Religion und Lebenserwartung

Studie: Beten beruhigt das Immunsystem

Gläubige leben länger. Das legen neue Studien in den USA nahe, die den Zusammenhang zwischen Religiosität und Lebenserwartung untersucht haben. Die Geborgenheit einer Glaubensgemeinschaft hilft, Stress zu vermindern.

01
08
2017
Beten, Muslime, Islam © Shutterstock
Beten, Muslime, Islam © Shutterstock

Professor Marino Bruce von der renommierten Vanderbilt-University in Nashville, Tennessee, hat in einer breit angelegten Studie Zusammenhänge zwischen Erkrankung und dem sozialen Umfeld der betroffenen Menschen erforscht. Dafür untersuchte sein Team zehn biologische Stress-Marker bei 5.500 Erwachsenen zwischen dem fünften bis siebten Lebensjahrzehnt.

Er kategorisierte die Befragten nach sozialen Status, Krankenversicherung, aber auch ihrer Haltung zu Gott und Kirche. Das Ergebnis überraschte Bruce wegen seiner Eindeutigkeit. Demnach sind Nicht-Gläubige doppelt so häufig gefährdet, früher zu sterben als religiöse Menschen. Seine Zahlen bestätigen die aus früheren Studien abgeleitete These, nach der religiöse Mensch weniger Stress haben und deshalb ihr Todesdatum nach hinten verschieben können.

Geborgenheit hilft beim Stressabbau

Bruce, der nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Baptisten-Pfarrer ist, betont, das Ergebnis treffe nicht nur auf Christen zu. Es gehe nicht um einen bestimmten Glauben, sondern um Glauben generell. Auch Muslime, Juden oder Hindus seien als Mitglieder ihrer Religionsgemeinschaft sozial gefestigter als nichtgläubige Individualisten. Die soziale Unterstützung in der Gemeinschaft, das Mitgefühl mit anderen und auch die Erkenntnis, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst, wirke beruhigend auf das Immunsystem und baue Stress ab.

Das deckt sich mit Erkenntnissen einer Studie von 2013, in der Wissenschaftler aus North Carolina die deutlich engeren sozialen Kontakte zwischen regelmäßigen Kirchgängern als gesundheitsfördernd ausgemacht haben.

Tanya Marie Luhrmann, Anthropologin an der Stanford-University, sieht aber auch andere Faktoren. Der durchschnittliche religiös lebende Zeitgenosse trinke weniger, rauche weniger, halte sich mit Drogenkonsum zurück und lebe sexuell häufiger in monogamen Beziehungen als andere. Beste Voraussetzungen, um ein biblisches Alter zu erreichen.

„Placebo-Effekt“

Das Potenzial des Glaubens sieht Luhrmann auch beim berühmten „Placebo-Effekt“ am Werk. Die „symbolische“ Einnahme von Medikamenten, die keinerlei krankheitsmindernde Substanzen enthalten, kann tatsächlich physikalische Auswirkungen haben. Nämlich durch die Fähigkeit, auf etwas zu vertrauen, von dem man glaubt, es sei gut für einen. „Wir verstehen den Placebo-Effekt nicht, aber wir wissen, dass er real ist.“

Ob Kirche gesund macht oder Kirchgänger länger leben, bewertet die Kolumnistin Yonat Shimron vom „Religion News Service“ deutlich kritischer. Menschen gingen aus allen möglichen Gründen in die Kirche, schreibt sie. Könnte es nicht sein, dass sie allein wegen der sozialen Kontakte oder Kaffee und Kuchen kommen?

Ihren polemischen Einwand treibt sie mit der Frage auf die Spitze, ob denn jemand schon untersucht habe, ob Tierfreunde, Strick-Kreise oder Poker-Runden ebenfalls Aussicht auf ein längeres Leben haben? Wenn nicht, so Shimron, sollten „die Ärzte ihre Patienten einen wöchentlichen Kirchgang verschreiben.“

„Ich bin zu gesegnet, um gestresst zu sein!“

Auch Neal Krause, pensionierter Professor für öffentliche Gesundheit an der University of Michigan, bleibt skeptisch. „Religion ist unglaublich komplex“, meint Krause. Übertriebene religiöse Hingabe könne sogar das Gegenteil bewirken, nämlich Krankheit, geistige Not, Depression und sogar Selbstmord verursachen.

Einig sind sich viele Forscher, dass frühere Studien zum Verhältnis von Gebet und Krankheit methodisch, ethisch und theologisch ungenügend waren. Das könnte sich mit der großen Vanderbilt-Studie nun ändern. Das alte englische Sprichwort, „Ich bin zu gesegnet, um gestresst zu sein!“ lässt sich durch die Empirie nun recht gut absichern. Gesundbeten hilft. (KNA, iQ)

Leserkommentare

Ute Fabel sagt:
Bei den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung ist Japan, ein wenig religiös geprägtes Land, weit oben. Richtig ist, dass Gemeinschaft Geborgenheit schafft, aber nicht zwangsläufig eine Religionsgemeinschaft.
01.08.17
13:12
Rerun sagt:
"Halt du sie dumm, ich halt sie arm" passt da ja sehr gut zu. Nebenbei, wie alt ist Forrest Gump eigentlich geworden? Worin sieht die Studie eigentlich den Unterschied zwischen Beten und Meditation und innerer Einkehr und wie belegt sie, dass es nicht diese ist, die da vorgeblich wirkt? Sieht doch sehr nach Junk Science aus.
01.08.17
13:19
Frederic Voss sagt:
Ein interessanter und vielschichtiger Artikel. Gesundbeten kann in allen Religionsvarianten dieser Welt funktionieren. Islam-Anhänger haben also keine Sonderstellung. Es sei denn, sie bilden sich diese nur ein bzw. konstruieren sie fantasievoll und voller Inbrunst.
02.08.17
11:18
Ute Fabel sagt:
Die Lebenserwartung hat sich nicht durch Glauben und Gebete erhöht, sondern aufgrund der gewaltigen Fortschritte in der Medizin durch Forschen und Denken.
03.08.17
8:02
Andreas sagt:
@Ute Fabel: Stellt der Artikel die Medizin und deren Forschung in Frage?
03.08.17
15:14
ThinkTank sagt:
@Frederic Voss: Wie kommen Sie auf die Idee einer SONDERstellung des Islam in dieser Hinsicht? Ihre Idee deutet auf ein Denken in "Abgrenzungen" ihrerseits, nicht der breiten Masse der "Islam-Anhänger". Dies entsprach nie dem islamischen Selbstverständnis - jedenfalls nicht in dieser Art. Der Islam war immer - unter Wahrung monotheistischer Prinzipien - ein Schmelztiegel von Kulturen und Traditionen. Beispiele lassen sich viele anführen, aber hier sei nur eines aufgeführt: Allein der notwendige Glaube an Moses, Jesus und Mohamed als Propheten und/oder Gesandte Gottes widerspricht der Idee einer "Abgrenzung". Wenn man von SONDERstellung spricht, dann allenfalls in diesem Sinne: Mir ist keine Weltreligion mit einer großen Masse an Anhängern bekannt, die einer Ideologie folgt, welche allein durch ihr Selbstverständnis allumfassender wäre als der Islam. Ihnen?
04.08.17
9:44
Kritika sagt:
L.S. Die durchaus nachweisbare medizinische Wirkung einer Religion beruht auf Placebo - wie auch der Artikel erwähnt. L.S. Das was Religion erreicht, geht mit (bis zur wirkstofflosigkeit verdünnte) Globili genauso. Die Wirksamkeit eines neuen Medikamentes wird nicht gegen "Nicht-Medimakentierung" getestet sondern immer gegen Placebo, wobei weder Arzt noch Patient weiss, ob gerade mit Medikament oder Placebo "behandelt " wird (doppelblind Versuch). Der beweisbare "Bet-Effekt" ist überhaupt kein Gottesbeweis . Seit Jahrhunderte möchten die Kirchen so gerne GottesBeweise haben. Mehr als : "Glauben heisst "Nicht-wissen" kam dabei nie heraus. Gruss, Kritika.
19.09.17
1:32
Kritika sagt:
At Thinky, der schreibt: « Mir ist keine Weltreligion mit einer großen Masse an Anhängern bekannt, die einer Ideologie folgt, welche allein durch ihr Selbstverständnis allumfassender wäre als der Islam.» ----------- Noch viel allumfassender als der Islam (um Ihren unsinnigen Ausdrück zu karikieren) findet Kritika das Christentum. Der hat mit Jesus den liebevollsten aller 3 BuchGötter erfunden, gleichzeitig den Gott, der mit dem geringsten Freizeitverbrauch. Am wenigsten Freizeitverbrauch birgt jedoch folgende Überlegung: Der Vergleich des Anspruchs eines jeden der 3 Götter (Allwissend, Allmächtig, Unheimlich erbarmend) mit einer willkürlichen TagesschauSendung bestätigt: Keiner der Götter kümmert sich auch nur ein Deut um Seine Schöpfung; weshalb sollte sich die Schöpfung dann um einen Gott kümmern? Also, lasst uns gute Menschen sein, um unserer Mitmenschen willen, nicht um des fiktiven Gotteswillen. Grüss Gott, Kritika
26.09.17
1:01
Miro sagt:
Ich kann nur schmunzeln...ich weiss was was du nicht weisst und nie wissen wirst....das ist ein grosses Geheimnis. Der eine lebt mit seinen Krankheiten und der andere erlebt sie...ich glaube nicht ich bin felsenfest überzeugt aber kein einziger Ateist auf dieser Welt ist überzeugt...er glaubt nur
19.12.17
0:09