Interview

Neues Stipendienprogramm für muslimische Studierende

Mit den Ghazali-Stipendien wurde ein neues Stipendienprogramm zur Begabtenförderung ins Leben gerufen. Wir sprachen mit dem Leiter des Stipendienprogramms Zülkif Gencer.

15
09
2017
© Ghazali Stipendıum, bearbeitet iQ

IslamiQ: Was sind Ghazali-Stipendien?

Zülkif Gencer: Die Ghazali-Stipendien, benannt nach dem muslimischen Gelehrten Imam Ghazali, dienen der ideellen und materiellen Unterstützung von Studierenden. Wir sind ein muslimisches Begabtenförderungsnetzwerk, das europaweit Studierende fördert, die eine akademische Laufbahn anvisieren und gleichzeitig sozial engagiert sind. Wir beabsichtigen, jährlich 1000 Studierende zu fördern.

IslamiQ: Welchen gesellschaftlichen Mehrwert erhoffen Sie sich von der Förderung speziell von Muslimen?

Gencer: Die erfolgreiche Interaktion von Muslimen in der hiesigen Gesellschaft birgt ein großes Potential für das gesellschaftliche Miteinander. Der Diskurs um die Teilhabe muslimischer Jugendlicher sollte nicht Populisten überlassen werden, sondern vielmehr von gegenseitigem Respekt und Empathie geprägt werden. Die Unterstützung von muslimischen Studierenden kann dazu beitragen.

Hinzu kommt der Aspekt der Migration. Unter den Bewerbern wird es höchstwahrscheinlich viele mit Migrationshintergrund geben. Ich sehe Migration ganz klar als Chance. Muslime leben nun schon seit mehreren Generationen hier in Europa. Hier haben sie ihren Lebensmittelpunkt gefunden und dementsprechend auch eigene Strukturen geschaffen. Vor diesem Hintergrund werden wir ausgewählte Arbeiten unserer Stipendiaten veröffentlichen. Auch das hat einen Mehrwert.

IslamiQ: Wer kann sich für das Stipendium bewerben? Welche Voraussetzungen werden verlangt?

Gencer: Bewerben können sich Bachelor-, Master- und Promotions-Studierende mit einem guten Notendurchschnitt, die sich außerdem sozial engagieren. Bachelor- und Masterstudierende reichen ihren Antrag gemeinsam mit ihrer aktuellen Studienbescheinigung bei dem regionalen Kooperationspartner ein, in dessen Einzugsbereich sich die Universität des/der Studierenden befindet.

Die Bewerbungsfrist beginnt am 1. September und endet am 30. September. Das Auswahlverfahren und die Bekanntgabe der bewilligten Stipendien erfolgen im Oktober. Die finanzielle Situation und das soziale Engagement der Bewerber stehen beim Auswahlverfahren im Vordergrund. Eine Liste der Universitätsstädte und zuständigen regionalen Kooperationspartner finden die Interessenten auf unserer Homepage unter http://www.ghazali-scholarships.org.

IslamiQ: Und wie bewerben sich Promovierende?

Gencer: Promovierende können ihre Unterlagen vom 1. bis 15. April und vom 1. bis 15. Oktober per E-Mail an dissertation@ghazali-scholarships.org senden. Leider kann nur eine begrenzte Anzahl an Bewerbungen berücksichtigt werden. Nach einer Vorauswahl werden die Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Neben der finanziellen Förderung haben die Stipendiaten die Möglichkeit, in interdisziplinären Kolloquien, Seminaren und Symposien Persönlichkeiten aus der Wissenschaft kennenzulernen und sich fortzubilden. Auch wird den Stipendiaten die Möglichkeit geboten, Konferenzen, Podiumsdiskussionen oder Symposien zum dem Thema ihrer Dissertation zu organisieren.

IslamiQ: Welche Motivation steckt hinter der Auswahl des Namens Ghazali?

Gencer: Imam Ghazali gilt bis heute als einer der größten Gelehrten des Islams. Er prägte nicht nur seine Epoche, sein Einfluss reicht bis unsere Zeit. Ghazali zufolge ist Wissenschaft ohne Erkenntnis und Erkenntnis ohne Weisheit nicht möglich. Er hat sein Leben lang nach Wissen, Erkenntnis und Weisheit gestrebt und als einer der Wenigen in seiner Person vereint.

 

Leserkommentare

Kritika sagt:
L.S. Wenn eines der wichtigsten Bücher, die Imam Ghazali geschrieben hat "The Revival of Religious Sciences" gewesen sein soll, dann hat er in der heutigen Zeit nichts verloren. Heute wissen wir, dass Wissenschaft sich mit beweisbare Tatschen beschäftig, und Religion mit unbeweisbare, wiederspruchsvolle Fantasie. "Religious Sciences" ist ein Widerspruch in sich. Das weiss man heute schon lange, in der Zeit in der Imam Ghazali lebte aber noch nicht. Gruss, Kritika
16.09.17
10:12
Frederic Voss sagt:
Einer der größten Gelehrten des Islams, dessen Einfluss bis heute reicht, ist Namensgeber dieses Stipendienprogramms - so ist hier zu lesen. Er lebte ja von 1058-1111 und lehrte u.a. folgende schariatische Geschlechterverhältnis-Grundlagen in seiner Schrift "Das Buch der Ehe": "Die Frau die Sklavin des Mannes...deshalb hat sie ihm unbedingt und unter allen Umständen zu gehorchen....sie soll stets ihren Mann im Sinne haben...sie soll das Haus nicht verlassen, außer mit seiner Erlaubnis...auch soll sie bei sich auf peinliche Sauberkeit achten und in jeder Hinsicht stets so beschaffen sein, daß der Mann sie genießen kann, wenn er will.." Solches Gedankengut quasi als Schirmherrschafts-Moral im Jahr 2017 für europaweit Studierende? Soll das Leitgedanke & Vorbild sein?
16.09.17
14:23