Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF)

Streit um Kopftuchverbot spaltet Feministinnen

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF) fordert ein Kopftuchverbot für Schülerinnen. Ist das islamfeindlich? Und sind diese Frauen damit automatisch ganz nah bei der AfD? Die Organisation wehrt sich gegen diesen Vorwurf.

24
07
2017
Symbolbild: muslimische Frauen, Kopftuch, Kopftuchverbot
Symbolbild: muslimische Frauen, Kopftuch, Kopftuchverbot © shutterstock

Wenn Grundschülerinnen in Deutschland Kopftuch tragen, läuft etwas gründlich schief, findet der Vorstand der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF). Die Autorinnen der feministischen Zeitschrift „Emma“ sehen das ähnlich. Niedersachsen will jetzt den Gesichtsschleier (Nikab) in Schulen verbieten. Doch es gibt auch Feministinnen, die in der islamischen Verschleierung einen Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung sehen, den die Mehrheitsgesellschaft gefälligst zu akzeptieren habe. Der Streit um Mädchenrechte und Toleranz wird von den Frauenrechtlerinnen verschiedener Couleur mit unerbittlicher Härte geführt.

Hania Luczak gehört zum TdF-Vorstand. Die Organisation hat ihre Geschäftsstelle in einem Berliner Stadtteil, indem viele muslimische Schülerinnen Kopftuch tragen. TdF hatte im Mai mit großer Mehrheit ein Positionspapier zum „Kinderkopftuch“ verabschiedet. Darin heißt es, das Tragen des islamischen Kopftuchs solle „im öffentlichen Raum vor allem in Ausbildungssituationen“ für minderjährige Mädchen verboten werden. Eine Gruppe von Frauen, darunter auch Mitglieder der Organisation, kritisierte daraufhin in einem Offenen Brief: „Eine solche Forderung schürt anti-muslimischen Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung der betroffenen Mädchen.“

„Wie islamfeindlich ist der Feminismus?“

Luczak ficht das nicht an. Kritikerinnen, die Terre des Femmes wegen des Beschlusses islamfeindliche Tendenzen vorwerfen, sind aus ihrer Sicht „Claqueurinnen des Patriarchats“. Das ist in feministischen Kreisen mit das Schlimmste, was man jemandem an den Kopf werfen kann.

Die Autorin Meredith Haaf hält dagegen. In der «Süddeutschen» schrieb sie vor einigen Tagen unter der Überschrift „Wie islamfeindlich ist der Feminismus?“: „Die Bereitschaft, einzelne ethnische und religiös definierte Gruppen mit ihren Symbolen zu markieren, spielt allen in die Hände, die aus ganz anderen Gründen einen aggressiven, Umgang mit Muslimen pflegen und fordern.“ Die Soziologinnen Sabine Hark und Paula-Irene Villa untersuchen in ihrem soeben erschienenen Buch „Unterscheiden und Herrschen“ (Transcript-Verlag), die „ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart“. Der Feminismus von „Emma“-Gründerin Alice Schwarzer ist aus ihrer Sicht „toxisch“. Schwarzers Kritik an der islamischen Glaubenspraxis finden sie undifferenziert.

Positionspapier zu Rechtspopulismus und Extremismus

Dass die AfD das Kopftuch aus dem öffentlichen Raum drängen will, hat dazu geführt, dass sich Schwarzer genötigt sah, immerfort ihre Distanz zum „Rechtspopulismus“ zu betonen. Terre des Femmes hat vor einigen Tagen ein „Positionspapier zu Rechtspopulismus und Extremismus“ veröffentlicht. Darin grenzt sich die Organisation von der AfD ab und begründet dies unter anderem mit dem Bekenntnis der AfD zur „traditionellen Familie als Leitbild der Gesellschaft“.

Tatsächlich ist der Feminismus für viele AfD-Mitglieder ein rotes Tuch. Die AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Alice Weidel, sieht das entspannter. Sie teilt ihr Leben mit einer Frau und zwei Kindern, lebt also nicht in einer traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familie. Die AfD-Frontfrau sagt: „Wenn der deutsche Feminismus wegen seiner Kritik an der unkultivierten, verfassungsfeindlichen Scharia islamfeindlich sein soll, dann bin ich gerne deutsche Feministin.“ Der Grünen-Bundestagabgeordneten Claudia Roth wirft Weidel vor, sie verrate die Rechte der Frauen, weil sie sich nicht klar gegen die «Schleiermanie in Deutschland» stelle.

Aus Sicht von Terre des Femmes ist das AfD-Lob zwar Applaus von der falschen Seite, aber kein Grund, die eigene Position zum Kopftuch für Kinder und Jugendliche zu überdenken. Die Vize-Vorsitzende Inge Bell sagt: „Nur weil eine Position auch von der AfD vereinnahmt wird, heißt das ja nicht, dass man sie nicht mehr vertreten darf.“

„Ich kämpfe gegen das Kopftuch“

TdF-Mitarbeiterin Naila Chikhi findet den Rassismus-Vorwurf absurd. Die gebürtige Algerierin sagt: „Ich bin Feministin und Muslima, und ich kämpfe gegen das Kopftuch.“ Sie findet es „herablassend, wenn jemand patriarchalische, frauenverachtende Strukturen im Katholizismus kritisiert, aber nicht im Islam.“ Sie bedauert, dass es bislang keine wissenschaftlichen Studien zur Verbreitung an deutschen Schulen gibt. Aus ihren Kontakten mit Flüchtlingsfrauen und Lehrerinnen wollen die TdF-Frauen aber festgestellt haben, dass Jahr für Jahr mehr Schülerinnen Kopftuch tragen – auch an den Grundschulen. Sie sagen, dies sei nicht nur eine Folge des Zuzugs von Flüchtlingen, sondern auch ein Phänomen, das von Moschee-Gemeinden gefördert werde. Betroffen seien auch Mädchen aus Familien, die schon länger in Deutschland leben. (dpa, iQ)

Leserkommentare

Kritika sagt:
Terre des Femmes: « das Tragen des islamischen Kopftuchs solle „im öffentlichen Raum vor allem in Ausbildungssituationen“ für minderjährige Mädchen verboten werden.» Moi aussi, je suis Terre des Femmes! Salut, Kritika
24.07.17
16:01
Manuel sagt:
Es sollte auch die Schlechterstellung der Frau im Islam und die Verteufelung der Sexualität außerhalb der Ehe angeprangert werden.
24.07.17
18:35
Ute Fabel sagt:
Die Religionsmündigkeit wird im deutschen Recht mit der Vollendung 14. Geburtstags erreicht. Die staatliche Rechtsordnung darf es keineswegs hinnehmen, wenn verantwortungslose Eltern ihren minderjährigen Nachwuchs zu einem bloßen Objekten ihrer eigenen religiösen Dogmenausübung degradieren. Kein Kopftuch bei Kindern in der Schule, keine orangefarbene buddhistische Kutte bei Kindern, keine deutschnationalen Burschenschafterkappen und kommunistischen Blauhemden bei Kindern in der Schule. Der Staat muss die negative Religions- und Weltanschauungsfreiheit von Kindern energisch verteidigen.
25.07.17
9:56
Hajar sagt:
Aber ein Kreuzkettchen oder ein T-Shirt mit "WWJD"-Aufdruck ist schon okay, oder? Das muss zumindest annehmen, wer der Argumentation des Autorenkollektivs "Kritika" im Rahmen der Diskussion um die strikte Durchsetzung des Neutralitätsgebots in Berlin gefolgt ist.
25.07.17
21:37
Rerun sagt:
„Wie islamfeindlich ist der Feminismus?“ ist die falsche Frage. Richtig wäre: "Wie frauenfeindlich ist der Islam?".
26.07.17
13:21
Ute Fabel sagt:
@Hajar: Ich bin für ein konsequentes optisches Neutralitätsprinzip in der Schule und im öffentlichen Dienst, was Folgendes bedeutet: kein Kopftuch, kein Salafistenbart, keine orangefarbene buddhistische Mönchskutten, kein atheistisches "Gottlos Glücklich"-Shirt, kein christlicher W.W.J.D.-Aufdruck, keine Kreuzketten, keine Kippas, keine Abzeichen von politischen Parteien, keine Che-Guevara-Shirt, keine Burschenschafterkapppen, keine kommunistischen Blauhemden; Gleichbehandlung bedeutet gleiche Rechte und gleiche Pflichten für alle - Religion, Weltanschauungen und politische Überzeugung sind Privatsache!
26.07.17
13:23
Manuel sagt:
@Hajar: Hat das wer gesagt? Die anderen Religionsgemeinschaften haben aber offenbar kaum Probleme, den Berliner Laizismus zu akzeptieren, es ist immer eine bestimmte Religionsgemeinschaft, die ständig meint ihre mittelalterlichen Dogmen überall durchsetzen zu müssen.
26.07.17
18:38
Andreas sagt:
@Manuel: Warum wollen Sie jedem Ihre Moralvorstellungen aufzwingen? Lassen Sie die Leute doch auf Sex außerhalb der Ehe verzichten, wenn sie das so wollen.
27.07.17
15:03
Hajar sagt:
@Ute Fabel: Ihre hier vertretene Konsequenz in dieser Frage ehrt Sie ja. Damit sind Sie in gewissem Sinne ja eine schon fast wohltuende Ausnahme. Einzig, diese Logik hinter der "strikten Neutralität" erinnert an ein Kleinkind, das, obwohl mit Becher in der Hand gut sichtbar mitten im Raum stehend, glaubt, wenn es die Augen nur ganz fest zumacht, geht die Kakaopfütze auf dem Langhaarteppich vielleicht von allein weg. Ideen (auch unliebsame) lassen sich durch wie auch immer geartete Verbote nicht eliminieren und werden sich auf die ein oder andere Weise immer auf das Verhalten des Einzelnen auswirken. Geht es also darum, Diskriminierungen der Gruppe B durch die Gruppe A zu vermeiden, oder möchte hier nur eine ganz bestimmte Gruppe (nein @Manuel: nicht die Moslems) nicht damit konfrontiert werden, dass es halt heute noch Menschen gibt (nein @Manuel, nicht nur Moslems), die religiöse Überzeugungen an mehr als drei Tagen im Jahr leben möchten? @Manuel: Sinngemäß wurde diese Meinung hier schon wiederholt vom Autorenkollektiv "Kritika" vertreten. Sind Sie außerdem sicher, dass es nur "die eine Religion" ist, die "ständig Sonderrechte" einfordert, oder liegt's an der falsch eingestellten Filterbubble?
27.07.17
17:30
Manuel sagt:
@Andreas; Genau, wenn schon Mädchen eingeredet wird, dass Sexualität außerhalb der Ehe etwas Böses ist, dann ist das sicher dann eine freie Entscheidung. Im Islam herrscht eine extreme Sexualitätsfeindlichkeit, besonders der weiblichen, merkt man wenn man in dessen Ländern verkehrt, den nicht umsonst müssen sich da die Frauen ja einwickeln wie Mumien, vom Jungfrauenwahn ganz zu schweigen.
27.07.17
18:36
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