Kommentar

Der „politische Islam“ – ein Kampfbegriff

Der sogenannte „politische Islam“ taucht immer öfter in den Islamdebatten auf. Doch was genau ist dieser „politische Islam“? IslamiQ-Chefredakteur Ali Mete kommentiert den neuen Kampfbegriff.

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06
2019
politische Islam
Politischer Islam (c)shutterstock, bearbeitet by iQ

Ein Kampfbegriff ist im Anmarsch. Nach „Fundamentalismus“, „Radikalismus“, „Extremismus“, „Islamismus“, „Salafismus“ und „Dschihadismus“ folgt nun: der „politische Islam“. Der Begriff taucht langsam wieder in Zeitungen und wenigen populären Buchtiteln auf. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung fehlt bislang. 

Das erinnert an die Zeit als man aus einem vermeintlich sicherheitspolitischen Kalkül heraus den Begriff „Salafismus“ kreierte, ohne über absehbare Assoziationen nachzudenken. Wie beim „Salafismus“ kommt diese Reflexion vermutlich erst dann, wenn die heiße Phase der Diskussion vorbei ist. Nämlich dann, wenn alle möglichen Forderungen nach Eindämmung, Bekämpfung und Prävention des „politischen Islam“ gestellt und Maßnahmen auf den Weg gebracht worden sind. Danach kann man sich in Ruhe darüber unterhalten, was das denn ist, dieser „politische Islam“. 

Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls nach der Lektüre des Sammelbandes „Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland“. Dessen Herausgeber, Carsten Linnemann (CDU) und Winfried Bausback (CSU), sind übrigens ausgerechnet zwei Politiker, in deren Parteien die Religion schon im Namen steckt. Das Buch ist aufschlussreich für die Beschäftigung mit dem Thema, da es sprachlich und inhaltlich so ziemlich alles enthält, was in den Diskussionen über den „politischen Islam“ und verwandte Themen immer wieder auftaucht. 

Die Logik des Buches ist schnell ausgemacht und lässt sich in fünf Thesen wiedergeben, die meiner Meinung nach wesentlich für die versammelten Aufsätze sind: 

  1. Islam und Muslime werden als Problem gesehen. 
  2. Diese Sichtweise folgt einem Wir-ihr-Denken. 
  3. Dieses Denken führt zu einer Verbots- und Sanktionspolitik.
  4. Diese Politik basiert auf vermeintlicher Empirie und unbegründeten Annahmen.
  5. Diese Annahmen münden in rechtlich unmöglichen Forderungen und höchst fragwürdigen Überlegungen.

Außen vor lasse ich die

  • Autorennauswahl: Von alteingesessenen Islamkritikern wie Necla Kelek, die zum gefühlt 1000sten mal über das Kopftuch schreibt, bis zu hohen Staatsbeamten wie Markus Kerber, den man in diesem Band nicht erwartet hätte. 
  • Themenwahl: In mehreren Aufsätzen taucht der Begriff „politischer Islam“ nur nebenbei oder gar nicht auf, so dass man sich selbst denken muss, was das Thema nun genau mit „politischen Islam“ zu tun haben soll. Alles scheint wohl schon irgendwie damit verknüpft zu sein. So in dem Beitrag von Boris Palmer, der den Leser bis zum letzten Absatz nicht verrät, was die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen in einer Stadt mit „politischem Islam“ zu tun haben könnte.
  • Fehlende Definition: Dort wo der Begriff auftaucht, wird er nicht näher oder gar nicht erklärt/definiert. Ich habe mindestens fünf Definition herauslesen können. 

These 1: Islam und Muslime werden als Problem gesehen. 

Das verwundert bei vielen der Autoren nicht wirklich, ist aber in der thematisch vielfältigen und sprachlichen Wucht recht markant. Es wird quasi kein gutes Haar an Islam und Muslimen gelassen. Schon der erste Aufsatz des Politikwissenschaftlers Ruud Koopmans mit dem Titel „Gehört der real existierende Islam zu Deutschland?“ (S. 11) macht das deutlich. Koopmans findet bei jeder islamischen Gemeinschaft in Deutschland durchweg nur Probleme, so wie er auch in der islamischen Welt nichts Gutes erkennen kann. Lediglich ein „hohes Maß an Reformarbeit in den eigenen Reihen“ könne Abhilfe schaffen, damit niemand mehr „unter dem real existierenden Islam leiden“ (S. 23) müsse. 

Dem schließt sich der Politikwissenschaftler und ausgediente Islamkritiker Bassam Tibi an, der vor langer Zeit den überholten und ausdiskutierten Begriff des „Euro-Islam“ geprägt hat. Ihm zufolge stehe jede Form des „politischen Islam“ der Integration im Weg. Nur wenn er im Sinne eines ‚säkularen Islams‘ europäisiert und reformiert werde, könne von Integration gesprochen werden (S. 41). 

Während dem Islamwissenschaftler und LKA-Mitarbeiter Marwan Abou-Taam zufolge die Muslime „für die freie Gesellschaft gewonnen werden“ (S. 60) müssten, was vermutlich nicht nur in meinen Ohren ziemlich anmaßend klingt, nennt Düzen Tekkal die „Verbände“ im selben Atemzug mit dem „IS“. Denn „wir“ hätten die „Zukunft deutscher Muslime in die Hände dieser Verbände gelegt“, in denen „immer wieder (…) junge Menschen zu IS-Kämpfern radikalisiert“ worden seien (S. 173). 

Das eigentlich Unerträgliche ist die ständige Assoziation von allem Muslimischem mit so vielen schlechten Dingen, die ich hier nicht aufzählen möchte. Da hilft es auch nicht, wenn man nebenbei mal anmerkt, dass natürlich nicht alle, sondern nur die ‚bösen Muslime‘ gemeint seien. Nicht nur dem aufmerksamen Leser wird recht schnell klar, dass es hier um mehr geht als nur einige wenige Personen muslimischen Glaubens, die sich daneben benommen haben oder sogar straffällig geworden sind. So platt das auch klingen mag, ist die Botschaft: Das Problem ist der Islam, sind die Muslime.

These 2: Diese Sichtweise folgt einem Wir-ihr-Denken.

Wer so denkt, wird das in seiner Sprache nicht verbergen können. Immer wenn in den verschiedenen Aufsätzen von der Grundordnung, Werten und Gesetzen gesprochen wird, sind es „unsere“, denen sich die Muslime und Migranten, die „zu uns gekommen sind“ und bei „uns“ leben möchten, anzupassen haben. Damit wird Muslimen pauschal die Rechtstreue abgesagt, so als würden Muslime und Migranten nicht zu dem „Wir“ gehören und müssten ständig daran erinnert werden, sich an Recht und Ordnung zu halten.

Es wird unmissverständlich deutlich, dass Muslime, auch wenn sie seit Jahrzehnten in Deutschland leben, immer die „Mitbürger aus anderen Kulturen und mit anderen religiösen Überzeugungen“ (S. 223) sind. Sie sind Fremde, weil ihre ‚Kultur‘ ‚unserer‘ widerspricht, wie Linnemann meint. Ein solches Wir-ihr-Denken lässt die Kritik von Linnemann (S. 229) und anderen Autoren des Bandes an dem Schwarz-Weiß-Weltbild der Radikalen nicht gerade glaubwürdig erscheinen.  

Für Linnemann und die meisten anderen Autoren des Buches ist Migration eine potenzielle Gefahr, „die zu Konflikten führen kann“, vor allem dann „wenn die kulturellen Unterschiede zwischen Einwanderern und Einheimischen besonders groß sind“ (S. 224). Es führt also kein Weg daran vorbei: „Es kann nur eine Rechts- und Werteordnung geben: die unsrige.“ (S. 224). 

Glaubt Linnemann wirklich, dass Muslime und Geflüchtete eine ernsthafte Bedrohung für die Grundordnung darstellen? Oder sollte er sich nicht viel mehr Sorgen um die Rechten in den Parlamenten machen, die tatsächlich die Möglichkeit und auch den erklärten Willen haben, grundrechtliche Freiheiten einzuschränken oder sogar aufzuheben. Aber das fordert Linnemann in einigen Bereichen ja auch!? 

These 3: Dieses Denken führt zu einer Verbots- und Sanktionspolitik.

Die meisten Autoren des Sammelbandes sprechen sich für (am besten gesetzliche) Verbote und Sanktionen aus. Winfried Bausback möchte, dass bei der Strafbemessung der religiöse/kulturelle Hintergrund keine Rolle spielt (S. 63ff.). Dabei ist der persönliche Hintergrund bei der Strafbemessung von Bedeutung. Wie er hier geltende Rechtspraxis aufheben möchte, ist unklar.

Ferner fordert er ein Verbot von „Kinderehen“, Polygamie und Vollverschleierung. Zudem sollen muslimische Richterinnen keine religiösen Symbole (z. B. ein Kopftuch) tragen (S. 65ff.), so wie es natürlich Bayern und andere europäische Länder vorgemacht haben. Diese Forderungen sind nicht neu. Aber auch die Erkenntnisse und Argumente, vor allem die Tatsache, dass es sich hierbei um Symbolpolitik handelt und nicht ein akut existierendes ‚Problem‘ ist bekannt. Denn der Andrang muslimischer Juristinnen an die Gerichte oder der massenhafte Burka-Trend sind bisher ausgeblieben. Und wenn irgendein Land wegen „Kinderehen“ kritisiert werden sollte, dann am ehesten die USA, wo zwischen 2000 und 2010 rund 248.000 Kinder verheiratet wurden. 

These 4: Diese Politik basiert auf vermeintlicher Empirie und unbegründeten Annahmen.

Den zuvor genannten Forderungen Bausbacks folgend erklärt Linnemann, nachdem er ein äußerst verstörendes und verzerrtes Bild gezeichnet hat (S. 238), dass Kopftücher an Grundschulen verboten sein sollten. Genauso wie Bausback nennt er aber weder irgendwelche Zahlen noch Studien, die diese Forderung untermauern, ja irgendwie relevant machen könnten. Ohne diese sind solche Forderungen nichts anderes als Populismus. Dadurch wird nicht den ‚armen Mädchen‘ geholfen, sondern ihren Gegnern, den Rechten. 

Dasselbe gilt für die Forderung in Bezug auf fastende Grundschulinder. Hierzu gibt es, wenn überhaupt, vereinzelte Meldungen. Eine religiöse Pflicht zum Fasten besteht für diese Altersgruppe ohnehin nicht, aber eine kindgerechte Annäherung ist durchaus üblich. Nüchterne Feststellungen, die Linnemann anscheinend anders einordnet, wenn er in polemischem Ton von „Problemen mit Grundschülern“ schreibt, „die im Ramadan strikt fasten und damit mehr Ehrgeiz im Erlernen religiöser Riten als im Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen an den Tag legen.“ (S. 241).

These 5: Diese Annahmen münden in rechtlich unmöglichen Forderungen und höchst fragwürdigen Überlegungen.

Kelek meint etwa, das Kopftuch könne nicht mit Kreuz oder Kippa verglichen werden, denn – aufgepasst – das Kreuz stünde für Glauben und Demut vor Gott, das Kopftuch aber Respekt und Achtung gegenüber dem Mann (S. 95). Eine aus vielerlei Sicht sehr fragwürdige These, was Kelek aber nicht daran hindert, basierend auf dieser Logik ein Kopftuchverbot an Schulen zu fordern (S. 101).  

Obwohl Sascha Adamek im Kapitel über Geld aus dem Ausland für Moscheen sich bewusst ist, dass seine Forderungen „viele verfassungsrechtliche Probleme“ (S. 81) aufwerfen, hält ihn das nicht davon ab, zu fordern, dass das Steuergeheimnis für alle Vereine, oder zumindest weltanschauliche und religiöse Vereine aufgehoben wird (S. 82f.) und Grundbucheinträge immer – und ohne Anlass – mit internationalen Terrorlisten abzugleichen (S. 88).

Muslime zwischen Dämonisierung und Engagement

Der „politische Islam“ als ein Kampfbegriff wird uns noch beschäftigen. Weitere Publikationen und Veranstaltungen sind angekündigt. Wir werden sehen, ob der „politische Islam“ tatsächlich einer sinnvollen, da realen Einordnung dienen wird oder zur Dämonisierung und Kriminalisierung „des Islams“. Momentan scheint es eher so zu sein, dass der Begriff dazu verwendet wird, um jene auszugrenzen, die man mit „Islamismus“ und auch „Salafismus“ nicht packen konnte, wie z. B. die DITIB, aber auch andere. Von daher ist es angenehmer, ihn möglichst undefiniert zu lassen, um den Rahmen weit zu halten. 

Wir werden auch sehen, ob der „politische Islam“ ein Totschlagargument wird, das letzten Endes jegliches politisches Engagement, das auch religiös begründet sein kann, aber nicht muss, in eine zwielichtige, gefährliche Ecke rückt. Politische Betätigung von Muslimen, sagen wir Wählen-Gehen, aber auch jede politische Positionierung kann schnell als Teil der ‚Agenda des politischen Islam‘ gedeutet werden. Und wenn man sich nicht an den Wahlen beteiligt, liegt der Verdacht nahe, man würde die ‚Grundordnung‘ missachten oder zumindest nicht voll hinter ihr stehen. Diesem Spannungsverhältnis zu entkommen ist nicht leicht. 

Im Grund fasst Necla Kelek die Meinungen und Methode der Akteure mit folgenden Satz gut zusammen: „Eine lebendige Religion passt sich an oder muss zu ihrem Glück gezwungen werden“ (S. 100).   

Leserkommentare

grege sagt:
Eine Religion mag den Menschen durchaus eine positive Orientierung bieten. Allerdings muss hier zwingend auch die Kehrseite erwähnt werden. Aus der Religion können leider auch Frömigkeitswahn, Überlegenheitsdünkel und Borniertheit abgeleitet werden, deren Extreme in dieser unheilvollen Kombination in Vergangenheit und Gegenwart unzähligen Menschen das Leben gekostet haben. Grundlage für solche Interpretationen und Lesarten einer Religionen bieten heilige Schriften wie z.B. Koran oder Bibel. Einzelne Passagen können hier als Aufruf für Massaker und sexuelle Gewalt an Frauen und Kindern missverstanden werden. Schon allein aus dem Grund sollte jegliche Einflußnahme der Religion auf das politische System eines Staates möglichst ausgeschlossen werden. Gegenteiliges, was derzeit in diversen muslimsichen Ländern passiert, bewirkt ehr Unheil. Neben dem Iran mit seinem theokratischen Mullahregime sind die ursprünglich säkularen Staatssysteme in Ländern wie z.B. Malaysia, Indonesien (Provinz Arche), Pakistan, Bangladesh oder die Türkei teilweise islamisiert worden. Als Folgeerscheinigung werden Anders- und Nichtgläubige diskriminiert, Frauenrechte werden beschnitten, Religionskritik wird unter drakonische Strafe gestellt, ebenso gängelt der Staat mündige Menschen durch Tabuisierung von sexuellen Orientierungen sowie Aufdrängen einer bestimmten Sexualmoral und schränkt persönliche Freiheiten der Menschen ein. Die heutigen Zustände von islamisch geprägten Staaten belegen aufgrund des flächendecken Desasters in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht, dass Religion und Politik getrennt voneinander agieren sollen. Selbst in Polen nimmt – wenngleich in milderer Form – die Kirche Einfluss auf die Regierungspolitik des Landes, was ebenso nationalkonservative Tendenzen begünstigt. In Deutschland hat die Religion ihre weltliche Macht faktisch aufgegeben, fungiert im Hintergrund als eine Art sozial-moralische Instanz. Auch diese Rollenverteilung hat dazu beigetragen, dass über Jahrhunderte bestehende Gräben zwischen christlichen Konfessionen, die noch bis in die 60er Jahre sichtbar waren, mittlerweile beseitigt worden sind. Unseren wirtschaftlichen Wohlstand gepaart mit sozialer und politischer Stabilität haben wir genau in der Phase verwirklicht, als die Religion sich zunehmend zu einer Privatangelegenheit des einzelnen Menschen entwickelt hat………Diese System besitzt eine derartige Attraktivität, dass es Muslime wie Dilaver, Harosch, Tarik oder deren Vorfahren in Scharen aus Problemländern nach Mitteleuropa angelockt hat.
08.07.19
21:49
Johannes Disch sagt:
@Tarik (03.07.19, 15:17) Interessante Ausführungen, wo ich in vielem zustimme. Der Islamismus ist tatsächlich eine totalitäre Ideologie, der sich religiös begründet. Dass er damit die Religion des Islam instrumentalisiert nimmt ihm nichts von seiner Gefährlichkeit. Aber: Was jetzt wirklich "islamisch" ist, daran scheiden sich die Geister. Man muss zwischen der Theologie und der empirischen Realität unterscheiden. Mag sein, dass der Begriff "Fundamentalismus" passender ist als "Politischer Islam" oder "Islamismus." Letztlich ist das aber nur ein unfruchtbarer semantischer Streit. Tatsache ist, dass islamistische Vordenker wie Sayyid Qutb und Al Maududi--- um die 2 wichtigsten zu nennen--- einen starken Einfluss auf die islamische Welt hatten und noch immer haben. Und diesen Einfluss gilt es zu bekämpfen. Und dabei sind alle gefragt, vor allem aber die friedlichen und demokratisch gesinnten Muslime. Das ist viel wichtiger als ein semantischer Streit darüber, was nun tatsächlich originär "islamisch" ist oder nicht. Was Bassam Tibi betrifft, da stimme ich Ihnen nicht ganz zu. Dem aktuellen Tibi-- der inzwischen leider sogar für den Schweizer Rechtsausleger Roger Köppel schreibt-- stehe ich auch skeptisch gegenüber. Aber seine Bücher zwischen Mitte der Achtziger und Anfang der Zweitausender Jahre sind nach wie vor lesenswert und aktuell. Tibi hatte Lehraufträge an vielen renommierten Universitäten dieser Welt, darunter Harvard und Yale und er hat an vielen internationalen Publikationen zum Thema mit gearbeitet. Akademische Meriten, die ein Thomas Bauer nicht vorzuweisen hat. Dasselbe gilt für Angelika Neuwirth. Aber das nur nebenbei.
09.07.19
8:48
Johannes Disch sagt:
@Tarik Aha, "Fundamentalismus" wäre sehr viel treffender als "politischer Islam?" Ja, "Fundamentalismus" stammt (angeblich) aus dem evangelikalem Christentum".... Aha... eine wunderbare subtile Reinwaschung des Politischen Islam (Islamismus). ´Nein, "Fundamentalismus" wäre nicht zutreffender, weil nicht jeder islamische Fundamentalist auch ein Islamist ist. "Politischer Islam" (Islamismus) ist ein klar definierter wissenschaftlicher Begriff!
11.07.19
10:13
SoWas sagt:
Ich kann mich hier nur einigen Mitforisten anschließen: Von einem Chefredakteur und Religionswissenschaftler hätte ich mehr erwartet. Herr Ali Mete diskreditiert sich hier selbst mit diesem Artikel. Einen Begriff am Beispiel einer einzigen Veröffentlichung zu kommentieren ist doch recht oberflächlich. Jedoch vielleicht passt dieser Kommentar besser zu einem Öffentlichkeitsarbeiter von Millî Görüş? Ich würde mich freuen, wenn IslamIq den Mut hätte andere Vertreter und Ansichten zum Islam hier eine öffentliche Gegenposition einnehmen zu lassen. Ich schlage hierzu vor: Seyran Ates.... obwohl, diese arme Frau wurde mit Morddrohungen überzogen und lebt unter Polizeischutz. Grüße
11.07.19
11:11
Tarik sagt:
@ Johannes Disch Zuallererst ist es kein semantisches Problem, ob der Begriff „Fundamentalismus“ passender sei als „politischer Islam“ (was der Fall ist und auch das ist gut belegt. Lesen Sie bsp. Yusuf Choueris 1990 erschienenes Werk "Fundamentalism"). Denn wenn wir von "Fundamentalismus sprechen", dann befassen wir uns mit einer bestimmten politischen Strömung. Dass dieser Begriff aus dem evangelikalen Christentum stammt - genauer: aus einer bestimmten konservativen Strömung in den USA zwischen 1900 und 1920 ist deshalb passend, weil die islamischen fundamentalistischen Bewegungen inhaltlich recht ähnlich sind. Sie befassen sich z.b. überhaupt nicht mit spirituellen Dingen, sehr wohl fixieren sie sich auf äußerliche Merkmale von "Moral". Wenn man genau definiert und analysiert und demzufolge Dinge KLAR benennt, können wir auch die Merkmale, Eigenschaften, Herkunft usw. herausarbeiten und analysieren. Und kommen dabei in zahlreichen Studien u.a. zu dem Ergebnis, dass es sich hier um einen modernen Reform-Islam handelt, der NICHT in der islamischen Tradition wurzelt. Oder anders gesagt: Wenn Salafismus saudischer Prägung, Dinge wie Terrorismus etc. oder revolutinärer Fundamentalismus a la Maudidi und Qutb „authentisch islamisch“ wären – dann wäre die islamische Welt mehr als ein Jahrtausend auf dem Holzweg gewesen (vom islamistischen Standpunkt her). Wenn wir allerdings diese bestimmte Richtung mit „politischen Islam“ per se gleichsetzen, behaupten wir, dass jegliche sich als „islamisch“ deklarierten Bewegungen, Organisationen oder Parteien mit Muslimbrüdern etc. gleichzusetzen seien, dass "islamisch" automatisch "konservativ" sein muss. Was nicht der Fall ist. Es gab und gibt auch islamische Erneuerungsbewegungen, die bsp. versuchten Dinge wie Sozialismus und Islam in Einklang zu bringen. Denken wir bsp. an Ali Shariati – der Iran stand in den 1970er Jahren während der Proteste nahe dran, zu einer Art „islamischen sozialistischen Republik“ zu werden, in einigen Ländern gab es ja auch Sonderwege (Ghadaffis Modell war zu seiner Zeit relativ erfolgreich) Vergessen wir auch nicht, dass bei den Gezi-Park Protesten nicht nur pro-kemalistische oder intellektuelle, linke Demonstranten aktiv waren, sondern auch Bewegungen wie „antikapitalistische Muslime“. Kurz gesagt: Es gibt Organisationen, die sich „islamisch“ oder „muslimisch“ nennen, politisch und gesellschaftlich aktiv sind – aber nichts mit dem fundamentalistischen Reform-Islam (und noch weniger mit Salafismus) gemein haben. Abdel Wahhab Meddeb plädiert in seiner innermuslimischen Islamkritik "Die Krankheit des Islams" vor allem für zwei Begriffe: 1 Fundamentalismus, 2. Integrismus (entlehnt aus der reaktinären katholischen Strömung, die sich gegen Reformen querstellte) Er schreibt: "Trotz dieser westlichen und christlichen Konnotationen bin ich der Ansicht, dass sich "Fundamentalismus" sehr gut für den Geist des Salafismus eignet, dessen Anhänger den Islam zu modernisieren versuchten und dennoch die "Fundamente" zu erhalten bestrebt waren (durch Rückkehr zur ursprünglichen Utopie). "Integrismus" passt dagegen zu den Bewegungen, die seit 1930 von den Muslimbrüdern ausgelöst wurden und alle heutigen Islamisten und Terroristen umfassen. INdem wir diesen Begriff verwenden, denken wir an die Polysemie des Wortes Integrität: Zustand einer Sache, die intakt geblieben ist, aber auch in dem veralteten Sinn von "Tugend", absolute Reinheit. Während Integrität qualitativ ist, ist das Französische "integralité" quantitativ: Zustand einer Gesamtheit. Eine Vorschrift "Dans son intégralité" befolgen, bedeutet, sie insgesamt zu befolgen. Der Islamismus ist also Integrismus, wenn er die Integrität seines Gesetzes predigt, dessen Anwendung er in seiner Gesamtheit fordert. Damit setzt er jede Andersheit außer Kraft (Anmerkung: denken sie an Thomas Bauer) und fordert eine Form des Daseins, das einen neuen Namen in den Katalog der Totalitarismen einfügt, die im letzten Jahrhundert gewütet haben. Zwischen beiden Wörtern (Fundam. und Integr.) gibt es einen Unterschied in der Intensität: Zwang wird zum Terror und Kampf zu Krieg. Dagegen zögere ich, "Integrismus" mit "Islamismus" gleichzusetzen, denn bis zu Ernest Renan hat man den Islam in Frankreich so genannt, und sogar noch später (analog zu dem Wort "christianisme"). Die Integristen kann man jedoch als Islamisten bezeichnen, denn dies unterscheidet sie von den Muslimen..." Zum Punkt "Religion" und deren vermeintlichen Kehrseite: "Frömigkeitswahn, Überlegenheitsdünkel und Borniertheit" ist ein menschliches Problem, kein religiöses. Und dies kann man aus jeglicher Weltanschauung ableiten. Und auch in Namen von Dingen wie "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" verloren zig Menschen das Leben. Oder in Namen des Fortschritts, oder des Klassenkampfes, oder in Namen der Verbreitung der Demokratie (George W. Bush bezeichnete die Irak-Kampagne mit den Worten "spreading the seeds of democracy) Der Punkt ist folgender: Die Religion an sich lehrt genau die oben genannten Probleme, die aus dem menschlichen Ego entstehen, zu beherrschen. Wenn man als deutscher Bildungsbürger freilich "Religion" mit der eigenen europäischen Geschichte der Kirche gleichsetzt, dann ergibt sich freilich ein Zerrbild. Es gibt ja nicht "DAS" religiöse Verständnis und der Islam - gerade in seiner nachklassischen Zeit (zwischen 1200 und 1800) ist ein Beispiel, aus dem man lernen kann, auch und gerade heute. Freilich ist Religion wie auch jede andere Weltansicht immer dann problematisch, wenn sie totalitär und mit absolutem Wahrheitanspruch vertreten wird, ich denke in diesem Punkt herrscht hier Einigkeit.
14.07.19
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