Kommentar

Der „politische Islam“ – ein Kampfbegriff

Der sogenannte „politische Islam“ taucht immer öfter in den Islamdebatten auf. Doch was genau ist dieser „politische Islam“? IslamiQ-Chefredakteur Ali Mete kommentiert den neuen Kampfbegriff.

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06
2019
politische Islam
Politischer Islam (c)shutterstock, bearbeitet by iQ

Ein Kampfbegriff ist im Anmarsch. Nach „Fundamentalismus“, „Radikalismus“, „Extremismus“, „Islamismus“, „Salafismus“ und „Dschihadismus“ folgt nun: der „politische Islam“. Der Begriff taucht langsam wieder in Zeitungen und wenigen populären Buchtiteln auf. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung fehlt bislang. 

Das erinnert an die Zeit als man aus einem vermeintlich sicherheitspolitischen Kalkül heraus den Begriff „Salafismus“ kreierte, ohne über absehbare Assoziationen nachzudenken. Wie beim „Salafismus“ kommt diese Reflexion vermutlich erst dann, wenn die heiße Phase der Diskussion vorbei ist. Nämlich dann, wenn alle möglichen Forderungen nach Eindämmung, Bekämpfung und Prävention des „politischen Islam“ gestellt und Maßnahmen auf den Weg gebracht worden sind. Danach kann man sich in Ruhe darüber unterhalten, was das denn ist, dieser „politische Islam“. 

Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls nach der Lektüre des Sammelbandes „Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland“. Dessen Herausgeber, Carsten Linnemann (CDU) und Winfried Bausback (CSU), sind übrigens ausgerechnet zwei Politiker, in deren Parteien die Religion schon im Namen steckt. Das Buch ist aufschlussreich für die Beschäftigung mit dem Thema, da es sprachlich und inhaltlich so ziemlich alles enthält, was in den Diskussionen über den „politischen Islam“ und verwandte Themen immer wieder auftaucht. 

Die Logik des Buches ist schnell ausgemacht und lässt sich in fünf Thesen wiedergeben, die meiner Meinung nach wesentlich für die versammelten Aufsätze sind: 

  1. Islam und Muslime werden als Problem gesehen. 
  2. Diese Sichtweise folgt einem Wir-ihr-Denken. 
  3. Dieses Denken führt zu einer Verbots- und Sanktionspolitik.
  4. Diese Politik basiert auf vermeintlicher Empirie und unbegründeten Annahmen.
  5. Diese Annahmen münden in rechtlich unmöglichen Forderungen und höchst fragwürdigen Überlegungen.

Außen vor lasse ich die

  • Autorennauswahl: Von alteingesessenen Islamkritikern wie Necla Kelek, die zum gefühlt 1000sten mal über das Kopftuch schreibt, bis zu hohen Staatsbeamten wie Markus Kerber, den man in diesem Band nicht erwartet hätte. 
  • Themenwahl: In mehreren Aufsätzen taucht der Begriff „politischer Islam“ nur nebenbei oder gar nicht auf, so dass man sich selbst denken muss, was das Thema nun genau mit „politischen Islam“ zu tun haben soll. Alles scheint wohl schon irgendwie damit verknüpft zu sein. So in dem Beitrag von Boris Palmer, der den Leser bis zum letzten Absatz nicht verrät, was die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen in einer Stadt mit „politischem Islam“ zu tun haben könnte.
  • Fehlende Definition: Dort wo der Begriff auftaucht, wird er nicht näher oder gar nicht erklärt/definiert. Ich habe mindestens fünf Definition herauslesen können. 

These 1: Islam und Muslime werden als Problem gesehen. 

Das verwundert bei vielen der Autoren nicht wirklich, ist aber in der thematisch vielfältigen und sprachlichen Wucht recht markant. Es wird quasi kein gutes Haar an Islam und Muslimen gelassen. Schon der erste Aufsatz des Politikwissenschaftlers Ruud Koopmans mit dem Titel „Gehört der real existierende Islam zu Deutschland?“ (S. 11) macht das deutlich. Koopmans findet bei jeder islamischen Gemeinschaft in Deutschland durchweg nur Probleme, so wie er auch in der islamischen Welt nichts Gutes erkennen kann. Lediglich ein „hohes Maß an Reformarbeit in den eigenen Reihen“ könne Abhilfe schaffen, damit niemand mehr „unter dem real existierenden Islam leiden“ (S. 23) müsse. 

Dem schließt sich der Politikwissenschaftler und ausgediente Islamkritiker Bassam Tibi an, der vor langer Zeit den überholten und ausdiskutierten Begriff des „Euro-Islam“ geprägt hat. Ihm zufolge stehe jede Form des „politischen Islam“ der Integration im Weg. Nur wenn er im Sinne eines ‚säkularen Islams‘ europäisiert und reformiert werde, könne von Integration gesprochen werden (S. 41). 

Während dem Islamwissenschaftler und LKA-Mitarbeiter Marwan Abou-Taam zufolge die Muslime „für die freie Gesellschaft gewonnen werden“ (S. 60) müssten, was vermutlich nicht nur in meinen Ohren ziemlich anmaßend klingt, nennt Düzen Tekkal die „Verbände“ im selben Atemzug mit dem „IS“. Denn „wir“ hätten die „Zukunft deutscher Muslime in die Hände dieser Verbände gelegt“, in denen „immer wieder (…) junge Menschen zu IS-Kämpfern radikalisiert“ worden seien (S. 173). 

Das eigentlich Unerträgliche ist die ständige Assoziation von allem Muslimischem mit so vielen schlechten Dingen, die ich hier nicht aufzählen möchte. Da hilft es auch nicht, wenn man nebenbei mal anmerkt, dass natürlich nicht alle, sondern nur die ‚bösen Muslime‘ gemeint seien. Nicht nur dem aufmerksamen Leser wird recht schnell klar, dass es hier um mehr geht als nur einige wenige Personen muslimischen Glaubens, die sich daneben benommen haben oder sogar straffällig geworden sind. So platt das auch klingen mag, ist die Botschaft: Das Problem ist der Islam, sind die Muslime.

These 2: Diese Sichtweise folgt einem Wir-ihr-Denken.

Wer so denkt, wird das in seiner Sprache nicht verbergen können. Immer wenn in den verschiedenen Aufsätzen von der Grundordnung, Werten und Gesetzen gesprochen wird, sind es „unsere“, denen sich die Muslime und Migranten, die „zu uns gekommen sind“ und bei „uns“ leben möchten, anzupassen haben. Damit wird Muslimen pauschal die Rechtstreue abgesagt, so als würden Muslime und Migranten nicht zu dem „Wir“ gehören und müssten ständig daran erinnert werden, sich an Recht und Ordnung zu halten.

Es wird unmissverständlich deutlich, dass Muslime, auch wenn sie seit Jahrzehnten in Deutschland leben, immer die „Mitbürger aus anderen Kulturen und mit anderen religiösen Überzeugungen“ (S. 223) sind. Sie sind Fremde, weil ihre ‚Kultur‘ ‚unserer‘ widerspricht, wie Linnemann meint. Ein solches Wir-ihr-Denken lässt die Kritik von Linnemann (S. 229) und anderen Autoren des Bandes an dem Schwarz-Weiß-Weltbild der Radikalen nicht gerade glaubwürdig erscheinen.  

Für Linnemann und die meisten anderen Autoren des Buches ist Migration eine potenzielle Gefahr, „die zu Konflikten führen kann“, vor allem dann „wenn die kulturellen Unterschiede zwischen Einwanderern und Einheimischen besonders groß sind“ (S. 224). Es führt also kein Weg daran vorbei: „Es kann nur eine Rechts- und Werteordnung geben: die unsrige.“ (S. 224). 

Glaubt Linnemann wirklich, dass Muslime und Geflüchtete eine ernsthafte Bedrohung für die Grundordnung darstellen? Oder sollte er sich nicht viel mehr Sorgen um die Rechten in den Parlamenten machen, die tatsächlich die Möglichkeit und auch den erklärten Willen haben, grundrechtliche Freiheiten einzuschränken oder sogar aufzuheben. Aber das fordert Linnemann in einigen Bereichen ja auch!? 

These 3: Dieses Denken führt zu einer Verbots- und Sanktionspolitik.

Die meisten Autoren des Sammelbandes sprechen sich für (am besten gesetzliche) Verbote und Sanktionen aus. Winfried Bausback möchte, dass bei der Strafbemessung der religiöse/kulturelle Hintergrund keine Rolle spielt (S. 63ff.). Dabei ist der persönliche Hintergrund bei der Strafbemessung von Bedeutung. Wie er hier geltende Rechtspraxis aufheben möchte, ist unklar.

Ferner fordert er ein Verbot von „Kinderehen“, Polygamie und Vollverschleierung. Zudem sollen muslimische Richterinnen keine religiösen Symbole (z. B. ein Kopftuch) tragen (S. 65ff.), so wie es natürlich Bayern und andere europäische Länder vorgemacht haben. Diese Forderungen sind nicht neu. Aber auch die Erkenntnisse und Argumente, vor allem die Tatsache, dass es sich hierbei um Symbolpolitik handelt und nicht ein akut existierendes ‚Problem‘ ist bekannt. Denn der Andrang muslimischer Juristinnen an die Gerichte oder der massenhafte Burka-Trend sind bisher ausgeblieben. Und wenn irgendein Land wegen „Kinderehen“ kritisiert werden sollte, dann am ehesten die USA, wo zwischen 2000 und 2010 rund 248.000 Kinder verheiratet wurden. 

These 4: Diese Politik basiert auf vermeintlicher Empirie und unbegründeten Annahmen.

Den zuvor genannten Forderungen Bausbacks folgend erklärt Linnemann, nachdem er ein äußerst verstörendes und verzerrtes Bild gezeichnet hat (S. 238), dass Kopftücher an Grundschulen verboten sein sollten. Genauso wie Bausback nennt er aber weder irgendwelche Zahlen noch Studien, die diese Forderung untermauern, ja irgendwie relevant machen könnten. Ohne diese sind solche Forderungen nichts anderes als Populismus. Dadurch wird nicht den ‚armen Mädchen‘ geholfen, sondern ihren Gegnern, den Rechten. 

Dasselbe gilt für die Forderung in Bezug auf fastende Grundschulinder. Hierzu gibt es, wenn überhaupt, vereinzelte Meldungen. Eine religiöse Pflicht zum Fasten besteht für diese Altersgruppe ohnehin nicht, aber eine kindgerechte Annäherung ist durchaus üblich. Nüchterne Feststellungen, die Linnemann anscheinend anders einordnet, wenn er in polemischem Ton von „Problemen mit Grundschülern“ schreibt, „die im Ramadan strikt fasten und damit mehr Ehrgeiz im Erlernen religiöser Riten als im Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen an den Tag legen.“ (S. 241).

These 5: Diese Annahmen münden in rechtlich unmöglichen Forderungen und höchst fragwürdigen Überlegungen.

Kelek meint etwa, das Kopftuch könne nicht mit Kreuz oder Kippa verglichen werden, denn – aufgepasst – das Kreuz stünde für Glauben und Demut vor Gott, das Kopftuch aber Respekt und Achtung gegenüber dem Mann (S. 95). Eine aus vielerlei Sicht sehr fragwürdige These, was Kelek aber nicht daran hindert, basierend auf dieser Logik ein Kopftuchverbot an Schulen zu fordern (S. 101).  

Obwohl Sascha Adamek im Kapitel über Geld aus dem Ausland für Moscheen sich bewusst ist, dass seine Forderungen „viele verfassungsrechtliche Probleme“ (S. 81) aufwerfen, hält ihn das nicht davon ab, zu fordern, dass das Steuergeheimnis für alle Vereine, oder zumindest weltanschauliche und religiöse Vereine aufgehoben wird (S. 82f.) und Grundbucheinträge immer – und ohne Anlass – mit internationalen Terrorlisten abzugleichen (S. 88).

Muslime zwischen Dämonisierung und Engagement

Der „politische Islam“ als ein Kampfbegriff wird uns noch beschäftigen. Weitere Publikationen und Veranstaltungen sind angekündigt. Wir werden sehen, ob der „politische Islam“ tatsächlich einer sinnvollen, da realen Einordnung dienen wird oder zur Dämonisierung und Kriminalisierung „des Islams“. Momentan scheint es eher so zu sein, dass der Begriff dazu verwendet wird, um jene auszugrenzen, die man mit „Islamismus“ und auch „Salafismus“ nicht packen konnte, wie z. B. die DITIB, aber auch andere. Von daher ist es angenehmer, ihn möglichst undefiniert zu lassen, um den Rahmen weit zu halten. 

Wir werden auch sehen, ob der „politische Islam“ ein Totschlagargument wird, das letzten Endes jegliches politisches Engagement, das auch religiös begründet sein kann, aber nicht muss, in eine zwielichtige, gefährliche Ecke rückt. Politische Betätigung von Muslimen, sagen wir Wählen-Gehen, aber auch jede politische Positionierung kann schnell als Teil der ‚Agenda des politischen Islam‘ gedeutet werden. Und wenn man sich nicht an den Wahlen beteiligt, liegt der Verdacht nahe, man würde die ‚Grundordnung‘ missachten oder zumindest nicht voll hinter ihr stehen. Diesem Spannungsverhältnis zu entkommen ist nicht leicht. 

Im Grund fasst Necla Kelek die Meinungen und Methode der Akteure mit folgenden Satz gut zusammen: „Eine lebendige Religion passt sich an oder muss zu ihrem Glück gezwungen werden“ (S. 100).   

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
"Und in Deutschland trägt der verlängerte Arm der AKP den Namen DITIB." Da ist sie wieder: Die DITIB als Sündenbock für die Ereignisse in der Türkei. Und die nächste politische sowie mediale Schlammschlacht gegen DITIB kommt bestimmt, auch wenn es um DITIB zur Zeit ruhig geworden ist. *gähn* Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem Übel Satans sowie der Politik.
28.06.19
0:01
IslamFrei sagt:
An Hr. Disch. Es freut mich, wie bedrohlich gerade Sie, der eher als ' Master-Muslim-Flüster' wahrgenommen wird, die Islamische = islamistische Gefahr erkannt- und beschrieben haben. Ich sehe den Islamismus ebenso bedrohlich, wie Sie sie beschreiben. Die Blutspur über Deutschland und Europa, US, und zuletzt in Sri Lanka, hätte der alerten Teil der Bevölkerung ähnlich wachrütteln sollen, wie es der damaligen Intelligenz (Prominentes Beispiel Albert Einstein ) in den 30er Jahre getan hat. Umso mehr wundere ich mich, dass die Deutschen anscheinend sehenden Auges abwarten, bis die Muslims sich die Kritische Masse erarbeitet haben- - - ( durch Zuzug und durch Karnickel-Metode ) - - - die ihnen ermöglicht, so aufzutreten, wie es die Muslims in die Türkei vormachen. Wetten, dass eine künftige Muslimische Mehrheit sich - einmal die Macht in Händen - schon zu helfen weiss, um "Ewigkeits- Gesetze" zu 'abrogieren' ? Gruss, IslamFrei.
28.06.19
0:02
Johannes Disch sagt:
Ali Metes Kritik an dem Band "Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland" ist berechtigt. Das Buch ist teilweise recht oberflächlich und versammelt u.a. altbekannte Banall-"Islamkritiker" wie Necla Kelek. Dieselbe Oberflächlichkeit zeigt allerdings leider auch Ali Mete selbst. Zu behaupten, Begriffe wie "Politischer Islam", "Salafismus", "Fundamentalismus" wären Kampfbegriffe und nicht definiert ist schlicht falsch, wie ich in meinen letzten beiden Posts erläutert habe. Und dass so eine Aussage auch noch von jemandem kommt, der Politikwissenschaft studiert hat, das ist mehr als verwunderlich und legt den Verdacht nahe, dass der Artikel nicht seriös informieren will, sondern indoktriniert. Die Musik bei dem Thema spielt an US-Universitäten. Wegweisend ist hier das fünfbändige Standardwerk "Fundamentalism Project", das die Universität von Chicago erarbeitet hat und das den Fundamentalismus in allen Weltreligionen untersucht. Dazu wären noch Namen zu nennen wie Karen Armstrong, Clifford Geerz, John Kelsay und Giles Kepel, um nur einige zu nennen. Lektüre, die in Deutschland leider kaum bekannt ist. Wir begnügen uns leider mit oberflächlichen Schreihälsen wie Abdel-Samad und Necla Kelek. Es gibt auch gute deutschsprachige Literatur zu dem Thema "Politischer Islam" ("Islamismus"). Zu nennen wäre hier beispielsweise Bassam Tibi (bevor er zu Roger Köppel in die Schweiz abdriftete). -- Bassam Tibi: "Fundamentalismus im Islam" (2000) -- Bassam Tibi: "Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik." (2003) und -- Tilman Seidensticker: "Islamismus." (2015) Die genannten Bücher sind wesentlich informativer als der hier besprochene Band. In einem liegt das Buch jedoch richtig: Ein politischer Islam gehört tatsächlich nicht zu Deutschland. Und es gilt hier in der Tat, wachsam zu sein. Wenn wichtige Funktionäre wie Aiman Mazyek (ZMD) und Sawsan Chebli (SPD und Staatssekretärin in Berlin) allen ernstes behaupten, die Scharia und das Grundgesetz würden sich vereinbaren lassen, dann müssen die Alarmglocken schrillen. Es sind solche unnötigen und unseligen Äußerungen, mit denen Muslime-- genauer: muslimische Funktionäre-- das Misstrauen säen. Ein politischer Islam möchte-- wie ich erläutert habe-- die Gesellschaft entsäkularisieren. Und das gehört tatsächlich nicht zu Deutschland!
28.06.19
8:52
Johannes Disch sagt:
Dass der Begriff "Politischer Islam" inhaltlich tatsächlich gut zu fassen ist und wissenschaftlich brauchbar, das habe ich in den letzten beiden Posts erläutert. Dasselbe gilt übrigens auch für die Begriffe "´Fundamentalismus" und "Salafismus." Aber das nur nebenbei. Das hier von Ali Mete besprochene Buch ist tatsächlich recht oberflächlich. Es hat aber recht damit, dass der politische Islam nicht zu Deutschland gehört. An dieser klaren Abgrenzung sollten auch Muslime ein Interesse haben. Es gibt allerdings bessere deutschsprachige Literatur als das besprochene Buch. -- Bassam Tibi: "Fundamentalismus im Islam." -- Bassam Tibi: "Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik." -- Tilman Seidensticker: "Islamismus."
28.06.19
11:36
Johannes Disch sagt:
Ich verstehe den Mechanismus hier langsam nicht mehr so ganz. Früher wurden Beiträge sofort eingestellt. Dann dauerte es Tage. Nun sind sie wieder sofort online -- nur, um kurz darauf wieder weg zu sein. Sollte die Kritik am Autor der Grund sein, dann wäre das nicht nachvollziehbar. Kritik am Artikel und auch am Verfasser müssen erlaubt sein. Vielleicht hat es aber auch nur technische Gründe?? Um meine letzten nicht mehr auffindbaren Beiträge noch einmal kurz zusammenzufassen: Der Autor behauptet, "Politischer Islam" wäre ein (neuer) Kampfbegriff, der nicht exakt definiert wäre. Warum das nicht richtig ist, das habe ich in meinen Beiträgen vom 26.06. und 27.06. erläutert. Es gilt vielleicht für das Buch, das er hier bespricht. Das ist in der Tat teilweise sehr oberflächlich. Aber in den Sozialwissenschaften ist der Begriff "Politischer Islam" längst exakt umrissen und hat seine Brauchbarkeit bewiesen. Dasselbe gilt übrigens auch für Begriffe wie "Islamismus", "Fundamentalismus" und "Djihadismus."
28.06.19
15:26
gregek sagt:
Ditib hat hier in Deutschland genügend auf den Kerbholz, da kann man sich den Umweg über die Türkei sparen.
01.07.19
19:56
Johannes Disch sagt:
@Bassam Tibi Ali Mete nennt Bassam Tibi einen "ausgedienten Islamkritiker" und sein Konzept des "Euro-Islam" nennt er "ausdiskutiert und überholt." Das ist erstens sehr despektierlich. Und zweitens müsste er seine Behauptung über den "Euro-Islam" nachweisen. Man kann über den aktuellen Tibi geteilter Meinung sein. Aber der Mann hat nach wie vor seine Verdienste. Nicht umsonst wurde er 1995 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet für seine Verdienste um den Dialog zwischen den Kulturen und Religionen. Tibi hat schon vor dem Politischen Islam (Islamismus) gewarnt als die meisten Deutschen noch gar nicht wussten, was das eigentlich ist. Und er hat sich immer für Integration und Dialog eingesetzt. Und er hat in seinen Büchern Grundlagen zum Verständnis der Religion und Kultur des Islam gelegt. Diese Verdienste bleiben! Seine Bücher zwischen 1987 und Anfang der 2000er Jahre sind bis heute das beste, was man zum Thema lesen kann. Wer sich mit Bassam Tibi beschäftigen möchte, hier eine kleine Auswahl (Der Mann hat über 30 Bücher in deutscher Sprache veröffentlicht, dazu noch einige in englischer Sprache). -- "Vom Gottesreich zum Nationalstaat." -- "Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt." -- "Der wahre Imam. Geschichte des Islam von Mohammed bis zur Gegenwart." -- "Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den Weltfrieden?" -- "Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik." Bassam Tibi ist nach wie vor ein akademisches Schwergewicht und seine Bücher sind wertvoll, weil sie über tagespolitische Aktualität hinaus gehen. Ali Metes flapsige Bemerkungen über Tibi werden diesem Mann nicht gerecht.
02.07.19
9:30
Tarik sagt:
Tim Winter (aka Abdal Hakim Murad), ein brillanter Kopf am Muslim College in Cambridge, schrieb einmal lapidar und zugleich pointiert: "Political Islam? That WOULD be a good idea." Das, was unter dem Begriff "politischer Islam" subsumiert wird, ist nichts anderes als eine bestimmte politische Strömungen, die sich zwar mit islamischen Begriffen schmücken, letztlich jedoch sehr viel näher an totalitären Ideologien der Moderne sind, als an der eigenen Tradition. Nehmen wir als Beispiel einen der Vordenker des politischen Islamismus, den Pakistaner Maudidi (der - wie soviele andere maßgebliche Islamisten auch, nicht aus dem traditionellen Gelehrtentum kam, sondern Journalist war. Thomas Bauer verweist zurecht auf den Umstand, dass die Mehrheit der Islamisten tatsächlich Ingenieure sind). Maudidi schrieb vor etwa 70 Jahren folgendes: "Muslime sind eine internationale revolutionäre Partei; die sich unter dem Banner der islamischen Ideologie organisiert haben, um ihr revolutionäres Programm zu implementieren. Dschihad ist der Begriff, welcher den größtmöglicher revolutionären Kampf der islamischen Erneuerungspartei beschreibt, um die islamische Revolution voranzutreiben." (1939) Daran ist nichts „islamisch“, das ist schlicht die Übernahme von Trotzis Modellen inklusive der Begriffe. Auf der Suche nach Antworten auf die Eruptionen der Moderne übernahmen Leute wie Maududi, genauso wie Qutb (dessen Vorbild der Faschist Alexis Carrel war (!), scheinbar ohne Vorbehalte fast sämtliche Substanzen und Denkmodelle aus nicht-islamischen Quellen. Und auch noch aus Quellen, die von antireligiösen Kräften kreiert wurden. Daher verwundert es nicht, dass ein anderer brillanter Kopf, nämlich Wael Hallaq ("The impossible State") aufzeigt, warum weder die Taliban, noch irgendwelche "Islamische Republiken" tatsächlich islamisch sind. Nichtmuslimische Denker - die nicht anti-islamischen Vorurteilen, die man in Europa stets gepflegt hat, auf den Leim gehen - wie bsp. Slavoj Zizek und John Gray, haben dies auch treffend erkannt und benannt. Tatsächlich ist es Wael Hallaq, der zum Thema "Politik/Staat" und "Islam" die mit Abstand besten Arbeiten verfasst hat - und u.a. mit den Mythen aufräumt, dass es im Islam keine Trennung von religiösem und staatlichem gebe. Das Bassam Tibi hierzulande als intellektuelles „Schwergewicht“ gilt liegt vor allem daran, dass das Themenfeld „Islam“ größtenteils und lange Zeit hierzulande entweder von a) ideologisch vorurteilsbehafteten Orientalisten, die ihr Ergebnis im Vorfeld kennen, b) intellektuellen Leichtgewichten oder c) Experten, die sich am Islam abarbeiten, jedoch durch gefährliches Halbwissen glänzen – bearbeitet wurde. Leute wie Frank Griffel, Ulrich Rudolph, Gudrun Krämer und Thomas Bauer stehen hingegen für einen Denkwechsel. Im angelsächsischen Raum hingegen findet man schon lange brillante Arbeiten und Studien. Was den „politischen Islam“ angeht: Tatsächlich ist der Begriff "Fundamentalismus" sehr viel treffender als "politischer Islam". Und zwar auch gerade deshalb, weil dieser Begriff aus dem evangelikalen Christentum stammt. Denn was wir in der islamischen Welt des letzten Jahrhunderts erleben, ist, mit den Worten von Angelika Neuwirth – DEM Schwergewicht in Deutschland in Sachen Koranforschung - gesprochen, eine "Protestantisierung des Islams". Verlust der eigenen Meinungsvielfalt, der einstigen Toleranz, der Mehrdeutigkeit der Sprache, der Lesarten des Kurans, der verschiedenen Kuranauslegungen, kurz, des gelebten Islams, den seine Vielfalt immer auszeichnete. Hin zur "Vereindeutigung der Welt". Und ein totalitäres System verspricht Eindeutigkeit und Fortschritt. Deswegen erschienen Sozialismus und Faschismus für die islamistischen Denker sehr viel fortschrittlicher als Dinge wie "liberaler Humanismus" - denn diesen kann man sich leisten, wenn man ein gewisses Maß an Weltherrschaft und Reichtum erreicht hat :-) Der islamistische Fundamentalismus ist ein Siegeszug ohne Sieg. Weil er scheitern muss und letztlich immer in einem totalitären Staat endet. Nicht, wie uns die hiesigen „Islamexperten“ versichern wollen, weil diese „Gottesstaaten“ einen „konsequent zuende gedachten Islam“ darstellen würden. Sondern, weil sie versuchen, zwei völlig verschiedene Konzepte in Einklang zu bringen und heraus kommen Staaten, wie es sie in der islamischen Geschichte nie gegeben hat. Auf der anderen Seite fliehen dann, wenn sich die Möglichkeit bietet, zahlreiche Menschen vor solchen Staaten - man sieht das auch an dem sprunghaften Anstieg des Atheismus in der arabischen Welt innerhalb des letzten Jahrzehnts. Eine übrigens völlig normale Reaktion auf den pseudereligiösen Terror. Das Problem ist, dass diese reformatorisch-fundamentalistischen Ansätze dafür gesorgt haben, dass der Islam, insbesondere wenn es um gesellschaftliches Engagement geht, in Misskredit geraten ist. Islam gilt nur dann als akzeptabel, wenn – möglichst unsichtbar für die Öffentlichkeit – sich ein paar Leute ihr Seelenheil in privaten Treffen suchen dürfen. Doch Religion ist gerade heutzutage nötiger denn je, denn sie ist DIE Instanz für Selbstprüfung und Selbstbeherrschung. Ohne diese Dinge ist die menschliche Vernunft nur eine rein instrumentelle und sorgt nicht nur für ein persönliches Ungleichgewicht (Burnout), sondern vor allem für ein globales. Der Islamismus, insbesondere in seinen terroristischen Ausprägungen, mag schlimm sein. Er ist eine Reaktion, auch wenn er ein Irrweg ist. Doch nicht er hat das globale Ungleichgewicht und all die ökologischen und ökonomischen Herausforderungen verursacht – sondern der blinde Fortschrittsglaube. Insofern hat sich Religion sehr wohl in die Politik einzumischen – aber nicht nach islamistischeh Lesart. Sondern er hat sich mit Dingen wie Nachhaltigkeit, Erhalt der Schöpfung, fairer Handel, Kampf gegen unkontrollierte Agrarwirtschaft, Genetik etc. zu beschäftigen.
03.07.19
15:17
Dilaver Çelik sagt:
@Tarik Danke für Ihre herzerfrischenden Erläuterungen. Genau diese Art von intellektueller Auseinandersetzung mit dem genannten Phänomen habe ich im Artikel vermisst.
04.07.19
18:25
R2D2 sagt:
@ Tarik Wie soll "er" (-Wer? Religion ist ein sachlicher Begriff) sich mit Genetik beschäftigen? Und wie mit Agrarwirtschaft? Als Atheist widerspeche ich dem, dass Götterglauben nötig ist.
04.07.19
20:24
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