Muslimische Akademiker

Sufismus zeigt Vielfalt der Religiosität

Akademiker widmen sich den wichtigen Fragen unserer Zeit. IslamiQ möchte zeigen, womit sich muslimische Akademiker aktuell beschäftigen. Heute mit Daro Alani über den Sufi Abdulkarîm Al-Dschîlî.

11
01
2020
Daro Alanı Sufismus
Daro Alani über seine Dissertation zum Thema Sufismus © Privat, bearbeitet by iQ.

IslamiQ: Können Sie uns kurz etwas zu Ihrer Person und ihrem akademischen Werdegang sagen?

Daro Alani: Nach dem Bachelor in Geschichte fand ich an der Universität Bern die Möglichkeit, am Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie ein Masterstudium zu beginnen, in dem ich mein Interesse an Geschichte, Hermeneutik, Philosophie und am Sufismus vertiefen konnte. Bereits in meiner Masterarbeit setzte ich mich mit einer theologisch orientierten Fragestellung auseinander. Ich beschäftigte mich mit verschiedenen Interpretationen der Geschichte des Abraham-Opfers im Alten Testament sowie im Koran, wobei ich vertieft auf Ibn Arabîs Ansatz zu dieser Geschichte einging. Im Anschluss habe ich an der Universität Erlangen-Nürnberg mit meiner Promotion begonnen.

IslamiQ: Können Sie uns Ihre Dissertation kurz vorstellen?

Alani: Ich beschäftige mich mit Werken von Abdulkarîm Al-Dschîlî, einem Sufi, der im 14. Jh. gelebt hat und sich in seinen Werken auf Ibn Arabî bezieht. In einem ersten Schritt ging es darum, aus den Werken Al-Dschîlîs seine Weltanschauung zu rekonstruieren und für eine heute verständliche Art zusammenzufassen. Auf dieser Grundlage habe ich angefangen herauszuarbeiten, inwiefern diese Ansichten und Ansätze für heute interessant sein können und was sie zu den aktuellen Fragen und Debatten beitragen.

Die Beschäftigung mit Texten der Sufis ist mir allgemein ein Anliegen, weil sie sich mit der innerlichen Seite der Religion, mit dem Sinn des Glaubens beschäftigen. Sie diskutieren die Vorstellungen von Gott, die Beziehung von Gott und Welt oder Gott und Mensch. Sie überlegen, was der Mensch eigentlich ist und sein soll. Aus dieser Perspektive ist es möglich, einen individuellen, persönlichen Glauben zu entwickeln und in Freiheit eine Beziehung zu Gott aufzubauen, bei der sich nicht alles in erster Linie um Regeln und Vorschriften dreht. Außerdem vertreten viele von den Sufis Ansichten, die sich für eine Vielfalt der Religiosität stark machen. Sie glauben, dass Gott als einzige Wahrheit sich in unendlich vielfältigen Formen unablässig offenbart. Aber niemand kann und darf für sich beanspruchen, die einzige, für alle gültige Wahrheit zu kennen, da jede Erkenntnis über Gott unvollständig bleiben muss.

IslamiQ: Warum haben Sie dieses Thema ausgewählt? Gibt es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

Alani: Ein grundsätzliches Interesse am Sufismus war bei mir früh vorhanden und fand auch immer wieder Bestätigung. So habe ich beispielsweise eine Liebe und Begeisterung für Kunst im Allgemeinen und Musik im Besonderen und sehe im Sufismus eine ästhetische Aneignung als wichtige Ausdrucksform. Außerdem  war die Frage nach Identität und Heimat in meinem Leben ständig präsent. Für den Heimatlosen können die Sufis, die sich selbst als Reisende oder Suchende beschreiben, eine universale Heimat, eine Zuflucht, oder eine Identität bieten, die über die von Menschen geschaffenen Grenzen und Definitionen hinausgeht.

Praktisch habe ich bei meinem Großvater, der als Imam und Sufi lehrte, die Gelegenheit gehabt, schon früh Lehren der Sufi-Meister und auch die Basis der islamischen Wissenschaften kennenzulernen. Mit diesem Hintergrund und auf dieser Basis versuche ich so viel wie möglich die vielfältigen sufischen Lehren in einem akademischen und wissenschaftlichen Rahmen weiter zu bearbeiten, da ich für mich zum Schluss gekommen bin, dass von den sufischen Lehren ein optimistischer und positiver Ansatz zum Umgang mit heutigen und zukünftigen Herausforderungen erwartet werden kann. Bei der Konkretisierung und Ausformulierung des Forschungsvorhabens war Prof. Dr. Reinhard Schulze ein unverzichtbarer Gesprächspartner und Mentor.

IslamiQ: Haben Sie positive/negative Erfahrungen während Ihrer Doktorarbeit gemacht? Was treibt Sie voran?

Alani: Mit dem Stipendium hatte ich selbst das riesige Glück, mich einige Jahre sehr stark auf meine Forschung zu konzentrieren. Trotzdem war ich auch mit den üblichen Herausforderungen konfrontiert, intensive und vertiefte Auseinandersetzungen mit einem Forschungsthema zu kombinieren. Das Bedürfnis nach Rückzug, Ruhe und intensivem Studium steht der Notwendigkeit einer gewissen ständigen Präsenz und Wahrnehmbarkeit gegenüber. Im Umfeld der noch im Entstehen begriffenen islamischen Theologie kommt noch hinzu, dass einerseits viel Raum für Mitgestaltung besteht, andererseits aber auch die Schwierigkeit existiert, sich nicht auf bestehende Strukturen verlassen zu können.

IslamiQ: Inwieweit wird Ihre Doktorarbeit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland nützlich sein?

Alani: Während der eigenen so intensiven Beschäftigung mit einem Thema denkt man vielleicht, man kann damit die Welt verbessern. Aber tatsächlich würde ich mich einfach schon sehr freuen, wenn ein paar Leute meine Arbeit mit echtem Interesse lesen werden und für sich daraus etwas mitnehmen können.

Meiner eigenen Einschätzung nach könnten die Ansätze und Vorstellungen aus dem Sufismus einen wichtigen Beitrag dafür leisten, dass sich Muslime mit einem selbstbewussten Bezug auf eine ureigene Tradition in einer globalisierten Welt positionieren können, ohne dass sie sich und ihren Glauben verdrehen müssen, um sich zu einer äußerlichen Anpassung zu zwingen. Möglicherweise kann durch den Sufismus ein Weg gefunden werden, aus einer defensiven, sich ständig rechtfertigenden Haltung zu einem Standpunkt zu finden, der einen aktiven, konstruktiven Beitrag leisten kann für eine menschenfreundlichere Welt.

Das Interview führte Kübra Zorlu.

Leserkommentare

Kafira sagt:
An Herr Daro Alani und weitere Leser. Bereits als Kind kam mir die Fabel über Abraham, welcher lediglich aufgrund eines Traumes entschlossen war, sein Sohn zu ermorden als sehr grausam vor. Ich stellte mir vor, mein Vater, der gläubiger Christ war,wäre davon überzeugt, so einen göttlichen Befehl erhalten zu haben.. Es spricht nicht für eine Friedfertigkeit des Islam, dass tausende Jahre später die " AutorenGemeinschaft Koran" diese biblische Fabel in den Koran hinein kopiërte. Moderne Wissenschaftler wissen, dass Abraham selber eine FantasieFigur war und daher das Abraham und Isa-ak und der mit den Hörnern im Geäst verwurschtelter Bock ein von Volksfrömmigkeit erfundenes Mährchen ist. Es bedeutet eine Entwertung der echten Wisssenschafter, welche reale, neue ForschungsErgebnisse erarbeiten, und dann provieren, Wenn jemand mit einem Esoterik-Nonsens tema "Doktor Islam" werden kann. Wenn heute jemand an seinen Sohn ein Mordversuch vornimmt, dann kommt er in zivilisierte Staaten mit der Ausrede " Gott hat mir das befohlen " Viele Jahre in's Gefängnis. In weniger zivilisierte, Islam beherrschte Staaten hoffentlich auch ?, sehr geehrter Herrr Alani? Gruss Kafira
12.01.20
1:57
Ute Fabel sagt:
"Ich beschäftigte mich mit verschiedenen Interpretationen der Geschichte des Abraham-Opfers im Alten Testament sowie im Koran." In der antiken griechischen Religion gibt es einen ganz ähnlichen Mythos, nämlich jenen betreffend Agamemnon, der bereit ist der Göttin Artemis seine Tochter Iphigenie zu opfern. Diese wird im letzten Moment von Artemis doch noch gerettet und auf die Insel Tauris gebracht. Johann Wolfgang von Goethe hat dazu Theaterstück geschrieben. Anders als Abraham wurde Agamemnon von den alten Griechen wegen dieser Handlung nicht als Held verehrt, sondern für seine Untat als Rabenvater geradezu verachtet. Diese Sichtweise ist viel angebrachter und kommt in der Oper "Elektra" von Richard Strauss sehr gut zum Ausdruck.
14.01.20
8:26
Johannes Disch sagt:
Prima Beitrag. Es wäre wünschenswert, würden Muslime das Potential des Sufismus (wieder) entdecken.
15.01.20
9:47
Ute Fabel sagt:
Sufisten sind manchmal harmlose Esoteriker, manchmal Wölfe im Schafspelz. Das merkwürdige Ritual „Dhikr“ der Sufisten erinnert stark an katholische Gebetsmühlen. Es trübt den Geist auf sehr friedliche Weise. Sufi-Orden haben im Osmanischen Reich aber auch islamische Feldherren jahrhundertelang mit tranceartigen Gebetsritualen offensiv zu Eroberungszügen befeuert.
15.01.20
18:26