"Deutscher Islam"

Der Islam: Gehört er überall hin?

Kann es einen deutschen Islam geben? Wie soll er inhaltlich gefüllt werden? Die Debatte um einen Deutschen Islam geht weiter. Die Anthropologin Dr. Esra Özyürek erklärt im IslamiQ-Interview, warum es nichts Neues ist, von einem deutschen Islam zu sprechen.

03
11
2018
Dr. Esra Özyürek
Dr. Esra Özyürek © Facebook, bearbeitet by iQ.

IslamiQ: In Deutschland wird die Debatte um den „deutschen Islam/deutschen Muslim“ fortgesetzt. Der Staatssekretär des Bundesinnenministeriums Dr. Markus Kerber bringt zur Sprache, dass es die Aufgabe der neu strukturierten Deutsche Islamkonferenz sein wird, einen auf dem Grundgesetz basierenden „deutschen Islam“ zu definieren? 

Dr. Esra Özyürek*: Die Debatte um einen zu Deutschland oder zur deutschen Kultur gehörenden Islam wird seit mehr als 100 Jahren fortgesetzt. Interessanterweise wird jedes Mal davon gesprochen, als wäre dies bisher niemandem in den Sinn gekommen. Meiner Einschätzung nach hängt dies damit zusammen, dass die hinsichtlich der Beziehung zwischen deutscher Kultur und Islam auch vorher durchgeführten Debatten und Erfahrung übersehen werden und die Geschichte dieser Beziehung ignoriert wird.

*Dr. Esra Özyürek ist Dozentin an der London School of Economics und Leiterin des Lehrstuhls “Türkeistudien”. Sie forscht über Religion, Politik und Gesellschaft in der Türkei und in Deutschland. Sie ist die Autorin der Publikation: “Being German, Becoming Muslim:Race, Religion, and Conversion in the New Europe”.

Vor mehr als 100 Jahren gab es in Berlin sehr viele Christen und ein paar jüdischstämmige Deutsche, die zum Islam konvertierten. Diese Personen versuchten ihr Leben lang zu erläutern, wie sie die deutsche Kultur und den Islam in Einklang bringen können. Sie sahen in der deutschen Kultur und dem Islam, die sie beide nach ihrer Lebensanschauung interpretierten, eine Beziehung. Auch wenn das von ihnen unter deutscher Kultur und Islam Verstandene anders war, haben weder diese Personen, noch die ihnen später folgenden Tausenden Menschen zwischen der deutschen Identität und dem Islam einen Widerspruch gesehen.

Auch heute glauben viele Menschen, dass es einen Islam geben kann, der zu Deutschland gehört. Ich finde, dass der Islam, wie jede verbreitungsoffene Religion, durchaus überall hin gehören kann. Wird Deutschland zu einem toleranten, weltoffenen Deutschland, das unterschiedliche Gruppen beherbergt oder gewinnt eine in sich geschlossene homogene Definition einer deutschen Kultur die Oberhand? Ich denke, dass die Debatte um einen deutschen Islam mehr eine Debatte über Deutschland und der deutschen Kultur ist, als über den Islam.

IslamiQ: Gibt es ähnliche Debatten in anderen Ländern?

Özyürek: Ähnliche Projekte und Debatten gibt es auch in anderen Ländern Westeuropas. Aber meiner Ansicht nach finden die intensivsten Debatten in Deutschland und Frankreich statt.

IslamiQ: In einer Ihrer Studien erklären Sie, dass ein Teil der konvertierten Deutschstämmigen Muslime den Islam als „deutsche Religion“ verinnerlicht haben. Was bedeutet dies?

Özyürek: Wenn wir uns die Aussagen und  hinterlassenen Schriften von Konvertiten anschauen, sehen wir, dass dies nicht eine einzelne Definition ist. Viele Deutsche oder Angehörige anderer Kulturen, die zum Islam konvertiert sind, betrachten ihre Entscheidung dazu nicht als widersprüchlich. Was ich sogar sehe ist, dass wenn jemand von außen ihnen sagt, dass sie in einem Dilemma leben, jene Menschen in der Überzahl sind, die sich überrascht und davon bedrückt fühlen.

Viele der Personen, die ich in Berlin traf, erklärten, dass sie das Deutschsein, als ehrlich, offen und pünktlich sein betrachten und dass sie diese Eigenschaften im Islam am schönsten leben können. Ich sehe dabei nichts Verwunderndes. Auf die gleiche Weise erklärten in der Türkei zum Christentum konvertierte Menschen, dass sie denken, das Christentum passe sehr gut zu den türkischen Traditionen, denn die Bibel spricht davon, dass Menschen untereinander eine gute Beziehung haben müssen und die Bedeutung der Familie hervorhebt. Selbstverständlich kann eine Person, die an eine Religion glaubt, die guten Seiten dieses Glaubens mit den Eigenschaften, die sie in ihrer Kultur schätzt, in Einklang bringen.

Für mich war interessant, dass viele Personen, die das Deutschsein mit dem Islam „versöhnten“ eine solche Definition des Islams vorbrachten, als sei der Islam eine passendere Religion für Deutsche und als würden arabische und türkische Traditionen nicht zum Islam passen. Davon ausgehend wurden in Moscheen Gespräche, wie „Deutsche sind bessere Muslime“ geführt. Meiner Ansicht nach wurden so die in Deutschland vorherrschenden ethnischen Hierarchien und Spannungen in den Moscheen neu hervorgebracht und dies erfolgte über die Debatte „was ist der Kern des Islams?“ Letztlich sehen wir keine objektive Debatte darüber „welche Kultur besser für den Islam oder welche schlechter dazu passt“, sondern wie Menschen versuchen ihre eigene Weltanschauung auf diese Debatte zu projizieren.

IslamiQ: Muslime definieren den Islam mehr als eine universelle Religion? Trotzdem kann von einem „türkischen“ oder „arabischen Islam“ die Rede sein. Ist dies kein Widerspruch?

Özyürek: Der Widerspruch zwischen Universalität und Lokalität ist nicht nur dem Islam eigen. Eine ähnliche Debatte kann über alle Religionen mit Universalitätsanspruch als auch über andere Glaubenssysteme und Gesellschaftsformen mit Universalitätsanspruch, wie dem Sozialismus, Kapitalismus, sogar Säkularismus oder die Menschenrechte geführt werden. So wie der Sozialismus kubanischer Art eine andere Erfahrung war als der Kapitalismus sowjetischer Art, so wie der französische Laizismus etwas anderes ist als der amerikanische Säkularismus, wird auch der Islam mit Universalitätsanspruch je nach dem wo und wann er gelebt wird von den Menschen, die ihn leben, auf unterschiedliche Weise interpretiert. Was diese Interpretation beeinflusst ist sowohl die Tradition des Ortes, als auch der Widerspruch in den Machtbeziehungen. Auf die gleiche Weise gibt es keine einzelne Definition, wenn wir vom türkischen Islam sprechen. Beispielsweise wurde in den 30er Jahren des kemalistischen Regimes das Alevitentum als türkischer Islam aufgefasst und heute wird der türkische Islam gänzlich als sunnitische Auffassung verstanden. Anders gesagt, so wie es keine einzige universelle islamische Praxis gibt, gibt es auch keinen einzigen türkischen, arabischen oder malaysischen Islam.

IslamiQ: Es wird gefragt, „wenn es einen türkischen Islam gibt, warum soll es dann keinen deutschen geben?“ Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Definitionen?

Özyürek: Ungeachtet wie sehr wir vorbringen, dass es keine einzige Definition dazu gibt, sprechen wir, wenn wir von einem türkischen Islam reden, vom Islam, der über Jahrhunderte die Staatsreligion des Osmanischen Staates und seit Gründung der Republik die nichtoffizielle Religion des Landes ist, die hinter sich starke Institutionen, eine große Finanzorganisation und Legitimität hat. Der deutsche Islam hingegen ist eine Minderheitenreligion. Ihre Geschichte geht in Deutschland 150 Jahre zurück und selbst diese wird oftmals ignoriert. Der Islam in Deutschland wird von Menschen repräsentiert, die aus sehr unterschiedlichen Orten und Traditionen kommen und da es keine einzige, starke Institution gibt, die für den Islam Regeln festlegt, existieren unterschiedliche Interpretationen des Islam nebeneinander. Und dagegen wird der Islam in Deutschland als eine Wiederspiegelung der Beziehungen zwischen den Diaspora Gemeinden und ihren Herkunftsländern betrachtet. Auf diese Weise ist der deutsche Islam beispielsweise eine andere Erfahrung als der türkische Islam. Aber dies macht ihn nicht weniger zu Deutschland zugehörig.

IslamiQ: Ist die Selbstwahrnehmung als „deutscher Muslim“ eine Art Ergebnis der Interkulturalisierung? Und werden Muslime letztlich dadurch in der deutschen Gesellschaft vollständig anerkannt?

Özyürek: Die seit Generationen in Deutschland lebenden Muslime unterliegen sicherlich einer interkulturalisierung. In diesem Sinne sind jene, die sich als deutsche Muslime wahrnehmen, aber auch jene als türkische Muslime oder solche, die sich nur als Muslime, ohne Nationalitätsbezug wahrnehmen auf eine Weise deutsche Muslime.

Ich vermute, hier kommt es darauf an, wer auf welche Weise deutsche Muslime definiert. Beispielsweise werden in salafistischen Moscheen insbesondere keine nationalistischen Betonungen gemacht. Es sind diese salafistischen Moscheen, in denen am einfachsten Deutsch gesprochen wird und die sich m meisten Mühe geben, sich in Deutschland anzusiedeln, aber wir wissen, dass diese Menschen überhaupt nicht angenommen werden. Es gibt außer dieser Gruppe oder einigen anderen kleinen Gruppen, die unter den Deutschen den Islam verbreiten möchten, nur wenige Führer, die das Konzept des „deutschen Muslims“ hervorheben.

Ich denke, dass es wichtig ist, diese Bewegungen mit der jüdischen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts zu vergleichen. Aber diese Bewegung wurde von Rabbinern, also von religiösen Führern vorgebracht, die den Glauben praktizierten. Gegenwärtig kann ich innerhalb des Islams eine solche Bewegung nicht sehen. Wenn unter den praktizierenden Muslimen eine solche Bewegung hervorkommt oder zur Zeit den Islam nicht auslebende Menschen von einer neuen Interpretation des Islams beeinflusst werden und sich an den Islam binden, denke ich, dass wir von einer solchen Bewegung sprechen können und uns anschauen können, ob diese Menschen von der Gesellschaft als „deutsche Muslime“ angenommen werden. Ich finde es offen gesagt, nicht sehr bedeutsam ohne eine solche Bewegung davon zu sprechen, es könnte so oder anders sein.

IslamiQ: Ist es Ihrer Ansicht nach auf einer Welt beinahe ohne Grenzen nicht altmodisch, in Gesellschaften, die sich als pluralistisch beschreiben von einem „deutschen/ französischen/englischen/u.a. Islam/Muslim zu sprechen?

Özyürek: Dies ist eine interessante und wichtige Frage. Selbstverständlich stehen sich die türkisch stämmigen muslimischen Gemeinden in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden sehr nahe. Wenn sie in diesen Ländern in Moscheen der DITIB oder IGMG gehen, werden sie sehen, dass die Moscheeästhetik, ihre Nutzungspraktiken und die dort durchgeführten Gesprächsrunden einander sehr ähneln. Aber auf der anderen Seite treten diese Länder an die islamischen Gemeinden nicht mit denselben politischen Projekten heran. Sei es unter dem Deckmantel der Sicherheit oder ihnen gegenüber eingeräumte Rechte.

Wenn der Begriff des „englischen Islams“ uns etwas sagt, ist es unproblematisch diesen Begriff zu nutzen. Anders gesagt, kann ein solcher Begriff zur Beschreibung einer vorhandenen Existenz oder Existenzgruppe bedeutsam sein. Aber ich denke, es wäre nicht sehr realistisch, wenn wir sagen, „lasst uns den englischen Islam von hier aus definieren und alle englischen Muslime müssen sich nun daran orientieren.“ Denn in England leben eine Vielzahl von islamischen Auffassungen und Praktiken nebeneinander. Doch werden die Debatten zum „deutschen“ und „französischen Islam“ intensiv geführt. Aber es scheint aus soziologischer Geschichtsperspektive nicht sehr realistisch, wenn versucht wird, den gelebten Islam von oben definierend in einem singulären Rahmen zu formen.

Das Interview führte Ali Mete.

 

Leserkommentare

Frederic Voss sagt:
Wichtige Erkenntnisse hier treffend formuliert: Es existieren unterschiedliche Interpretationen des Islam nebeneinander - bei einer Vielzahl von islamischen Auffassungen. Somit kann man hierzu endlos debattieren, diskutieren, forschen, Überlegungen anstellen, spekulieren, konstruieren, instrumentalisieren, indoktrinieren, fantasieren, manipulieren, abstrahieren, negieren und internalisieren, streiten, abstreiten, zustimmen und vieles mehr. Ein wahres Spekulations-Tohuwabohu ohnegleichen.
04.11.18
3:10
Kaya sagt:
Interessanter Beitrag - gute Fragen, beantwortet von einem übergeordneten Standpunkt.
04.11.18
12:14
Prinzessin Rosa sagt:
Sehr geehrter Herr Voss, dann beginnen Sie doch bitte mit dem ersten Punkt, der Debatte, um dem Tohuwabohu etwas entgegenzusetzen. Mit freundlichen Grüßen
04.11.18
13:21
Emanuel Schaub sagt:
Der Artikel haut einen regelrecht um -mit Informationen über den Islam deutscher Prägung... Mich würde sehr interessieren ,wie eine mehrheitlic Deutsche Moschee gestaltet würde! Würden die schönen arabischen Verzierungen etc. durch deutsche (protetantisch inspirierte Nüchterneheit oder katholischer ...Verspieltheit..ersetzt werden..? Und würden andere Nationen eher abgeschreckt ,dort zu beten...? Das alles ist ja (leider) nur ein Traum-Oder ? gruss emanuel
05.11.18
11:20
Frank Walter sagt:
Als schon seit sehr langer Zeit zum Islam konvertierter Herkunftsdeutscher bin ich vom Islam in arabischen Ländern geprägt und vertrete in Deutschland einen mehr „arabischen“ Islam. Manche deutschen Muslime, die weder diese Prägung noch einen Migrationshintergrund haben, muten mir schlichtweg zu „deutsch“ an. Einen „deutschen“ Islam in diesem Sinne gibt es nicht. Aus islamischer Sicht ist die Frage, ob „der Islam zu Deutschland gehört“, schlichtweg unsinnig, da er nach islamischem Selbstverständnis überall hin gehört.
05.11.18
19:25
Dilaver Çelik sagt:
Danke für das interessante Interview. Im Zeitalter der Globalisierung und ausgeprägter Kommunikationstechnik den Islam mit dem modernen Begriff der Nationalität in Verbindung zu bringen, halte ich für ein überholtes Konzept. Die Grundsätze des Islam gelten für Muslime unabhängig von Nationalität, Zeit oder Ort. Dass Muslime lokale Färbungen annehmen, ist eine natürliche Entwicklung und keine künstlich herbeigeführte Konstruktion politischer Konjunkturen. Es ist nicht die Aufgabe von Politikern, eine Grundsatzdebatte zum Islam oder zu einer anderen Religion anzustoßen. Das ist der Gelehrsamkeit, Wissenschaftlern sowie Theologen vorbehalten, um Fehlentwicklungen sowie Fehlkonzepten zu begegnen. Allerdings fehlt dazu in Deutschland eine vergleichbare Institution wie Diyanet in der Türkei oder Al-Azhar in Ägypten. Die Träger der islamischen Organisationen in Deutschland sind bis auf die ausgebildeten Imame größtenteils keine Gelehrten, sondern Laien aus unterschiedlichen Berufen, welche sich aus lokalen Muslimen zusammensetzen. Wir wissen deshalb nicht, welches politische Kalkül hinter dem Konzept einer Nationalisierung des Islam steckt, weshalb wir das aus kritischer Distanz beobachten sollten.
06.11.18
15:54
Ute Fabel sagt:
Ich denke, Deutschland würde ohne Islam in all seinen Spielarten absolut nichts fehlen. Auch innerhalb des Marxismus-Leninismus gab es sehr viele Facetten vom zutiefst scheußlichen Stalin bis zum weltoffenen Dubcek. Der Umstand, dass es im deutschen Bundestag gar keine marxistisch-leninistische Partei mehr gibt, es aber nicht bedauerlich, sondern erfreulich. Irrlehre bleibt Irrlehre, Aberglaube bleibt Aberglaube - daran können auch sympathische Repräsentanten nichts ändern.
19.11.18
13:10