Kommentar

Der „politische Islam“ – ein Kampfbegriff

Der sogenannte „politische Islam“ taucht immer öfter in den Islamdebatten auf. Doch was genau ist dieser „politische Islam“? IslamiQ-Chefredakteur Ali Mete kommentiert den neuen Kampfbegriff.

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06
2019
politische Islam
Politischer Islam (c)shutterstock, bearbeitet by iQ

Ein Kampfbegriff ist im Anmarsch. Nach „Fundamentalismus“, „Radikalismus“, „Extremismus“, „Islamismus“, „Salafismus“ und „Dschihadismus“ folgt nun: der „politische Islam“. Der Begriff taucht langsam wieder in Zeitungen und wenigen populären Buchtiteln auf. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung fehlt bislang. 

Das erinnert an die Zeit als man aus einem vermeintlich sicherheitspolitischen Kalkül heraus den Begriff „Salafismus“ kreierte, ohne über absehbare Assoziationen nachzudenken. Wie beim „Salafismus“ kommt diese Reflexion vermutlich erst dann, wenn die heiße Phase der Diskussion vorbei ist. Nämlich dann, wenn alle möglichen Forderungen nach Eindämmung, Bekämpfung und Prävention des „politischen Islam“ gestellt und Maßnahmen auf den Weg gebracht worden sind. Danach kann man sich in Ruhe darüber unterhalten, was das denn ist, dieser „politische Islam“. 

Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls nach der Lektüre des Sammelbandes „Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland“. Dessen Herausgeber, Carsten Linnemann (CDU) und Winfried Bausback (CSU), sind übrigens ausgerechnet zwei Politiker, in deren Parteien die Religion schon im Namen steckt. Das Buch ist aufschlussreich für die Beschäftigung mit dem Thema, da es sprachlich und inhaltlich so ziemlich alles enthält, was in den Diskussionen über den „politischen Islam“ und verwandte Themen immer wieder auftaucht. 

Die Logik des Buches ist schnell ausgemacht und lässt sich in fünf Thesen wiedergeben, die meiner Meinung nach wesentlich für die versammelten Aufsätze sind: 

  1. Islam und Muslime werden als Problem gesehen. 
  2. Diese Sichtweise folgt einem Wir-ihr-Denken. 
  3. Dieses Denken führt zu einer Verbots- und Sanktionspolitik.
  4. Diese Politik basiert auf vermeintlicher Empirie und unbegründeten Annahmen.
  5. Diese Annahmen münden in rechtlich unmöglichen Forderungen und höchst fragwürdigen Überlegungen.

Außen vor lasse ich die

  • Autorennauswahl: Von alteingesessenen Islamkritikern wie Necla Kelek, die zum gefühlt 1000sten mal über das Kopftuch schreibt, bis zu hohen Staatsbeamten wie Markus Kerber, den man in diesem Band nicht erwartet hätte. 
  • Themenwahl: In mehreren Aufsätzen taucht der Begriff „politischer Islam“ nur nebenbei oder gar nicht auf, so dass man sich selbst denken muss, was das Thema nun genau mit „politischen Islam“ zu tun haben soll. Alles scheint wohl schon irgendwie damit verknüpft zu sein. So in dem Beitrag von Boris Palmer, der den Leser bis zum letzten Absatz nicht verrät, was die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen in einer Stadt mit „politischem Islam“ zu tun haben könnte.
  • Fehlende Definition: Dort wo der Begriff auftaucht, wird er nicht näher oder gar nicht erklärt/definiert. Ich habe mindestens fünf Definition herauslesen können. 

These 1: Islam und Muslime werden als Problem gesehen. 

Das verwundert bei vielen der Autoren nicht wirklich, ist aber in der thematisch vielfältigen und sprachlichen Wucht recht markant. Es wird quasi kein gutes Haar an Islam und Muslimen gelassen. Schon der erste Aufsatz des Politikwissenschaftlers Ruud Koopmans mit dem Titel „Gehört der real existierende Islam zu Deutschland?“ (S. 11) macht das deutlich. Koopmans findet bei jeder islamischen Gemeinschaft in Deutschland durchweg nur Probleme, so wie er auch in der islamischen Welt nichts Gutes erkennen kann. Lediglich ein „hohes Maß an Reformarbeit in den eigenen Reihen“ könne Abhilfe schaffen, damit niemand mehr „unter dem real existierenden Islam leiden“ (S. 23) müsse. 

Dem schließt sich der Politikwissenschaftler und ausgediente Islamkritiker Bassam Tibi an, der vor langer Zeit den überholten und ausdiskutierten Begriff des „Euro-Islam“ geprägt hat. Ihm zufolge stehe jede Form des „politischen Islam“ der Integration im Weg. Nur wenn er im Sinne eines ‚säkularen Islams‘ europäisiert und reformiert werde, könne von Integration gesprochen werden (S. 41). 

Während dem Islamwissenschaftler und LKA-Mitarbeiter Marwan Abou-Taam zufolge die Muslime „für die freie Gesellschaft gewonnen werden“ (S. 60) müssten, was vermutlich nicht nur in meinen Ohren ziemlich anmaßend klingt, nennt Düzen Tekkal die „Verbände“ im selben Atemzug mit dem „IS“. Denn „wir“ hätten die „Zukunft deutscher Muslime in die Hände dieser Verbände gelegt“, in denen „immer wieder (…) junge Menschen zu IS-Kämpfern radikalisiert“ worden seien (S. 173). 

Das eigentlich Unerträgliche ist die ständige Assoziation von allem Muslimischem mit so vielen schlechten Dingen, die ich hier nicht aufzählen möchte. Da hilft es auch nicht, wenn man nebenbei mal anmerkt, dass natürlich nicht alle, sondern nur die ‚bösen Muslime‘ gemeint seien. Nicht nur dem aufmerksamen Leser wird recht schnell klar, dass es hier um mehr geht als nur einige wenige Personen muslimischen Glaubens, die sich daneben benommen haben oder sogar straffällig geworden sind. So platt das auch klingen mag, ist die Botschaft: Das Problem ist der Islam, sind die Muslime.

These 2: Diese Sichtweise folgt einem Wir-ihr-Denken.

Wer so denkt, wird das in seiner Sprache nicht verbergen können. Immer wenn in den verschiedenen Aufsätzen von der Grundordnung, Werten und Gesetzen gesprochen wird, sind es „unsere“, denen sich die Muslime und Migranten, die „zu uns gekommen sind“ und bei „uns“ leben möchten, anzupassen haben. Damit wird Muslimen pauschal die Rechtstreue abgesagt, so als würden Muslime und Migranten nicht zu dem „Wir“ gehören und müssten ständig daran erinnert werden, sich an Recht und Ordnung zu halten.

Es wird unmissverständlich deutlich, dass Muslime, auch wenn sie seit Jahrzehnten in Deutschland leben, immer die „Mitbürger aus anderen Kulturen und mit anderen religiösen Überzeugungen“ (S. 223) sind. Sie sind Fremde, weil ihre ‚Kultur‘ ‚unserer‘ widerspricht, wie Linnemann meint. Ein solches Wir-ihr-Denken lässt die Kritik von Linnemann (S. 229) und anderen Autoren des Bandes an dem Schwarz-Weiß-Weltbild der Radikalen nicht gerade glaubwürdig erscheinen.  

Für Linnemann und die meisten anderen Autoren des Buches ist Migration eine potenzielle Gefahr, „die zu Konflikten führen kann“, vor allem dann „wenn die kulturellen Unterschiede zwischen Einwanderern und Einheimischen besonders groß sind“ (S. 224). Es führt also kein Weg daran vorbei: „Es kann nur eine Rechts- und Werteordnung geben: die unsrige.“ (S. 224). 

Glaubt Linnemann wirklich, dass Muslime und Geflüchtete eine ernsthafte Bedrohung für die Grundordnung darstellen? Oder sollte er sich nicht viel mehr Sorgen um die Rechten in den Parlamenten machen, die tatsächlich die Möglichkeit und auch den erklärten Willen haben, grundrechtliche Freiheiten einzuschränken oder sogar aufzuheben. Aber das fordert Linnemann in einigen Bereichen ja auch!? 

These 3: Dieses Denken führt zu einer Verbots- und Sanktionspolitik.

Die meisten Autoren des Sammelbandes sprechen sich für (am besten gesetzliche) Verbote und Sanktionen aus. Winfried Bausback möchte, dass bei der Strafbemessung der religiöse/kulturelle Hintergrund keine Rolle spielt (S. 63ff.). Dabei ist der persönliche Hintergrund bei der Strafbemessung von Bedeutung. Wie er hier geltende Rechtspraxis aufheben möchte, ist unklar.

Ferner fordert er ein Verbot von „Kinderehen“, Polygamie und Vollverschleierung. Zudem sollen muslimische Richterinnen keine religiösen Symbole (z. B. ein Kopftuch) tragen (S. 65ff.), so wie es natürlich Bayern und andere europäische Länder vorgemacht haben. Diese Forderungen sind nicht neu. Aber auch die Erkenntnisse und Argumente, vor allem die Tatsache, dass es sich hierbei um Symbolpolitik handelt und nicht ein akut existierendes ‚Problem‘ ist bekannt. Denn der Andrang muslimischer Juristinnen an die Gerichte oder der massenhafte Burka-Trend sind bisher ausgeblieben. Und wenn irgendein Land wegen „Kinderehen“ kritisiert werden sollte, dann am ehesten die USA, wo zwischen 2000 und 2010 rund 248.000 Kinder verheiratet wurden. 

These 4: Diese Politik basiert auf vermeintlicher Empirie und unbegründeten Annahmen.

Den zuvor genannten Forderungen Bausbacks folgend erklärt Linnemann, nachdem er ein äußerst verstörendes und verzerrtes Bild gezeichnet hat (S. 238), dass Kopftücher an Grundschulen verboten sein sollten. Genauso wie Bausback nennt er aber weder irgendwelche Zahlen noch Studien, die diese Forderung untermauern, ja irgendwie relevant machen könnten. Ohne diese sind solche Forderungen nichts anderes als Populismus. Dadurch wird nicht den ‚armen Mädchen‘ geholfen, sondern ihren Gegnern, den Rechten. 

Dasselbe gilt für die Forderung in Bezug auf fastende Grundschulinder. Hierzu gibt es, wenn überhaupt, vereinzelte Meldungen. Eine religiöse Pflicht zum Fasten besteht für diese Altersgruppe ohnehin nicht, aber eine kindgerechte Annäherung ist durchaus üblich. Nüchterne Feststellungen, die Linnemann anscheinend anders einordnet, wenn er in polemischem Ton von „Problemen mit Grundschülern“ schreibt, „die im Ramadan strikt fasten und damit mehr Ehrgeiz im Erlernen religiöser Riten als im Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen an den Tag legen.“ (S. 241).

These 5: Diese Annahmen münden in rechtlich unmöglichen Forderungen und höchst fragwürdigen Überlegungen.

Kelek meint etwa, das Kopftuch könne nicht mit Kreuz oder Kippa verglichen werden, denn – aufgepasst – das Kreuz stünde für Glauben und Demut vor Gott, das Kopftuch aber Respekt und Achtung gegenüber dem Mann (S. 95). Eine aus vielerlei Sicht sehr fragwürdige These, was Kelek aber nicht daran hindert, basierend auf dieser Logik ein Kopftuchverbot an Schulen zu fordern (S. 101).  

Obwohl Sascha Adamek im Kapitel über Geld aus dem Ausland für Moscheen sich bewusst ist, dass seine Forderungen „viele verfassungsrechtliche Probleme“ (S. 81) aufwerfen, hält ihn das nicht davon ab, zu fordern, dass das Steuergeheimnis für alle Vereine, oder zumindest weltanschauliche und religiöse Vereine aufgehoben wird (S. 82f.) und Grundbucheinträge immer – und ohne Anlass – mit internationalen Terrorlisten abzugleichen (S. 88).

Muslime zwischen Dämonisierung und Engagement

Der „politische Islam“ als ein Kampfbegriff wird uns noch beschäftigen. Weitere Publikationen und Veranstaltungen sind angekündigt. Wir werden sehen, ob der „politische Islam“ tatsächlich einer sinnvollen, da realen Einordnung dienen wird oder zur Dämonisierung und Kriminalisierung „des Islams“. Momentan scheint es eher so zu sein, dass der Begriff dazu verwendet wird, um jene auszugrenzen, die man mit „Islamismus“ und auch „Salafismus“ nicht packen konnte, wie z. B. die DITIB, aber auch andere. Von daher ist es angenehmer, ihn möglichst undefiniert zu lassen, um den Rahmen weit zu halten. 

Wir werden auch sehen, ob der „politische Islam“ ein Totschlagargument wird, das letzten Endes jegliches politisches Engagement, das auch religiös begründet sein kann, aber nicht muss, in eine zwielichtige, gefährliche Ecke rückt. Politische Betätigung von Muslimen, sagen wir Wählen-Gehen, aber auch jede politische Positionierung kann schnell als Teil der ‚Agenda des politischen Islam‘ gedeutet werden. Und wenn man sich nicht an den Wahlen beteiligt, liegt der Verdacht nahe, man würde die ‚Grundordnung‘ missachten oder zumindest nicht voll hinter ihr stehen. Diesem Spannungsverhältnis zu entkommen ist nicht leicht. 

Im Grund fasst Necla Kelek die Meinungen und Methode der Akteure mit folgenden Satz gut zusammen: „Eine lebendige Religion passt sich an oder muss zu ihrem Glück gezwungen werden“ (S. 100).   

Leserkommentare

Tarik sagt:
@ grege Religion setze ich keineswegs mit Eindeutigkeit gleich. Ich betone ja gerade das Gegenteil (indem ich von allen Büchertipps am häufigsten auf Thomas Bauers "Ambiguitätskultur" verweise - in der leisen Hoffnung, dass der eine oder andere Islamkritiker dies auch lesen möge). Doch bei aller Auslegbarkeit und Interpretationsspielraum gibt es gewisse Basics, die allen Religionen zu Eigen ist - z.B. das Primat der Selbstkontrolle und Selbsterkenntnis. Wenn man Religion mit Kirchenpolitik oder Expansion islamischer Reiche gleichsetzt oder darauf beschränkt, verliert man die Kernbotschaften natürlich leicht aus den Augen. Dies führt geradezu zwangsläufig zu der für diese Kommentarspalten eindeutig zu umfangreichen Frage, „was denn nun islamisch sei“. Dazu fehlt hier sowohl die Zeit als auch vor allem der Raum. Aber „die Kultur der Ambiguität“ des o.g. Autors nähert sich der Frage von einer für westeuropäische Autoren ungewohnten Seite, auch sein Buch „Warum es kein islamisches Mittelalter“ gab, bringt den einen oder anderen neugierigen Leser sicherlich weiter. Ich schrieb in meinem vorletzten Kommentar: Überlegenheitsgefühl, Frömmelei etc. ist ein menschliches und kein religiöses Problem. Wenn sich jemand in den Besitz einer höheren Wahrheit glaubt, und diese im Zuge eines Absolutheitsanspruches dafür nutzt, "die Anderen" quasi zu entmenschlichen, dann ist die Ursache dafür das eigene Ego. Und dazu lässt sich JEDE Weltanschauung nutzen, nicht nur eine religiös begründete Auslegung. Wie viele Menschen sind in Namen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gestorben? Wieviele für die Verbreitung des „Code Civil“? Wieviel für die Abschaffung der Sklaverei, das Großbritannien aufführte, um seinen Imperialismus zu begründen – um dann „Sklaven“ bei dem Bau der Kairo–Kapstadt Bahn mit „Zwangsarbeitern“ zu ersetzen? Die Liste von humanistischen oder rassistischen oder gerechtigkeitsversprechenden Herleitungen ist lang genug. Wenn wir also von Kehrseiten sprechen, so haben nicht nur Religionen eine andere Seite der Medaille, sondern eben auch jegliche anderen Ideologien, auch jene, die vorgeben, keine zu sein. Und allein um diese Ergänzung zu ihrem Kommentar über die „Kehrseite von Religion“ ging es mir. Sie schrieben u.a. folgendes: „Bisher hat die Praxis kein gelungenes Beispiel für die positive Prägung eines Staatssystems auf Grundlage einer Religion gezeigt, eben aufgrund der Auslegungsmöglichkeiten auch in negativer Hinsicht.“ Diese Aussage ist nur konsequent und richtig – sofern man sich nur auf einen bestimmten Zeitabschnitt konzentriert und sein Gedankenkonstrukt auf den tönernen Füßen eines eingeschränkten Wissens über die Kulturgeschichte von Zivilisationen aufbaut, und glaubt, dass der seit Jahrzehnten stattfindende Prozess der Salafisierung des Nahen und Mittleren Ostens (und teilweise inzwischen auch Teile Südostasiens) eine Art Rückkehr zur Religion darstelle. Ich verwies bereits in anderen Kommentarspalten explizit anhand dutzender konkreter Beispiele auf all die modernen Anleihen der modernen Verfechter eines sich als „islamisch“ bezeichnenden Staates, und warum solch ein Staat deshalb stets in ein totalitäres Konstrukt münden muss. Wiederholt verweise ich hier auf Wael Hallaqs international hoch gelobtes Buch „The impossible State“ (das nur eines von weiteren äußerst lesenswerten Werken des Rechtsexperten und Historikers zu dem Thema darstellt). Und in all diesem Zusammenhang sei zu erwähnen, welche Rolle Ökonomie dabei spielt, nämlich eine zentrale aber in all den Debatten viel zu vernachlässigte. Da der Islamismus und sein im 20. Jahrhundert entstandenes Staatsmodell sich vorwiegend am Faschismus und Trotzkismus orientierte, ist es kein Zufall, dass er faktisch ein ähnliches Schicksal erleiden muss wie die Idee der kommunistischen Revolution – doch zumindest hatten letztere wenigstens ein alternatives wirtschaftliches Modell, so falsch es auch sein gewesen mag. Die Islamisten haben noch nicht mal das. Es ist bezeichnend, dass sich Islamisten in ihren Konzepten nicht oder nur sehr wenig mit Ökonomie beschäftigt haben. Zurück zu ihrer von mir zitierten Aussage – wir finden in der islamischen Geschichte sowohl negative als auch positive Beispiele, einfach, weil es verschiedene Konzepte in verschiedenen Regionen zu verschiedenen Zeiten gab. Das politische Konzept von Seldschuken, Mameluken und Ayyubiden z.B. war unter dem Gesichtspunkt von Säkularisierung durchaus erfolgreich – der Kalif war bloße religiöse Symbolfigur, die Rechtsgelehrten waren eine Klasse für sich und der Sultan herrschte. Nehmen wir z.B. Friedrich II. Barbarossa (gest. 1250) und sein Beispiel. Bekanntlich war er vom Papst exkommuniziert worden. Im heiligen Land traf er während seines (nicht autorisierten) Kreuzzungs auf den Sultan al-Kamil. Zumeist hatte er es mit dessen Unterhändler, einem gewissen Fahr ad-Din zu tun. Und in seinen Gesprächen mit ihm warf Friedrich zahlreiche Fragen auf, die sich mit dem Staat befassten. Es ging z.B. um die Rolle des Kalifen und die Wirkungslosigkeit seiner politischen Gewalt. Friedrich war davon fasziniert, dass es den Muslimen gelungen war, ihren „Papst“ zu neutralisieren. Er hingegen musste hingegen mit der Konkurrenz seines Papstes rechnen. Mehr noch: die muslimischen Herrscher mussten eine Exkommunizierung nicht fürchten, wie es bei ihm der Fall war. Als er (Friedrich) überdies noch erfuhr, dass der Kalif Nachfolger des Propheten über dessen Onkel Abbas war (Abbasiden), und dass das Amt in der Familie verblieben war, schreibt der Historiker Ernst Kantorowicz in seiner Kaiser-Biographie folgendes: „Das ist gut – sagte der Kaiser – und der Einrichtung jener Toren, ich meine der Christen, weit überlegen. Denn diese nehmen als geistliches Haupt einen beliebigen Menschen ohne die geringste Verwandtschaft mit dem Messias und machen ihn zu dessen Stellvertreter. Der da, der Papst, hat keine Berechtigung solch einen Rang einzunehmen, wohl aber euer Kalif als Nachkomme von Mohammeds Oheim…“ So hatte Friedrich hier seine Sicht der Dinge als lebendige Wirklichkeit vor Augen, nämlich, die Unterordnung der geistlichen Angelegenheiten unter die weltlichen. Er selbst krönte sich selbst am Heiligen Grab in Jerusalem – obwohl er exkommuniziert war – ohne Mittlerrolle der Kirche, ohne Bischof, ohne Messe. Abdel Wahab Meddeb schreibt in seinem „Die Krankheit des Islam“ (wie im vorletzten Kommentar erwähnt, dies ist ein islamkritisches Buch, aber eines, welches das Buch „Kritik“ auch wirklich verdient jenseits von ideologischen Vorurteilen) dazu: „Die Zeremonie ereignete sich am 18. März 1229, das war der Tag, an dem Friedrich das Prinzip eines Königtums erneuerte, das ohne Vermittlung der Kirche von Gott herrührte. So hat Friedrich II. aus dem Orient die „westliche“ Monarchie mitgebracht. Der Staufer wird unschlüssig zwischen dem Modell des alten christlichen Reichs und dieser Neuheit schwanken, welche durch die weltliche Monarchie eingeführt wird. Mit dieser Ambivalenz spaltete der Kaiser das Reich des Immateriellen in zwei Teile: Die Seele überließ er der Kirche und schlug dem Staat den Geist zu. Der kirchlichen Gnadenhierarchie stand nun die weltliche und intellektuelle Hierarchie DES RECHTS zu. In diesem Punkt wird er von den Gesprächen mit Fahr-Ad Din profitiert haben: Tatsächlich versuchte er, die theologisch-juristische Vereinigung der ULEMAS in seine Kultur einzubringen, gründete die Universität von Neapel, um juristische Kanzleibeamte anzulocken, die Zwillinge der Ulemas. Es versteht sich von selbst, dass Friedrichs Bezüge nicht nur orientalisch geprägt waren. Als Vorbild wurde Justinian erwähnt, der Kaiser des Rechts, ebenso Augustus, der Kaiser des Friedens. Ich möchte hier nur die erstaunliche Nähe zu den islamischen Strukturen einer Macht in Erinnerung rufen, die auf einer Dreiteilung basiert, und zwischen drei Vorstellungen unterscheidet: Natur, Geist, Seele. Durch erste wird dem Monarchen die Souveränität zuerkannt. Zweitere verleiht innerhalb der Autorität des Staates die intellektuelle Macht den ULEMAS oder den Kanzleibeamten. Letztere wird dem Kalifen-Imam (dem „Papst) zugesprochen. Was Baybars (Begründer des Mamelukenreiches, Anmerkung v.m.) zu Beginn 1260 in Kairo verwirklichen wird, liegt nicht mehr fern.“ All die islamistischen Staatsmodelle im 20. Jahrhundert sind sehr weit von historischen vers. Konzepten entfernt – Sie entspringen auch nicht einer Art organischem Prozess wie in Europa, sondern sind ein Roll-Back Phänomen, eine Reaktion auf den per Zwang und von oben verordneten radikalen Säkularisierungsprozess im 20. Jahrhundert (Türkei, Iran, Tunesien, etc.) – in der schalen wie trügerischen Hoffnung, dass man in einem ad-Hoc copy und paste Verfahren Europa und somit auch europäischen Wohlstand erreichen könne. Auch hier wieder unterschätzte man einen wesentlichen Aspekt, nämlich dem der Ökonomie (daher schrieb ich auch in meinem ersten Kommentar, dass man sich „Aufklärung“ oder „liberale Errungenschaften“ leisten muss. Und analog dazu erweisen sich solche Errungenschaften immer dann als nicht dauerhaft, wenn etwas mit der Ökonomie nicht stimmt, gelinde gesagt).
29.07.19
12:24
Johannes Disch sagt:
@Tarik Auch wenn wir bei den Begriffen "Fundamentalismus" / "Islamismus" / "Politischer Islam" unterschiedlicher Meinung sind; ich denke wir sind uns einig, dass eine Instrumentalisierung der Religion zu politischen Zwecken kontraproduktiv ist.
01.08.19
12:54
grege sagt:
@ Tairk Gerade das Verständnis von Kernbotschaften einer Religion sowie die aus dieser abgeleitete Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle unterliegen nicht nur gewissen, sondern geradezu konträren Auslegungsmöglichkeiten. Frau Ates und Pierre Vogel werden trotz gleicher Religionszugehörigkeit über ihre Religion zu höchst unterschiedlichen Selbsterkenntnissen gelangen und ebenso verschiedene Instrumente der Selbstkontrolle als notwendig erachten. Die theoretischen Ursachen für sehr beliebige Auslegungen von Religionen habe ich bereits in meinem letzten Beitrag thematisiert. Auslegungen in menschenfeindlicher Hinsicht stellen jedoch nicht nur abstrakte Hirngespinste dar, sondern waren immer ein ständiger Wegbegleiter von religiös geprägten Staatssystemen sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Diese permanent negativen Begleiterscheinungen als Resultat von konträren Auslegungs- und Interpretationsmöglichkeiten machen Religionen als Grundlage für ein Staatssystem wenig brauchbar. Dieses Phänomen der beliebigen Auslegbarkeit wird von Islamprotagonisten völlig verkannt, die naiverweise immer wieder von der dauerhaften Unveränderlichkeit ihrer Religion und der damit verbunden Eignung für ein Staatssystem schwärmen sowie nichtreligiöse von Menschenhand konzipierte Weltanschauungen als manipulativ ansehen. Religionen können natürlich eine wertvolle Lebenshilfe für den einzelnen Menschen darstellen. Allerdings kann nur der einzelne SELBER zur Selbsterkenntnis erlangen und daraus mögliche Instrumente für die Wahrung der Selbstdisziplin schlussfolgern. Der von Ihnen erwähnte Fokus auf Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle stellt daher ein schlagkräftiges Argument für die Positionierung von Religion in der Privatsphäre des einzelnen und Verbannung aus Staat und Politik dar. Sollte tatsächlich ein Staatssystem eine religiöse Prägung erhalten, stellt sich zudem die Frage, auf Grundlagen welcher Religion bzw. Konfession diese beruhen sollten. Diese Prägung hat gerade in multireligiösen Staaten wie z.B. Sudan, Indien oder Malaysia zu Spannungen oder gar blutigen Bürgerkriegen aufgrund der Diskriminierung von Angehörigen anderer Religionen in der Minderheit geführt. Islamprotagonisten argumentieren gerne gebetsmühlenartig, dass menschenverachtende Auslegungsmöglichkeiten nichts mit der Religion selber zu tun haben. Leider können jedoch pharisäerhafter Überlegenheitswahn als eine Form der Selbsterkenntnis aus der Religion abgeleitet sowie Frömmelei als Medium der Selbstkontrolle angesehen werden. Wenn darüber hinaus Gewalttaten an andersgläubige, homosexuelle, Ehebrecherinnen oder Apostaten als göttliche Aufforderung verstanden werden, haben diese Kehrseiten sehr wohl einen Bezug zur Religion. Der Verweis auf menschliche Probleme und die damit behaftete Abgrenzung von religiösen Problemen grenzt an Selbstbetrug. In diesem Zuge könnten die christlichen Glaubensgemeinschaften ebenso die mittelalterlichen Exzesse als menschliche Probleme auslegen, die mit der Lehre Jesu nichts gemein haben, und somit sämtliche Verantwortung zurückweisen. Analog könnten sich Anhänger marxistischer Weltanschauungen die früheren Missstände in den Staaten Osteuropas oder China als menschliches Problem einreden, was in keinster Weise Übereinstimmung mit der Lehre von Marx finden würde. Ebenso könnte ein überzeugter Nationalsozialist bei Ausblendung von Holocoust und initiierten Angriffskriegen ausschließlich die scheinbar positiven Auswirkungen seiner Weltanschauung in den Vordergrund rücken, wie den Abbau von Massenarbeitslosigkeit, den Ausbau der Infrastruktur (die Geburtsstunde der deutschen Autobahnen) sowie die drastische Reduzierung von Kriminalität im deutschen Reich. Auf vergleichbare Weise neigen Islamprotagonisten zur Reinwaschung von islamisch geprägten Staatssystem in der Vergangheit, wenn mit Eroberungsfeldzügen einhergehende Unterdrückung, Diskriminierung und Blutzoll in Europa und insbesondere auf dem indischen Subkontinent ignoriert und diese vergangen Epochen als goldenes Zeitalter glorifiziert werden. Wenn im Hier und Jetzt der desolate Zustand der islamischen Welt kein positives Beispiel für islamisch geprägte Staatssysteme liefert, suchen Islamprotagonisten ihr sehnsüchtiges Heil in der Vergangenheit. Wie die Diskussion um die muslimische Besatzung von Andalusien zeigt, wird die Vergangenheit von Islamprotagonisten durch Verzerrung von Tatsachen zum einen gerne verklärt. Des Weiteren wird von den Nostalgikern unter den Islamprotagonisten übersehen, dass damalige Zustände aufgrund veränderter Randbedingungen auf die heutige Zeit gar nicht mehr übertragbar sind bzw. heute mit anderen Maßstäben bewertet werden. Bei Anwendung heutiger Maßstäbe würde Luther nicht nur als Reformator, sondern auch als strammer Antisemit gelten, der zudem die Unterdrückung von Bauern durch die Obrigkeit gerechtfertigt hatte. Analoge Überlegungen würden auf Mohammed zutreffen, der nach heutigen Maßstäben ein Verfahren als Kriegsverbrecher fürchten müsste. Daher erweisen sich Kopierversuche der Vergangenheit als Irrweg, wie z.B. auch Pol Pot mit seinen Roten Khmern feststellen musste. Keiner bestreitet, dass die bestimmte Auslegung von Weltanschauungen in der Vergangenheit in Europa unzähligen Menschen das Leben gekostet hat. Insbesondere Deutschland hatte diesbezüglich leidvolle Erfahrungen sammeln müssen. Unter widrigsten Ausgangsbedingungen nach dem 2. Weltkrieg, als dieses Land nur aus lauter Aleppos bestand, geteilt, fremdbesetzt, Millionen von Flüchtlingen aufnehmen sowie Reparationen, die ein Vielfaches von Wiederaufbauhilfen ausmachten, leisten musste, hat sich dieses Land dank sozialer Marktwirtschaft sowie einer pluralistischen Demokratie auf Basis einer funktionierenden Verfassung zu einem politisch stabilen sowie leistungsfähigem Industriestaat entwickelt, in das heute noch zehntausende Muslime wie Sie oder Ihre Eltern immigriert sind. Genau ein solches Positivbeispiel fehlt den Islamprotagonisten, die sich stattdessen in er Vergangenheit, abstrusen Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen Kolonialmächten frei von jeglicher Selbstkritik an ihrer Weltanschauung suhlen.
08.08.19
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