Politisches Engagement

Alboğa auf Abwegen?

Der ehemalige DITIB-Generalsekretär Bekir Alboğa möchte in die türkische Politik. Viele verwundert das, sie üben scharfe Kritik. Andere sehen es als selbstverständlich an. Ein Kommentar.

08
05
2018
Bekir Alboğa © (Cüneyt Karadağ - Anadolu Agency)
Bekir Alboğa © (Cüneyt Karadağ - Anadolu Agency)

Die Bestrebungen des ehemaligen DITIB-Generalsekretärs Bekir Alboğa, bei den anstehenden türkischen Parlamentswahlen zu kandidieren, werden kritisch beäugt. Sein unerwarteter Schritt hat erneut Fragen aufgeworfen, über das Wesen der DITIB als Religionsgemeinschaft, über ihre Beziehungen zur türkischen Politik und ihre Zukunft in Deutschland. Die Verwunderung über die plötzliche Kandidatur ist verständlich. Alboğa war lange Zeit das öffentliche Gesicht der DITIB und stand in der öffentlichen Wahrnehmung für die institutionelle Öffnung, den Dialog und die stärkere Verortung einer der größten islamischen Religionsgemeinschaften in Deutschland. Seine Hinwendung zur türkischen Politik ist für DITIB-Kritiker ein weiterer Beweis für die starke Bindung an bzw. Abhängigkeit von der Türkei.

Religiöses und politisches Engagement

Im Grunde müsste man die Kandidatur gelassen nehmen. Es ist nichts Besonderes, dass Persönlichkeiten aus religiösen Bezügen in die Politik wechseln. Bestes Beispiel hierfür ist der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, der als studierter Theologe in DDR-Zeiten als evangelisch-lutherischer Pastor tätig war. Auch Doppelbesetzungen sind nichts Neues. Die Grünen-Bundespolitikerin Katrin Göring-Eckardt beispielsweise ist gleichzeitig in hohen Gremien der evangelischen Kirche aktiv. Oder, um ein Beispiel mit Türkeibezug zu geben: Der ehemalige Bundesvorsitzende der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF), Turgut Öker, saß als Abgeordneter der PKK-nahen HDP (Demokratische Partei der Völker) im türkischen Parlament. Die AABF hat in Deutschland den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR). Sie erteilt alevitischen Religionsunterricht in Berlin, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern und ist in der Deutschen Islamkonferenz vertreten. Wenn man dieselben Maßstäbe wie bei der DITIB anlegen würde, wäre zumindest das letzte Beispiel eine höchst fragwürdige Kombination.

Wenn es aber um die DITIB geht, gelten andere Kriterien. Das hat zu tun mit der deutsch-türkischen Polarisierung der letzten Jahre, die in Deutschland vor allem auf dem Rücken der DITIB geführt wurde und wird – und die von beiden Seiten befeuert wurde. Infolgedessen hat die DITIB, die jahrzehntelang als bevorzugter Partner der deutschen Politik galt, stark an Ansehen eingebüßt, wobei auch sie selbst teilweise zu diesem Imageverlust beigetragen hat. Die Diskussionen der letzten Jahre drehten sich um Spionagevorwürfe gegenüber DITIB-Imamen, die vor Gericht jedoch ins Leere liefen, Wahlkampfvorwürfe in DITIB-Gemeinden oder zuletzt Feierlichkeiten mit Kindern in Militäruniform. Auch vor diesem Hintergrund wird das Vorhaben Alboğas kritisch beäugt.  

Fragen der Basis

Trotzdem steht es prinzipiell jedem frei, sich in der Politik seines Herkunftslandes oder eines anderen Landes zu engagieren. Hier darf die deutsche Politik und Öffentlichkeit nicht mit zweierlei Maß messen. Jedoch ist meiner Meinung nach das Engagement in Deutschland und zwar aus Deutschland heraus sinnvoller und auch authentischer. Im Fall Alboğa kann ich mir zudem vorstellen, dass nicht wenige Gemeindemitglieder sich berechtigterweise Fragen stellen: Ist die Person und auch der Zeitpunkt nicht sichtlich unpassend? Was für ein Signal wird dadurch an die eigene Jugend gesendet: das Signal, dass wenn es in Deutschland nicht klappen sollte, die Türkei eine Alternative ist, oder das Signal, dass es selbstverständlich ist, sich in seinem Herkunftsland politisch zu betätigen? Wie sollen die Gemeindemitglieder nun damit umgehen? DITIB steht unter Druck bzw. wird unter Druck gesetzt. Ist die Kandidatur, unabhängig davon, ob sie erfolgreich sein wird oder nicht, nicht ein gefundenes Fressen für DITIB-Kritiker? Diese Fragen hätten angesichts der Lage von DITIB besser abgewogen werden müssen.

Trotz dieser Fragen bleibt eine Option: Womöglich können Personen wie Bekir Alboğa die türkische Politik für die Belange der hiesigen Muslime sensibilisieren und für eine nachhaltige und zukunftsfähige Politik in Bezug auf die sog. „Auslandstürken“ werben. Ob diese Hoffnung angesichts der polarisierten politischen Zustände und der bisher nicht gerade stringenten „Diasporapolitik“ der Türkei realistisch ist, darf jedoch bezweifelt werden. 

Leserkommentare

Halit Cevik sagt:
Sein sehr gelungener Kommentar zu dieser Thematik. Herr Dr. Alboga bleibt trotz dessen,einer der wenigen Persönlichkeiten die die Lage der Türken in der Diaspora wirklich kennen. Eine unheimliche Bereicherung für die Türkei!
08.05.18
19:50
Ute Fabel sagt:
@ Halit Cevik: Ich denke, Sie würden es auch unerfreulich finden, wenn ein Spitzenrepräsentant der katholischen oder evangelischen Kirche plötzlich für die AfD bei den Wahlen antritt. Das Problem ist ja nicht, dass Herr Alboga politisch tätig wird, sondern politische Praxis der Partei, für die er kandidiert. So wurde während der AKP-Regierungszeit massiv versucht, freie Medienarbeit zu behindern und frei arbeitende Journalisten eingeschüchtert oder verhaftet.
09.05.18
12:00
Bernd sagt:
Das Problem ist ja nicht, ob Pfarrer der EKD in die deutsche Politik wechselt. Alboga war Generalsekretär einer angeblich deutschen islamischen Religionsgemeinschaft und wechselt nun in die türkische Politik. Und dann kommt noch hinzu, dass die Evangelische Kirche in Deutschland unabhängig vom Staat ist, während die DITIB eben am türkischen Staat hängt. Das gilt z.B. für die AABF nicht. Da mag es sein, dass Herr Alboga eine unheimliche Bereicherung für die Türkei ist, er ist eben auch der Beweis dafür, dass die DITIB enger mit dem türkischen Staat verbunden ist, als sie stets behauptet. Das hat nichts damit zu tun, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Fakten sind einfach andere also sind sie auch anders zu bewerten. Schade übrigens, dass islamiq den Sprachgebrauch der AKP übernommen hat und die HDP in die Nähe der PKK rückt. Aber Moslems scheinen zu gkauben, sie müßten immer mit anderen Moslems sympathisieren, egal was für Verbrecher diese sind.
09.05.18
19:13
Johannes Disch sagt:
@Bernd (09.05.18, 19:13) -- "Schade übrigens, dass islamiq den Sprachgebrauch der AKP übernommen hat und die HDP in die Nähe der PKK rückt." (Bernd) Wundert Sie das etwa? "Islamiq" ist eine von der türkischen AKP dominierte Website. Das ist eine Pro-Erdogan-Website.
10.05.18
15:00
Dilaver Çelik sagt:
Danke für diesen kritischen Beitrag. Wo bleibt der Aufschrei, dass Kenan Kolat, vom gleichen Lager der DITIB-Hasser als "Berufstürke" beschimpft und mindestens genauso massiv angefeindet, zur gleichen Zeit für die CHP kandidiert, deren Verhältnis zur Demokratie immer höchstproblematisch war? Von der engen Verbandelung der AABF mit deutschen Ablegern und Sympathisanten der Terrororganisation PKK sowie der PKK-nahen HDP mal ganz zu schweigen. Da sollte der Verfassungsschutz der AABF mal genauer auf die Finger schauen. Immerhin firmiert diese offiziell als "Religionsgemeinschaft". Hingegen ist die DITIB, obwohl größer und überlegener, offiziell lediglich ein "eingetragener Verein", auch wenn sie mit der Unterhaltung von Moscheen Aufgaben einer Religionsgemeinschaft wahrnimmt und damit eine für Muslime in Deutschland wichtige Lücke schließt. Ich persönlich bedaure es sehr, dass wichtige Persönlichkeiten wie Kolat und Alboğa sich politisch verheizen wollen. Was anderes kann ich sowas nicht nennen. Ist aber deren persönliche Entscheidung. Muss man halt respektieren. Wie es sich in einer Demokratie eben gehört.
13.05.18
7:56
Manuel sagt:
@Dilaver Çelik: Erdogan/AKP und Demokratie ist schon mal ein Widerspruch in sich!
19.05.18
14:49
Andreas B sagt:
@Manuel Sicherlich kann man sagen, dass Erdogan bzw. die AKP teilweise fragwürdige Maßnahmen ergreiffen. Deswegen kann man aber noch nicht sagen, dass Erdogan/AKP und Demokratie in sich ein Widerspruch wäre. Immerhin wurde die AKP in demokratischen Wahlen immer wieder bestätigt. Das türkische Volk ist also in seiner Mehrheit mit einer gewissen Einschränkung der Demokratie einverstanden. Das ist aber z.B. bei den USA nicht wirklich anders. Da wurden auch so manche Bürgerrechte im Kampf gegen den Terror eingeschränkt. Auch bei uns ist das nicht besser.Das zeigt z.B. die Diskussion um sog. Gefährder. Da sollen nun plötzlich strafrechtliche Massnahmen ergriffen werden, bevor überhaupt eine Straftat begangen wurde. Man darf beim Thema Türkei nicht vergessen, dass sie an Länder grenzt, in denen Kriege herrschen (Syrien) bzw. bis vor kurzem herrschten (Irak). Und es sind mindestens die Terrororganisationen IS und PKK aktiv in der Türkei. Und dann gab es auch noch einen Militärputsch. Man kann die Türkei zwar kritisieren, man sollte dabei aber fair und bei den Fakten bleiben. Mit etwas Glück werden Erdogan und seine AKP am 26. Juni 2018 abgewählt. Zumindest gibt es eine entsprechende Stimmung under Oppositionellen Türken.
22.05.18
16:03