Gastbeitrag

Das „Dialog“-Diktat

Dialog ist sinnvoll und notwendig, jedoch nur wenn er frei und offen geführt wird. Für den Islamwissenschaftler Dr. Ahmet Inam ist jedoch der akademische wie der politische Dialog von Diktaten geprägt. Ein Gastbeitrag.

01
06
2019
Symbolbild: Dialog Diktat © shutterstock, bearbeitet by iQ
Symbolbild: Dialog Diktat © shutterstock, bearbeitet by iQ

Seit nun mehr als 20 Jahren nehme ich an verschiedensten Dialogveranstaltungen teil. Von wissenschaftlich-theologischen Dialogsymposien bis hin zu kommunalen Dialogabende. Ich war meist gewöhnlicher Teilnehmer, von Zeit zu Zeit aber auch eingeladener Redner. In den meisten Veranstaltungen war ich vielmehr passiv und beobachtete einfach das Geschehen. Sowohl in den Veranstaltungen, in denen ich passiver Beobachter war als auch in den Veranstaltungen, in denen ich ein Thema vorgetragen habe, gab es immer wieder eine Situation, bei der das Wort „Dialog“ einfach verblasste. 

Mehrmals musste ich beobachten, aber auch selbst erfahren, wie manche Personen – zu denen u. a. auch Organisatoren der Veranstaltungen gehörten – ihr Missbehagen mit Mimik und Gestik oder mit Worten deutlich zeigten, wenn ein muslimischer Redner, Teilnehmer oder Mitorganisator nicht die von ihnen erhofften und erwünschten Aussagen tätigte. Als ich vor ein paar Jahren eine Rede über mein Promotionsthema „Sünde im Islam“ hielt, zeigte mir ein nichtmuslimischer Teilnehmer offen seine Bitterkeit und Enttäuschung darüber, dass ich die historisch-kritische Lesart des Korans missachtet hätte, obwohl er mit so vielen Erwartungen gekommen sei. Seine Erwartung bestand anscheinend darin, eine Tür zum Paradies zu ergattern, ohne an die Religion zu glauben. Da ich aber nicht – wie andere es tun – Nichtmuslimen das Paradies versprach, wozu ich nicht befugt bin, und sogar von der Deutlichkeit der jenseitigen Pein für Ungläubige im Koran sprach, war ich für diesen Laien weder ein guter Muslim, der seine Religion nicht besonders gut kannte, noch ein guter Akademiker, der sich der historisch-kritischen Lesart mit Leidenschaft hingeben müsste. 

Das Diktat der historisch-kritischen Lesart

Die historisch-kritische Lesart ist nichts weiter als eine Methode von vielen, deren Anwendung an der Bibel nicht mit der Anwendung am Koran gleichzusetzen ist. Seit ein paar Jahren ist sie die magische und alles erklärende Methode, die nur „Konservative, ewig Gestrige, Unaufgeklärte“ missachten. Das scheint das aktuelle Diktat auf die akademisch-theologischen Kreisen zu sein. Die laienhafte Lesart dieser Methode ähnelt zwar in gewissem Rahmen der der Akademischen, doch die Erwartungen sind – wenn auch nicht immer – unterschiedlich. Während der Akademiker zumeist versucht, das historisch Geschehene erst einmal wissenschaftlich in der Geschichte zu verorten, zu reproduzieren, das Geschehene zu verstehen und anschließend die Ergebnisse zur Diskussion stellt, geht es den Laien zumeist darum, alles – von der Vorbildhaftigkeit des Propheten bis hin zu den Grundlagen der Religion – für immer in die Abgründe der Geschichte zu versenken oder diese zumindest geringzuschätzen. 

Die Ambiguitätstheorie von Thomas Bauer, die zurecht große Anerkennung bekam, hat es dagegen nicht geschafft, ein Diktatswerkzeug zu werden, zumal diese Theorie für ein Diktat nicht taugt. Denn dieser Theorie zufolge wären die klassischen Methoden und Lesarten in den Koran- und Hadithwissenschaften oder die islamisch klassische Form der historisch-kritischen Lesart (Stichpunkt: Offenbarungsanlässe) mit der modernen Form dieser Lesart gleichgestellt. Diese Methode ist für den modernen Menschen nur zur Positionierung der eigenen Meinung im Diskurs nützlich, sie wird quasi missbraucht. Doch da er lieber selbst – unabhängig von Quellen und weiterer Meinungen und Methoden – für sich das Richtige zu seinem Wohlgefühl bestimmen möchte, ist sie danach unzweckmäßig.

Moderne Bedürfnisse

Der moderne Mensch braucht keine gemoderte Weltvorstellungen, er braucht keine Gebote und Verbote, keine Regeln aus dem Himmel. Er hat Kant, Marx und Nietzsche gelesen und machte Gott obsolet. Er ist der Supermensch! Der Zeitgeist von heute, der dank des Globalismus überall hin schwappt, ist die Unbekümmertheit. Die Unbekümmertheit dank des Kapitals und der Aufklärung. Und diese Unbekümmertheit will man nicht nur im Diesseits. Nein, auch für das Jenseits beansprucht der moderne aufgeklärte Mensch für sich das Heil, unabhängig dessen, ob er daran überhaupt glaubt oder nicht. Der Glaube ist auch nicht wichtig, sondern das Wohlgefühl. Da ist jemand, der von der Pein und Strafe für Sünden im Diesseits spricht oder die Aufklärung kritisch betrachtet, ein Störenfried. Aufgrund dieses Diktats habe ich nicht selten beobachten können, wie manche muslimischen Redner – Akademiker, Verbandsleute oder einfache Engagierte – sich dem Diktat nicht widersetzen konnten, nur um Ende nicht als „inhumane und unaufgeklärte Person“ dazustehen. 

Das bisher Gesagte soll die guten Erfahrungen, die aufrichtigen Dialogpartner oder den wichtigen Austausch zwischen den ernsthaft am Dialog interessierten Menschen in den Dialogveranstaltungen nicht in den Schatten stellen. Das ist sicherlich nicht beabsichtigt. Es geht mir hierbei um die voreingenommene Haltung derjenigen, die, entgegen eines Bestrebens nach wissenschaftlichen Erkenntnissen oder entgegen einer auf Augenhöhe geführten Diskussion, zweckmäßige Methoden herauspicken, unbekümmert vorgedachte Schlussfolgerungen ziehen und diese versuchen anderen zu diktieren. Diese sind keine Einzelfälle mehr, sondern vermehren sich in akademischen Kreisen und Dialogveranstaltungen, verbreiten sich in der Bevölkerung und sind derzeit in Politik und Medien präsent. Das herrschende Diktat in und durch Politik und Medien lässt sich nicht minder durch die Akzeptanz von fragwürdigen Personen als Ansprechpartner für das muslimische Leben oder durch die Vermarktung dieser seitens der Medien verdeutlichen.  

Der andere „Kuschel-Dialog“

Eine Pervertierung des Wortes „Dialog“ geschieht nicht einseitig, diese falsche Herangehensweise findet sich auch innerhalb der muslimischen Seite. Nicht wenige Muslime sehen in diesen Veranstaltungen eine lukrative Möglichkeit, stellen sich als aufgeklärte „Kuschel-Muslime“ vor, wirbeln mit kuscheligen Wörtern wie Freiheit, Demokratie, liberal, historisch-kritische Lesart oder geben unbedachte und theologisch fragwürdige Sätze ab wie „der Glaube im Herzen ist wichtiger als die Handlung…“, „die Konservativen sind so und so…“, „es gibt nicht den Islam…“, „der Koran muss neu ausgelegt werden..“, „diese Auffassung über diese Sünde ist nicht mehr zeitgemäß, sondern gehört zum Mittelalter..“ etc. Und doch sind es zumeist diese Kuschel-Muslime, die mit wenigen schmeichelnden Worten und Sätzen, ohne ausreichendes Fachwissen oder wissenschaftliche Seriosität zu Ansprechpartnern der Politik werden. Mehr noch, sie werden in den Dienst des Staates aufgenommen, wodurch die Politik nochmals verdeutlicht, dass es ihr weniger um ernsthaften und ehrlichen Dialog mit den Muslimen geht, sondern um ihre Muslime, die dem Zeitgeist ihre Hochachtung bieten.   

Der Inhalt des Diktats ändert sich nicht nur hin und wieder, sondern je nach Bereich des sozialen Lebens ist der Inhalt unterschiedlich. Ist das Diktat auf die theologisch-akademischen Kreisen die historisch-kritische Lesart, so bestand vor ein paar Jahren der Inhalt des Diktats auf das muslimische Leben in Deutschland darin, sich vom Terror und von den Salafisten zu distanzieren. Als wären diese „Frankenstein-Muslime“ ein islamisches und nicht ein modernes Problem. Das aktuelle, von der Politik und den Medien geleitete Diktat auf das muslimische Leben in Deutschland besteht nun darin, den hiesigen und seit Jahrzehnten wertvolle Dienstleistungen bietenden Religionsgemeinschaften eine Absage zu erteilen, diese mehr als nur kritisch zu beäugen und die Wurzel des ganzen Übels im Ausland zu lokalisieren. 

Eine fachlich bis zu den elementarsten Themen noch so unwissende Person kann dank der gleichgesinnten diktierenden Medien und Politik zu einer Ansprechperson zum Thema Islam werden. Dazu muss sie nur die hiesigen Religionsgemeinschaften angreifen, sie diffamieren und ihre Beziehungen ins Herkunftsland verteufeln. Wer diesem Diktat folgt, der kann auf die Unterstützung der Medien und des Staates zählen, wie so einige mini- muslimische Vereine diesen Sachverhalt verdeutlichen, die bei der vierten Deutschen Islam Konferenz (DIK) zu gleichwertigen Ansprechpartner des Staates wurden. Konnte eine muslimische Kommentatorin in einer Zeitung mal aus der Reihe tanzen und mutig die hiesige rechtspopulistische Politik kritisieren, so reichte ein neuer kritischer und herablassender Artikel über die Religionsgemeinschaften, um die Gunst der vielen Kritiker ihres mutigen Artikels wieder zu gewinnen. 

Es geht mir hierbei nicht um die teilweise berechtigte Kritik an die Auslandspolitik von Herkunftsländern wie der Türkei oder um berechtigte Kritiken über die Versäumnisse der islamischen Religionsgemeinschaften. Es geht um Stimmungsmache gegen diese Gemeinschaften, aus der dann das Diktat entsteht. Als es noch keine Probleme zwischen der Türkei und Deutschland gab, waren die Religionsgemeinschaften stets gern gesehene Gäste und galten als Schutzbolzen gegen die Radikalisierung innerhalb der Muslime. Das zeigt, wie schnell, beliebig und undankbar der Inhalt des Diktats sich ändern kann. Die Frage der fachlichen Kompetenz, der jahrzehntelangen aufrichtigen Engagements, des ehrlichen Dialogs, der Rücksichtnahme der Wünsche und Gefühle der meisten Muslime, sind für das Diktat nebensächlich. 

Dialog, der keiner ist

Doch der Kontakt und der „Dialog“ soll weiter existieren. Die großen Religionsgemeinschaften können auch nicht einfach übergangen werden, da sie zu wichtig für das muslimische Leben sind und die überwältigende Mehrheit der Muslime ihre Dienstleistungen tagtäglich – ob sie nun Mitglied sind oder nicht – in Anspruch nehmen. Der „Dialog“ und der Kontakt soll also weiterhin bestehen, doch die Religionsgemeinschaften werden bei den wichtigen Entscheidungen über das muslimische Leben aktuell übergangen. Aber der „Dialog“ mit ihnen soll weiterbestehen, auch wenn in NRW gerade ein Runder Tisch mit „Experten“ entsteht, um den Einfluss der Religionsgemeinschaften zu mindern. Doch der „Dialog“ ist wichtig, auch wenn die Bundesländer den Islamunterricht mit Ausschluss der Religionsgemeinschaften allein organisieren möchten. Zum Iftar lädt man sich ein, doch bei der Islamkonferenz sind die Gemeinschaften lediglich belanglose Teilnehmer und sind den säkularen, also „Kulturmuslimen“ und weiteren „50-Mann und Frau Vereinen“ gleichgestellt. Aber nicht vergessen, „Dialog“ ist wichtig, doch staatliche Fördergelder bekommen nur die, die dem Diktat folgen. Der „Dialog“ ist von großer Bedeutung, natürlich, doch bei den wichtigen Personalentscheidungen der theologischen Fakultäten haben sie nicht mehr oder nur begrenzt mitzureden.

Würden die Religionsgemeinschaften in diesem „Dialog“ die gemäß dem Diktat erwünschten Aussagen tätigen, also das demokratische Recht der Meinungsfreiheit und das Recht der verfassungskonformen Selbstentfaltung nicht in Anspruch nehmen, sie wären wohl schon morgen wieder beliebt. 

Wäre das Problem dann wirklich gelöst? Hätte ich dem Teilnehmer einen Platz im Paradies verheißen, wozu ich weder befugt bin noch die Macht besitze? Was käme danach? 

Leserkommentare

grege sagt:
Der Autor ignoriert die Vielfalt seiner eigenen Religion, die sich eben nicht nur aus Muslimen mit einer einer konservativen Gesinnung zusammensetzt. Wie in jeder anderen Religion haben andere Angehörige ein anderes Religionsverständnis, das es ebenfalls zu respektieren gilt. Die größeren Islamverbände wollen auf der einen Seite als alleiniger Ansprechpartner für ihre Religion wahrgenommen werden, ignorieren aber die Bedürftnisse und das Religionsverständnis von liberalen und säkular eingestellten Muslimen. Schon allein aus dem Grund darf und kann der Staat nicht nur die konservativen Verbände berücksichtigen
06.06.19
20:02
mo sagt:
Sogar der Papst Johannes Paul II glaubte nicht buchstäblich an die Hölle, sondern verstand diese als eine endgültige Entfremdung von Gott. Jeder muss sich eben früher oder später entscheiden, zu welchem Gott man beten möchte: Zu einem, der allwissend, allmächtig und allbarmherzig ist, oder einem, der aufgrund von für das Geschöpf nicht unmittelbar nachvollziehbaren starren Regeln 70% der Menschheit in Ewigkeit foltern wird. Da stellt sich doch die Frage, was hier der größere islamische Glaubensgrundsatz ist: Ist man eher ungläubig, wenn man nicht denkt, dass Albert Schweizer oder Mutter Theresa in die Hölle kommen, oder wenn man von der Allgerechtigkeit und Allbarmherzigkeit Gottes als seine zentralen Eigenschaften zweifelt? Grundsätzlich sei angemerkt, dass sich sowohl interreligiöses Zusammenleben als auch gesellschaftlicher Frieden mit dem Religionsverständnis des Autors nicht vereinbar sind.
09.06.19
9:04
Charley sagt:
Da nun ein 12tes Posting hier veröffentlicht wurde, mein vor Tagen geschriebenes aber nicht, gehe ich davon aus, dass es der Zensur zum Opfer fiel. Also hier ein zweiter Versuch (anders, hoffentlich akzeptabel formuliert): Sehr geehrter Herr Dr. Ahmet Inam, insofern Sie wohl Spezialist für islamische Sünden sind, hier eine Frage, die Augehöhe der Diskussion und Zeitgenossenschaft betreffend. Für das Nachtodliche sieht der Islam drastische Strafen für Apostasie (vom islamischen Glauben abfallen) vor. Auch wenn es im Koran wohl nicht so vermerkt ist, sich also die Strafen nur auf die Zeit im Nachtodlichen beziehen, hat sich im islamischen Recht eingebürgert, diese Strafen vor zu ziehen, indem man den Apostaten zum Tode oder anderen Strafen verurteilt (und diese Strafen auch z.T. vollzieht!). Div. Rechtschulen im Islam bestätigen das als die richtige islamische Auffassung. (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Apostasie_im_Islam ). Nun steht diese Auffassung in krassem Kontrast zur Religionsfreiheit, die dem Individuum z.b. in Deutschland gewährt wird. Bestrafung würde sogar dem deutschen Recht widersprechen. Insofern schützt deutsches ("westliches"/europäisches) Recht auch die Zeichner der Mohammed-Karrikaturen oder Salam Rushdie uam.. Darum lobte ich in einem vorhergehenden Beitrag auch die Freiheit, despektierlich sich über Jesus zu äußern (was auch behinhaltet entsprechendes über andere Religionen, Götter oder Propheten zu tun.) Das ist einfach das Niveau europäischer Meinungsfreiheit. In anderen Staaten,.... je islamischer sie sind, um so mehr... wird so etwas nicht geduldet. Moslems, die ich persönlich hier sprach, äußerten sich auch ablehnend gegenüber solcher Freiheit. Auch wenn sie es nicht wagten, tatsächliche Strafen zu fordern, so forderten sie die Unterlassung solcher Äußerungen. Bereits damit stehen sie nicht mehr auf der Grundlage des Grundgesetztes, welches die künstlerischen Freiheit, der Meinungsfreiheit ausdrücklich einräumt. Ganz abgesehen, dass damit eine unterschwellige Drohung einhergeht. Wer hat schon Lust unter ständigem Polzeischutz zu leben, weil evtl. (!) irgend ein Moslem gerade sich bewaffent, um "Ruhm und Ehre zu erlangen, weil er einen Gotteslästerer eleminiert hat". Es lebt also hinter der "Bitte" um Respekt vor religiösen Gefühlen eine massive, unterschwellige Drohung. Es sei denn der Islam in Deutschland lehnt eine jegliche Bestrafung solcher Islam-Religionskritischen Satire oder ablehnendes Urteil (Meinung!) ab. Damit setzte sich ein solcher Islam aber in direkten Gegensatz zu o.g. Rechtsschulen. Wer ein Gespräch auf Augenhöhe, als Zeitgenosse fordert, sollte sich schon z.B. durch so eine Positionierung ausweisen. Alles andere wäre evtl. nur scheinbare, "taktische" Aufrichtigkeit, also eben keine (!) Aufrichtigkeit. Sehen Sie die strafrechtliche Verfolgung von Apostaten für richtig an? Wünschen Sie entsprechendes auch für Deutschland? Wie beurteilen Sie entsprechende Urteile in islamischen Ländern?
10.06.19
11:48
Dilaver Çelik sagt:
"Grundsätzlich sei angemerkt, dass sich sowohl interreligiöses Zusammenleben als auch gesellschaftlicher Frieden mit dem Religionsverständnis des Autors nicht vereinbar sind." Das kommt dabei raus, wenn theologische Fragen mit Fragen zum gesellschaftlichen Zusammenleben verwechselt bzw. miteinander vermengt werden. Theologische Fragen und Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sind zwei unterschiedliche Ebenen, die aufeinander nicht übertragbar sind. Der Koran zieht hier eine klare Grenze: Leküm dinüküm veliyedin, d.h. Euch Eure Religion und mir meine Religion. Damit ist die Sache geklärt. Wenn ein bibelfester Christ davon überzeugt ist, dass ich in die Hölle komme, dann muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass ich mit ihm in Konflikt komme. Es ist sein Glaube und das hat mich nicht zu jucken, und damit gut ist. Und wenn er mit mir deswegen nichts zu tun haben will, dann ist das seine Sache und hat mich nichts anzugehen. Ich respektiere seine Entscheidung, distanziert zu bleiben. Ich muss mich deshalb nicht verunsichert fühlen. Und falls ich dennoch damit ein Problem habe, dann muss ich an mir selbst arbeiten, um damit klarzukommen. Die Verwechslung bzw. Vermengung von theologischen Fragen mit Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist das Resultat politisierten Denkens in der Moderne. Der islamische Gelehrte Said Nursi erkannte, dass das Denken der Menschen in der Gegenwart politisch kontaminiert ist und warnte deshalb vor der Politisierung islamischer Werte bzw. vor der politischen Instrumentalisierung islamischer Werte, weil dies dazu führt, dass islamische Werte degradiert werden, was der Religion schadet und fromme Muslime dadurch Nachteile erleiden. Leider haben muslimische Intellektuelle wie Seyyid Kutub das nicht beachtet und haben an einer Ideologie gebastelt, welche den Interessen der Muslime eher geschadet als genützt hat. Die Frage, warum ein Kafir nicht mit "Hey Kafir" angeredet werden soll, beantwortet Nursi sinngemäß: Genauso wie es sich nicht gehört, eine einäugige Person mit "Hey Einauge" anzureden, weil es kränkend ist. Das sollte für uns ein Maßstab sein. Danke übrigens an Tarik dafür, dass er das Beispiel mit al-Ghazali genannt hat, weil es verdeutlicht, dass islamische Gelehrte schon in der Vergangenheit sich mit solchen Fragen beschäftigt haben und die Thematik viel komplexer ist als verkürzt dargestellt.
10.06.19
16:24
Tarik sagt:
@charley Auch in der islamischen Klassik und Nachklassik gab es bereits Meinungen bedeutender Gelehrter, die argumentierten, dass Apostasie keine Bestrafung im Diesseits zur Folge haben dürfte - freilich blieb dies insgesamt gesehen eine Minderheitenmeinung. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass das Osmanische Reich im Zuge der Tanzimatreformen (1839) die Todesstrafe für Apostasie abschaffte - und dies auch vom damaligen religionrechtlichen Oberhaupt bestätigt wurde (und man auch religiös begründete). Nach dem Untergang des Osmanischen Reiches geriet auch der religiöse Reformprozess (u.a. Auch Reform des dhimmistatus buw rechtliche gleichstellung) in Vergessenheit. Erst Jahrzehnte nach dem Ende des Osman. Reiches konnte sich die Azhar Universität zu einer entsprechenden fatwa durchringen, welche die Abschaffung der Todesstrafe für Apostasie bestätigte. Zu den Klassischen Gelehrten wäre kurz zu sagen: erst in jüngerer Zeit befasst sich die hiesige Islamwissenschaft mit Manuskripten, die sie bislang nicht kannten, heraus kommte ein sehr viel komplexeres Bild als das bislang geltende (wie "Unterdrückung der Philosophie durch die Orthodoxen"). Ein Beispiel: Der andalusische Bekannte Fiqh-gelehrte (und philosoph) Ibn Hazm war größtenteils eher streng und puritanisch. Doch Wikipedia wird Ihnen nicht enthüllen, dass derselbe ibn Hazm gut begründen konnte, warum eine Frau sehr wohl ein Gebet in der Moschee leiten konnte (vor Männern und Frauen). Das Problem heute ist, wie Thomas Bauer es treffend feststellte, dass man sowohl von antiislamischer als auch fundamentalistischer Seite aus den Augenmerk nur auf die strengstmöglichste islamauslegung wirft, als ob diese quasi am authentischsten sei (zum Beispiel bei der Frage der "Abrogation"). Wobei "heute" nicht ganz richtig ist. Schon Ernest Renan im 19. Jhdt. sah in den Wahabiten den "wahren Islam" - obgleich seinerzeit die islamische Ulema weltweit mehrheitlich jene als irrgläubige Sekte bezeichnete. Offenbar passte dies zum konstruierten Weltbild und den dazugehörigen Gründungsmythen: Der semitische Islam habe nur kurz am griechischen denken geschnuppert, welches nur am europäischen Gasthof sein ("ursprünglichen") Platz finden konne. Manche neo-mutazelitische Muslime (Bassam Tibi) versuchen immer noch, dieses Bild aufrechtzuerhalten, sehen aber durch Forschungsergebnisse der letzten 20 Jahre ihre Felle davonschwimmen. Tatsächlich weiß man heute, dass das griechische denken kontinuierlich im Orient weiterlebte (ohne eine jahrhundertelange Unterbrechung/Mittelalter), dort aber auch weiterenwickelt wurde zu einem anderen System, wo nicht Eindeutigkeit und Fortschritt um jeden Preis, sondern Synthese und Ausgleich im Fokus standen.
11.06.19
1:37
Charley sagt:
@Dilaver Çelik Sie schreiben: "Die Verwechslung bzw. Vermengung von theologischen Fragen mit Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist das Resultat politisierten Denkens in der Moderne. Der islamische Gelehrte Said Nursi erkannte, dass das Denken der Menschen in der Gegenwart politisch kontaminiert ist und warnte deshalb vor der Politisierung islamischer Werte bzw. vor der politischen Instrumentalisierung islamischer Werte, weil dies dazu führt, dass islamische Werte degradiert werden, was der Religion schadet und fromme Muslime dadurch Nachteile erleiden. Leider haben muslimische Intellektuelle wie Seyyid Kutub das nicht beachtet und haben an einer Ideologie gebastelt, welche den Interessen der Muslime eher geschadet als genützt hat." Nun ja, da fragt man sich was für Sie "Politik" ist! Wikipedia (wer lesen kann ist echt im Vorteil): "Politik bezeichnet die Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen. Sehr allgemein kann jegliche Einflussnahme, Gestaltung und Durchsetzung von Forderungen und Zielen in privaten oder öffentlichen Bereichen als Politik bezeichnet werden." Ich denke mal, dass das auch das landläufige Verständnis ist. Und nun schaue man mal die islamischen Länder an. Je islamischer, um so mehr bestimmt "der Islam" das öffentliche Leben, das Gemeinschaftsleben. Und das nicht nur in Saudi-Arabien oder dem Iran. Auch der Herr Erdogan in der Türkei versucht gerade massiv wieder den Islam zum Maßstab des öffentlichen Lebens zu machen. [Ironiemodus on:] Das ist natürlich ganz und gar unter dem Einfluss der Moderne geschehen und kam in früheren Zeiten nicht vor! [Ironiemodus off] Ich weiß nicht, wo Sie leben, aber vermutlich nicht in der Wirklichkeit.
12.06.19
13:01
Charley sagt:
@ Tarik, Sie schreiben: „Erst Jahrzehnte nach dem Ende des Osman. Reiches konnte sich die Azhar Universität zu einer entsprechenden fatwa durchringen, welche die Abschaffung der Todesstrafe für Apostasie bestätigte.“ In dem von mir genannten Wikipedia-Artikel steht aber (Datum: 23. September 1978: Siegel mit Staatswappen: Die Arabische Republik Ägypten. Al-Azhar. Der Fatwa-Ausschuss in der Azhar): „….. Da er vom Islam abgefallen ist, wird er zur Reue aufgefordert. Zeigt er keine Reue, wird er islamrechtlich getötet. …… Was seine Kinder betrifft, so sind sie minderjährige Muslime. Nach ihrer Volljährigkeit, wenn sie im Islam verbleiben, sind sie Muslime. Verlassen sie den Islam, werden sie zur Reue aufgefordert. Zeigen sie keine Reue, werden sie getötet…..“ Insofern ist mir Ihre Aussage von der „Abschaffung der Todesstrafe für Apostasie“ nicht wirklich verständlich! ;-) Gut zu lesen ist, dass das Deutsche Islamforum 2006 in einer Grundsatzerklärung jedwede Bestrafung von Apostaten ablehnte. Allerdings…: „Es ist hervorzuheben, dass die vom Zentralrat der Muslime e. V. in Deutschland vertretene und in seiner Islamischen Charta manifestierte Position über die Religionsfreiheit schari’a-rechtlich keine Relevanz hat und mit Hinblick auf die Beurteilungen der Apostasie in muslimischen Ländern in der Gegenwart somit rechtsunerheblich ist.“ Wie sich der einzelne Muslim insofern gewissens- und glaubensmäßig hier positioniert, würde mich wirklich interessieren, gerade im Hinblick auf „Beleidiger des Islam, Allahs oder Mohammeds“. Denn der „einfache Abfalls“ (also eine andere Religion für sich zu pflegen) ist eines. Für diese neue Religion unter Moslems „zu werben“ ist etwas anderes… oder gar rückblickend negativ, kritisch zu urteilen über die „verlassene Religion“. Alles wird summiert unter dem Begriff "Apostasie". Also….!
12.06.19
13:19
Charley sagt:
@ Dilaver Çelik, Sie schreiben: "Die Frage, warum ein Kafir nicht mit "Hey Kafir" angeredet werden soll, beantwortet Nursi sinngemäß: Genauso wie es sich nicht gehört, eine einäugige Person mit "Hey Einauge" anzureden, weil es kränkend ist. Das sollte für uns ein Maßstab sein." Falsch! Jemanden mit seinem (letztlich sehr äußerlichen) körperlichen Gebrechen anzusprechen, heißt diese Person auf dieses Gebrechen zu reduzieren. Neben der Engigkeit der Sicht auf den anderen kommt zudem noch zum Tragen, dass der so Urteilende auch seinen eigenen Horizont, seine eigenen Scheuklappen damit sehr deutlich ausdrückt. Da ist es die Begegnung von Person zu Person. Der zweite Gedanke "Hey Kafir" ist abzulehnen, weil es Rassismus ist! Zunächst wird jemand durch seine Gruppenzugehörigkeit definiert ("Typisch Frau", "Ausländer", "Nafri", "Faschist", "Jude", "Moslem"...), was sachlich evtl. noch irgendwie richtig sein mag, aber individualitätsverachtend ist, weil der/die Angesprochene eben auf diese Gruppeneigenschaften reduziert wird. (Jeder hat Gruppenzugehörigkeiten, aber jede Individualität kann exakt diesen Gruppenzugehörigkeiten sich entgegen positionieren.) Wird damit noch eine Wertung des sich so Aussprechenden verbunden, so ist es Rassismus, denn die also allein maßgebliche Gruppenzugehörigkeit wertet den (auf diese reduzierten) so Angesprochenen ab. Und ein "Kafir" ist in den Augen eines sich "im Besitz der einzigen und wahren Religion wähnenden Moslem" ein hochmütiges (mitleidiges?) Von-Oben-Herab-Anschauen. Für mich wäre es ein Witz, weil der so Urteilende vor allem eben seinen Hochmut (Dummheit), seine Eitelkeit und Sektenhaftigkeit zur Schau stellen würde. Nebenbei wäre eine solche offen vorgetragene Arroganz auch Aggression. Aber um all das zu begreifen, müssten Sie in der Lage sein, über Ihren moslemischen Tellerrand gucken zu können.
13.06.19
11:43
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