AfD und Medien

Umgang mit AfD sorgt für Diskussionen

Kaum im Bundestag, produziert die AfD munter weiter Schlagzeilen. Wie umgehen mit dem „gärigen Haufen“? Diese Frage stellt sich nicht nur den Politikern der etablierten Parteien und den Kirchen – sondern auch den Medien.

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10
2017
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AfD
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Am Wahlabend platzte CSU-Mann Joachim Herrmann in der „Berliner Runde“ von ARD und ZDF der Kragen. „Die Hälfte der Sendezeit beschäftigt sich jetzt schon wieder nur mit der AfD“, polterte Bayerns Innenminister. In den nächsten Wochen werde darüber zu reden sein, in welchem Ausmaß die öffentlich-rechtlichen Sender dazu beigetragen hätten „in der Tat nicht die AfD klein zu machen, sondern groß zu machen“. Seither steht der Vorwurf im Raum – und wird wohl auch bei der Sitzung des ZDF-Fernsehrates am Freitag ein Thema sein.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) wies derlei Anschuldigungen zurück. „Der Vorwurf, die Medien hätten die AfD ‚hochgeschrieben oder -gesendet‘ ist Unsinn, genauso wie der Vorwurf von Seiten der AfD, man verschweige sie oder ihre Themen“, sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Bei der journalistischen Auswahl müsse es immer um das „Kriterium der Relevanz“ gehen, betonte Überall. „Und es wird wohl kaum jemand bestreiten, dass die AfD in diesem Bundestagswahlkampf relevant war.“

Es bleibt gleichwohl ein gewisses Unbehagen, das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ in folgende Worte kleidete: „Tabubrüche dürfen sich nicht auszahlen: Wer für jede Provokation eine neue Einladung in eine Talkshow erhält, fühlt sich zum Provozieren ermuntert.“

TV-Duell: 17 Fragen zu Migration und Islam

Der Dortmunder SPD-Abgeordnete Marco Bülow hat sich die Sache schon vor Herrmanns Ausbruch genauer angeschaut. Auf seiner Website ordnete Bülow die Fragen aus dem TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer von der SPD, Martin Schulz, nach Inhalten ein. Ergebnis: 17 Fragen zu Migration und Islam, keine einzige zu Themen wie Pflege und Bildung.

Ähnlich fällt seine ausführliche Auswertung von 204 politischen Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender zwischen Oktober 2015 und März 2017 aus. In jeder vierten Sendung ging es um Flüchtlinge. Bülows Einschätzung: Die Rechtspopulisten haben der medialen und öffentlichen Debatte ihren Stempel aufgedrückt. Der Abgeordnete wünscht sich so etwas wie ein Innehalten. Denn:“ Viele Medien stürzen sich auf jede Äußerung, egal wie menschenverachtend oder auch unwichtig sie ist. Wir Politiker reagieren dann darauf und darüber wird erneut berichtet.“

„Medien haben der AfD eine Bühne geboten“

Esther Schapira vom Hessischen Rundfunk räumt in einem Interview auf der Website der „Jüdischen Allgemeinen“ ein: „Wir waren oft zu emotional, zu naiv und sind so auf die Provokationen der AfD hereingefallen. Statt sie bei Sachthemen wie Rente oder Klima zu packen, haben wir ihnen die Bühne geboten für ihre Agenda.“ Ihre Parole: „Wir Medien sollten die Faszination des Bösen nicht bedienen und stattdessen die Leerstellen im AfD-Programm outen, wie wir es bei anderen Parteien auch tun.“

Einzug der AfD in Bundestag ist eine Zäsur

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen rät den Journalisten, „selbstkritisch, nüchtern, sachorientiert“ zu berichten. „Die gezielte Ignoranz, die gegenwärtig von manchen gefordert wird, wäre Publikumsbevormundung, die Nachrichtensperre für Afd-Rempeleien unrealistisch und falsch“, sagte er dem „Tagesspiegel“ (Donnerstag). „Im Grunde genommen geht es um den Balanceakt, der guten Journalismus immer auszeichnet: Man muss unerschrocken recherchieren und informieren – ohne Schaum vor dem Mund und ohne Spektakelhoffnung, die einen zum heimlichen Komplizen von Extremisten und den Profis des Tabubruchs werden lässt.“

Einseitige Schuldzuweisungen wie die des CSU-Politikers Herrmann hält der Wissenschaftler für wenig hilfreich. So oder so: Der Einzug der AfD in den Bundestag bedeutet eine „Zäsur“, wie Pörksen es nennt. Und wie man sich zu der Partei und ihren provokationswilligen Protagonisten verhalten soll, ist eine zentrale Frage. Übrigens nicht nur für die Medien. Der katholische Kardinal Reinhard Marx rief am Tag nach der Wahl zu „verbaler Abrüstung“ auf. Die AfD erwähnte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz nicht. Vielleicht ein kleiner Hinweis darauf, dass auch die Kirchen noch auf der Suche nach einem angemessenen Umgang mit der Partei sind. (KNA, iQ)