PFLEGEKINDERHILFE

„Eltern dürfen die Pflegefamilie für ihr Kind mitaussuchen“

Die Migration stellt in der Pflegekinderhilfe eine große Herausforderung dar. Im IslamiQ-Interview sprechen wir mit dem Bildungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus Wolf über die Rahmenbedingungen einer migrationssensible Pflegekinderhilfe.

19
03
2022
Pflegekinderhilfe
Symbolbild: Pflegekinderhilfe © shutterstock, bearbeitet by iQ.

IslamiQ: In einem Einwanderungsland wie Deutschland sollte man eine interkulturelle, migrationssensible Pflegekinderhilfe erwarten. Wo ist Migrationssensibilität im Kinderschutz verortet?

Prof. Dr. Klaus Wolf: Es gab lange wenig Diskussionen in der Pflegekinderhilfe über Migrationssensibilität. Wenn man sich ansieht, wie lange wir schon eine Einwanderungsgesellschaft sind, dann ist dieses Thema erst ziemlich spät aufgetaucht. Eine wünschenswerte Grundhaltung ist nach meinem Verständnis, dass es ein wohlwollendes Interesse, eine Aufmerksamkeit, für Menschen geben soll, die Migrationserfahrungen gemacht haben. Das ist eine fruchtbare Haltung, die auf beiden Seiten wichtig ist, damit man in gute Kommunikation kommen kann.

Im Ruhrgebiet wurde Migrationssensibilität in der Pflegekinderhilfe schon vor 15 Jahren thematisiert. Mit der zunehmenden Einwanderung von Flüchtlingen im Jahre 2015 hat sich die Situation erneut deutlich verändert. Migrantenselbstorganisationen haben mir häufig beschrieben, dass mit der Flüchtlingssituation 2015 vonseiten der Behörden Türen geöffnet wurden, die ihnen bis dahin verschlossen blieben. Einige sehen diese Entwicklung positiv, andere sind skeptisch. Aber seit 2015 hat die Diskussion Fahrt aufgenommen.

IslamiQ: Worin zeigt sich die Veränderung? 

Wolf: Sie zeigt sich zum Beispiel in der Einbindung von kompetenten Menschen mit Migrationsgeschichte. Oft haben die Fachkräfte in ihrem privaten Lebensumfeld Kontakt zu oder Erfahrungen mit Menschen mit Migrationserfahrungen. Das erleichtert vieles. Wichtiger ist, dass es mehr und mehr Fachkräfte gibt, insbesondere muslimische Frauen, die Soziale Arbeit studiert haben und jetzt in die Praxis gehen, unter anderem beim Jugendamt. Damit steht eine muslimische Kollegin zur Verfügung, bei der man um Rat fragen kann und gemeinsam Lösung finden kann, wenn man nicht mehr weiterweiß. Sie sind Fachkräfte, die als Brücken dienen.

IslamiQ: Wieso sind solche Brücken erforderlich?

Wolf:  Man kann dies anhand des Matchings verständlich erklären, bei der diese Personen vermitteln können. Für die allermeisten sozialen Dienste – Jugendämter und freien Träger – muss die Pflegefamilie möglichst gut zu dem Pflegekind passen. Sie muss liebevoll mit dem Pflegekind umgehen können und die Belastungen, die in der Betreuung auftreten, gut bewältigen können und ein Interesse daran haben, ihr Leben auf das Kind einzustellen.

Kritischer wird es bei der Frage, ob die Pflegefamilie auch zu den Vorstellungen der Eltern passen muss. Da haben wir mehr Diskussionen, obwohl das rechtlich klar geregelt ist. Die Eltern haben das Wunsch- und Wahlrecht, die Pflegefamilie für ihr Kind mit auszusuchen. Das ist für die Stabilität des Pflegeverhältnisses ein notwendiger Faktor. Wenn sich da etwa muslimische Eltern eine muslimische Pflegefamilie wünschen, ist das kein Punkt am Rande, sondern ein Punkt, der ernst genommen werden muss.

IslamiQ: Die Abläufe hierbei sind aber sehr unterschiedlich. Woran liegt das?

Wolf: Das liegt daran, dass es so gut wie keine verbindlichen allgemeingültigen Standards gibt. Sie können eine Praxis finden, in der das sehr weit entwickelt ist, und auch eine Praxis, wo die Frage völlig abgeblockt wird und keine Rolle spielt. Grundsätzlich ist es so, dass das Jugendamt eine Anfrage bekommt, die sie an den Pflegekinderdienst weiterleitet. Diese prüft, ob es eine Pflegefamilie gibt, die für das Kind geeignet ist.

Im nächsten Schritt schaut man auf die Migrationserfahrung. Hier wird geprüft, ob ein Zugang zu gesellschaftlichen Gruppen und Milieus vorhanden ist, die die Erziehungsvorstellungen der Eltern aufgreifen können. Da gibt es einzelne Jugendämter, die das intensiv machen. Andere Jugendämter stehen der Frage der Passung zu den Vorstellungen der Eltern eher gleichgültig gegenüber.

In einigen Fällen wurden auch Kontakte zu muslimischen Gemeinden aufgenommen, sodass dort Info-Veranstaltungen organisiert wurden, um vorhandene rechtliche und religiöse Fragen zu beantworten und mögliche Vorurteile abzubauen. Dann gab es einige, die Interesse gezeigt haben und sich als Pflegefamilien angeboten haben. Wenn man in dieser Weise aktiv Kontakt aufgenommen hat, ist da eigentlich immer etwas entstanden und gewachsen.

IslamiQ: Soweit die Praxis. Wie ist der Stand der Forschung dazu?

Wolf: Im Großen und Ganzen stehen die Forschung und die Praxisentwicklung noch am Anfang. Das gilt auch für die Fachdiskussion in der Pflegekinderhilfe, die ihre Impulse aus der Praxis genommen haben. Hier hat z.B. die interkulturelle Kinder- und Jugendhilfe Plan B in Bochum ein interessantes Projekt zu diesem Thema durchgeführt. Auch die Diakonie Düsseldorf hat ein Projekt gemacht dazu. 

IslamiQ: Gibt es Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Familien, die dann dieselbe Migrationserfahrung mitbringen, auch das Kind besser fördern können? 

Wolf: Solche Untersuchungen haben wir in Deutschland nicht. In anderen Ländern, die schon länger verstanden haben, dass sie Migrations- und Einwanderungsgesellschaften geworden sind, zum Beispiel Großbritannien, ist der Stand der Forschung dazu bereits deutlich weiter. Doch diese Ergebnisse können nicht einfach so auf ein anderes Land übertragen werden.

Ich habe mit jungen Erwachsenen gesprochen, die in Pflegefamilien aufgewachsen sind, die keine Migrationsgeschichte haben und die dann im Jugendalter auf die Suche nach ihren Eltern gegangen sind, z.B. nach Verwandten in der Türkei. Das hat die Pflegeeltern manchmal sehr beunruhigt. Das waren Jugendliche, die sich oft in ihrer Pflegefamilie wohlgefühlt haben. Doch war die Pflegefamilie nicht dicht genug an den religiösen und kulturellen Vorstellungen der Herkunftsfamilie. Da haben sie sich manche gefühlt, als sitzen sie zwischen den Stühlen.

IslamiQ: Warum sind Muslime oder Menschen mit Migrationsgeschichte als Pflegefamilien so unterrepräsentiert?

Wolf: Unsere Analysen zeigen, dass auf beiden Seiten unterschiedliche Barrieren vorhanden sind. Zum einen haben einige sozialen Dienste Vorurteile gegenüber muslimischen Familien, die bis zu rassistischen Haltungen von einzelnen Sachbearbeitern reichen können. So werden Menschen mit klaren religiösen Beheimatungen und Verortungen manchmal kritischer, ja feindselig  angesehen.

Zudem werden innerhalb der muslimischen Gemeinden manchmal nur Geschichten über das Jugendamt erzählt, die die Institution als feindliche Organisation darstellen. Doch sollten auch positive Erfahrungen geteilt werden. Ich habe den Eindruck, dass sobald die Kommunikation intensiviert wird, die Vorurteile auch abnehmen. In Siegen wurde ich mehrmals von muslimischen Gemeinden eingeladen. Das war eine sehr wohlwollende und einladende Situation, die ich dort kennenlernen durfte.

IslamiQ: Ist die Religion ein unterstützender Faktor oder eher eine Barriere?

Wolf: Aufseiten der muslimischen Familien oder auch der Russlanddeutschen Einwanderer war die Barriere nach meinem Eindruck nicht sehr hoch. Also es gab manchmal eine Diskussion darüber, ob in muslimischen Familien etwa die Betreuung eines älteren Mädchens, das in keiner verwandtschaftlichen Beziehung zur Familie steht, aus religiösen Gründen zulässig sei. Ansonsten war die grundsätzliche Barriere nicht sehr hoch.  

Es gibt Pflegefamilien, die eine andere religiöse Beheimatung als die Herkunftsfamilie haben, aber auch offen gegenüber der Herkunftsfamilie sind. Dann gibt es wiederum welche, die das Kind nach ihrer Religion erziehen. Zu der Migrationssensibilität der sozialen Dienste gehört die Vorstellung, dass ein Kind aus einer explizit muslimischen Familie, nicht in einer Familie untergebracht wird, die sie in ihre eigene Religion erziehen will und von der Religion ihrer Eltern entfremdet. Das kann nicht gut funktionieren. Es entsteht ein großes Spannungsfeld, in dem das Kind sich nicht gut entwickeln kann.

IslamiQ: Es gibt Studien, die besagen, dass junge Menschen mit Migrationsgeschichte generell öfter in Verwandtenpflege sind und weniger in Pflegefamilien unterkommen. Was sind die Gründe dafür?

Wolf: Die Statistik zeigt ganz klar, dass es diesen Zusammenhang gibt. Die Verwandtenpflegeverhältnisse werden häufig nicht durch das Jugendamt organisiert, sondern durch die Eltern oder die größere Familie selbst. So werden Kinder von Eltern in desolaten Lebenssituationen bei Familienangehörigen untergebracht und die Verwandten gehen mit ihren Familienproblemen nicht zum Jugendamt. Das sind keine offiziellen Pflegeverhältnisse, der Fachbegriff dafür heißt „informelle Verwandtenpflege“.

Manchmal gehen sie dann später zum Jugendamt und wünschen sich Unterstützung. Dann müssen sie sich als Pflegefamilie anerkennen lassen und durchlaufen einen Prüfungs- und Klärungsprozess, wie andere Pflegeeltern auch.

IslamiQ: Die Statistiken sagen auch, dass Kinder mit Migrationsgeschichte häufiger in Heimerziehung untergebracht werden als in Vollzeitpflege. Wie ist die Situation dort?

Wolf: Viele ältere Kinder, viele Jugendliche kommen in guter Heimerziehung relativ gut zurecht, entwickeln sich dort positiv und erhalten Ausbildungsmöglichkeiten. Heimerziehung heißt nicht, „die armen Kinder, denen geht es ja furchtbar.“ Aber für jüngere Kinder mit langer Betreuungsperspektive wird häufig eine Pflegefamilie gesucht. Wenn keine gefunden wird, ist die Heimerziehung eine ungünstigere Alternative.

Wenn es uns gelingt, die vorhandenen Vorurteile gegenüber Jugendämtern und Pflegefamilien mit Migrationserfahrungen abzubauen und vorhandene Barrieren zu reduzieren, dann werden auch mehr Möglichkeiten entstehen für die Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien.

IslamiQ: Gibt es Unterschiede in der Entwicklung von Kindern, die in Pflegefamilien bzw. Heimen aufwachsen? 

Wolf: Es gibt einige Untersuchungen, die behaupten, gezeigt zu haben, dass die Entwicklung in Pflegefamilien für die Pflegekinder sehr viel günstiger ist als in der Heimerziehung. Aber hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Die Kinder in der Heimerziehung waren im Durchschnitt deutlich älter, es gab deutlich gravierendere Benachteiligungen und Belastungen in der Herkunftsfamilie, und zwar über einen längeren Zeitraum, sodass man kein Vergleich ziehen konnte. Deswegen halte ich mehr von dem Anspruch, für jedes Kind das optimale Betreuungssetting zu finden.  Dazu gehört auch die Möglichkeit, in einer guten Pflegefamilie zu leben.

Das Interview führten Feyza Akdemir und Enise Yılmaz. 

Leserkommentare

ABM sagt:
Ein extrem spannender Artikel. Es ist wirklich ein Armutszeugnis, vorallem der Politik, dass es keine! gesetzliche Verankerung zur interkulturellen Jugendhilfe gibt und auch keine spezialisierten Träger. Kultursensible Arbeit steckt in den Kinderschuhen und ist daher häufig sehr unprofessionell. Gerade muslimische Frauen, auch deutsche, welche in der Jugendhilfe tätig sind, werden stigmatisiert und belächelt. Eltern, sofern noch Sorgerechtsbefugnisse, haben ein Anrecht auf Pflegeeltern, welche die Kinder in der Erziehung auch ihres Glaubens unterrichten. Zudem möchte ich auch Menschen mit Migrationsgeschichte dazu auffordern, Pflegeeltern zu sein. Es ist das großartigste, was man im Namen vom Islam tuen kann und das Stigma Jugendamt ist nur ein Stigma. Der Artikel gehört in die Massenmedien!
19.03.22
19:50