i,Slam

„Was Dich nicht juckt, musst Du nicht kratzen“

i,Slam – der muslimische Poetry-Slam – findet vor allem bei Jugendlichen immer mehr an Gefallen. Bewegende Texte, aufrührende Reime und vor allem starke Persönlichkeiten und Emotionen sind die Markenzeichen. In einer kleinen Reihe präsentiert IslamiQ Poetry-Slam-Texte von jungen i,Slammern. Heute von Farah Bouamar.

02
06
2014
0

Farah Bouamar, gebürtige Bielefelderin, studiert Germanistik mit dem Schwerpunkt auf Literaturwissenschaft und Philosophie im Zwei-Fach-Bachelor an der Universität Paderborn. Sie ist Vorstandsmitglied beim i,Slam e.V. und Leiterin des Ressorts ‚Mitgliederbetreuung & Sekretariat‘. Die koranische Sprache, ihre faszinierende Rhetorik und ausdrucksstarke Sinnkraft sind für sie Impulsgeber beim Schreiben ihrer Gedichte und motivieren sie die deutsche Sprache in all ihrer Ästhetik gekonnt zu nutzen, um ihre Message, meist von einem leicht ironischen Tenor geprägt, zu übermitteln.

بِسْمِ اللّهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ

Mein Gedicht heißt ‚Was Dich nicht juckt, musst Du nicht kratzen‘

Kurze Info zum Text

Das Gedicht ist als eine Art Antwort auf eine Aussage eines Kommilitonen zu verstehen.

Obwohl sich in einem Seminar der letzte freie Platz zu meiner linken befand, wollte der Typ sich nicht neben mich setzen und quetschte sich lieber mit anderen an einen voll besetzen Tisch.

Erst Aber als er sah, wie eloquent ich auf eine Frage eines anderen Kommilitonen antwortete, nahm er seine Sachen und wechselte den Platz und saß neben mir, als ob nix wäre.

Als ich ihn etwas fordernd anschaute, sagte er:

‚Oh, Du bist ja gar nicht dumm; Du bist ja richtig schlau -.-‚

FarahDamals ließ ich jene Aussage unkommentiert, denn ich hatte zwei Möglichkeiten zu antworten. Die eine war; ich schweige und schreibe, was eher dem Bild einer verkopftuchten Gebärmaschine (so wie Thilo Sarrazin es gerne nennt) gebührt – und die andere Möglichkeit war, dass ich meiner Faust bzw. wir Araber haben eher die Tendenz die flache Hand zu benutzen, freien Lauf lasse, da wir Muslime bekanntlich von Geburt an auf Gewalt konditioniert sind. Ich entschied mich ausnahmsweise für die erste Variante und unterdrückte meine vererbte Gewaltbereitschaft und schwieg und schrieb.

Wie gesagt ‚Was Dich nicht juckt – musst Du nicht kratzen‘

In deinem Kopf schwirrt: les musulmans – les terroriste – l’islamiste – les arabes – les arabes – les arabe – les turcs – les kurdes – les musulmans – It’s a game and you are the victim

Wie oft habe ich das Gefühl zu ertrinken – ja wie oft habe ich das Gefühl mich in meinen eigenen Gedanken zu verlieren – während mir der Boden unter den Füßen entgleitet, während ich daran denke, dass ich nicht zu Hause bin und mich der Gedanke zur Flucht verleitet. Geh – lauf – renn – marschier – spazier oder flieg – doch das Entkommen kommt Dir entgegen und Du bewegst Dich im Kreis, während der Schweiß rollt und Du irrst und irrst – Dich auf Glatteis verlierst.

Wie oft muss ich mir das Geschwätz antun – und mir anhören, was nichts hat mit mir zu tun. Worte wandern unaufhaltsam – Du rennst mühsam hinterher und versuchst sie langsam einzuholen, doch bleibt ihre Wirkung grausam und ist n-i-c-h-t aufzuholen.

Ich will kein Lächeln sehen, wenn Dein Lächeln mit blindem Belächeln versehn – ich will keine Toleranz, wenn ich weiß, dass die Stufe der Anerkennung nie erreicht und es reicht die Ignoranz.

Es tut mir leid, dass ich dein Klischee nicht bestätige
Es tut mir leid, dass ich deinen Vorstellungen widerspreche
Es tut mir leid, dass ich einfach nicht dumm bin.

Ich sitz im Seminar und mach mir Gedanken zur gestellten Frage – überlege – notiere – reflektiere und zeige auf – zeige auf und lasse meinen Redefluss für sich sprechen.

Was ich ernte sind Blicke – intensive Blicke die mir verraten, dass ich ein Kopftuch trag und anders bin – und deswegen anders bin – ich höre nicht auf zu reden und führe meine Gedanken zu Ende; doch die Blicke weichen nicht von mir – und ich weiß was Du denkst.

Und ich weiß worauf Du wartest.

Dein Blick heftet sich an meinen Lippen und Du bist aufmerksamer denn je – Du sprichst jedes Wort in deinem Gedächtnis nach und was DU suchst findest Du nicht. Zumindest heute nicht!

Es tut mir leid, dass ich Deine Sensationsgeilheit nicht befriedigen kann
Es tut mir leid, dass ich der verbalen Verstopfung nicht zum Opfer gefallen bin
Es tut mir auch leid, dass mich die orthographische und grammatikale Verarmung nicht soweit eingenommen hat, dass ich dir den erwarteten Fehler geben kann!
Es tut mir leid, dass ich einfach nicht dumm bin.

Ich bin es leid, Deinen verwirrten Blick zu ertragen, der es nicht wahr haben will, dass meine Aussage Konsistenz hat; während Dein Gedanke substanzlos ist.

Ich bin es leid beäugt zu werden und mir anhören zu müssen, dass mein Beitrag gut war – meine Präsentation überzeugt hat und meine Mitarbeit zu schätzen ist – und ich weiß was DU! wirklich denkst.

Habe ich Dein Bild erschüttert?

كَذَلِكَ يُبَيِّنُ اللّهُ لَكُمْ آيَاتِهِ لَعَلَّكُمْ تَعْقِلُونَ

Oder ist es die geistige Umnachtung, die deinen Verstand maskiert?
[2:242]

Schweig wenn es sein muss, Doch sprich wenns Zeit ist
Jedes Wort ist gut überlegt – jedes Fremdwort gut gewählt

Du weißt Dich zu benehmen, Du weißt Dich zu artikulieren – zu gestikulieren – zu kalkulieren, ob Dein Wort Deine Gedanken fassen kann oder ob es sich soweit verselbstständigt hat dass es Dich in den Ruin treibt und alle Muselmannen und Muselfrauen mit kompromittiert.

– doch spar Dir die Mühe, es juckt keinen!

Wen interessierts, dass Du Dich fürs Ballett interessiert, Pferde liebst, Hugo liest, Goethe sprichst
Wen interessierts, dass Du Philosophie isst und Politik trinkst
Wen interessierts, ob die Literatur Dein Freund ist oder ob ‚Haute Couture‘ Deine Gefährte ist.

Was Dich juckt ist das verzerrte Bild des Islams – Doch freu Dich drauf – lass uns reden und ich erzähl Dir was vom Islam und nebenbei was über Coco Chanel.