Beim Imam-Forum standen die wachsenden Aufgaben von Imamen im Mittelpunkt. Fachleute betonten: Die religiösen, sozialen und pädagogischen Anforderungen sind vielschichtig. Ihre Bewältigung erfordert starke Strukturen.

Am 15. November 2025 versammelten sich in Köln zahlreiche Imame aus dem gesamten Bundesgebiet sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen zum Imam Forum 2025. Die Veranstaltung wurde vom Islamrat und dem Menar-Institut organisiert und setzte ein deutliches Zeichen für die kontinuierliche Professionalisierung religiöser Führungspersonen in Deutschland.
Im Zentrum standen die Fragen, wie Imame in einer pluralen Gesellschaft sprechfähig bleiben und wie Gemeinden den vielfältigen Erwartungen an religiöse Dienste gerecht werden können.
Bereits in der Eröffnungsrede machte Abdullah Ergün, Direktor des Menar-Instituts, die zunehmende Komplexität der Arbeit eines Imams deutlich. Imame agierten heute an Schnittstellen zwischen religiösen, sozialen und kommunalen Aufgaben – und trügen dabei Verantwortung weit über traditionelle Rollenbilder hinaus. Für diese wachsenden Anforderungen brauche es strukturelle Stärkung und systematische Professionalisierung.
Bilal Erden, Imam der IGMG-Moschee in Laatzen, zeigte in seinem Vortrag „Die Rolle des Imams in der modernen Gesellschaft“, dass das Aufgabenfeld von Imamen heute weit über das Vorbeten hinausreicht und religiöse, soziale sowie pädagogische Rollen umfasse. Er betonte, dass das Amt nicht einfach ein Beruf sei, sondern, wie er formulierte: „Meine Antwort ist eindeutig: Berufung.“ Der Wandel der Erwartungen an Imame spiegle sowohl gesellschaftliche Veränderungen als auch das anhaltende Bedürfnis nach ganzheitlichen religiösen Ansprechpartnern wider. Zugleich unterstrich Erdem, dass ein einzelner Imam nicht alles leisten könne – ein starkes Netzwerk unter Imamen sei daher unerlässlich, um Menschen qualifiziert und verantwortungsvoll zu begleiten.
Einen Schwerpunkt des Forums bildete der Beitrag von Dr. Jörn Thielmann (Universität Erlangen-Nürnberg). Er rückte die besondere Rolle der Imame als zentrale Ansprechpartner in den Fokus. Imame seien nicht nur innerhalb ihrer Gemeinden gefragt, sondern zunehmend auch für die gesamte Stadtgesellschaft: für politische Akteure, Verwaltungen, Schulen und Medien.
Thielmann betonte, dass diese Ansprechpartner-Funktion zu hohen Belastungen führen könne, weil im unmittelbaren Umfeld oft unrealistische Erwartungen an Imame gestellt würden. In Gemeinden träfen sie zudem auf sehr unterschiedliche Generationen und Lebensrealitäten, die jeweils eigene Bedürfnisse und Vorstellungen hätten. Diese Kombination aus inneren und äußeren Anforderungen erhöhe das Risiko der Überlastung erheblich.
Im Anschluss widmete sich Prof. Dr. Vedad Smailagic (Universität Sarajevo) in seinem Vortrag den kommunikativen Strukturen islamischer Predigten im deutschsprachigen Kontext.
Weiter ging es mit Dr. Betül Karakoc Kafkas (Universität Frankfurt a.M.). Sie stellte in ihrem Beitrag heraus, dass Moscheen sich in dynamischen Transformationsprozessen befinden. Sie betonte, dass es „den Imam“ nicht gebe: Imame seien keine homogene Gruppe, sondern unterschieden sich stark hinsichtlich ihrer Ausbildung, ihres Alters, ihrer Zugänge und Rollenbilder. In der wissenschaftlichen Literatur würden diese Differenzierungen jedoch bislang zu wenig berücksichtigt.
Karakoc Kafkas führte diesen Gedanken in Richtung Professionalisierung weiter. Eine ernsthafte Diskussion darüber, was „Professionalisierung“ im Kontext des Imam-Berufs bedeutet – und wer diesen Begriff definiert –, sei notwendig, damit die wachsenden Erwartungen nicht an den Realitäten vorbei formuliert werden. Muslime sollten hierbei die Definitionshoheit nehmen und selber bestimmen, was sie darunter verstehen.
Im anschließenden Podium diskutierten Dr. Jörn Thielmann, Prof. Dr. Vedad Smailagic, Dr. Betül Karakoc Kafkas, Murat Karacan und Rıdvan Sarıkaya über die Zukunft pädagogischer Kommunikation und gesellschaftlicher Verantwortung von Imamen. Dabei wurde deutlich, dass die Verbindung zwischen theologischer Kompetenz, kommunikativer Stärke und sozialpädagogischem Verständnis immer mehr zum Kernprofil moderner Imame gehört.
Nach einer kurzen Pause ging es weiter mit zwei Vorträgen. Prof. Dr. Thomas Lemmen (Katholische Hochschule Köln) hob die Bedeutung des interreligiösen Dialogs hervor, der mit einer inneren Haltung beginne, durch Wissen vertieft werde und schließlich verantwortungsvolles Handeln ermögliche. Dr. Ertuğrul Şahin (Pädagogische Hochchule Ludwigsburg) hingegen sprach über den Imam als Profession und betonte, wie wichtig klare Kompetenzprofile und tragfähige institutionelle Strukturen für die Zukunft der Imame seien.
Im zweiten Podium diskutierten unter anderem Ali Mete, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), Dr. Şahinund Imam Bilal Erden über die Rolle der Imame in der Stadtgesellschaft. Mete unterstrich dabei, dass sichtbare und belastbare Kooperationen zwischen Moscheen und städtischen Stellen unerlässlich seien. Doch diese Kooperationen seien „ein Marathon, kein Kurzstreckenlauf“. Er warb dafür, Imame nicht nur als geistliche, sondern auch als gesellschaftliche Akteure zu verstehen: „Wir brauchen einen ‚Imam der Stadt‘.“
In der Abschlussrede betonte der Vorsitzende des Islamrats, Burhan Kesici, wie breit das Tätigkeitsspektrum der Imame mittlerweile geworden ist. Sie übersetzten nicht nur religiös, sondern auch kulturell und gesellschaftlich – und seien längst zu zentralen Brückenbauern für die gesamte Stadtgesellschaft geworden. Zudem hob Kesici die wichtige, aber oft unsichtbare Arbeit weiblicher Religionsbeauftragter hervor, deren Rolle künftig stärker berücksichtigt werden müsse.
Das Imam Forum 2025 zeigte insgesamt, wie sehr sich die Arbeit des Imams gewandelt hat: Sie ist vielfältiger, komplexer und gesellschaftsrelevanter denn je – und erfordert daher sowohl Anerkennung als auch solide Rahmenbedingungen.