Yasemin El-Manouar

Soziologin kritisiert deutsche Islamdebatte als paradox

Die Soziologin El-Manouar kritisiert die deutsche Islamdebatte und fordert eine rechtliche Gleichstellung des Islam mit anderen Religionsgemeinschaften.

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2017
Islam häufigste Staatsreligion, Religion
Symbolbild: Der Islam. © Edward Musik / CC 2.0 / flickr

Die Debatte um den Islam trägt nach Einschätzung der Soziologin und Islamwissenschaftlerin Yasemin El-Menouar paradoxe Züge. „Trotz der positiven Integrationsbilanz halten sich Vorbehalte gegenüber Muslimen hartnäckig“, schreibt sie in einem Gastbeitrag für die „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“. Je mehr Muslime sich aktiv in die Gesellschaft einbrächten, desto stärker werde ihr Glaube sichtbar. Zudem sei vielen Muslimen der Glaube wichtiger als Angehörigen anderer Religionsgruppen. Dies sorge bisweilen für Irritation und Unbehagen.

Muslime müssten kritische Fragen aushalten und sich mit problematischen Aspekten ihrer Tradition auseinandersetzen, betonte El-Menouar, die den „Religionsmonitor“ der Bertelsmann Stiftung verantwortet. „Derzeit werden Fragen um die zunehmende religiöse Vielfalt aber vor allem genutzt, um gegen Muslime mobil zu machen.“

Stattdessen wäre aus ihrer Sicht mehr Austausch geboten. Politik, Zivilgesellschaft und die Religionsgemeinschaften selbst könnten Begegnungen ermöglichen. Ideal wäre es, so die Expertin, wenn sie sich „von ganz allein im Alltag ergeben. Das gelingt besser mit einer Stadtplanungs- und Wohnungsbaupolitik, die die Entstehung von Armenvierteln vermeidet, und mit Schulen, die Kinder jedweder Herkunft gemeinsam besuchen.“

Rechtliche Gleichstellung des Islam

Die Soziologin spricht sich außerdem für eine rechtliche Gleichstellung des Islam mit anderen Religionsgemeinschaften in Deutschland aus. Es sei „zu hoffen, dass bald ein Weg dahin gefunden wird, ohne sich im historisch gewachsenen Staatskirchenrecht zu verheddern“, schreibt sie in einem Gastbeitrag für die „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“. Wichtig wäre ihrer Einschätzung nach, „dafür keine Sondergesetzgebung zu schaffen, sondern den Weg zu ebnen für die Anerkennung auch anderer Religionsgemeinschaften“.

Nach deutschem Recht könnten sich Religionsgemeinschaften als Verein oder als öffentlich-rechtliche Körperschaft organisieren. Letzteren Status haben die großen christlichen Kirchen, kleinere Religionsgemeinschaften haben ihn in wenigen Bundesländern. Der Status ermöglicht es etwa, Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen zu leisten oder eine „Religionssteuer“ zu erheben.

Bislang fehlen den meisten islamischen Religionsgemeinschaften transparente und repräsentative Strukturen, um als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden. Derzeit gibt es in einigen Bundesländern Übergangslösungen, etwa in Schulgesetzen zum islamischen Religionsunterricht. (KNA/iQ)

Leserkommentare

Rerun sagt:
Rückbau bestehender Privilegien und Sonderrechte von Religionsgemeinschaften sollte die Zielrichtung sein, nicht deren Ausweitung. Woher kommt eigentlich der stetige Anspruch "ich bin religiös, also gebt mir eine Extrawurst"? Die Religionshörigkeit der Politik hat in der Bevölkerung schon lange keinen mehrheitlich Rückhalt mehr.
19.10.17
11:54
Ute Fabel sagt:
Ich sehe überhaupt keinen sachlichen Grund, warum gerade ausgewählten Religionsgemeinschaften der Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts zuerkannt werden soll. Das ist ein völlig ungerechtfertigtes Privileg! Vereinsrecht sollte für alle Religionen und nicht religiösen Weltanschauungen gelten. Das wäre am fairsten. Selbst die politischen Parteien sind "nur" Vereine und können in dieser Rechtsstellung problemlos und umfassend agieren.
19.10.17
12:13
Charley sagt:
"Muslime müssten kritische Fragen aushalten und sich mit problematischen Aspekten ihrer Tradition auseinandersetzen, betonte El-Menouar" ja, wie nett. Wenn sie es denn täten und nicht reflexartig auswichen auf eines der folgenden Muster: - du beleidigst meine Religion mit deinen unfrommen Fragen! - Du hast ja keine Ahnung, ich sag dir jetzt mal was wahrer Islam ist - Du bist ein Moslemhasser mit deinen Fragen, sie zeigen ja, wie sehr du den Islam und die Moslems verachtest - ....... damit ist jedes Gespräch im Keim erstickt. Voraussetzung für den Anspruch von El-Menouar wäre ja, dass der Befragte (Moslem) in der Lage wäre, die Sicht (d.h. die Frage) des Fragenden einzunehmen, also auch seine eigene Religion mal "von außen" anzuschauen. Und was er da an Fragen und Gedanken aushalten müsste, darf ich hier schon nicht mehr schreiben, weil dann mein Posting von islamiq nicht zugelassen würde! Als Christ muss ich völlig gelassen die Meinung akzeptieren können, das jemand sagt: "Jesus sei ein Spinner gewesen! Gott ist eine Einbildung für Leute, die keine Verantwortung für sich übernehmen wollten!" Sag mal dasselbe über den Islam und nenne dabei die entsprechenden moslemischen Namen! Und da die Moslems keine Organisation bilden können oder wollen,... wer soll da als Gemeinschaft anerkannt werden? Das geht also allein an die Moslems, auch wenn die Überschrift natürlich sofort anderes suggeriert.
19.10.17
22:34
Kritika sagt:
L.S. Sie haben Recht, sehr geehrter Rerun. Auch Frau Ute Fabel und Kritika sprachen schon öfter die Abschaffung dieser Kirchlichen Privilegien an. Der Sumpf muss unbedingt trocken gelegt werden. Nur: leider muss man dazu die Frösche fragen, denn die sitzen dummerweise im Parlament und fühlen sich im Sumpf pudelwohl. Gruss, Kritika
20.10.17
0:00
Johannes Disch sagt:
@Rerun Da bin ich ganz ihrer Meinung. Frau El-Manouar unterliegt demselben Irrtum, wie viele andere auch: Sie glaubt, man könnte "Den Islam" so institutionalisieren wie das Christentum. Das ist aber nicht möglich, da der Islam historisch so eine Institutionalisierung nicht kennt. Zudem würden davon die islamischen Verbände profitieren, von denen keiner einen liberalen Islam vertritt. Es geht nicht um die Integration des Islam. Es geht um die Integration von Individuen islamischen Glaubens.
20.10.17
10:58
Johannes Disch sagt:
Frau El-Manouar hat zwar Recht damit, dass es gewisse Vorbehalte gegen den Islam gibt. Aber erstens sind manche davon berechtigt. Und zweitens löst man das Problem garantiert nicht mit einer Institutionalisierung des Islam. Genauso wenig wie man es mit der Einführung eines islamischen Feiertags löst.
20.10.17
11:13