Interview

„Jetzt nicht einfach fallen lassen“

Die DITIB ist wegen ihrer strukturellen Verbindung zum türkischen Staat und der Spitzelaffäre stark in die Kritik geraten. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) rief die Soziologin Theresa Beilschmidt zum differenzierten Umgang und einer Fortsetzung des Dialogs mit der DITIB auf.

28
02
2017
DITIB
Die DITIB-Zentralmoschee in Köln © flickr / CC 2.0 / Bjarke Libourisson

Frau Beilschmidt, wie sehen Sie die Debatte um die DITIB?

Beilschmidt: Die DITIB ist schon seit ihrer Gründung in den 1980er Jahren mit dem türkischen Staat eng verbunden. Das finanzielle Engagement der Religionsbehörde Diyanet für ihre Moscheegemeinden war der deutschen Regierung sogar willkommen. So musste sie sich nicht selbst um die religiösen Bedürfnisse der Gastarbeiter kümmern. Dass sich nun die Politik Erdogans auf die türkische Religionsbehörde auswirkt und nach Deutschland schwappt, überrascht mich nicht.

Nach den Spitzelvorwürfen gibt es den Vorwurf gegen die DITIB, ein verlängerter Arm der türkischen Regierung und Erdoğans zu sein…

Beilschmidt: Den Vorwurf gibt es ja schon länger, ohne dass es dafür eine Begründung gab. Jetzt sieht das anders aus. Die DITIB-Imame sind Beamte des türkischen Staates und werden von ihm besoldet. Da gibt es natürlich ein Abhängigkeitsverhältnis. DITIB-Vorsitzender ist der Botschaftsrat in Berlin, und der Diyanet-Präsident ist Ehrenvorsitzender. Das ist schon seit über 30 Jahren in der Satzung festgeschrieben.

Wer hat denn das Sagen bei der DITIB?

Beilschmidt: Mächtigstes Gremium ist ein Beirat, dem der Diyanet-Präsident und vier weitere Mitglieder angehören. Diese sind oftmals als Religionsattachees Vertreter der Türkei. Nur vom Beirat vorgeschlagene Personen können in den Vorstand gewählt werden. Die Mitgliederversammlung, Landesverbände oder einzelnen Moscheegemeinden haben da nur begrenzten Einfluss.

Dann ist die Mitgliederversammlung nur ein Abnickgremium?

Beilschmidt: Ganz so einfach ist das nicht. Seit Jahren befindet sich die DITIB in einem Emanzipationsprozess – etwa durch eine Stärkung der Landesebene. Mitarbeiter des Bundesverbandes versuchen, die Verortung in Deutschland voranzutreiben. Zudem gab es lange Jahre nur punktuell Interesse der Türkei, Einfluss zu nehmen. Unter Erdogan hat sich das nun sehr verändert. Und wir sehen, wie groß und problematisch die Macht des Beirats ist.

Gibt es eine Chance, dass die DITIB unabhängig wird?

Beilschmidt: Natürlich. Der Verband kann ja weiterhin theologisch oder spirituell mit der Diyanet verbunden sein, sich aber strukturell von ihr lösen. Allerdings: Die Bezahlung der Imame ist ein großes Problem; sie lässt sich nicht einfach durch die viel zu niedrigen Mitgliedsbeiträge auffangen. In der Regel zahlt eine Person pro Familie einen monatlich vereinbarten Betrag für die Moscheegemeinde.
Der deutsche Staat müsste aber ein Interesse daran haben, dass sich die DITIB mit ihren religiösen Diensten hier verortet und Unterstützung leisten.

Müsste es nicht eine Art Kirchensteuer geben?

Beilschmidt: Da steckt die DITIB in einem Teufelskreis. Weil sie nicht als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt ist, kann sie keine Kirchensteuer erheben. Aber um sich wirklich vom türkischen Staat zu lösen, müsste sie den Körperschaftsstatus haben.

Die DITIB behauptet, konservative wie liberale Strömungen zu integrieren. Stimmt das?

Beilschmidt: Die Ditib-Moscheen haben Menschen angezogen, die einfach im Alltag ihren Glauben leben wollten – ohne sich zu einer ideologischen Bewegung zu bekennen. Da sind verschiedene politische oder theologische Ansichten – und auch Gülen-Anhänger – lange kein Problem gewesen. Die Moscheen waren ein Ort, um Freunde zu treffen und emotional und spirituell die Verbindung zur alten Heimat Türkei zu halten. Die Anerkennung und Wertschätzung der Vielheit im Islam war in den Moscheegemeinden sichtbar. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren ist aber unter Erdogan der Einfluss der türkischen Politik immer stärker geworden. Und es ist jetzt fraglich, ob die Maxime des Unpolitischen noch stimmt.

Wenn es um die Muslime und ihren Status in Deutschland geht, ist die DITIB sehr politisch.

Beilschmidt: In puncto Religionspolitik ist die DITIB eindeutig politisch. Ich sehe aber kein Problem darin, wenn sie sich hier für die Anerkennung als Religionsgemeinschaft oder islamischen Religionsunterricht stark macht. Nur sollte der Verband das auch klar sagen und dazu stehen. Hier fehlt Transparenz.

Wie eng ist die Verbindung zwischen dem DITIB-Dachverband und den Gemeinden vor Ort?

Beilschmidt: Nach meinem Eindruck streben die Moscheegemeinden sehr stark nach lokaler Autonomie. Ihnen geht es um ein gutes Miteinander auf kommunaler Ebene. Da spielt die DITIB im fernen Köln kaum eine Rolle. Und die Verbindung zur Diyanet war vielen Moscheebesuchern gar nicht bewusst.

Es heißt, die Diyanet vertritt den Islam der Ankaraner Schule. Was bedeutet das?

Beilschmidt: Diese sehr auf Wissenschaftlichkeit basierende Schule steht für eine Reformtheologie, welche den Koran aus seinem geschichtlichen Kontext heraus interpretiert und eine Verbindung des Islam zur Moderne sucht. Das unterscheidet diese Schule von Ansätzen wie dem fundamentalistischen Salafismus.

Das klingt nach einem aufgeklärten Islam.

Beilschmidt: Das ist ein aufgeklärter und zugleich orthodoxer Islam, der sich um den Dialog mit anderen Religionen bemüht. Er gibt die Dogmen nicht auf, ringt aber um eine zeitgemäße Interpretation. Diyanet und DITIB gehen aber nicht immer konform mit der Ankaraner Schule. Auch sind nicht alle DITIB-Imame Vertreter dieser Reformschule.

Können Sie sich ein Deutschland ohne DITIB vorstellen?

Beilschmidt: Die DITIB ist eine gesellschaftliche Realität. Es muss im Interesse aller sein, dass die dauerhaft in Deutschland lebenden Türken ihre Religion praktizieren können. Deshalb darf die Politik den Verband als Dialogpartner jetzt nicht einfach fallen lassen. In den Gemeinden laufen viele, wenn auch kleine Projekte des Dialogs und der Integration. Die DITIB muss man also differenziert betrachten. Das heißt nicht, dass man sie nicht kritisieren darf und sollte. (KNA, iQ)

Leserkommentare

Dilaver sagt:
Da wird auch nichts fallengelassen, so wie es religionsfeindliche Medien und Politiker gerne hätten. Auf kommunaler Ebene stehen örtliche DITIB-Gemeinden, welche ja von örtlichen Muslimen gegründet wurden, nach wie vor im Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften und Institutionen.
28.02.17
17:45
Manuel sagt:
@Dilaver: Dann sollte DITIB endlich aufhören mit den säkularismusfeindlichen AKP-Islamisten zusammenzuarbeiten! Wir wollen hier nicht die selben Zustände wie der Türkei oder in anderen islamischen Ländern!
02.03.17
11:10
Mareike sagt:
@Dilaver: Es ist nicht religionsfeindlich, eine politische Organisation eines ausländischen Staates, wie die DITIB sie ist, zu kritisieren. Mit der DITIB versucht der türkische Staat unter dem Schutz der Religionsfreiheit Politik zu machen. Es geht also nicht um Religion, sondern um Politik. Wir haben es also bei der DITIB mit politischem Islam zu tun. Manche würden das Islamismus nennen. Muslime, die die DITIB unterstützen, müssen also grundsätzlich dem Islamismus zugerechnet werden. Manchen unter ihnen ist das allerdings nicht klar, weil sie sich Sand in die Augen streuen lassen von der türkischen Politik. Sie glauben wirklich, dass es um Religion geht. Aber wenn jemand etwas glaubt, bedeutet das nicht, dass es auch der Wirklichkeit entspricht.
02.03.17
15:47
Dilaver sagt:
@Manuel und Mareike Gegen DITIB werden auch Sie beide mit Ihrer haltlosen und zutiefst verächtlichen Propaganda nichts ausrichten können. Die DITIB wird ihren Weg konsequent weitergehen und den Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften und Institutionen fortsetzen.
08.03.17
23:36
Dilaver sagt:
Eine DITIB-Moschee setzt sich aus örtlichen Muslimen zusammen und ist damit immer ein integraler und unverzichtbarer Bestandteil ihrer Kommune, in welchem sie die lokale islamische Gemeinde vertritt. Einer DITIB-Moschee zu unterstellen, lokaler Vertreter eines ausländischen Staates oder gar einer bestimmten politischen Partei zu sein, ist sachlich falsch und nichts anderes als böswillige inakzeptable Ausgrenzungsrhetorik.
09.03.17
2:09
Mareike sagt:
@Dilaver: Sämtliche Imame der DITIB sind türkische Staatsbedienstete und werden von der türkischen Religionsbehörde entsandt. Der Vorsitzende der DITIB ist ebenfalls von der türkischen Religionsbehörde entsandt. Damit ist die DITIB ein verlängerter Arm der türkischen Regierung. Das hat mit böswillig nichts zu tun, sondern ist eine Tatsache. Und da die Türkei momentan von der AKP regiert wird und diese dabei ist, den türkischen Staat so umzubauen, dass am Ende eine Diktatur herauskommt, in der es letzten Endes nur noch eine nennenswerte Partei geben wird, ist die DITIB natürlich auch lokaler Vertreter der DITIB (inzwischen!). Falsch ist, das Gegenteil zu behaupten und so zu tun, als sei die DITIB tatsächlich ein deutscher Verein. Sie ist ein Verein nach deutschem Recht (soweit ist das richtig), der jedoch von der Türkei aus gelenkt wird.
09.03.17
14:16
Dilaver sagt:
@Mareike Sie verkennen nicht nur die Lebenswirklichkeit von lokalen DITIB-Moscheen. Sie dämonisieren die DITIB insgesamt, obwohl die DITIB, deren Imame und ehrenamtlich Tätige mit Politik und der aktuellen Entwicklung in der Türkei nichts zu tun haben. Die Türkei entwickelt sich zu einer Diktatur? Eher entwickelt sich Deutschland zu einem Vierten Reich! Und genau das gilt mit allen Mitteln zu verhindern. Wenn Sie allen ernstes glauben, dass Sie gegen DITIB was ausrichten können, dann haben Sie jeglichen Bezug zur Realität verloren. Leben Sie von mir aus weiter in Ihrer Welt, in der DITIB die Vertretung des Bösen ist. Das rutscht der DITIB ohnehin den Buckel runter.
10.03.17
16:26
Mareike sagt:
@Dilaver: In Deutschland kann ich keinerlei Entwicklungen in Richtung eines 4. Reiches erkennen. Zwar gibt es Rechtsextremismus, der ist aber nicht mehrheitsfähig. In der Türkei ist das ganz anders. Da werden seit geraumer Zeit Andersdenkende inhaftiert. Begründet wird das immer damit, dass es sich um Terroristen handelt. Beweise werden jedoch nicht vorgelegt. Und nun soll mit der Verfassungsänderung ein Präsidialsystem eingeführt werden, in dem es keinerlei demokratische Kontrolle mehr gibt, da der Präsident jederzeit das Parlament auflösen kann. Auch die Unabhängigkeit der Gerichte ist nicht gegeben. Unliebsame Richter werden unter dem Vorwand, Terroristen zu sein, entlassen und ihnen folgen erdogantreue Richter. Und so geht das durch alle Instanzen. Die AKP hat hierfür eigens eine Terrororganisation erfunden, FETÖ. Danke, dass Sie die DITIB als allmächtige Organisation darstellen, gegen die wir in Deutschland nichts unternehmen können. Das zeigt nämlich, wes Geistes Kind Sie und die DITIB sind. Und bestätigt so meine Behauptungen, von denen Sie behaupten, es seien Lügen und Hetze. Aber all das ändert ohnehin nichts daran, dass der Vorsitzende der DITIB von der türkischen Religionsbehörde entsandt ist und ebenso sämtliche Imame der DITIB. Wie man da behaupten kann, die DITIB sei nicht von de Türkei gelenkt, ist mir ein Rätsel. Da ich nicht glaube, dass Sie blöd sind, muss ich davon ausgehen, dass Sie bewusst lügen und täuschen. Damit stellt sich die Frage, ob die DITIB überhaupt auf dem Boden des Grundgesetzes steht oder ob sie nicht vielmehr verboten werden muss.
13.03.17
13:47
Klabautermann sagt:
Interessante Diskussion. Und Mareike trifft den Nagel auf den Kopf. Die oder der DITIB e.V. verhält sich nach außen wie ein Feudalherr mit der Arroganz der Macht, die ihm von der AKP und Erdogan verliehen wird. Wahrscheinlich ist Diskutant Dilaver nicht wirklich "blöd", aber als Muslim darf er ja "Nichtgläubige" belügen wie er will. Die einzelnen Moschee-Vereine des DITIB sind natürlich nicht unabhängig von der Zentrale in Köln, so wie diese nicht unabhängig ist von der Politik des gegenwärtigen türkischen Präsidenten, der nicht nur die Islamisierung der türkischen Gesellschaft betreibt, sondern auch von der Wiederherstellung des Osmanischen Reiches zu träumen scheint. Eigene Anschauung + Erfahrung bringt mich zu der Überzeugung, dass der einzelne kleine Moschee-Verein des DITIB nur ein Abklatsch der Organisation im Großen ist. Hat sich der Verein die Genehmigung zum Bau und Betrieb einer Moschee von realitätsfremden dt. Behörden erstmal erwirkt, kann er wirken und walten wie er will. Als Grundstücks- und Wohnungs-Miteigentümer z.B. kann er wie's ihm beliebt, Hausgelder schuldig bleiben, ohne Rechtsgrundlage Sonderrechte beanspruchen, Gemeinschaftsordnungen missachten, Urteile dt. Gerichte ignorieren, sich als Grundherr aufspielen und türkische Anwälte gegen "ungläubige" Miteigentümer auffahren, die sich diese Geomachtpolitik im Kleinen nicht gefallen lassen wollen. Soviel zur "Lebenswirklichkeit von lokalen DITIB-Moscheen".
16.07.17
17:25