MUSLIMISCHE AKADEMIKER

Der Umgang mit dem Leid im Islam

Akademiker widmen sich den wichtigen Fragen unserer Zeit. IslamiQ möchte zeigen, womit sich muslimische Akademiker aktuell beschäftigen. Heute Daniel Roters zur Frage der Theodizee im Islam.

01
12
2018
Daniel Roters © Pakize Altınbaş
Daniel Roters © Pakize Altınbaş

 

IslamiQ: Können Sie uns kurz etwas zu Ihrer Person und ihrem akademischen Werdegang sagen?

 

Daniel Roters: Mein Name ist Daniel Roters. Ich bin in einer deutsch-bosnischen Familie aufgewachsen, für mich eine Selbstverständlichkeit. Der Blick der Anderen hat mir in positiver, aber auch negativer Hinsicht gezeigt, dass der Weg zwischen den Kulturen keine Selbstverständlichkeit ist. Durch den Bosnienkrieg wurde dies mir noch deutlicher, denn Risse und Wunden, physischer wie psychischer Art, mussten versorgt werden. Ich erkannte, dass in diesen Gegebenheiten auch große Chancen liegen. Vielleicht wäre es ja möglich, Brücken zu bauen, Menschen zu verbinden, sie ins Gespräch miteinander zu bringen und einen kleinen bescheidenen Anteil daran zu tun, dass sich die Urkatastrophen des 20. Jahrhunderts nicht wiederholten. So studierte ich Arabistik und Islamwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte, Öffentliches Recht und Germanistik in Münster, mit einem einjährigen Gastspiel in Kairo.

 

IslamiQ: Können Sie uns Ihre Arbeit kurz vorstellen?

 

Roters: Meine Arbeit soll darstellen wie eine genuin islamische Position zur Frage der Theodizee aussehen kann, also die Frage nach der Allmacht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes angesichts von Schmerz und Leid in der Welt. Hierbei bewegen wir uns vor allem im Bereich der islamischen systematischen Theologie, der Philosophie sowie der Weisheitslehren der Mystiker. Die Arbeit versucht die verschiedenen Stränge, in denen in der islamischen Tradition über das Leid und den Umgang mit diesem berichtet, zusammenzudenken. Es geht hierbei auch darum, eine fassbare Sprache zu finden und Konzepte wie Geduld, Prüfung oder Gottvertrauen in Worte zu fassen.

 

IslamiQ: Warum haben Sie dieses Thema ausgewählt? Gibt es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

 

Roters: Sicherlich ist die Vernichtung von Muslimen und der Versuch der Tilgung ihrer Geschichte in meinem Mutterland Bosnien ein ausschlaggebender Punkt gewesen: Die Erkenntnis, dass die Heimat nicht an einem Ort oder in einer politischen Gruppierung liegt, sondern im Glauben liegt und dadurch unverletzbar wird. Den Menschen, die dies auf schmerzliche Art und Weise erfahren mussten, ist meine Arbeit gewidmet, die auch als ein Versuch betrachtet werden kann, das Unaussprechliche zur Sprache zu bringen.

 

IslamiQ: Haben Sie positive/negative Erfahrungen während Ihrer Doktorarbeit gemacht? Was treibt Sie voran?

 

Roters: Ich habe festgestellt, dass es doch schon eine Herausforderung ist, im Speziellen bezogen auf mein Thema, im 21. Jahrhundert, nach Auschwitz, nach den Lagern Omarska und Trnopolje, nach Srebrenica kein einziges Wort wie Hohn gegenüber den Ermordeten und den Überlebenden klingen zu lassen angesichts dieser Erschütterungen unserer Zivilisation. Bei aller Schwierigkeit treibt mich voran, dass ich weiß, am Ende der Arbeit nicht mehr der zu sein, der ich am Anfang war. Ich finde, dass dies eine spannende Aussicht ist.

 

IslamiQ: Inwieweit wird Ihre Doktorarbeit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland nützlich sein?

 

Roters: Es ist schwierig im geisteswissenschaftlichen Bereich Nützlichkeitserwägungen anzustellen. Jeder der sich auf dem Weg der Erkenntnis macht, geht Schritte, die ihn in unbekannte und mitunter dunkle Gefilde führen. Ich denke dennoch, dass jede deutschsprachige Veröffentlichung, so auch diese, dabei helfen wird, Selbstverständlichkeiten herzustellen, die wir als Muslime in Deutschland dringend benötigen. Es gilt auch eine Sprache zu finden, mit denen wir die Ambivalenzen unseres Seelenlebens ausdrücken und vermitteln können. Wir können als Theologie hier eine Grundlegung leisten, die in der Praxis eine große Relevanz u.a. für die eine muslimische seelsorgerliche Begleitung im Allgemeinen sowie die kategoriale seelsorgerliche Begleitung (Krankenhaus, Gefängnis, Hospiz usw.) hat. Die wichtigste Aufgabe der Islamischen Theologie wird es über Jahre sein, die Kommunikabilität des Glaubens zu fördern, dies in Verantwortung vor unserer Tradition, Gott und den Menschen. Diese Arbeit soll einen bescheidenen Beitrag dazu leisten.

 

Das Interview führte Muhammed Suiçmez.

 

Leserkommentare

Kritika sagt:
L.S. Islamiq kündigt an: " Akademiker widmen sich den wichtigen Fragen unserer Zeit " Und nun kommt diese so wichtige Frage. » die Frage nach der Allmacht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes angesichts von Schmerz und Leid in der Welt « ---------- Mit ' Gott' ist der Gott der Muslims, Allah, gemeint. Damit beschränkt sich 'die Welt' auf die < 20% der Weltbevölkerung. Denn 80% haben einen anderen, Gott als Allah . Oder sind so weise, dass sie keinen Gott brauchen um glücklich zu sein. ---------- Das " Theodizee Paradoxon " lösten die Anhänger der verschiedene Götter auf unterschiedliche Weisen. In Japan besuchte Kritika Tempel, in denen Statuen der Göttlichen Bewohner vorne und hinten ein Gesicht hatten. Das vordere, positiv, freundlich lächelnd, das hintere, böse, eine angst-anjagende Fratze. Die alten Ägypter, die bekanntlich die Mondgöttin anbeteten mögen sich ebenfalls gewundert haben über die guten und schlechten Launen ihrer Göttin, die sie doch so innig anbeteten. Herr Daniel Roters , der sich in seiner Ausbildung offensichtlich mit solcherlei Paradoxe Themen herum geschlagen hat, wird wahrscheinlich sagen: "die Ägypter hatten ein Naturwissenschaftliches Problem, kein Theologisches". Sie konnten noch nicht wissen, dass der Mond ein runder Fels ist, den Zentrifugalkraft und Erdanziehung auf seine Bahn halten, so wie es Newton herausgefunden hat. Aber für die alten Ägypter war der Mond eine lebende Göttin, so wie Christen, Juden und Muslims ihre jeweilige Götter ebenfalls für wahrhaftig halten. Merken Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser auf was Kritika hinaus will? "Schmerz und Leid" haben keine Götter sondern demagogische Volksverführer verursacht (Napoléon, Hitler, Stalin ), oder sie sind Folge von RangordnungsKämpfe unter rivalisierende Religiöse Sekten (Jemen, Pakistan, Gaza, oder sie sie sind Folge ungesunden Lebenswandels und Armut, ( Afrika), oder durch das Schrumpfen der abkühlende Erde verursachte Tsunamis, wie in Atjeh, Indonesia, oder statistisch auftretende Körperliche Veränderung (zB Krebst) lösen eine Krankheit aus, oder Zivilisationsbedingte Risiken (Unfall, Schadstoffe) sorgen für " Schmerz und Leid" Wie auch immer, für das Auftreten von menschliches "Schmerz und Leid" brauchen wir kein Superwesen, das böse geworden ist, weil seine Schäfchen gesündigt hätten) ( dieses Letzte haben die Atjeher Muftis den simplen Gläubigen eingeredet, als der Tsunami sie traf. Diese haben dann die Scharia eingeführt um Allah zu besänftigen) Das was frühere Menschen als Theodizee -Paradoxon ansahen ist heute einfach zu erklären, ohne dass dabei Götter eine Rolle übernehmen müssen. Was die heutigen Menschen als Theodizee -Paradoxon bezeichnen, ist ebenso einfach zu erklären. Wenn Herr Daniel Roters Naturwissenschaften studiert hätte oder ein nüchternes -Sachorientiertes Ingenieurs Studium gewählt hätte, (wie Kritika) wäre er nie auf die merkwürdige Idee gekommen, dass "Schmerz und Leid in der Welt " etwas mit Götter zu tun haben könnte. Gruss, Kritika
02.12.18
0:15
Emanuel Schaub sagt:
Beim Theodizee Problem geht es glaub ich um das ZUlassen und nicht um das Auslösen von Leid Ursachen. Sie haben in Ihrer Aufzählung die wichtigste vergessen :die wirtschaftlichen Verhältnisse resp. die kapitalischen, pseudo marktwirtschaftlichen "Rahmenbedingungen"! Einem Ingenieur Studium könnte ein Philosophie Kurs beigesellt werden das die eidetische (wesensmögliche) Unmöglichkeit eines gleichzeitig (ich erspar mir die Aufzählung der Attribute... und "guten" Gottes aufzeigen. Ganz gewiss ist das (schöne!) WORT ALLAH nicht in der >Lage> das ausdrücken ,was in den Seelen /Bewusstsein von Menschen aln Hilfssehnsucht in dieser unseligen Welt vorhanden ist. Deshalb ist Ihre herabwürdigende Beurteilung desselbigen aber in keiner Weise gerechtfertigt. emanuel
03.12.18
13:31
simonstylos sagt:
Ein wirklich interessanes Projekt, da es wenig Literatur zur Theodizeeproblematik im Islam gibt. Von daher ist die Arbeit von Herrn Roters sehr innovativ. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis.
04.12.18
12:04
Kritika sagt:
An Emanuel Schaub, Kritika hatte keineswegs die Absicht, Allah-Gläubige zu verletzen. Ich bedaure, dass das in Ihrem Fall dennoch geschehen ist. Kritika geht davon aus, dass Weltall, Erde, Tiere und Menschen durch die Eigenschaften der Materie und das Milieu, dass zur Zeit deren Entstehen herrschte, ohne SchöpferGott durch Evolution entstanden sind. --------------- Die Biblische Adam-und-Eva-Geschichte, konnten die frühe Israëliten verstehen. Über den Aufbau der Materie und über Biologische Prozesse konnten sie noch nichts wissen, daher "Adam und Eva" und die Biblische SchöpfungsGeschichte. So, wie Kleine Kinder nur die Geschichte vom Klapperstorch verstehen. Eine wachsende Menge intelligente Menschen geht davon aus, dass die Evolution so, wie Darwin sie zuerst beschrieb und die durch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse verfeinert und bestätigt wurde, die heutige Welt hat entstehen lassen. ----------- Wenn jemand am Auto-Montageband steht und ein falsches das Brems-pedal einbaut, zB weil er nebenher Sudoko spielte und abgelenkt war, so hat er damit noch kein Unfall verursacht; ( er hat das Auto ja nicht einmal gefahren). Aber er lässt den Unfall zu, obwohl es in seiner Macht stand, den Einbau dieses falsche Bauteil zu erkennen und zu verhindern. Dieses Fehlverhaltens wegen, wird bei Gericht verantworten müssen. ------------ Eine Gottheit (Allah natürlich ausgenommen) welcher die Menschen fehlerbehaftet erschafft so, dass sie die einen inhärenten Eigenschaft besitzen, " Schmerz und Leid in der Welt " zu verursachen, wäre zugleich Zulasser und Verursacher dieses Leides. Sie sehen, Emanuell, dass "Zulassen und Auslösen" auswechselbar sind, Sie sehen, wie eng Zulassen und Auslösen oft zusammen vorkommen. sie können beide für "Schmerz und Leid in der Welt" verantwortlich sein. Gruss, Kritika
06.12.18
0:43