MUSLIMISCHE VORBILDER

Mehmet Akif Ersoy – ein ehrenvoller Mann

Vorbilder, die uns positiv stimmen, sind heute wichtiger denn je. In dieser IslamiQ-Reihe möchten wir unsere Leser zu Autoren machen. Saliha Ertaş schreibt über ihr Vorbild: Mehmet Akif Ersoy.

11
02
2018
Mehmet Akif Ersoy © http://bit.ly/2H7chgW, bearbeitet by IslamiQ
Mehmet Akif Ersoy © http://bit.ly/2H7chgW, bearbeitet by IslamiQ

Der Nationaldichter der Türkei, Lehrer und Denker seiner Zeit, Mehmet Akif Ersoy, kam als Sohn eines albanischen Vaters und einer usbekischen Mutter 1873 in Istanbul auf die Welt. Für die Türkei war und ist er eine wichtige Persönlichkeit. Zwar wurde er zu Lebzeiten – insbesondere während seiner Beerdigung– kaum gewürdigt, jedoch spricht man heute stolz über die Bereicherung durch ihn und seine Werke.

Sein alevitischer Vater, Mehmet Tahir Efendi, war Lehrer an der Hochschule für islamische Theologie im Stadtteil Fatih in Istanbul. Seine Name „Akif“ wird von „Rağıf“ abgeleitet, da sein Umfeld sich mit der Aussprache schwergetan hat. Schon früh fing er an, sich sprachlich weiterzubilden. Mit bereits sechs Jahren begann er arabisch von seinem Vater zu lernen und mit neun erhielt Ersoy Unterricht in iranischer Literatur in der Moschee von Esad Dede. Es formte sich eine reife Persönlichkeit, die durch eine religiöse und soziale Erziehung des Vaters geprägt war. Seine politische Einstellung entwickelte sich durch seinen Türkischlehrer schon während seiner schulischen Ausbildung.

Prägende Lebensereignisse

Zwei Lebensereignisse, die sehr zeitnah geschahen, haben eine große Bedeutung in seinem Leben. Der Tod des Vaters und der Brand seines Hauses. Gezwungenermaßen brach der damals jugendliche Mehmet Akif die Schule ab und begann an der Schule für Veterinärmedizin zu studieren, da diese ihm die Möglichkeit der Unterkunft gab. Zu dieser Zeit entdeckte er mehr und mehr sein sprachliches Talent. Mit zwanzig Jahren absolvierte Ersoy die Schule mit Auszeichnung. Sein erstes Werk Kur’an’a Hitap erschien in einer Zeitung. Als Inspektor eingestellt reiste er vier Jahre durch Rumänien, Anatolien und Arabien. Dieser Lebensabschnitt beeinflussten ihn in seiner Persönlichkeit und seinen Gedichten sowie Schriften enorm. Von da an veröffentlichten Zeitschriften und Zeitungen seine Gedichte und seine Übersetzungen aus dem Arabischen, Persischen und Französischen.

Bevor die zweite osmanische Verfassungsperiode bekannt gegeben wurde, arbeitete er als Lehrer. Als er dann stellvertretender Leiter der Fakultät für Veterinärmedizin wurde, erschienen seine bekannten Gedichte Der Tragekorb (Küfe) und Vater Seyfi (Seyfi Baba). Neben seinem Lehrerberuf verbrachte er seine freie Zeit mit der Lektüre und Übersetzung des Korans. Er verbrachte mehrere Jahre an der ersten osmanische Universität als Lehrkraft. 1913 tritt Ersoy in das Komitee für Einheit und Fortschritt ein (İttihat ve Terakki). Nach einem Auslandsaufenthalt in Berlin reiste er nach Saudi-Arabien und Libanon. Nach seiner Rückkehr in Istanbul übernahm Ersoy die Leitung einer religiös orientierten Organisation. Durch eine Rede in der Stadt Balıkesir musste er sich jedoch von seinem Posten verabschieden. Als sich dann die heutige Staatsform bildete, wurde er zum Abgeordneten in Burdur.

Die Nationalhymne

Bereits im Osmanischen Reich hatte man den Bedarf einer (National)Hymne geäußert. Die neue türkische Regierung startete einen Wettbewerb, bei dem 724 Gedichte eingereicht, jedoch ohne Erfolg. Mehmet Akif Ersoy hatte bereits mit einem Werk angefangen, brach seine Arbeit aber aufgrund der 500 türkischen Lira Entgelt ab. Als dieses dann entfiel, führte er das Gedicht in einem Zimmer eines islamischen Ordens mit größter Leidenschaft fort. Man sagt, er sperrte sich für 48 Stunden ein. Mit den Worten „Es gehört nicht mir, sondern meinem Volk“ übergab er sein Werk. 1921 wurde die Nationalhymne im Parlament letztlich dankend und mit Begeisterung angenommen. Das Entgelt wollte Ersoy nach wie vor nicht annehmen und spendete es. Seine Absicht Gott bewahre vor einer Wiederholung des Unabhängigkeitsmarsches“ fand 1982 im Verfassungsschutz platz, sodass die Hymne für Änderungsvorschläge ausgeschlossen ist.

Seine Werke

Was ihn in seinen Werken unter anderem auszeichnete, war der starke Bezug zum realen Leben, was in den armen Vierteln der Stadt wirklich geschah. Er schrieb mit Einfühlsamkeit und Mitgefühl den Bedürftigen gegenüber. Demnach sind Themen wie Unwissenheit, Armut, Sittenlosigkeit, Nachahmung oder Atheismus deutlich erkennbar. Seine feste Überzeugung war, dass Literatur und Rhetorik enormen Einfluss auf die Bevölkerung haben. Man kann sagen, dass er die Umgangssprache literarisch und kunstvoll in seine Gedichte hat einfließen lassen.

Wie fünf Kinder zu acht wurden

Ersoy pflegte eine enge Freundschaft in seiner Jugend mit einem Schulkameraden namens Hasan Tahsin. Sie gaben sich ein ehrenvolles Versprechen, dass derjenige, der länger als der andere lebt, die Waisenkinder zu sich nimmt. Obwohl Ersoy selbst in armen Verhältnissen lebte, hielt er sein Versprechen und nahm die Kinder seines Freundes unter seine Obhut.

Sein Tod und die erschütternde Beerdigung

Als seine Übersetzung des Korans vervollständigt war, erkrankte Ersoy an Zirrhose und reiste nach Libanon mit der Hoffnung auf Besserung. Dort erkrankt er jedoch auch noch an Malaria. Angekommen in Istanbul setzt er seine Behandlung fort, konnte seine Krankheiten aber nicht besiegen und starb am 27.12.1936. Keine der staatlichen Einrichtungen und Organisationen sahen sich dazu verpflichtet, an seiner Beerdigung teilzunehmen. Nur hundert Studenten übernahmen den Leichnam an der Beyazıt Moschee und beerdigten ihn.

Zu Lebzeiten besaß er nicht all zu viel, sehnte sich in seinen Gedichten eine ideale Jugend und war über die Bevölkerung äußerst bekümmert. Mit seiner empfindlichen Art und seinen thematisch gesehen bewegenden Gedichten eroberte er viele Herzen. 

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Vielen Dank für diesen Beitrag. Erwähnenswert ist auch, dass Ersoy die wohl beste Koranübersetzung ins Türkische in Gedichtform verfasst hat, welche jedoch auf seinen Wunsch hin posthum vernichtet wurde, weil er befürchtete, dass die Kemalisten das Original mit seiner Übersetzung zwangsersetzt und damit den islamischen Gottesdienst in den Moscheen zwangstürkisiert hätten. Seine Befürchtung war berechtigt, weil die Kemalisten als diktatorische Machthaber der damals jungen Republik schon zu seinen Lebzeiten die komplette Zwangstürkisierung der islamischen Glaubenspraxis planten, was jedoch Gott sei Dank nicht umgesetzt werden konnte. Heute ist so etwas Gott sei Dank ausgeschlossen, auch wenn die Kemalisten ihren Wunsch nach einer kompletten Zwangstürkisierung der islamischen Glaubenspraxis nie aufgegeben haben und sich das diktatorische Modernisierungsregime der 1930er Jahre immer noch (!) zurückwünschen. Da möchte man fast schon sagen: Schade eigentlich, dass wir die dichterische Koranübersetzung von Mehmet Akif Ersoy nie zu Gesicht bekommen werden.
11.02.18
16:44
Frederic Voss sagt:
Es wäre begrüßenswert, hier auch über christlich motivierte Vorbilder lesen zu können. Oder auch von hinduistischen, buddhistischen, jüdischen Vorbildern nebst (ein altes deutsches Wort) würdigen Vorbildern und Philosophen aus dem antiken Griechenland.
28.02.18
13:46