgemeiner Konsens, dass es ethisch (und vielerorts rechtlich!) nicht vertretbar ist, momentan lebende Menschen zu schädigen; ebenso wenig kann es moralisch zu verantworten sein, nachfolgenden Generationen durch einen Verlust an Mitweltqualität zu schaden.

Die Umwelt als Mutter der Menschheit

Gott hat den Menschen, seine Mitwelt und das ganze Universum delikat, präzise und in einem perfekten Gleichgewicht erschaffen. Das Universum ist somit unversehrt und frei von jeglichem Defekt und Fehler (Sure Rahmân, 55:1-10). Der Koran warnt davor, dieses Gleichgewicht zu zerstören oder zu schaden. Alle Menschen sollten zusammenarbeiten, um dieses Ökosystem zu schützen und keine Taten begehen, die Ungleichgewicht oder jegliche Form von Zerstörung verursachen. Gott erschuf die Welt für alle Lebewesen (Menschen, Tiere, Insekten, Organismen etc.). Keine dieser Lebewesen dürfen ein Teil dieser Welt okkupieren oder ihre Ressourcen ausbeuten.

Im Islam wird die Umwelt metaphorisch als die Mutter der Menschheit (al-Umm al-Insâniyya) bezeichnet. Gott hat den Menschen aus Erde, Wasser und Staub erschaffen. Es ist eine Pflicht, Wohltun und Güte gegenüber der Mutter zu haben. Ungehorsam ist ein tabu. Nichts auf dieser Welt ist vom Menschen trennbar und der Mensch ist nicht von seiner Umwelt trennbar, da der Mensch von den Bestandteilen der Erde erschaffen wurde. Um den Ressourcenbestand zu bewahren und für zukünftige Generationen zu sichern, muss der Mensch sein momentanes Konsum- und Produktionsverhalten auf nachhaltige Methoden ausrichten.

Ernährungsethik – große Lücke zwischen Anspruch und Verhalten

Die industriellen Land- und Lebensmittelwirtschaft macht viele Konsumenten zu Opfern und Tätern. Vielen Menschen ist dabei bewusst wie die moderne Lebensmittelproduktion agiert. Umfragen haben gezeigt, dass ein Großteil der Verbraucher durchaus Produkte mit höheren Tierschutzstandards wünschen. Jedoch macht sich hier eine Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und tatsächlichem Verhalten sichtbar. Ökologische und nachhaltige Methoden werden meist dann umgesetzt, wenn andere Handlungsmotive mitspielen. Gesundheit könnte beispielsweise so ein Handlungsmotiv darstellen. Auch die islamischen Gebote können eine derartige Verstärkung darstellen. Gute Intentionen und die Verrichtung guter Taten werden belohnt, wohingegen Intentionen und Taten, die zu einem Ungleichgewicht der Natur führen, bestraft werden.

 

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier unseren Wohlstand der Tatsache geschuldet sind, dass es 80% der Weltbevölkerung viel schlechter geht als uns. Diese Tatsache lässt einen Menschen mit Gewissen tief blicken. Als einfache Konsumenten merken wir nicht einmal, dass wir unseren Wohlstand auf Kosten von Menschen ausleben, welche jene 80% der Weltbevölkerung ausmachen - und mokieren auf arrogante Weise auch noch darüber, wenn viele von ihnen, welche wir bewusst oder unbewusst ausbeuten, zu uns kommen und von unserem Wohlstand profitieren wollen (Stichwort: "Wirtschaftsflüchtlinge"). Dieser Umstand lässt einen gläubigen Menschen in Endzeitstimmung versetzen. Wir werden in den kommenden Jahrzehnten mehr "Wirtschaftsflüchtlinge" bei uns haben, die sich durch Grenzzäune, Abschiebungen etc. nicht werden aufhalten lassen. Ob wir das nun wollen oder nicht. Das haben wir uns selbst verschuldet, ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht.
13.10.19
2:04
Emanuel Schaub sagt:
Sie beide ,Frau Schatzschneider und Sie Herr Celik ,sprechen mir regelrecht aus der Seele! Vielen Dank. gruß emanuel
14.10.19
12:11
Ethiker sagt:
Im Jahr 1950 waren Plastikverpackungen Weltweit eine Seltenheit, aber ihre Produktion wurde stetig durch die Nachfrage nach haltbaren Lebensmittel ausgebaut. Heute gibt es einen Fokus auf Regionale und Saisonale Produkte, wie vor der Verfügbarkeit der Produkte durch schnelle Transportwege auch. Es darf aber nicht vergessen werden, woher diese Bewegung ihre Einflüsse hat. Zum einen entspringt es einem elitären Denken, einem Gestaltungs- und Vorzeigensverhalten. Nachhaltiges Konsumverhalten wirft unweigerlich die Frage auf, für wenn das letztendlich nachhaltig sein soll. Außerdem kann man Nachhaltigkeit auch als Besitzstandswahrung formulieren. Indem nämlich eigene Soziale Klassen erhalten werden sollten. Der Bauer aus den Anden kann faire Schokolade dann gerne anbauen, aber auch nur solange die Nachfrage der etablierten sozialen Klassen es erlauben. Es wird dadurch eine Abhängigkeit aufgebaut, aus der sich der Bauer aus den Anden nur schwer lösen kann, sei es wegen den ausgehandelten Verträgen, dem international gehandelten Rohstoffpreisen oder den fehlenden Optionen, die ihm außerhalb des neuen Marktes keine Entwicklung ermöglichen. Auch ist die Zusammenführung mit einer Säkularen Ernährungsethik und dem Islam höchst problematisch, weil in dem Islam Vorannahmen impliziert werden, die aus der Moderne und Antimoderne selbst stammen. Die verwendeten Begriffe aus dem Islam werden aus ihren ursprünglichen Kontext auf einen modernen Trend projiziert. Die Vorannahmen sind die Begriffe der Autonomie, die aber ein islamischer Begriff in diesem Kontexten nicht anzielt, des Fortschrittsglaubens einer Säkularen Ernährungsethik, der aber nicht in den islamischen Begriffen vorzufinden ist, der Selbstanspruch auf eigene Rationalität, der einer Säkularen Ernährungsethik zugrunde liegt, der aber in den islamischen Begriffen eingebettet ist in der Aqidah.
16.10.19
21:22