Gebetsräume

Der Islam gehört zu Deutschland. Muslimische Studierende auch.

Viele muslimische Studierende kennen das Dilemma: Zwischen Vorlesungen, Seminaren, Übungen und Praktika möchten sie die täglichen Gebetszeiten einhalten. Leider gibt es an den Universitäten oftmals nur dürftige oder gar keine Möglichkeiten, die Gebetswaschung vorzunehmen und anschließend das Gebet zu verrichten. Was muslimische Studierende tun können, schreibt Ali Karaca.

21
03
2015

8.00-12:45 Laborpraktikum, 13.00-15.00 Uhr Vorlesung, 15.30-17.30 Uhr Seminar, Ab 12.52 Uhr Zeit für das Mittagsgebet. Raus aus der Vorlesung, schnell zu den Sanitäranlagen und waschen; dabei noch schräg angeguckt werden, weil man sich am Waschbecken die Füße wäscht. Einen freien Platz zwischen Bücherregalen, im Keller, unter der Treppe oder im obersten Stockwerk neben Elektroräumen und Heizungsschächten finden, um beten zu können. So oder so ähnlich sieht der alltägliche Wahnsinn aus, dem viele muslimische Studierende an deutschen Hochschulen ausgesetzt sind.

Regel statt Ausnahme

Das oben beschriebene Szenario ist keine Seltenheit in Deutschland. Gibt man die Schlagwörter Islam, Student und Universität bei Suchmaschinen ein, findet man eine Vielzahl von Internet- und Nachrichtenseiten sowie Blogs über das Problem des Mangels an Gebetsräumen für muslimische Studierende an deutschen Hochschulen.

Die bekanntesten Beispiele sind unter anderem Studenten und Studentinnen der TU Dortmund, die unter dem Treppenhaus beten müssen, und junge Muslime der Hochschule in Köln, die ihrer alltäglichen religiösen Pflicht im Keller der Universität nachgehen. Nach Aussagen der dort betenden Studierenden ist es „dunkel, dreckig und es gibt Insekten.“

Es gibt jedoch auch positive Ergebnisse, die man an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen sollte. So richtete die Ruhr-Universität Bochum schon vor etwa 17 Jahren einen Gebetsraum für muslimische Studierende ein. Die TU Berlin bietet sogar zwei getrennte Gebetsräume für männliche und weibliche Studierende an. An der RWTH Aachen können Betende einen Raum der Uniklinik nutzen, den die Klinikseelsorge zur Verfügung stellt. Auch die Hamburger Universität startete mit dem „Interreligiösen Raum der Stille“ eine erste Initiative für alle religiösen Studierenden zur Ausübung ihrer religiösen Pflichten.

Ein tiefgreifendes Problem

Bei Recherchen nach Statistiken über die Zahl muslimischer Studierender in Deutschland – um statistisch damit zu argumentieren, dass es tatsächlich einen Bedarf für muslimische Gebetsräume an deutschen Hochschulen gibt – stößt man auf ein ganz anderes Problem: Deutsche Hochschulen können überhaupt nicht wissen, wie viele muslimische Studierende es gibt und wie groß der Bedarf nach Gebetsräumen ist.

Was kann getan werden? Statt sich auf seinen Frust zu konzentrieren, können verschiedene Maßnahmen ergriffen werden, die einen gegenseitigen Dialog auf Augenhöhe fördern. Gibt es noch keine Hochschulgruppe oder einen eingetragenen muslimischen Studentenverein an einer Hochschule, kann man sich an eine der muslimischen Jugendorganisationen wenden. Diese haben in der Regel bereits Erfahrung in diesem Bereich und können beraten.

Gibt es bereits eine Hochschulgruppe oder einen eingetragenen Verein sollte man das Gespräch mit dem Rektorat suchen, ohne auf Konfrontationskurs zu gehen. Vielmehr sollte man das dringende Bedürfnis nach Wasch- und Gebetsräumen erläutern, um sowohl Muslimen beim Beten als auch den Kommilitonen und Mitarbeitern der Universität das Leben zu erleichtern, da somit keine Treppenhäuser oder Ähnliches blockiert wird. Es empfiehlt sich zudem, das Gespräch zu anderen Hochschulgruppen und Vereinen zu suchen und sich in Studierendenräten, -parlamenten und ähnlichem vorzustellen.

Fazit ist: Derzeit ist es nicht möglich, den Bedarf an Gebetsmöglichkeiten an unseren Hochschulen statistisch zu belegen, also liegt es in der Verantwortung muslimischer Studierender diesen Bedarf an der eigenen Hochschule festzustellen und diesen mit einem produktiven lösungsorientierten Ansatz mit allen Beteiligten und Verantwortlichen zu kommunizieren. Muslimische Studierende sind Teil der deutschen Hochschullandschaft, also liegt es an ihnen, auch so zu agieren.

Leserkommentare

Ahmed sagt:
"Gibt es noch keine Hochschulgruppe oder einen eingetragenen muslimischen Studentenverein an einer Hochschule, kann man sich an eine der muslimischen Jugendorganisationen wenden" Warum an eine muslimische Jugendorganisation wenden wenn es den Rat Muslimischer Studierender & Akademiker gibt :)?
21.03.15
15:44
salah sagt:
Sicher gibt es einen Bedarf. Die Uni sollte auch nach Möglichkeit darauf eingehen. Die Muslime können bzw. sollten sich den Alltag aber nicht schwerer machen als er schon ist. D.h. das die Gebete zusammen gelegt werden können und z.b. die Waschung auf die Pflichtteile reduziert werden kann...
21.03.15
19:58
Alex sagt:
Wieso sollen die Unis denn nun auch nich Waschmöglichkeiten für Muslime bereitstellen? Können Muslime nicht in die Moschee gehen, wenn sie unbedingt beten müssen. Oder nach Hause? Die Uni ist ein Ort der Forschung und der Lehre und nicht für die persönlichen Bedürfnisse ihrer Studenten zuständig. Hier soll wieder ein Thema eskaliert werden, obwohl das von der Religion her gar nicht nötig wäre. Wenn, wie manche Muslime es behaupten, die Religion den Menschen das Leben erleichtern soll, wäre es doch sinnvoll, wenn Muslime die Erleichterungen, die ihnen die Religion anbietet, auch annehmen, anstatt einen Konfrontationskurs mit Nichtmuslimen zu suchen.
23.03.15
15:01
MKaraoğlu sagt:
"Die Uni ist kein Ort für persönliche Bedürfnisse der Studierenden" - das ist mir neu. Was ist mit den Kaffeeautomaten, KiTas, Kickertischen, usw.? Gebet in der Moschee! Ja! Das ist es. Warum konnten Muslimische Studierende nicht selber darauf kommen!
26.03.15
1:39
Raimund sagt:
Immer gleich beleidigt auf jede Kritik zu reagieren wird die Mauern nicht abreissen, sondern erhöhen. Ist es das, was Muslime am Ende wollen? Gibt es nicht für Muslime die Möglichkeit, Gebete zusammenzulegen, wenn es nicht anders geht? Warum muß also auf Konfrontationskurs gegangen werden?
26.03.15
17:10
alikaracaeu sagt:
Lieber Raimund, das Zusammenlegen der Gebet ist nur unter strengen Bedingungen möglich. Nach manchen Rechtsschulen beispielsweise nur wenn man auf Reisen ist. Es gibt Kinoräume, Gesprächs- und Konferenzräume, Kreativstudios, Büroräume für Start ups und und und, also warum nicht auch Gebetsräume für Muslime?
02.04.15
19:13
Anna sagt:
Warum soll eine Universität für Gebetsräume aufkommen? Die Studiengebühren und die Steuern sind nicht zur Finanzierung der Gebetsräume da. Religion ist eine private Sache, sollen wir nun anfangen kleine Kapellen, Synagogen etc. auf dem Gelände jeder Universität zu errichten? Wenn Sie für sich entschieden haben fünf Mal am Tag betten zu wollen, dann mieten Sie sich doch in der Nähe der Universität einen Raum an und tragen die Kosten mit allen Gläubig, die eben den gleichen Wunsch teilen. Oder ist der persönnliche finanziellen Aufwand ist es doch nicht wert? Vergessen Sie nicht, Sie leben in einem Land in dem Religion und Staat getrennt werden und das aus guten Gründen, ansonsten würden weder Sie noch ich den Lebensstandard leben können. Ich kenne kein anderes Land, welches einem so viele Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten bietet und dabei keine Trennung zwischen Religion und Staat hat. MfG
18.11.15
9:55
Grübler sagt:
Religion ist Privatsache. Religionsfreiheit bedeutet, dass jeder seine Religion ausüben darf, aber nicht, dass der Staat diese Religionsausübung zB durch Gebetsräume an Universitäten finanzieren muss. Sollte der Leidensdruck aufgrund fehlender Gebetsräume für muslimische Studenten zu hoch werden, empfehle ich diesen Studenten sich zusammen zu tun und einen geeigneten Raum nahe der Universität anzumieten. Die paar Euro sollte einem der Glaube schon Wert sein.
20.11.15
11:59
Flo sagt:
Man kann nicht immer fordern und nichts geben. Die anderen Glaubensrichtungen haben auch externe Gebetsräume. Artikel 3 des Grundgesetzes: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden." Da die meisten Unis staatliche Universitäten sind, gilt dort auch das Deutsche Grundgesetz.
08.02.16
14:02
Kritika sagt:
L.S. Akademiker sind vielfach auch Forscher, Menschen, die Ursache und Wirkung bewusst erleben. Daher könnten Mohammeddanische Studenten (Studentinnen einbegriffen) in der Zeit, in der sie in der Uni sind, die Gebete einfach mal ein Semester lang weglassen. Sollte Allah kein Verständnis dafür haben, würde er den Studenten sicher bestrafen; Uni-typisch zB mit schlechten Beurteilungen für gute Arbeiten. Ist der Student sicher, dass dies nicht auf triviale weltliche Ursachen zurückzuführen ist, zB Krankheit, Liebes-verdruss, Faulheit, hat er ein Indiz, dass Allah mehr Gebete von ihm hören will. Um Zufälle auszuschliessen, sollten das möglichst viele Studenten tun, die dann die Ergebnisse statistisch mit einander auswerten. Sollte kein signifikantes Missfallen Allahs zu erkennen sein, wäre das Problem der Gebetsräume an Uni's damit bundesweit gelöst, und könnte viel Zeit an Stelle von Beten für's Studieren oder die Erholung gewonnen werden. Gruss, Kritika
20.11.16
1:06