NACHGEFRAGT

„Muslime und Juden sind Teil einer großen Tradition“

Autoren schreiben problemlos hunderte Seiten, doch was passiert wenn sie ihr Buch auf seine Essenz herunterbrechen müssen? Unsere Serie „Nachgefragt“ liefert Antworten und stellt sowohl Buch, als auch den Autor dahinter vor. Heute mit Dr. Muhammad S. Murtaza.

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10
2017
Nachgefragt, Muhammed S. Murtaza
Muhammed S. Murtaza stellt sein neues Buch in der Nachgefragt-Serie vor.

IslamiQ: Wem würden Sie ihr Buch gerne schenken und warum?

Dr. Muhammad S. Murtaza: Ich würde das Buch gerne Menschen muslimischen und jüdischen Glaubens schenken, die den jeweils anderen bisher nur im Zuge des politischen Nahost-Konfliktes als Feindbild kennengelernt haben. Irgendwie ist es in Vergessenheit geraten, dass Juden und Muslime abrahamische Geschwister sind. Es verbindet sie der Glaube an den einen und einzigen Gott, die nahezu gleichen Erzählungen in der Thora und im Koran und die daraus resultierenden oftmals identischen Werte. Sollte uns dies nicht im positiven Sinne neugierig machen, erfahren zu wollen, wie die jeweils andere Seite diese Erzählungen verstanden hat, um so zu einem bereichernden und vertieften Verständnis zu gelangen?

IslamiQ: Warum ist die Thematik Ihres Buches im Lichte aktueller Debatten wichtig?

Murtaza: Wir Muslime mögen es zurückzuweisen, abzustreiten und zu leugnen, aber das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen begann sich ab dem 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit politischen Machtverlusten, dem schwelenden Palästinakonflikt und der Begegnung mit dem europäischen Antisemitismus zu verändern bis sich Mitte des 20. Jahrhundert ein islamisch verbrämter Antisemitismus entwickelte. Wir Muslime sollten so wahrhaftig und selbstkritisch sein, um zugeben zu können, dass wir in muslimischen Werken in der Moderne negative pauschalisierende Aussagen über Juden, die Verwendung antisemitischer Stereotypen bis hin zu verschwörungstheoretischen Welterklärungen finden. All dies ist aber eine moderne Entwicklung.

Hier hilft der Blick in den Rückspiegel unserer Geschichte: Im Mittelalter gestaltete sich das Zusammenleben von Juden und Muslimen harmonisch – zumindest harmonischer als das von Juden und Christen in Europa. Natürlich waren Muslime und Juden in der damaligen Zeit nicht gleichgestellt, aber Juden waren auch nicht wie im christlichen Europa Leibeigene des Herrschers, sondern Untertanen. Im Wirtschaftsleben standen Juden und Muslime ständig miteinander in Kontakt. Dadurch gab es einen Raum, anständige positive und menschliche Beziehungen entstehen zu lassen. All dies ist in der Moderne durch politische Konflikte verloren gegangen und belastet auch hier und da das Zusammenleben von Juden und Muslimen in Deutschland.

Mein kleines Buch, das sich dem jüdisch-muslimischen Dialog verpflichtet fühlt, will über die gemeinschaftsstiftende Kraft des Glaubens aufzeigen, dass Juden und Muslime Teil einer großen, nämlich abrahamischen, Tradition sind.

IslamiQ: „Beim Lesen guter Bücher wächst die Seele empor.“ Warum trifft dieses Zitat von Voltaire auf Ihr Buch zu?

Murtaza: Juden und Muslime teilen miteinander zwar die gleichen Erzählungen, aber es gibt feine Unterschiede, die zu unterschiedlichen Fragen und Antworten geführt haben. Indem dieses Reflektieren gleichwertig nebeneinander gestellt wird, erhoffe ich mir, dass der Leser dies als eine Bereicherung empfindet, da er zu einem vertieften Verstehen kommt, das über die Grenzen der eigenen Denkschule hinausweist.

Betrachtet man sich die in dem Buch dargestellten Glaubensporträts, so wird schnell deutlich, dass Religion für die Propheten keine Ideologie, kein System, keine starre Lebensweise oder Identität war, sondern eine Handlung, nämlich die aktive Ergebung in Gott, um Frieden zu finden und Frieden zu machen. Daraus entwickelt sich eine Haltung zum Leben, die durchgehalten werden sollte, in guten, aber ganz besonders auch in den schlechten Zeiten. Und seien wir ehrlich, die Propheten hatten häufig mehr schlechte als gute Tage.

IslamiQ: Ihr Buch in drei Wörtern zusammengefasst?

  1. Respektvoll gegenüber dem jüdischen und muslimischen Denken über die gemeinsamen Gestalten in der Thora und im Koran.
  2. Einfühlsam, da die Propheten als Menschen, nicht als Übermenschen, porträtiert werden.
  3. Kritisch, da rückgefragt wird, ob es sich bei den Prophetenerzählungen um Berichte im historischen Sinne handelt oder ob wir es mit einer bestimmten Erzählgattung zu tun haben. Wie im Zuge der Evolutionstheorie die Adam-Erzählung verstanden werden soll, oder ob es sich bei der Sintflut wirklich um eine globale Flut gehandelt hat.

IslamiQ: Eine spezielle Frage an Sie: Warum haben Sie die Propheten Adam, Henoch, Noah und Hiob ausgewählt. Was können diese Propheten dem Menschen heute bieten? 

Murtaza: Es machte für mich Sinn, zunächst mit Adam, Henoch, Noah und Ijob (Hiob) zu beginnen, weil sie nach jüdischer und muslimischer Sichtweise zu den frühesten Gestalten der Menschheit gehören. Adam ist eine urgeschichtliche Gestalt, die Universelles über den Menschen an sich aussagt. Diese Erzählung berichtet über die transzendente Würde, die jedem Menschen gegeben ist und die unter allen Umständen geachtet werden muss. Weiter sagt die Adam-Erzählung etwas über die Freiheit, aber auch die Verantwortung des Menschen aus. Ebenso erhalten wir ein Verständnis über das Böse, das im Prinzip nichts Abstraktes, sondern eine konkrete Handlung ist, die sich nämlich gegen die Würde des Menschen richtet. Mit Kain, der seinen Bruder Abel erschlägt, beginnt eine Geschichte der Gewalt, die auch alle nachfolgenden Generationen prägt.

Henoch ist eine Gestalt des Überganges von der Urgeschichte zur tatsächlichen Geschichte. Henoch will durch die Handlung der aktiven Ergebung in Gott, um Frieden zu finden und Frieden zu machen als auch durch den Erwerb von Bildung der frühen Menschheit einen Ausweg aus einer Kultur der Gewalt ebnen. Der Mensch soll nicht zerstören, sondern eine blühende Zivilisation schaffen. Doch Henoch trifft auf dermaßen großen Widerstand, dass Gott ihn durch eine Himmelsfahrt erretten muss.

Mit der Noah-Erzählung sehen wir die Folgen dieser Kultur der Gewalt. Die Fäulnis des Planeten ist sichtbar und führt schließlich zum selbstverschuldeten Untergang von Noahs Volk. Dies hätte als warnendes Beispiel dienen sollen, tat es aber nicht. Das überaus deprimierende an dieser Erzählung ist, dass Noah der erste von vielen Propheten sein wird, die den Untergang ihrer Welt erleben werden. Dies sagt nichts Gutes über uns Menschen aus. In der Thora kommt dies noch weitaus deutlicher zum Ausdruck als im Koran, denn auf die Noah-Erzählung folgt die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Die Menschheit scheint nicht dazuzulernen, sondern sich mit der Möglichkeit des Untergangs zu arrangieren.

Mit Ijob (Hiob) haben wir abschließend eine sehr persönliche und praxisrelevante Erzählung über den Umgang mit Leid, Verlust und der Konfrontation mit dem eigenen Tod, die jedem von uns bevorsteht. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, diese Glaubensporträts so darzustellen, dass die Leser sich mit diesen Gestalten und ihren Haltungen identifizieren können und auf diese Weise etwas für ihr eigenes Leben mitnehmen können.

 

 

Leserkommentare

Ute Fabel sagt:
Ich finde in jeder religiösen Tradition die Ketzer und Sünder am bewundernswertesten. Die Denker Baruch Spinoza, Albert Einstein und Sigmund Freund haben jüdische Glaubensdogmen bewusst verworfen. Damit haben sie die Menschheit entscheidend weiter gebracht.
14.10.17
6:36
Johannes Disch sagt:
Vom selben Autor ist zu empfehlen: "Islam. Eine philosophische Einführung."
14.10.17
10:42