Ehrenamt

“Jeder Einzelne trägt Verantwortung für die Schöpfung”

Gerade zu diesen Zeiten werden sie geschätzt: Warum sind Menschen ehrenamtlich aktiv und mit welcher Motivation? Wir haben fünf muslimische Ehrenamtler gefragt.

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03
2020
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Verantwortung

Motivationsquelle für die Menschen

Meral Boztepe ist dreifache Mutter, lebt in Duisburg und ist ehrenamtlich in der Moschee tätig. Die 40-Jährige ist die Verantwortliche für Soziale Dienste und den Kinderclub der Frauenorganisation der IGMG. Sie berichtet, dass sie die Gesellschaft ermutigen und zu positiven Veränderungen beitragen möchte. Menschen sollen wissen, dass sie nicht allein sind: „Ich möchte zeigen, was wir gemeinsam als Gemeinschaft schaffen können, und zu was wir beitragen“, berichtet Boztepe.

Ihr Ziel sei es, den Menschen dabei zu helfen sich von ihrem Egozentrismus loszulösen und über die eigenen vier Wände hinaus zu blicken. Man würde Frauen und Kinder zu Sitzungen und Veranstaltungen einladen um dazu beizutragen, dass sie sich sozial entfalten. Meral ist der Überzeugung, dass derartige Veranstaltungen nützlich, lehrreich und eine Art Motivationsquelle für die Menschen sein können.

Mit Jugendarbeit soziale Probleme angehen

 Akın Şimşek engagiert sich in der muslimischen Jugendarbeit. Er ist stellvertretender Vorsitzender des DITIB-Bundesjugendverbands (BDMJ) und studiert Arbeitsrecht in Aachen. Wie viele andere muslimische Jugendliche lernte der 22-Jährige im Kindesalter das ehrenamtliche Arbeiten in der Moschee kennen. Die Aufmerksamkeit, die er damals von den Älteren erhielt, sowie ihr ehrenamtliches Engagement, weckten sein Interesse am Ehrenamt. Beim BDMJ setzt sich für die in Deutschland lebenden jungen Muslime ein. Rassismus, Dialogarbeit und Umwelt gehören zu einigen Themengebieten, mit denen er sich auseinandersetzt.

Şimşek verfolgt das Ziel, eine auf Frieden und Pluralismus fußende Gesellschaft zu formen, indem man sich auf Religion und Glauben konzentriert. Er trägt zur Jugendarbeit bei, um soziale Probleme anzugehen. „Das ehrenamtliche Engagement neben Studium und Beruf nimmt viel Zeit in Anspruch. Aus diesem Grund muss ich meine Zeit gut einplanen und diszipliniert arbeiten“, betont der 22-Jährige. Mit dem Ehrenamt erwerbe er Wissen erhält Einblicke in verschiedene Bereiche. Außerdem würden derartige Tätigkeiten dazu beitragen, dass man in vielen Bereichen wächst wie etwa die Fähigkeit zur Umsetzung von Projekten und Programmen, die Entwicklung der eigenen sozialen Kommunikationsfähigkeit, sowie die Fähigkeit zur Problemlösung.

Mit humanitärer Hilfe Lebensfreude schenken

Der Berliner Hasan Istanbul ist seit vielen Jahren beim Hilfs- und Sozialverein Hasene International e.V. aktiv. Dem dreifachen Vater liegt viel daran, Menschen zu helfen und ihnen nützlich sein zu können. Hasan erzählt, dass es nicht nur eine menschliche Aufgabe, sondern auch eine Aufgabe als Muslim sei, „den Bedürftigen zu helfen, sie vor Armut und Leid zu retten und humanitäre Hilfe für sie zu leisten“. Bei Hasene aktiv zu sein, die Spenden und Hilfen der wohltätigen Spender an Bedürftige weiterzugeben, wirke sich positiv auf seine Seele aus. „Derartige humanitäre Tätigkeiten beruhigen das Gewissen und schenken einem viel Lebensfreude“, so Hasan Istanbul.

„Die mögliche ‚negative‘ Seite dabei ist, dass man häufig vor den Realitäten dieser Welt steht. Es macht traurig, zu sehen, dass die Zahl der bedürftigen und notleidenden Menschen auf der Welt täglich steigt.“ Trotz der erfolgreichen humanitären Aktivitäten von Hasene sollen mehr Ehrenamtler dazu motiviert werden, so dass mehr Menschen humanitäre Hilfe erhalten können. Verschiedene Veranstaltungen, Infostände und Vorträge sollen dazu beitragen, dass die humanitären Leistungen und Aktivitäten ein größeres Publikum erreichen und mögliche Vorurteile abzubauen.

Umweltschutz erhält wenig aufmerksam

Die 35-jährige Ilhaam El-Qaseem ist Mutter und seit 2012 in der Umweltorganisation Hima e.V. aktiv. El-Qaseem ist Vorstandsvorsitzende des Vereins und in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Projektentwicklung aktiv. In der Vergangenheit arbeitete sie als Deutschlehrerin. Heute hält die 35-Jährige Vorträge und Seminare und organisiert diverse Veranstaltungen. El-Qaseem erklärt, dass sich Muslime in vielen verschiedenen Bereichen engagieren, dem Thema Umweltschutz jedoch nicht genügend Aufmerksamkeit schenken. In diesem Bereich würden wichtige und große Probleme vorliegen. „Umweltschutz und Tierrechte sind eng mit anderen Themen verbunden“, so Ilhaam.

Die Schöpfung Allahs zu schützen und zu respektieren versteht die 35-Jährige als eine Art gottesdienstliche Handlung. Zudem fühlt sie sich bereichert und habe dank der jahrelangen Tätigkeiten viel dazugelernt. Da die ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Freizeit ausgeübt werden, solle man ein gutes Zeitmanagement verfolgen. Die Realisierung vieler Projekte sei zunächst einmal aufgrund von Zeitmangel auf Eis gelegt, berichtet sie. Auch muslimische Gemeinden sollten sich für den Umweltschutzes mehr einsetzen, so Ilhaam. Dies sei auch aus islamischer Sicht von großer Bedeutung. Muslimische Gemeinden würden ein großes Potenzial mitbringen, was heute besonders in den Moscheen genutzt werden sollte.

Nachhaltigkeit und Umweltschutz 

Diana Schild ist Religionswissenschaftlerin, Journalistin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei NourEnergy. Sie findet es überlebenswichtig, die Umwelt intakt zu halten. “Jeder einzelne trägt Verantwortung für die Schöpfung”. Man müsse dieser Verantwortung ganzheitlich nachkommen und so die Existenz sichern. Für die folgenden Generationen möchte sie den Zugang zu reiner Luft und sauberem Wasser ermöglichen. Gestartet mit der Umsetzung von Photovoltaikanlagen zur elektrischen Stromproduktion wirkt der Verein auch über die Solartechnik hinaus in der Wasserversorgung in Entwicklungsländern. Es werden Workshops und Seminare zur Sensibilisierung und Bildung über Nachhaltigkeit angeboten. Fachexperten beleuchten relevante Themen aus wissenschaftlicher sowie muslimischer Perspektive.

Die Arbeit fließt auch in den interreligiösen Dialog ein, wodurch das Verständnis von Menschen unterschiedlicher Kulturen erheblich gesteigert wird. „Unsere Erfahrung zeigt, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft zu einer harmonischen Einheit verschmelzen. Denn das Ziel ist dasselbe: die Natur schützen und das ökologische Gleichgewicht erhalten. Aktiver Umweltschutz ist wie Brücken zwischen Menschen bauen. Dies ist eine große Chance für unsere Gesellschaft“, erklärt Diana Schild abschließend.