Spielsucht

Raus aus dem Teufelskreis

Spielsucht betrifft Menschen aus allen sozialen Schichten. Doch gerade bei Menschen mit einem Migrationshintergrund und auch bei Muslimen ist die Gefahr in den Teufelskreis zu geraten, sehr hoch. Und der Ausstieg umso schwieriger.

05
12
2013
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Gerade junge Leute mit Migrationshintergrund geraten zu oft in einen Teufelskreis aus Spielsucht, scheiternder Integration in das Alltagsleben und sozialer Isolation. Sie brauchen Hilfe beim Ausstieg und echte Alternativen. Das sieht auch der Integrationsbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, Martin Neumeyer, so und fordert ein entschiedenes Vorgehen gegen Spielsucht.

„Spielsucht ist eine der ganz großen Geißeln des 20. Jahrhunderts. Sie zerstört Menschen“, so der Integrationsbeauftragte. Dabei sind viele Menschen aller sozialen Schichten in Deutschland, gerade aber auch junge Männer mit Migrationshintergrund häufig von dieser Sucht betroffen. „Das Schlimme an Spielsucht ist, dass sie häufig im Verborgenen bleibt, und die Grenzen zwischen Begeisterung für das Spiel und krankhafter Sucht fließend sind“, erklärt Neumeyer.

Genau wie die Flucht in Drogen oder Alkohol sei Spielsucht ein Zeichen fehlender Orientierung und innerer Leere. Besonders anfällig sind laut Neumeyer Menschen, die sich entwurzelt und fremd fühlen, und glauben, in unserer Gesellschaft nicht willkommen und anerkannt zu sein. Das treffe gerade auf junge männliche Migranten zu, die oft größere Integrationsschwierigkeiten in Schule und Beruf haben als gleichaltrige Frauen, und folglich nicht den sozialen Status erreichten, den sie gerne hätten. „Hier müssen wir unbedingt gegenhalten“, fordert der Kelheimer Landtagsabgeordnete Neumeyer weiter, „wir müssen sie rausholen aus dem Teufelskreis. Es gilt, allen Leuten mit diesem Problem zu helfen, aber in der Integrationspolitik haben wir eben eine besondere Verantwortung für Zuwanderer“.

Illegale Spiele in Kulturvereinen

Die Zahl der Betroffenen ist in der Tat groß. Einer von ihnen ist der Ehemann von Muhibe C.* Es fällt ihr nicht leicht, zu sprechen. Die Mutter von zwei Kindern schämt sich. Ihre persönliche Lage ist der Muslimin noch immer sehr peinlich und das merkt man ihr auch an. Sie möchte nicht mit ihrem echten Namen zitiert werden – auch weil sie fürchtet, der Ehemann oder Bekannte könnten es lesen. Der Ehemann, Burak C., beschäftigt bei einem Speditionsunternehmen, ist spielsüchtig – und hoch verschuldet.

„Es begann alles sehr harmlos“, sagt Muhibe C. Ihr Ehemann besucht am Anfang türkische Kulturvereine, sog. Kahves. Auf die Frage, was sie dort machen, erhält sie immer die gleiche Antwort von ihrem Ehemann: „Wir spielen Okey. Trinken Tee und plaudern.“ Wirklich stutzig wird die Frau jedoch erst, als aus den Besuchen zu dem romméähnlichen Spiel eine tägliche Geschichte wird. „Anfangs war er nur am Wochenende da, dann jedoch jeden Tag. Er wurde immer verschlossener und ich hab ihn kaum zu Gesicht bekommen.“

Was Muhibe C. zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt: Der Ehemann spielt bei illegalem Glücksspiel mit und hat sich bereits mit mehreren Tausend Euro verschuldet. Weil er die Schulden nicht zahlen kann, nehmen sie dem Mann seinen Wagen weg, und brechen ihm die Finger. Burak C. erzählt, er hätte einen selbst verschuldeten Unfall gebaut, um den Verlust des Wagens und seine eigenen Verletzungen zu erklären. Die Ehefrau glaubt ihm – zunächst.

Casinos und Glücksspielautomaten

Doch die Lügengeschichte hält nicht lange stand. Schnell macht sich die Geschichte bei den Türken im Umfeld breit. Die Menschen lästern und irgendwann kommen die Lästereien auch bei Muhibe C. an. „Ich nahm das Thema sehr ernst. Ich sprach mit meinem Mann, aber er wurde, jedes Mal, wenn ich das Thema ansprach, aggressiv. Er verlangte, ich soll mich nicht einmischen. Es sei schließlich sein Geld.“

Doch das Problem wurde größer. Zwar spielte Burak C. nicht mehr in den Kulturvereinen in der Gegend in illegalen Wetten, aber dafür war er jetzt täglich in der Spielbank. Ein Casino, mitten im Migrantenviertel. Anziehungspunkt für den Vater und Ehemann. „Die Betreiber wussten, wie sie mit der Kundschaft umgehen müssen. Essen und Trinken wurden selbst bis zum Automaten gebracht, damit er nicht von dort aufsteht. Sie halten sich weder an gesetzliche Rahmen, noch ist es für sie interessant, ob jemand spielsüchtig ist oder nicht. Hauptsache das Geld kommt rein“, sagt Muhibe C.

Am Monatsende muss die Ehefrau schneller als ihr Mann sein. Während er noch arbeitet, zieht sie vom gemeinsamen Konto das Geld ab, dass man für den Lebensunterhalt braucht. Strom, Wasser und anderes zahlt sie von ihrem eigenen Konto. Der Ehemann verspielt locker innerhalb von nur einem Abend sein gesamtes Monatseinkommen. Der Disporahmen, immerhin 5.000 €, ist seit geraumer Zeit bis zum letzten Cent ausgebucht.

Kaum Ansprechpartner

Die Frau sucht Hilfe. Sie wendet sich an die Suchtberatung, unter anderem an den örtlichen Imam. Doch alles hilft nicht. Der Ehemann will sich nicht helfen lassen. Selbst als der Imam unangekündigt im Casino erscheint und neben ihrem Ehemann noch viele weitere Muslime ermahnt und der Peinlichkeit bloßstellt, gibt es kein Einlenken. Am nächsten Tag sind alle Spieler wieder vor Ort. Erst als sie mit Scheidung droht, willigt er ein, in eine Eheberatung zu gehen. Und dort erfährt Muhibe C.: Sie ist kein Einzelfall. Immer mehr Familien, insbesondere Migrantenfamilien, sind von der Glücksspielsucht betroffen. Die Therapie ist möglich, Rückfälle jedoch nicht ausgeschlossen.

Auch Martin Neumeyer beklagt, dass es kaum Ansprechpartner gibt. „Neben einer Aufklärungskampagne in den Medien, in Schulen und Berufsschulen brauchen wir Ansprechpartner, an die sich Betroffene wenden können, und die interkulturell so gut geschult sind, dass sie sensibel mit dem Problem umgehen“, so der Integrationsbeauftragte der bayerischen Staatsregierung. Dazu bedarf es „Ausstiegsguides“, aber auch alternativer Freizeitangebote, die verhindern, dass junge Menschen sich in Süchte oder radikale Thesen flüchten. „Und wir müssen die kulturell begründeten Tabus brechen, die gerade in Migrantencommunities häufig verhindern, sich offen mit dieser gefährlichen Geißel auseinanderzusetzen“, so Neumeyer. „Wenn wir das nicht schaffen, gehen uns viele talentierte junge Leute – und damit künftige Leistungsträger – unwiederbringlich verloren“.

Jugendliche steigen über Wettbüros ein

Neumeyers Bewertung bestätigt sich, wenn man einen tieferen Blick in die Welt der Wettbüros wagt. Fast an jeder Straßenecke trifft man mittlerweile auf eines von 3.000 deutschlandweit existierenden Wettannahmestellen eines Anbieters. Hier sind es vor allem Jugendliche, die auf Fußballspiele wetten und auf das große Glück hoffen. Viele Jugendliche, die unter 18 Jahren sind, und eigentlich gar nicht wetten dürften, tun es trotzdem. Nach einem Ausweis fragt erst einmal Niemand. Und der Tipp wird an einem Automaten abgegeben. Erzielt man tatsächlich einen Gewinn, wird der Tippschein von einem Erwachsenen eingelöst.

Das Prinzip ist für die Jugendlichen sehr einfach. Sie wetten auf einen Sieg oder eine Niederlage einer Mannschaft. Sie kombinieren ihre Wetten und hoffen so auf ein vielfaches ihres Taschengelds. Auf Schulhöfen war früher das Hauptthema die Fernsehsendung von gestern Abend, heute ist es das Fußballspiel und die Wette, die man darauf platzieren kann. Gewinner geben auf dem Pausenhof mit ihrer Wette an.

Sportwetten bilden dabei gerade für Jugendliche einen Einstieg in die Welt der Spielsucht. Was harmlos beginnt und gerade in jungen Jahren eine erste Erfahrung ist, ist ein prägendes Ereignis für die Zukunft in der Spielsucht. Man wettet dann nicht mehr nur bloß auf den Sieg der Lieblingsmannschaft, sondern plötzlich in allen Ligen der Welt, auf den Sieg von chinesischen, japanischen, arabischen und afrikanischen Mannschaften. Und aus Summen wie 5, 10 oder 20 Euro werden dann später schnell 50, 100 oder 1000 Euro.

Und eine weitere Hürde entfällt. Ab 18 Jahren kann man auch mittlerweile legal im Internet wetten. Dort muss man sich noch ausweisen, in den Wettbüros fragt Niemand danach. Wie viele Jugendliche genau Spielsüchtig sind, ist nicht endgültig zu klären. Es steht aber fest, dass jeder zweite Jugendliche in Deutschland bereits einmal Kontakt mit Glücksspiel gehabt hat.

Soziale Aktivitäten als Maßnahme

Glücklicherweise ist zumindest Burak C. einen wichtigen Schritt weiter gekommen und kann zumindest seine Kinder vom „Spielen“ abhalten. Denn er hat sein Problem akzeptiert. Um sich von der Sucht zu befreien, geht er ganz langsame Schritte. Die Verwaltung der Finanzen liegt nicht mehr bei ihm, ein Plan, um alle Schulden zu begleichen läuft und seine Ehefrau schaut jetzt genauer hin. In seiner Freizeit ist Burak C. zudem entweder im Strebergarten oder im Nachbarschaftsverein. Die Angebote lenken ihn davor ab, wieder zurück zu den Automaten zu laufen. Auch über einen Umzug in ein anderes Viertel ohne Casino ist im Gespräch.

*Namen geändert