Mehrdeutigkeit aushalten

Zwischen Ideologisierung und Beliebigkeit

Kulturen unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten. Islamische Kulturen sind derzeit nicht gerade „ambiguitätstolerant“. Welche Gründe das hat und dass das nicht immer so war, erklärt Arabist Thomas Bauer im IslamiQ-Interview.

04
05
2017
Symbolbild: Kalligraphie © flickr / CC 2.0 / by Sven Graeme, bearbeitet IslamiQ

IslamiQ: In Ihrem vielbeachteten Buch „Die Kultur der Ambiguität“ befassen Sie sich mit Ausschnitten der Kulturgeschichte des Islams anhand des Konzepts der Ambiguität. Was ist das genau?

Thomas Bauer: Im Arabischen ist es gar nicht so einfach, eine einzige Übersetzung dafür zu finden, weil es viele Wörter für einzelne Aspekte der Ambiguität gibt, aber keinen Oberbegriff.

Das meiner Arbeit zugrundeliegende Konzept der Ambiguität stammt aus der Psychologie und heißt dort Ambiguitätstoleranz. Die Menschen wollen wohl von Natur aus, dass die Welt eindeutig ist, müssen aber mit Mehrdeutigkeit, Vieldeutigkeit oder Unsicherheit leben. Das können manche Menschen besser als andere. Dem Ansatz der historischen Anthropologie zufolge gilt das auch für das Kollektiv. Manche Kulturen sind also ambiguitätstoleranter als andere. Die Menschen haben z. B. einen unterschiedlichen Umgang mit dem Tod: Manche wollen schnell und plötzlich sterben, andere wünschen sich einen langsamen Tod und wollen im Kreise der Familie sterben.

Diese individuellen Unterschiede ändern sich auch mit der Zeit. Vor 500 Jahren haben die meisten Menschen gebetet, dass Gott sie verschonen möge vor einem plötzlichen Tod, heute ist es genau umgekehrt. So ist es auch mit Ambiguitätstoleranz: Es gibt Gesellschaften mit einer sehr hohen Ambiguitätstoleranz, aber auch solche mit einer relativ geringen. Das ist natürlich auch innerhalb der Zeit unterschiedlich: In Italien ist die Ambiguitätstoleranz höher als in den USA.

IslamiQ: Kann man sagen, dass islamische Gesellschaften früher ambiguitätstoleranter waren als heute? Wenn ja, welche Gründe hat das?

Bauer: Das ist ein Bündel an Gründen. Ein Grund ist, dass man über Jahrhunderte hinweg sich in den islamischen Gesellschaften gar nicht so viele Gedanken über die anderen gemacht hat. Man war der Meinung, man hätte schon das Richtige und müsse sich nicht mit anderen Kulturen auseinandersetzen. Als man es auf einmal aber doch musste, hat man erst einmal geschaut, was man hat, auf das man sich mit Gewissheit besinnen kann.

Ein weiterer Grund ist, dass man auf Ideologien reagieren musste. Im 19. Jahrhundert, also dem Zeitalter der Ideologisierung, sind die Muslime intensiv mit dem Westen konfrontiert worden, ohne sich mit der Renaissance des 16. Jahrhunderts auseinandergesetzt zu haben. Es gab früh eine Bewegung der stärkeren islamischen Ausrichtung von al-Afgani und anderen, aber neben Kommunismus und Sozialismus war es besonders der Nationalismus, der in der arabischen Welt und auch in der Türkei übernommen wurde. Diesen Ideologien folgte dann der „Islamismus“, der das Denken seitdem sehr beherrscht, auch von denen, die sich nicht als „Islamisten“ bezeichnen würden.

Der dritte Grund ist, dass die westliche Modere, an der man sich positiv oder negativ orientiert, nicht sonderlich ambiguitätstolerant ist. Das hängt z. B. mit der Technisierung zusammen, die ja gerade nicht ambiguitätstolerant sein soll, sondern eindeutig. Das gilt insbesondere auch für den Kapitalismus. Wir leben also in keiner allzu ambiguitätstoleranten Welt.

Thomas Bauer ist Professor für Arabistik und Islamwissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Erforschung der arabischen Dichtung ab dem 13. Jahrhundert. 2011 erschien sein vielbeachtetes Buch „Die Kultur der Ambiguität – Eine andere Geschichte des Islams“.

IslamiQ: Heute scheint ein Mangel an Ambiguitätstoleranz das größere Problem zu sein.

Bauer: Ja, man sollte aber anmerken, dass das Wort Toleranz in dem Konzept der Ambiguitätstoleranz mit dem positiven Begriff der Toleranz erst mal nicht viel zu tun hat und auch keine Wertung sein soll. Zu viel Ambiguitätstoleranz ist auch schlecht. Das öffnet Tür und Tor für Schlamperei, Chaos, Korruption usw. Ein Mangel an Ambiguitätstoleranz führt zur Ideologisierung. Ideologien sind nicht ambiguitätstolerant, sondern haben zu jedem Punkt genau eine klare Meinung.

Wenn man das nun auch auf Religionen überträgt, hat es ähnliche Konsequenzen. Im modernen Islam gibt es Strömungen, die sagen, alles habe genau eine Bedeutung, zu jedem Punkt gebe nur eine einzige richtige Lösung. Mir ist jedoch aufgefallen, dass das für den klassischen Islam nicht gilt. Natürlich hat es damals mit Fatwas auch klare Stellungnahmen gegeben, aber der Mufti war keinesfalls der Ansicht, dass dies hundertprozentig und mit Gewissheit die einzige Lösung sei. Es gab immer unterschiedliche Ansichten und Wahrheiten. Das sieht man z. B. an der Hadithwissenschaft, wo nie gesagt worden ist, dass ein Hadith absolut richtig ist oder nicht, es gab immer Abstufungen im Sinne von wahrscheinlich bis weniger wahrscheinlich. Heute hört man immer wieder: das ist sahih und das ist falsch, aber selten die Abstufungen. Das gilt auch für das islamische Recht.

Natürlich ist es so, dass Gesellschaften, die Ambiguität gerne ertragen, auch Vergnügen an der Produktion von Ambiguität haben. Hier kommt wieder die Literatur ins Spiel, die Spaß daran hatte, rätselhafte, mehrdeutige Texte zu erzeugen.

IslamiQ: Gilt das auch für die recht ernsthafte Wissenschaft des Tafsir?

Bauer: Es fällt auf, dass in sehr vielen klassischen Korankommentaren der Kommentator nicht vorgibt zu wissen, welche Bedeutung eine Koranstelle genau hat. Viel häufiger findet man, dass verschiedene Interpretationen angeführt werden, oft mit Namen eines Gewährsmanns oder auch nicht, allerdings ohne dass der Kommentator sagt, welche er denn nun für richtig hält. Natürlich werden hier und da auch Bewertungen vorgenommen, aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kommentatoren sich freuen, wenn sie eine zusätzliche Bedeutung finden. Es gibt ja auch die Ansicht, dass gerade in der Mehrdeutigkeit des Korans das Positive liegt. Der Korangelehrte Ibn al-Dschazari sagte: Weil der Koran so viele Bedeutungen in sich enthält, braucht es nach Muhammad keine weiteren Propheten mehr.

Interessant ist, dass man von dieser sehr breiten Auslegungsmöglichkeit keinen Gebrauch gemacht hat, weil die sich langsam verändernde Gesellschaft das nicht erfordert hat. Als jedoch Mitte des 19. Jahrhunderts und vor allem im 20. Jahrhundert sich die Gesellschaft sehr schnell verändert hat und man darauf hätte zurückgreifen können, hat man es nicht mehr getan, sondern sich hinter möglichst eindeutigen Auslegungen verschanzt. Die alte Offenheit war nicht mehr da.

IslamiQ: Ist der Wunsch oder gar das Verlangen nach Eindeutigkeit und Konformität etwas Modernes?

Bauer: Das gab es schon immer. Etwa die stark ambiguitätsintolerante Haltung eines Abdulwahhab, der das ohne weitgehenden westlichen Einfluss getan hat. Abdulwahhab hat sich daran gestört, dass es so viele Meinungen zu ein und derselben Frage gibt. Gott wird ja wohl etwas Eindeutiges offenbart haben. Auch in Europa  gab es ein auf und ab von Ambiguitätstoleranz. Im Spätmittelalter oder in der Renaissance kann man von einer relativ großen Ambiguitätstoleranz ausgehen, während sie in der Zeit der Glaubenskriege rapide abgenommen haben dürfte. Nach dem Westfälischen Frieden und in der Barockzeit haben wir wieder eine sehr ambiguitätstolerante Haltung, was aber bei der Französischen Revolution wieder aufhört.

IslamiQ: Was hat Religion für einen Wert, wenn ihr keine oder kaum eine absolute Wahrheit bleibt oder diese zumindest in der Interpretation bis zur Bedeutungslosigkeit abgeschwächt wird? Oder anders gefragt: Was ist so falsch an dem Wunsch nach Eindeutigkeit, Eintracht und „klaren Verhältnissen“.

Bauer: Die Gefahr ist, dass es zu Ideologisierung, Ausgrenzung und auch Gewalt führen kann. Völlige Beliebigkeit kann natürlich auch nicht sein. Es ist in allen Religionen klar, dass das Göttliche etwas völlig anderes ist als das Menschliche. Die Sinne des Menschen, die für das weltliche Überleben notwendig sind, sind nicht gemacht, um das Göttliche eindeutig zu erkennen. Es kann gar nicht anders sein, als dass es verschiedene Perspektiven auf das Göttliche geben kann.

Entscheidens ist nun aber, dass Religionen eine ausgeprägte soziale Dimension haben, d. h. die Gemeinschaft spielt eine wichtige Rolle. Es ist nicht möglich, dass sich jeder seine eigene Religion zusammenbastelt, da das sozial nicht lebbar wäre. Die Existenz von verschiedenen Religionsgemeinschaften, deren Lehren und Institutionen nicht völlig beliebig sein können, hat ihren Sinn. Sie haben ihre Grenzen, diese sind aber nicht statisch, sondern können sich ändern, wenn auch nicht beliebig. Sie besitzen die Wahrheit, aber eben nicht die einzige.

Das Interview führte Ali Mete.

Leserkommentare

Johannes Disch sagt:
Ein glänzendes Interview mit einem der besten Kenner zum Thema.
04.05.17
19:56
Manuel sagt:
Ein Blick in die Islamische Welt genügt, fast überall ist der Islamismus und die damit verbundene Intoleranz auf den Vormarsch und von uns in Europa wird ständig verlangt wir müssten dies auch noch ständig tolerieren!
05.05.17
15:16
Charley sagt:
Es ist recht lustig, die ambiguitären Aussagen von Herrn Bauer zu lesen.
07.05.17
15:03
Charley sagt:
Sehr geehrter Herr Bauer, zunächst einmal herzlichen Dank für ihre weiten Gedanken! Im Einzelnen tauchen mehrere Fragen auf: Ob sich die mit der Mode ändernde Vorstellung von etwas "Richtigem, Guten" (z.B. der "richtige" Tod) schon auf Ambiguität schließen lässt, wäre zu fragen, da doch Ambiguität eher das Erleben der Nicht-Eindeutigkeit im Jetzt wesentlich für den Einzelnen macht. Sie schreiben: "Im 19. Jahrhundert, also dem Zeitalter der Ideologisierung, sind die Muslime intensiv mit dem Westen konfrontiert worden, ohne sich mit der Renaissance des 16. Jahrhunderts auseinandergesetzt zu haben." Danke, dass Sie hier das Primat der Aufklärung (und ihrer Vorläufer) erkennen, das zur Verantwortung des Individuums beim Erstellen seiner (Erkenntnis-)Urteile führte. Bedenkenswert ist Ihre Erörterung zur Ambiguitätstoleranz zwischen den Polen Ideologie und Beliebigkeit (Selbstherrlichkeit, "Schlampigkeit", "Chaos"). Warum gibt es diese Spannung (durch wen oder welchen Menschheitsprozess ist das denn überhaupt bedingt!) und wer gestaltet darin (selbst-)verantwortlich? Es wäre schön gewesen, wenn Sie hier abgehoben hätten auf den Begriff der Individualität, die gerade in diesem Spannungsfeld das Gebiet ihres eigenen Werdens erkennen könnte. Und genau diesen Begriff finde ich im Islam nicht. Denn wenn er auch - so Ihre Aussage - kulturell den Prozess der Selbstbestimmung in dem in die Ambiguität Gestoßen-Sein hat, so wagt der Islam doch nicht, einen Begriff für diesen Prozess zu bilden. Das wäre ein echter Ich-Begriff. So bleibt der Islam im Kollektiven gefesselt! Als Ehrenrettung zitieren Sie: "Der Korangelehrte Ibn al-Dschazari sagte: Weil der Koran so viele Bedeutungen in sich enthält, braucht es nach Muhammad keine weiteren Propheten mehr." Das Problem ist aber eher ein anderes: Jeder, der sich auf diesen Weg macht, wird selbst (schließlich) zum "Propheten", denn er wird geistig völlig autonom! "Keiner bekennt Gott als Einen außer Gott selbst, und keiner kennt das wahre Wesen des Einheitsbekenntnisses als der Gesandte Gottes." (Al-Halladsch) So beschreiben Sie letztlich einen Koran/Islam, der einen Weg möglich eröffnet (man braucht ihn ja nicht zu gehen, man kann ja auch der der Islamfolklore stehen bleiben mit Kopftuch, Schweinefleischverweigerung und den "5 Säulen"), der allerdings jeden als Frevler brandmarkt, der das Ziel dieses Weges begriffen oder gar erlebt/erreicht hat. Die "Möwe Jonathan" lässt grüßen. Wie soll sich solch eine Religion/Kultur, die den klaren Individualitätsbegriff (sich verbietet oder) unterdrückt verbinden mit einer Kultur, die das wache Suchen und Erkennen dieses Begriffs (seines Inhalts oder seiner "Erfahrung") zum Inhalt gemacht hat? Es spricht Bände, dass der Sufi-Meister Husain ibn Mansur al-Hallâj (Halladsch), der in seiner geistigen Selbstbefreiung über jegliche religiöse Bindung hinaus gewachsen war, vernichtet werden musste! Er hatte es gewagt zu sagen, dass man bei bestimmten inneren Entwicklungsschritten auf die Wallfahrt nach Mekka verzichten könne! Ja, warum denn? Weil die Fahrt nach Mekka ein BILDHAFTES zum Ursprung der Religion kommen ist. Und wer den Ursprung der Religion in sich erkannt und erlebt hat, der hat sein "Mekka" beständig in sich. Für den wäre es eine Illusion, nach Mekka zu fahren! Al-Halladsch hat eine solche geistige Größe, dass er heute noch als Ankläger allen folkloristischen Islam (s.o. "ihr Kollektiv") da stehen kann! "Glaube und Unglaube unterscheiden sich in Hinblick auf die Namen; aber im Hinblick auf die Wirklichkeit gibt es keinen Unterschied zwischen ihnen." http://12koerbe.de/bienengold/hallaj.htm "Wisse, daß der Mensch, wenn er Gottes Einheit bekennt, sich selbst bestätigt, und wer sich selbst bestätigt, begeht verborgene Abgötterei." (Al-Hallasch) Man lese doch einmal die Metamorphosen des Glaubensbekenntnisses "Es gibt keinen Gott außer Gott" von Schihabaddin Yahya as-Suhrawardi: (1.) »Es gibt keine Gottheit außer Gott«, (2.) »Es gibt keinen Gott außer Ihm«, (3.) »Es gibt kein Er außer Ihm«, lâ huwa illâ huwa, (4.) »Es gibt kein Du außer Dir«, (5.) »Es gibt kein Ich außer mir«, lâ ana illâ ana (Erläuterungen hier: http://12koerbe.de/bienengold/sufis.htm#Suhrawardi ) Sehr geehrter Herr Bauer, Sie schließen mit einem Kotau vor dem Ignorabimus: "Es ist nicht möglich, dass sich jeder seine eigene Religion zusammenbastelt, da das sozial nicht lebbar wäre." Ich widerspreche Ihnen. Erst wenn jeder seinen eigenen Weg zu "Gott" individuell ausdrückt und damit sein höchstindividuelles "Glaubens"bekenntnis ist, hat das, worauf "Religion" hinweisen will, eine Form von "Realität" erreicht. Die Gemeinschaft der freien Geister wäre erst wahrer Religionsfriede.
07.05.17
17:34
Charley sagt:
Ich möchte noch eingehen auf die sehr intelligente Frage von Ali Mete am Ende des Interviews, die Herr Bauer eigentlich nicht beantwortet: "Was hat Religion für einen Wert, wenn ihr keine oder kaum eine absolute Wahrheit bleibt oder diese zumindest in der Interpretation bis zur Bedeutungslosigkeit abgeschwächt wird? Oder anders gefragt: Was ist so falsch an dem Wunsch nach Eindeutigkeit, Eintracht und „klaren Verhältnissen“." Dass die "Sinne des Menschen ungeeignet" seien, das "Göttliche" zu erkennen, ist so tiefsinnig wie die Aussage, dass Fischflossen zum Fliegen ungeeignet sind. Die Mehrdeutigkeit des "Religiösen" ist auch nicht erklärt mit dem bekannten Gleichnis der "Blinden, die tastend einen Elefanten beschreiben". Der Mensch durchläuft nämlich in dem Verfolg der Frage nach dem Göttlich-Geistigen Stufen. Der Wert der Verunsicherung durch Ambiguität vermag Herr Bauer für den religiösen (Erkenntnis-)Prozess nicht heraus zu streichen. Das also religiöse Aussagen mit dem stufenweisen geistigen Erwachen des Menschen immer wirklich neuen Inhalt und Perspektive haben können, kann sagen, wer diese Stufen des Erwachens kennt und beschreiben kann. Bauer bleibt dagegen schwammig zwischen "Ideologie und.... völlige Beliebigkeit" und rettet sich dann in eine postulierte "Notwendigkeit der Gemeindebildung". Ali Metes Frage, was denn eigentlich "falsch" sei an dem Wunsch nach "Eindeutigkeit" beantwortet Bauer mit dem Hinweis, dass der Wunsch nach Eindeutigkeit richtig/berechtigt sei, weil sonst keine Sozialität, Gemeindebildung möglich sei. Was für ein Gemeindebegriff ist da vorhanden? Warum ist Gleichmacherei nötig? Warum kann es keine Gemeinschaft der geistig Strebenden geben? Bauers Statement verwischt leider die intelligente Frage von Ali Mete: "Sie haben ihre Grenzen, diese sind aber nicht statisch, sondern können sich ändern, wenn auch nicht beliebig. Sie besitzen die Wahrheit, aber eben nicht die einzige." Klingt gut, könnte richtig sein, bedürfte aber der Ausführung, denn die Mehrdeutigkeit/Ambiguität von "Aussagen" ist (selbstverständlich nicht beliebig, sondern) bedingt durch den Verstehenden, und genau zu diesem schweigt der Islam und sagt nur: Glaube!! - Wie traurig tragisch! - Hinter dem Wunsch nach Eindeutigkeit steht der Wunsch nach echter Erkenntnis(sicherheit). Diese ist berechtigt und gilt es zu befriedigen. Aber Erkenntnissicherheit gibt es nur mit Selbsterkenntnis, das zeigt (formal) auch schon die moderne Erkenntnistheorie. Selbsterkenntnis im religiösen Sinne ist aber geistige Erweckung..... Schöne Grüße von Al Halladsch!
08.05.17
13:06
Charley sagt:
Je länger ich über dieses Interview nachdenke, des mehr ärgert es mich. Vieldeutigkeit bringt denjenigen, der dieses erlebt, in ein inneres "Oszillieren" zwischen den verschiedenen Verständnismöglichkeiten. Damit hat er ein starkes, geistiges Selbsterleben in der Frage, im Zweifel, in der Wahrheitssuche. Dieses Selbsterleben will beobachtet, erforscht, untersucht sein, um die eigene Frage genauer zu erkennen, die da ihre (!) Antwort sucht. Während man oftmals, fasziniert von der "Weisheit", die einem entgegen schlägt, gar nicht mehr beachtet, warum einen das interessieren könnte (darum passen auch viele Antworten nicht zu den (unklar gestellten) Fragen), ist hier der Impuls eher auf einem aktiven Fragen gelegt. Und dieses aktive Fragen entwickelt inneres Leben! Denn man lernt zu erforschen, wie man zu der Frage kommt. Das kann zu einer Meditation nach Fichte führen: "Wonach frage ich, wenn ich nach der Frage frage?" Darin liegt die Ich-Erkenntnis, die dann offenbart, warum sich verschiedene Verstehensmöglichkeiten eines spirituellen Textes auftun. Das wäre eine methodische Betrachtung des Phänomens der Ambiguität. Ohne dieses bleibt aber Herr Bauer doch in der Beschreibung der netten, selbstgenießenden, unterhaltsamen Vielfältigkeit der Sichtmöglichkeiten stehen und knallt dann plötzlich die Türe zu, damit man nicht in Beliebigkeit versinkt mit dem Hinweis, dass die Schäfchen der Gemeinde nicht zu sehr verwirrst werden sollten. Ein interessanter Ansatz von Hrn. Bauer, ... allerdings schwach durchgeführt!
09.05.17
12:29
Johannes Disch sagt:
@Charley Wenn man sich das Christentum ansieht, dann ist es mit der Individualität auch nicht so weit her. - "Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe." (Lukas, 22:42) Diese philosophische Akrobatik über Individualität führt also nicht wirklich weiter. In den meisten Zeiträumen der islamischen Geschichte gab es das, was Bauer "Ambiguitätstoleranz" nennt. Die Sucht nach Eindeutigkeit entwickelte sich im Islam tatsächlich erst durch den Zusammenprall mit dem Westen und dem westlichen Denken. Versteht man einen Glauben nur spirituell, dann ist der Absolutheitsanspruch einer Religion ungefährlich. Problematisch wird es, wenn man diesen politisiert. Und dieses Problem besteht heute im Islam ("Politischer Islam" / "Djihadismus").
10.05.17
2:56
Charley sagt:
....und ich möchte noch einen draufsetzen. Herr Bauer stellt nur eine "Kausalität", Bedingtheit her zwischen äußeren, kulturellen-politischen Umständen und dem jeweiligen Aufblühen oder Verwelken von ambiguitärem Verständnis her. Dass aber mit dem Sich-Öffnen von kulturell-politischen Freiräumen sofort etwas sehr Menschliches, etwas dem Menschen Eigenes aufblüht, vermag er gar nicht zu sehen, aufzuzeigen. Das Ambiguität also nicht an den kulturell-politischen Verhältnissen hängt, sondern tatsächlich etwas Menschliches ist, ergründet er gar nicht. Wenigstens gut wäre es, dass man also deutlich bestimmte kulturell-politische Verhältnisse wertschätzt und lobt, weil sie das Erblühen von Ambiguität eröffnen. Dass mit dem Erblühen von Ambiguität etwas primär Menschliches ersteht, dass da Eigenverantwortlichkeit für das eigene Erkennen, Bestimmen von "Wahrheit" provoziert wird und dass das sehr begrüßenswert ist, vermag er nicht wirklich zu sehen. So ist es auch wieder ein Beleg dafür, dass die islamische Welt das eigentlich Menschliche nicht zu sehen, zu begreifen vermag. Entweder bist du ein Ungläubiger oder ein Moslem, ....... dem allerdings auf seinem Weg zur perfekten Allah-Marionette noch einige ambiguitäre Schlingerbewegungen erlaubt sind.
10.05.17
10:20
Charley sagt:
@Johannes Disch: zu Ihrem übrigen Statement: Es handelt sich um "philosophische Akrobatik über Individualität" nur, wenn man es äußerlich anschaut. Dann sind eben viele Heilige, geistig Erweckte auch nur schlichtweg Verrückte (Mohammed vermutlich auch), die man darum auch oft ärgerlich "beiseite gewischt" hat, praktisch verbrannt, verstümmelt, vernichtet (wie auch Al-Halladsch). Wenn man diese Gedanken an die eigene innere Erfahrungfähigkeit/möglichkeit heran trägt, werden sie praktisch und groß. Wenn es "nur" philosophische Akrobatik" wäre, wäre das Phänomen solcher komplexen Aussagen und Erscheinungen nicht erklärbar. Religion ist nur eine solche, wenn sie an die innere Erfahrung "heran getragen" wird, sonst wird sie zur absurden Ideologie (das kann man an div. Statements von kritika oder Ute Fabel uam. hier erkennen)! Sie wird sogar ihrem Wesen entfremdet und nur missbraucht. Darum sind auch die praktischen Ausführungen Mohammeds aus seinen grundsätzlichen ethischen Idealen zeitbedingt (Projektion von urbildlichen Ideen in eine konkrete Situation) und (Sharia, Hadithe) natürlich nicht in jede Zukunft übertragbar. Das hat der Euro-Islam klar begriffen. Dieses Erstarren in äußerer Beispielhaftigkeit (Kopftuch, Schweinefleisch uam.), die z.T. absurd, weil nur punktuell gewusst, aber nicht zusammenhänglich begriffen ist, macht die Tragik des Islam aus. Die ist gegenwärtig in vielem "Islamischen" zu beobachten. Die Schwierigkeit nach innen zu gehen und - ganz in Ihrem oben angedeuteten Sinne - Religion (hier Islam) als inneren Weg (spirituell) zu verstehen und zu erkennen, wird im Islam vielleicht noch dadurch erschwert, weil dieser so wenig Begriffe für diese "innere Instanz" hat. Aber das ist für die Gegenwart notwendig, weil das Bewusstsein heutzutage sich Rechenschaft über sich selbst ablegen will und muss. Vielleicht war es sogar diese spielerische Freiheit (Ambiguität), die dem Islam (u.a.) den Raum für seinen früher kulturellen Höheflug eröffnet hat. (Kausalität also anders herum?!)
10.05.17
13:19
Charley sagt:
hmmmm, wie jeder lesen kann, sind hier nun 9 Kommentare. Der 9te beginnt mit "@Johannes Disch: zu Ihrem übrigen Statement". Ich hatte nämlich vorher zum Anfang seines Postings etwas geschrieben. Es wäre schön, wenn das (vor dem hier "9.Kommentar") Geschriebene hier auch noch veröffentlicht werden könnte, da es direkt mit den Aussagen von Hrn. Bauer und auch mit Johannes Dischs Kommentar zu tun hat. Ich füge den Text hier nochmal an: @Johannes Disch: Sie machen dem Christentum zum Vorwurf, dasjenige Problem zu leben (zu versuchen lebend zu lösen), das der "Islam nicht mal begreift". Es geht immer wieder um den Zusammenhang des Göttlichen mit dem Menschen ("Schnittstelle"), der immerhin teilweise gegeben ist/sein muss, was der Islam unterdrückt, nicht wahr haben will. Sie könnten genauso Paulus zitieren mit seinem "Nicht Ich, sondern der Christus in mir!" Ganz praktisch kann man das greifen mit der Kraft der Liebe. Jeder hat liebene Anteile in sich und lieblose, und es ist durchaus praktisch, den Christus als (Platon) Urbild der Liebe im Kosmos zu erkennen, welches sich in einem Menschen verkörperte, womit der Mensch wieder allumfassend zusammenhänglich wurde (dieser Gedanke liegt, weit genug gefasst auch dem "Auferstehungsleib" zugrunde), zusammenhänglich mit seinem Geist, seinen Mitmenschen, seinem Schicksal (souverän, nicht als fatum erleidend!), der Natur, der Welt, dem Kosmos. Und der "Kitt" ist eben die Liebe als todes(zersplitterungs)überwindende Kraft. Wenn Sie also dieses Wort Christi (Gethsemane) zitieren, mit dem er auch damals seinen Zusammenhang erbetete (versuchte zu retten, als er drohte verloren zu gehen), so möchte ich Sie als Zeugen für diesen Geist hinweisen auf Al-Halladsch, der all diese Zusammenhänge wußte: "Du bewohnst das Bewußtsein im Innersten meines Herzens, wie die Geister die Körper bewohnen." "Dein Geist hat sich mit meinem Geist gemischt, wie sich der Wein mit klarem Wasser mischt. Wenn etwas dich berührt, berührt es mich, nun bist du ich in jeder Lage." "Ich sah meinen Herrn mit dem Auge des Herzens und sagte: "Wer bist du?" Er antwortete: "Du."" (Zitate von https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=111_Husain+ibn+Mansur+al-Hall%C3%A2dsch) Es wäre Anmaßung, sich selbst also intellektuell-abstrakt diese Gottesverwandtschaft als faktische zu zu sprechen. Potentiell ist sie aber schon jetzt jedem Menschen gegeben und klar denkend kann das jeder begreifen. Es zu erfahren und zu sein ist allerdings ein tatsächlich spirituell zu gehender Weg. Und wer das erfahren hat, kann sprechen wie Paulus oder Al-Halladsch.
10.05.17
13:50
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