Muslimische Akademiker

Das Christliche in der Offenbarungszeit des Korans

Akademiker widmen sich den wichtigen Fragen unserer Zeit. IslamiQ möchte zeigen, womit sich muslimische Akademiker aktuell beschäftigen. Heute mit Tuğrul Kurt über die christlichen Quellen zur Zeit der koranischen Offenbarung.

10
06
2019
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Tugrul Kurt über das Christliche in der Offenbarungszeit des Korans
Tugrul Kurt

IslamiQ: Können Sie uns kurz etwas zu Ihrer Person und ihrem akademischen Werdegang sagen?

Tuğrul Kurt: Mein Name ist Tuğrul Kurt. Ich bin 1989 in Recklinghausen geboren. Nach meinem Abitur habe ich internationale islamische Theologie in Istanbul an der Marmara Universität studiert, wo ich auch meinen Master im Bereich der Religionswissenschaft und Religionsgeschichte absolviert habe. Nachdem ich zwei Jahre in Istanbul als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war, hat sich die Gelegenheit geboten, in Frankfurt an der Goethe Universität zu promovieren. Mittlerweile bin ich in Frankfurt im Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam (Fachbereich Sprach- und Kulturwissenschaften) als Promovierender immatrikuliert und arbeite im Fachbereich Evangelische Theologie als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Damit bin ich auch Kollegiat des DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) Graduiertenkollegs 1728 „Theologie als Wissenschaft“.

IslamiQ: Können Sie uns Ihre Dissertation kurz vorstellen?

Kurt: In meiner Dissertation beschäftige ich mit den christlichen Quellen der sogenannten Isrâîliyyât-Materialien der frühen muslimischen Exegeten. Zwischen der Offenbarungszeit des Korans z. B. den Prophetengeschichten, die im Koran nur zweckgebunden wiedergegeben werden und den Ausführungen der Exegeten gibt es teilweise große Diskrepanzen. Daraus resultiert, dass einige außerkoranische Narrative zum koranischen Verständnis hinzugefügt werden. In meiner Dissertation geht es darum, insbesondere die christlichen Quellen der Isrâîliyyâtund die Rolle und Funktion des Christlichen in der Offenbarungszeit zu analysieren, um eine quellenhistorische Rekonstruktion zu bieten.

Wichtig ist mir hierbei, dass meine Arbeit nicht von der orientalistischen Prämisse ausgeht, den Koran nur als jüdische oder christliche Schrift oder Fortsetzung der Bibel zu sehen, sondern sich innerhalb der islamisch-theologischen Tradition verortet, für die der Koran vielmehr als einen Text betrachtet wird, der auf der Basis des Kulturguts und dem monotheistischen bzw. theistischen Erbe des Juden- und Christentums basiert.

IslamiQ: Warum haben Sie dieses Thema ausgewählt? Gibt es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

Kurt: Das Thema meiner Dissertation steht in enger Verbindung mit meiner Masterarbeit. Darin habe ich mich unter anderem mit der kulturellen und religiösen Landschaft der arabischen Halbinsel befasst. Eine der vorislamischen Gruppen auf der arabischen Halbinsel sind die Christen bzw. die syrisch sprechenden Christen. Ich habe gesehen, dass viele muslimische Gelehrte des Fikhs, Kalâms und Tafsîrs, von diesen syrisch sprechenden Christen und deren Werken bzw. Quellen beeinflusst wurden. Insbesondere die muslimischen Historiographen und Exegeten haben jüdische und christliche Quellen verwendet. Auf der anderen Seite haben die syrischen Christen von den Muslimen profitiert, die wichtige administrative Ämter innehatten. Diese Interdependenz weiter zu analysieren habe ich mir für meine Dissertation aufgehoben. Dadurch habe ich auch den Sprung von den Religionswissenschaften und der Religionsgeschichte zur Exegese gewagt. Bei der näheren Bestimmung meines Themas hat mich der zusätzliche Syrischunterricht entscheidend geprägt.

IslamiQ: Haben Sie positive bzw. negative Erfahrungen während Ihrer Doktorarbeit gemacht? Was treibt Sie an?

Kurt: Natürlich bekomme ich sehr positives Feedback, da das ein sehr interessantes und relativ wenig erforschtes Thema ist. Auf der anderen Seite gibt es auch eine distanzierte und skeptische Haltung, insbesondere außerhalb der Wissenschaft, die das Thema nicht ganz einordnen können, weil einige orientalistische Ansätze damit verbinden und diese negativ konnotieren. Aber gerade das gibt mir immer wieder Motivation. Die Tatsache, dass ich mein Promotionsvorhaben verteidigen muss, hat dazu geführt, dass ich mich immer mehr damit identifiziere.

IslamiQ: Inwieweit wird Ihre Doktorarbeit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland nützlich sein?

Kurt: Diese Frage zu beantworten ist nicht einfach. Da es keine empirische Forschung ist, ist der Nutzen für die muslimische Gemeinschaft in Deutschland nicht immer auf dem ersten Blick zu sehen. Außerdem bietet meine Dissertation nicht nur Erkenntnisse im Bereich der Islamwissenschaften, der islamischen Theologie und allgemein der Islam- und Koranforschung, sondern auch der christlichen Studien und der komparativen Geschichte.

Für die Muslime würde diese Arbeit, ohne irgendwelche Ergebnisse vorwegzunehmen, die Frage aufkommen lassen, inwiefern die Isrâîliyyât-Überlieferungenfür das Koranverständnis „immer“ vom Nutzen sind. Darüber gibt die Interdependenz der syrischen Christen und der muslimischen Gemeinschaft auch Lichtblicke für heute, die wiederum nicht nur für Muslime vom Nutzen sein können.

Das Interview führte Muhammed Suiçmez.