Deutschland, deine Umma!

„Nationalität ist für mich keine Größe“

In Deutschland leben mehr als fünf Millionen Muslime. Wie viele kennen Sie? In der neuen Serie stellen wir querbeet Menschen vor, die eine Gemeinsamkeit teilen: Sie sind Teil der Umma Deutschlands. Heute Amina Luise Becker.

30
09
2017
Amina Luise Becker © Kemal Çapacı (pixxeldreams.de)

Amina Luise Becker, geb. 1939 in Köln, führt ein spannendes Leben. Neben Jura studierte sie auch Islamwissenschaften und ist Religionspädagogen, Buchautorin. Die religiöse Bildung der muslimischen Jugendlichen ist ihr ein besonderes Anliegen. Die konvertierte Muslimin ist zweifache Mutter und gehört zu den Personen der ersten Stunde. Sie hat zusammen mit ihrem Ehemann Akgün Erbakan viele islamische Gemeinden mitbegründet. Dadurch hat sie die Umma Deutschlands mitgeprägt und den Weg für viele junge MuslimInnen geebnet. Im Interview lernt ihr sie kennen: Amina Luise Becker.

IslamiQ: Sie sind Juristin, Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin, Buchautorin, und vieles mehr. Haben Sie sich bewusst für diese Berufswege entschieden?

Amina Luise Becker: Nein, das hat sich gemäß den Ereignissen in meinem Leben so ergeben. Bewusst habe ich mich für Theologie entschieden. Pädagogik kam hinzu als ich mich einmal im Religionsunterricht in Moscheen umgesehen hatte und feststellen konnte, dass es sich dabei um Katechese handelte, dargeboten in Frontalunterricht. Es war die gleiche Unterrichtsmethode wie ich sie aus islamischen Ländern kannte, hier aber unter anderen Umständen. Die Inhalte sollten von der Schülerschaft möglichst wortgetreu wiedergegeben werden, wodurch sie das Vorgetragene übernahmen, aber bewusstes Lernen heißt ja verstehen, was Reflexion voraussetzt. Die Lernenden verstanden nicht warum sie etwas tun oder lassen sollten, nur dass sie es tun bzw. lassen sollten. Bücher mit islamischer Fachdidaktik gab es damals nicht, also mussten sie erst entwickelt werden. Darum Pädagogik.

Universitär brachte mich das Studium aber nicht sehr weit, es bedurfte einer spezifisch islamischen Fachdidaktik die auf der Pädagogik des Koran und der verlässlichen Sunna aufbaut. Ich gründete das IPD, ein privates Institut für Pädagogik und Didaktik, begann mit Interessierten Ausbildungsgänge zur muslimischen Fachdidaktikerin anzubieten und durchzuführen.

IslamiQ: Haben Sie es je bereut diesen Berufsweg zu gehen?

Becker: Nein, nur würde ich heute gleich mit Theologie und Pädagogik beginnen. Aber „viele Wege führen nach Rom“, heißt es, meine führten mich erst einmal hinaus aus Deutschland und das war gut so. Ich fühle mich seitdem lebenslang auf dem Weg.

IslamiQ: Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der Sie erstmals mit der Identitätsfrage konfrontiert waren?

Becker: Ja, es ist lange her, als ein kleiner türkischer Junge mir und meiner Freundin zuhörte, wie wir uns in deutscher Sprache unterhielten. Er fragte, „bist du deutsch?“. Nachdem ich bejahte, fragte er weiter: „Warum trägst du dann Kopftuch?“.

Nationalität ist für mich keine Größe. Ich habe noch das Ende des Naziregimes bewusst und schmerzlich miterlebt. Seitdem – so dachte ich jedenfalls – wäre Deutschland vom nationalen Wahn geheilt. Es scheint, ich habe mich geirrt, aber da sind wir natürlich nicht allein. Was soll man mit dem Satz anfangen: „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“, oder ein Franzose oder Russe usw. Das sagt doch nichts aus.

Befragt man die Geschichte, von der Antike bis in die jüngere Vergangenheit, findet man wenig bis keine Gründe, um stolz auf irgendeine Volkszugehörigkeit zu sein. Nationalismus trägt m. E. bereits den Keim von Gegnerschaft, ja von einem Antigefühl gegenüber anderen Völkern und Gruppen in sich. Konkurrenz anstatt Kooperation. Der islamischen Lehre ist das in besonderem Maße fremd.

IslamiQ: Welche Hobbies haben Sie, wie gestalten Sie ihre Freizeit am liebsten?

Becker: Meine Hobbies und meine Arbeit verschmelzen meistens ineinander. Ich schreibe gerne, feile an Ideen. Lesen und Zuhören gehört natürlich grundsätzlich dazu. Meine wirkliche freie Zeit ist knapp bemessen. Mit meinen Lieben philosophieren, im Garten sitzen und dem Plätschern des Brunnens lauschen, Vögel und den Eichhörnchen zuschauen, die sich dort angesiedelt haben. Das ist schon mehr als Hobby, eher Glück.

IslamiQ: Lieblingsbuch? Lieblingsfilm?

Becker: Bücher viele. Ich lese meistens mehrere zusammen; zur Zeit von David Precht „Wer bin ich und wenn ja wie viel“, von David Landes „Warum die einen reich und die anderen arm sind“ und von Thomas Bauer, „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“. Ich war seit Jahren nicht im Kino, zu Unterhaltungsfilmen habe ich keine Beziehung, wenn schon Filme, müssen sie sozialkritisch sein. Vielleicht als Beispiel „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams.

Leserkommentare

charley sagt:
Frau Becker sagt: "....Was soll man mit dem Satz anfangen: „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“, oder ein Franzose oder Russe usw. Das sagt doch nichts aus." Nun, als eine Gruppenzugehörigkeit steht sie im Gegensatz zur individuellen Selbstbestimmung, die sich letztlich immer getrennt von der Gruppe erkennt. Solches ist in schönster Weise bei Heiligen wie auch z.B. bei manchen Sufis zu lesen. Aber der Islam lebt doch geradezu von Gruppenidentitäten. Da ist die "Familie", und wehe, jemand verletzt die Familienehre (wer !!! ist das, der sich da in seiner "Ehre" fühlt!??), ... da kanns dann schon mal einen "Ehrenmord" geben. Dann hat der Islam eine Gruppensprachidentität, denn wer Arabisch beherrscht, kann das unverfälschte Wort Allahs vernehmen, der ja Arabisch gesprochen haben soll (und wer nur irgendwie Ahnung von geistigen Wesen hat, der weiß, dass diese überhaupt nicht in irdischer Sprache sprechen, sondern es ist eine Leistung des Inspirierten, die inneren Erfahrungen in Sprache zu prägen!)... also auch noch mal eine Illusion von Gruppenidentität.... und dann die Umma, die zu einem enormen Gruppenzwang (Kopftuch,,... ach, deine Frau trägt etwa kein Kopftuch? Na, hast du sie nicht richtig erzogen??) führt und sehr oft individualitätsverachtend ist! Und da der Islam auch zumeist, weil nicht spirituell begriffen, als politische Agenda verstanden wird, identifiziert man sich - und wenn auch nur sehnsüchtig - mit einem islamischen Staat. Auch wieder eine illusionäre Gruppenidentifzierung. Angesichts all dieser schreienden Nicht-Individualitäts-Bestimmungen ist es schon dreist, dass Frau Becker hier eine Absage an eine - recht äußerliche - Identifikation mit Kulturerbe, mit gemeinsamem rechtlichen Rahmen propagiert. Es scheint, sie hat über diese Dinge noch nicht selbstkritisch nachgedacht. Ich empfehle ihr das Vorwort von Max Stirner: "Der Einzige und sein Eigentum"! (es gibt noch eine Reihe anderer Philosophen, von denen sie Aufklärung über diese Dinge bekommen könnte. Auch Sufis wie Al-Halladsch oder Suhrawardi wussten, was die Realität der eigenen Identität ist. Die Umma hat sie dafür getötet!
30.09.17
18:14
Kritika sagt:
L.S. « Der Islam hätte eine Menge Ansätze zu Problemlösungen unserer Zeit zu bieten.» So schreibt Frau Amina Luise Becker. Ein geflügeltes Niederländisches Sprichwort lautet: "Verbeter de wereld, begin bij jezelf", übersetzt: "MuslimFrau, wenn Du die Welt verbessern willst, beginne beim Islam" Da hätte Kritika doch ein lohnendes, typisch Islamisches Problem für Amina Luise Becker, zum Lösen: Aleviten töten Suniten, weil Suniten Ungläubige sind, Suniten töten Wahhabisies, weil Wahabisies Ungläubige sind, Wahhabisies töten Schiïten, weil Schiïten Ungläubige sind, Schiïten töten Aleviten weil Aleviten Ungläubige sind. Wenn Frau Amina Luise Becker diesen Teufelskreis auflösen könnte, würde sie unsterbliche Meriten für den Frieden unter den Islamischen Glaubensrichtungen erwerben. Viel Erfolg dabei wünscht ihr Kritika
30.09.17
18:36
Fatma Tastan sagt:
Ich habe Schwester Amina im Unterricht in Mannheim miterlebt und finde sie einfach stark und sehr weltoffen. Ich wünsche ihr noch viele gesunde Lebensjahre und weiterhin viel Engagement.
01.10.17
0:01
Manuel sagt:
@Fatma Tastan: Ist Sie auch weltoffen, wenn man die mittelalterlichen islamischen Dogmen, wie das Kopftuch oder den Jungfrauenwahn kritisiert?
01.10.17
11:51
Frederic Voss sagt:
Bei der Lieblingsfilm-Frage nannten Sie den sozialkritischen Film "Der Club der toten Dichter." Zentrale Thematik des Films ist der Konflikt zwischen einer konservativen Schulleitung und den nach Selbstentfaltung strebenden Schülern. Die Schüler sollen letztlich zu selbständigem Denken angeleitet werden und den bislang strikt verordneten Gehorsam hinterfragen. Sie nannten somit einen idealen Lehrfilm zum Hinterfragen der Autoritätsgläubigkeit und Unterwerfungsbereitschaft im Islam. Selbständiges Denken als Lernziel oder islamisch-konservatives Denken? Das ist hier die große Frage. - Vielen Dank für diese Filmempfehlung.
02.10.17
0:53
Charley sagt:
@Fatma Tastan: Ich halte die Frau auch sicherlich für eine integere Persönlichkeit, die für sich authentisch den muslimischen Weg gegangen ist. Für mich ist dabei immer die Frage: Ist das, was sie "ist" nun "Ergebnis" des Islam oder das Ergebnis derjenigen Leistung, die sie als Individualität in der Auseinandersetzung mit dem Islam sich erarbeitet hat. Anders gesagt: Könnte eine ethisch begabte Persönlichkeit nicht auch in der Auseinandersetzung mit einer anderen Religion/Weltanschauung sich diese Feinsinnigkeit und Hochherzigkeit erarbeiten, die man beim Lesen des Interviews deutlich wahrnehmen kann? - Ich betone diese Feinsinnigkeit und Hochherzigkeit durchaus, denn philosophisch ist es recht bescheiden, was sie bietet. Allerdings ist das Interview auch ziemlich ins Persönliche abrutschend. - Weltoffenheit, wie du betonst, ist durchaus (derzeit) nicht zwingend eine islamische Tugend. Sie ist auch nicht in der islamischen Kultur geboren, sondern hat wohl durch Heirat dazu erst einen Bezug bekommen!
02.10.17
10:08
Ute Fabel sagt:
"Nationalität ist für mich keine Größe" Richtig! Dem sollte noch das Prinzip "Religion ist für mich keine Größe" angeschlossen werden. John Lennon hat in seinem Song "Imagine" schon von einer Welt ohne Nationen und Religionen geträumt. Genauso wie der feste Glaube an eine Nation hat für mich auch der feste Glaube an eine Religion etwas sehr Trennendes, Kleingeistiges und Provinzielles an sich.
03.10.17
9:31