#MuslimehelfenFluechtlingen

„Menschlichkeit verbreitet sich in Wien“

Muslime helfen Flüchtlingen. Zum einen aus religiöser Überzeugung und zum anderen aus menschlicher Selbstverständlichkeit. Wir berichten über die vielen hoffnungsvollen Geschichten. Asma Aiad erzählt von ihren Begegnungen mit Flüchtlingen am Wiener Hauptbahnhof und fragt sich: Wer hilft hier wem?

16
09
2015
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Emotionale Momente stehen auf der Tagesordnung. © MJÖ

In den Nachrichten hören wir bereits seit Tagen vom Fußmarsch der Flüchtlinge aus Ungarn: Kinder, Verletzte, Schwangere, alte und junge Menschen, die zuerst Wochen am Bahnhof verbrachten und dann in ihrer Verzweiflung zu Fuß auf den Weg machten.

Als ich in der Nacht eine SMS erhalte „Tausende Flüchtlinge kommen erschöpft und völlig ausgezehrt in Wien an! Jede Hilfe wird gebraucht!“ war die Stunde der Wahrheit gekommen. Sich über Ungarn oder die Politiker aufzuregen, ist einfach. Jetzt wurde es aber ernst. Das Leid der Menschen, das wir seit Monaten aus dem Fernsehen kennen, war nun in meiner Stadt angekommen. Ich wusste nicht, wie ich helfen kann, was ich genau tun sollte oder wie ich auf die Menschen zugehen sollte, aber ich wusste: Ich kann nicht zuhause bleiben, ich muss zum Bahnhof!

All meine Unsicherheit vergeht als ich am Bahnhof ankomme. Es ist viel los, so voll hab ich den Hauptbahnhof noch nie gesehen. Es sind sehr viele Menschen hier. Flüchtlinge und Helfende überall. Wienerinnen und Wiener stehen Schlange um Spenden abzugeben, ihre Wohnungen zum Ausruhen anzubieten oder um mitzuarbeiten . Die Menschen sind glücklich, dass sie helfen. Seit Wochen dominieren rassistische Diskurse und Hetze viele politische Diskussionen, immer wieder hört man von rassistischen Übergriffen. Ich hab das Gefühl, dass die sogenannte „schweigende Mehrheit“ nun erwacht ist und sich gegen den rassistischen Diskurs wehrt. Die Menschen sind glücklich, dass sie die Chance haben, menschlich zu handeln. Eine ganze Stadt ist durch die Flüchtlinge zusammengerückt! Es ist Aufbruchsstimmung!

Kinder leiden am stärksten unter der Flucht. © MJÖ

Kinder leiden am stärksten unter der Flucht. © MJÖ

Ich ziehe mir mein „Fasten-Teilen-Helfen“-T-shirt an. Das Merkmal der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ). Ein junger Mann, der ebenfalls MJÖ-Mitglied ist ruft alle freiwilligen Helfernnen und Helfer der Muslimischen Jugend Österreich beisammen und bedankt sich bei uns allen für unser Kommen – dabei sollte es eine Selbstverständlichkeit sein. Yasin erinnert uns daran, wofür wir hier sind: „Wir sind für die Menschen da. Diese Menschen sind gerade von einer langen Flucht  in unserem Land angekommen. Sie sind unsere Gäste. Behandelt sie daher auf beste Art und Weise. Bleibt ruhig und seid nicht hektisch, beruhigt die Menschen. Hört ihnen zu, verbringt Zeit mit ihnen. Schaut, was sie brauchen und macht es für sie. Alle, die arabisch, kurdisch, Urdu oder Farsi sprechen, zu den Gleisen! Alle anderen helfen beim Essen oder im Lager!“

„Ganz Wien ist im humanitären Absatz.“

Viel Zeit für Worte bleibt nicht, wir gehen gleich hinauf zu den Gleisen. Immer wieder gibt es emotionale Momente. Nicht nur ich, auch viele andere Helferinnen und Helfer sind überwältigt. Ganz Wien ist im humanitären Einsatz.

„Österreich, bist du das?“ frage ich mich fast schon ungläubig. Die Nachrichten waren doch voll mit den Bildern der menschenunwürdigen Lage in Traiskirchen, die Angst vor Islamisierung, brennenden Flüchtlingsheimen in Deutschland, sowie einer scheiternden europäischen Flüchtlingspolitik.

Aber hier stehen wir, hunderte Menschen steigen aus einem Zug, hunderte andere stehen da und klatschen. Jubelnd rufen sie ihnen „Welcome“ zu. Sie geben ihnen Essenspakete, Getränke, helfen beim Gepäck, tragen für Sie Ihre Kinder. Sie jubeln, singen, lachen und weinen gemeinsam.

„Ja!“ sage ich zu mir selber: „Das ist Österreich! Ja! Genau das ist mein Österreich und das sind meine Mitmenschen!“, während ich ebenfalls klatsche und rufe: „Ahlan wa sahlan fin nimsa!“ (Willkommen in Österreich!)

Überall sind die „Fasten-Teilen-Helfen“ T-Shirts zu sehen. Die HelferInnen der MJÖ sind besonders willkommen, weil sie mehrere Sprachen sprechen. Hier wird arabisch übersetzt, Maham beantwortet Fragen auf Urdu, Ali erklärt die Zugverbindungen auf Farsi, Ahmet gibt Infos auf Kurdisch. Die anderen unterhalten sich entweder auf Englisch oder mit Händen und Füßen miteinander.

Multilinguale Hilfe. © MJÖ

Multilinguale Hilfe. © MJÖ

Eine persönliche Begegnung

Ich gehe bei einer Familie vorbei. Ihre Tochter lächelt mich an. „Ahlan bikum fil Nimsa“, lächle ich sie an. „Bist du aus Österreich“ fragt mich die Mutter auf Arabisch. „Ja, bin ich“ antworte ich und freue mich, dass wir endlich wieder stolz auf unser Land sein können. „Ich danke euch“, sagt sie mit zittriger Stimme und hält meine Hand: „Ich danke euch so sehr. Wir sind schon seit 25 Tagen unterwegs. Das ist das erste Land, das mir das Gefühl gibt, wieder Mensch zu sein. Wir fühlen uns wirklich willkommen, danke!“. Tränen kullern über ihre Wangen, die sie sich mit ihren Ärmeln aus dem Gesicht wischt. Auch ich kann mich meine Tränen nicht zurückhalten. Ich schäme mich, dass sie das alles erleben musste. Sie nimmt mich in ihre Arme und will mich trösten. Ich frage mich, wer in diesem Augenblick wen trösten sollte. Ich klopfe und streichle ihre Schulter und sage: „Du hast es geschafft. Du bist in Sicherheit. Du bist hier willkommen.“ Erst jetzt merke ich, dass ihre Kleidung völlig durchnässt ist und auch die ihrer Tochter.

„Wir sind gestern durch den Regen gewandert. Wir konnten nicht mehr am Bahnhof warten. Es gibt nichts Schlimmeres als dieses Warten, ohne zu wissen, was auf dich zukommt. Wir konnten nicht mehr, wir sind einfach gegangen.“ Ich nehme sie an der Hand und führe sie zur Kleidung im Spendenlager. „Brauchst du vielleicht mehr Socken? Oder dieses T-Shirt? Nimm ruhig mehr mit, du wirst es bestimmt noch brauchen.“ Sie antwortet: „Nur das Nötigste, nur das Nötigste. Es gibt noch viele andere, die kommen. Auf der Flucht hab ich gelernt, dass man nur das Nötigste wirklich braucht.“ Sie nimmt eine Jacke für ihre Tochter und einen Mantel für sich. Wir gehen weiter. „Komm lass uns doch was essen gehen“.

„Gibt es etwas Warmes? Wir haben seit Tagen nichts Warmes mehr gegessen.“ Ich nehme sie mit zum Chinesen. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich mal eines Samstags mit einer Flüchtlingsfamilie am Westbhanhof beim Chinesen zu Mittag essen würde.

Die Autorin Asma Aiad schreibt über ihre Begegnungen am Wiener Hauptbahnhof. © MJÖ

Die Autorin Asma Aiad schreibt über ihre Begegnungen am Wiener Hauptbahnhof. © MJÖ

Wir holen uns etwas zu Essen. Sie möchte zahlen und mich einladen! Typisch arabische Mentalität und der Streit darum, wer zahlen darf! Sogar in dieser Situation! „Nein, nein! Auf keinen Fall! Du bist eingeladen“, sag ich ihr, ich flehe sie regelrecht an. Auch wenn sie Geld hat, sie wird das Geld auf der Reise noch brauchen. Dann sagt sie wieder etwas, das mich zu Tränen rührt: „Danke Schwester, aber ich habe das Geld. Ich bin nicht vor Armut geflohen, uns ging es gut in unserem Land. Ich musste mit meiner Familie vor dem Krieg und dem Tod fliehen.“

„Stimmt“, sage ich: „Aber du bist hier mein Gast in Österreich. Du lädst mich inschaAllah ein, wenn alles vorbei ist und ich dich in Syrien besuche“. Wieder Tränen.

Wir nehmen unser Essen und setzten uns. Die Familie erzählt mir von ihrem Leben in Syrien. Sie haben sehr gut gelebt und verdient. Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihrer Heimat erzählt, von der Schule ihrer Kinder, von ihrem Haus und den Bäumen im Garten.

„Weißt du Schwester,“ sagt ihr Ehemann, „In Deutschland sollen unsere Kinder wieder in die Schule gehen. Seit drei Jahren besuchen sie keine Schule mehr. Das ist die einzige Motivation für meine Mädchen auf unserer Flucht nicht so viel zu jammern. Sie freuen sich auf die Schule – das ist der einzige Grund, warum sie das mitmachen. Wir wollen wieder in Sicherheit leben, arbeiten und an die Zukunft denken können.“

Wer hilft hier wem?

Sicherheit. Ein Gut, das für uns eine Selbstverständlichkeit ist in Österreich und das wir so wenig schätzen. Diese Menschen fliehen, weil sie Sicherheit suchen. Und die Flucht geht für sie weiter. Sie sind noch nicht angekommen. Die Lage in Österreich ist unklar und nicht sicher. Sie haben Angst nach Ungarn abgeschoben zu werden. Wir hören eine Durchsage, dass ein Sonderzug nach München  fahren wird. Ich drehe mich um und sehe zwei weitere MJÖ-Helfer und bitte sie, die Rucksäcke der Familie zum Gleis zu tragen. Wir begleiten die Familie zum Zug und begleiten sie auf Plätze, wo sie gemeinsam sitzen können.

„Passt auf euch auf“, flüstere ich ihnen zu. „Was steht auf euren T-Shirts drauf?“, fragt sie. „Wir sind Jugendliche von der Muslimischen Jugend Österreich,“ sag ich. „Möge Allah euch beschützen!“ spricht sie ein Bittgebet. Wir sagen: „Ameen. Euch auch.“

„Alle aussteigen! Alle aussteigen. Der Zug fährt gleich ab!“ ruft ein Helfer von draußen in den Wagon. Wir verabschieden und steigen aus. Am Fenster lächeln wir uns an und winken uns das letzte Mal zu. Sie haben Tränen in den Augen und lächeln. Die Schwester im Zug hebt ihre Hände und deutet an, wir sollen für sie beten. Ich nicke und hebe meine Hände und bitte auch sie um ihre Bittgebete.

Der Wiener Hauptbahnhof ist voll mit ankommenden Flüchtlingen und helfenden Händen. © MJÖ

Der Wiener Hauptbahnhof. © MJÖ

Das war eine Stunde am Bahnhof. Eine von vielen Familien, eines von vielen Einzelschicksalen, das wir tagtäglich hören. Die Helferinnen und Helfer schließen eine jede Familie ins Herz, der Abschied fällt uns immer sehr schwer. Am Ende des Tages sind wir müde, aber glücklich. Ich weiß nicht, wer wem geholfen hat – das sagen viele Helferinnen und Helfer.

Wir sind den geflüchteten Menschen dankbar dafür, dass sie die Menschlichkeit in uns und in der ganzen Stadt geweckt haben. So viele lächeln freundlich in der U-Bahn oder im Bus, es werden wieder Smalltalks geführt, Menschlichkeit verbreitet sich in Wien. Wir haben zu danken: Die Flüchtlinge haben eine ganze Stadt von den Fängen der rassistischen Ressentiments befreit.