Präsidentschaftswahlen in Frankreich

Marine Le Pen profitiert von Frust und Angst

Der Zuspruch für die Front National ist in Frankreich so stark wie noch nie vor einer Präsidentschaftswahl. Warum kann Marine Le Pen mit ihren nationalistischen Tönen punkten? Eine Reise durch ein aufgewühltes Land.

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04
2017
Marine Le Pen © flickr / CC 2.0 / Global Panorama

Ein Schrei donnert von den Rängen. Eine Gruppe Männer stimmt den Schlachtruf an, und Hunderte fallen ein, blau-weiß-rote Fahnen schwingend: „On est chez nous“, „Wir sind hier zuhause“. Eine Parole, die für Zorn auf das Fremde steht, auf Einwanderung und Konkurrenz aus dem Ausland, für das Gefühl von Bevormundung aus Brüssel und Berlin. Es ist der Frust, der Marine Le Pen stark macht.

Migration ist eines der Hauptthemen der FN. Marine Le Pen will sie zurückfahren. Die Zuwanderung ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen – einen Zustrom wie Deutschland in der Flüchtlingskrise erlebte das Land aber längst nicht. Das Thema wird meist mit dem Fokus auf eine stärkere Präsenz des Islam kritisiert, die seit Jahren zu Debatten über die französische Identität führt.

Der Höhenflug der Front-National-Chefin lässt die französische Präsidentschaftswahl im April und Mai auch zu einer Abstimmung über Europa werden. Zum ersten Mal ist ein Sieg der Rechtspopulistin keine abseitige Vorstellung, die einfach beiseite geschoben werden kann. Was ist los, dass Rufe nach Abschottung so ein starkes Echo finden? Eine Reise durch Frankreich zeigt eine Mischung aus Ängsten, Enttäuschung über die etablierte Politik und Wirtschaftsproblemen.

Lille: „Wir haben keine Kaufkraft mehr“

Le Pen (48) steht auf der Bühne und winkt lächelnd ins Publikum. Der Auftritt in einer Konzerthalle in der nordfranzösischen Stadt Lille ist ein Heimspiel, ihre Front National (FN) ist in der verarmten Industrieregion im Norden fest verankert. Für William verkörpert sie die Hoffnung auf Erneuerung. „Wir wissen nicht mehr, wo es hingeht. Wir haben keine Kaufkraft mehr, wir haben nichts mehr“, sagt der 57-Jährige, ein „Marine Présidente“-Pin an der schwarzen Jeansjacke.

Gwendal, 19 Jahre, bugsierte einen Bauchladen mit FN-Werbeartikeln durch die Menge. Er studiert an einer Pariser Universität Russisch und Spanisch. Seit drei Jahren unterstützt er die FN-Chefin. „Ich bin jung, und ich sehe die Arbeitslosenquote“, sagt Gwendal. Sie liegt nach Eurostat bei 10 Prozent, also viel höher als in Deutschland. Dass seit 2007 weder der konservative Staatschef Nicolas Sarkozy noch sein sozialistischer Nachfolger François Hollande das Problem in den Griff bekamen, wird oft als Argument gegen die beiden traditionellen Regierungsparteien genannt.

Frankreich habe wirtschaftlich keine Souveränität mehr, meint Gwendal. „Wir sind ein bisschen Frau Merkel und all den EU-Kommissaren unterworfen. Das ist eine Katastrophe.“ Die politische Klasse brauche Erneuerung. Er habe bei der FN noch niemanden getroffen, der rassistisch sei, versichert er.

Die Leute hätten weniger Hemmungen, sich als FN-Wähler zu bekennen, sagt Valérie Igounet. Die Historikerin beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit der Rechtsaußen-Partei. Die Wähler stellten sich heute hinter die Ideen der Front National: Sei es die Fremdenfeindlichkeit oder der Nationalismus. Häufig genannte Themen seien wirtschaftliches Leid und eine gespürte Bedrohung der französischen Identität. „Ihre Wahlentscheidung drückt ein Gefühl des Verrats und der Enttäuschung aus“, heißt es in ihrem neuen Reportage-Buch zum Thema.

Beaucaire: Armut und ein FN-Politiker als Chef in Rathaus

Bei der Regionalwahl Ende 2015 stimmten in Beaucaire im ersten Wahlgang fast 60 Prozent für Le Pens Partei – allerdings ging nur jeder Zweite zur Wahl. Vor drei Jahren eroberte ein junger FN-Politiker das Rathaus. Seitdem hat Julien Sanchez die Kommunalpolizei von 13 auf 23 Mitarbeiter aufgestockt und eine Straße „rue du Brexit“ getauft – also Straße des britischen EU-Austritts.

Wer auf dem Markt von Beaucaire mit Menschen spricht, spürt jede Menge Frust auf die französische Politik. „Wir haben nur Probleme“, meint Gwen, eine 30-Jährige aus Nîmes mit Babybauch. „In unserem Land gilt: Je mehr man arbeitet, desto mehr zahlt man. Je weniger man arbeitet, desto mehr bekommt man.“ Sie hat noch nie für Le Pen gestimmt. Diesmal eine Option? „Ich weiß nicht.“

Bellac: Furcht vor dem Euro-Austritt

Sanft geschwungene Hügel, grüne Weiden mit Schafen, die mittelalterliche Kirche Notre-Dame: Bellac und Umgebung sind auf den ersten Blick eine Postkartenidylle. Doch der Eindruck trügt. In dem Ort in der Nähe der Porzellanmetropole Limoges haben viele Geschäfte für immer die Rollläden heruntergelassen. In der Gegend kauften zudem zahlreiche Briten günstig Häuser. Doch der Brexit, also der Abschied Großbritanniens von der EU, bringt Unruhe und Unsicherheit. Der Zustrom von den Insel ebbt ab, berichten Bewohner.

Bei den Regionalwahlen kam die FN in Bellac auf ein Viertel der Stimmen. Nathalie Gal, Chefin einer alteingesessenen Gerberei, findet sich nicht mit diesem Trend ab. Die 43-Jährige bezieht Stellung gegen Marine Le Pen. Sie gab der Präsidentschaftskandidatin schon in einer Debatten-Sendung des TV-Senders France 2 Kontra. „Das Schlimmste an ihrem Programm ist der Austritt aus dem Euro und aus der EU“, bilanziert Gal. Le Pen fordert die Rückkehr zur nationalen Währung Franc und will die Franzosen über den EU-Austritt abstimmen lassen.

Gal hat nachgerechnet, was sie ein Euro-Austritt und die Einführung eines Neuen Franc in Frankreich kosten würde. „Für mich steigen die Einkaufspreise um bis zu 20 Prozent. Meine Kunden könnten dem nicht folgen.“ Sie sagt: „Wenn die extreme Rechte an die Macht kommt, höre ich auf und gehe weg. Ich kann nicht überleben.“ (dpa, iQ)

Leserkommentare

Johannes Disch sagt:
Nun ja, mit ihren jüngsten Äußerungen zur Situation der Juden im Frankreich zur Zeit des Dritten Reiches dürfte sie sich endgültig disqualifiziert haben.
11.04.17
18:47