Wilhelm Heitmeyer

Soziologe sieht Trend zu autoritärem Denken in Europa

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer warnt vor der Zunahme autoritär-nationalradikaler Positionen. Dies hätte schon vor Pegida und AfD begonnen.

18
11
2018
Was treibt junge Männer in die Radikalisierung?
Was treibt Menschen in die Radikalisierung? © shutterstock, bearbeitet by IslamiQ

Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer sorgt sich um eine Zunahme autoritär-nationalradikaler Positionen. „Die Eindunkelungen in Europa machen mir große Sorgen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“ am Donnerstag. Autoritäre Denkweisen würden immer normaler. „Normalerweise distanzieren sich Menschen von den Extremen, von Rechtsextremen und natürlich Neonazis, weil sie ihre bürgerliche Normalbiografie nicht gefährden wollen. Aber offensichtlich finden gerade Normalisierungsprozesse statt.“

Verantwortlich dafür sind nach Auffassung des Wissenschaftlers starke kulturelle Verunsicherungsprozesse. Schon vor AfD und Pegida hätten viele Bürger ein Gefühl von Kontrollverlust entwickelt. Ursachen seien die Globalisierung, der Finanzkapitalismus und Hartz IV ebenso wie der Terror und die Flüchtlingswanderung. Diese Entwicklungen würden auch als „Demokratieentleerung wahrgenommen. Die Lösungskompetenz der Politik wird angezweifelt“.

Diese Entwicklung habe „seit den neunziger Jahren Millionen in wutgetränkte Apathie getrieben. Europaweit“, so der Soziologe. „Untere sozialen Schichten trifft das, aber auch die sogenannten Mittelschichten geraten in eine erhebliche Statuspanik.“

Als zentral bezeichnet der Wissenschaftler den Verlust von Anerkennung. „Es ist oft nicht das Geld, es sind die Anerkennungsmöglichkeiten, die verloren gegangen oder gefährdet sind“, sagte er. „Kein Mensch kann auf Dauer ohne Anerkennung leben. Also sucht man sich alternative Anerkennung und sei das die Anerkennung bei der autoritär-nationalradikalen AfD.“

Daraus entwickelte sich laut Heitmeyer eine Nachfrage nach politischen Angeboten, die vorgeben, die Kontrolle wiederherzustellen – und zwar auch durch Ausgrenzung und Diskriminierung. Als Schlüssel für die Attraktivität von AfD und rechten Kreisen bezeichnete Heitmeyer den Begriff „Deutschsein“. „Das Deutschsein kann mir niemand nehmen. Das ist dann der sicherheitsversprechende Identitätsanker“, sagte er.

Als Gegenmaßnahme gegen die wachsende Macht des Autoritären empfiehlt der Soziologe eine gesellschaftliche Entwicklung, „in der die Anerkennungsprobleme auf die Tagesordnung kommen“. Der Alltag sei entscheidend. Mühsam erkämpfte liberale Normen müssten überall verteidigt werden, auf Verwandtschaftstreffen, bei Weihnachtsfeiern, im Verein, im Betrieb. „Wir müssen keine Helden sein, aber im Alltag muss man schon mutig werden.“ (KNA/iQ)

Leserkommentare

Frederic Voss sagt:
Von wachsender Macht des Autoritären kann der Islam ein besonders langes Lied singen. Die Erziehung & Determinierung zur Gehorsamsbereitschaft und Unterwerfung gegenüber islamischen Autoritäten, Predigern und Scharia-Rechtsgelehrten hat eine lange Tradition, die heute immer noch fundamental gültig ist und vehement verteidigt wird. Von den fatalen Auswirkungen und Folgeerscheinungen können wir täglich entsprechende Meldungen und Berichte in den Medien finden. Der kluge Soziologe hier sollte auch sein Augenmerk auf islamische Trends zu autoritärem Denken in Europa richten. Wo bleibt seine Warnung vor autoritär-islamradikalen Positionen? Ist der Islam überhaupt eine bloß friedliche Religion - auch unpolitisch und gewaltfrei, liberal, tolerant und nicht autoritär oder dominant? Basiert der Islam denn nicht auf autoritativen Texten (Koran und Hadithe)? Welche Bedeutung haben zudem die Hudud-Strafen (Körperstrafen) im Islam? Wieso gibt es Fatwas (Rechtsgutachten) von islamischen Rechtsschulen, in denen zur Gewaltanwendung und zum Töten von Menschen aufgerufen wird? Herr Soziologe, haben Sie all das womöglich übersehen?
18.11.18
14:56
Ute Fabel sagt:
Die Analyse von Wilhelm Heitmeyer lässt sich auch sehr gut auf die Türkei übertragen. Die islamisch geprägte autoritäre Regierung in Ankara setzt auch ganz stark auf nationale Gefühle zum Zweck des Machterhalts. So nimmt Erdogan für sich in Anspruch mit seinem Regime das wahre Türkentum zu repräsentieren, während er Cem Özdemir schon wiederholt absprechen wollte, ein echter Türke zu sein.
19.11.18
7:51