Muslime in Krisenzeiten

„Es herrscht ein Mangel an islamischen Gelehrten“

Muslime weltweit stecken in einer Krise. Islamfeindlichkeit, Terror und die Uneinigkeit der Umma sind die Stichwörter. Der britische Islamwissenschaftler Timothy Winter ist der Meinung, dass Muslime führende Gelehrte, Sachlichkeit und Wissen brauchen, um die Krise zu überwinden.

07
01
2017
Timothy Winter © TW

IslamiQ: In jüngster Zeit erleben wir einen erheblichen Bedeutungswandel grundlegender islamischer Konzepte. Der Begriff „Dschihad“, während der sowjetischen Besatzung Afghanistans positiv besetzt, wird heute meist mit Terrorismus assoziiert. Eine ähnliche Wandlung vollzieht sich für den Begriff „Takbîr“. Welche Haltung sollten Muslime, die in nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaften leben, angesichts dieser Herausforderungen einnehmen?  

Timothy Winter: Der Islam ist eine Religion des Wissens. Gelehrsamkeit ist neben dem Glauben eine wesentliche Grundlage der Rechtschaffenheit. Die Art und Weise, wie unsere Begrifflichkeiten außerhalb muslimischer Kreise verstanden werden, ist zwar von Bedeutung, hat jedoch keine Auswirkung auf ihren Gebrauch. Im Falle des Dschihads sind Muslime historisch an den formellen Standpunkt der vier sunnitischen Rechtsschulen gebunden, die den Angriff auf Zivilisten als Todsünde und Schändlichkeit betrachten.

Terrorismus und Bombenanschläge auf Zivilpersonen sind Erfindungen aus der Folgezeit der Französischen Revolution, die von anderen europäischen Revolutionären, etwa den russischen Bolschewiken oder Anarchisten, übernommen wurden. 

In der islamischen Welt fand er zunächst durch den radikalen arabischen Nationalismus, später durch den extremen Salafismus Verbreitung. Einzig der Salafismus bietet die juristischen Instrumente zur Legitimation (terroristischer Akte), da sich Salafisten gemäß ihrer Selbstdefinition nicht an den Konsens der vier klassischen Rechtsschulen gebunden fühlen, sondern den Koran und die Sunna allein auf der Grundlage ihrer eigenen Gefühle und Urteile auslegen. Ein anderes typisches Beispiel ist der Takfîr:

Während der klassisch-sunnitische Islam, wie Imam Dschuwayni hervorhebt, die Schwierigkeit des Takfîr nachdrücklich betont, wenden ihn die neuen salafistischen Akteure einfach pauschal an. Solchen Entgleisungen kann, wie immer, nur mit mehr Wissen und Gelehrsamkeit begegnet werden. Wir müssen die Bibliotheken beleben, Madrasas einrichten und dem Salafismus, der dem Ansehen des Islams weltweit so schweren Schaden zufügt, mit klassisch-sunnitischen Lehrmeinungen entschieden entgegen treten.

IslamiQ: In einem Interview sagen Sie, es sei nicht gut, wenn Muslime sich zu sehr der Identitätsfrage hingeben oder der Institutionengründung widmen. Muslime in Europa stehen heute allerdings Herausforderungen gegenüber, die durch eine Institutionalisierung, z. B. muslimische Gefangenen- und Militärseelsorge und die Einrichtung islamischer Friedhöfe, bewältigt werden können. Wie ist dieser Umstand zu bewerten?

Winter: In der Regel ist es sehr schwierig, bestehenden muslimischen Organisationen beizutreten und diese in nennenswerter Weise zu beeinflussen. Eine Moscheegemeinde, deren Vorstand bspw. der Auffassung ist, dass nur Urdu gesprochen werden sollte, wird sich nicht vom Gegenteil überzeugen lassen. Die bestehenden Institutionen sind zum großen Teil nationalistisch und engstirnig. Deshalb sollten neue, alternative Einrichtungen geschaffen werden, wie es etwa mit dem Cambridge Muslim College schon geschehen ist. Dabei muss allerdings sichergestellt sein, weder von einer Regierung noch einer bestimmten Sekte, Bewegung oder Strömung instrumentalisiert zu werden. Wir leben in einem Zeitalter, in dem Muslime sowohl vereint als auch unabhängig sein müssen.

IslamiQ: Unter Muslimen lässt sich eine sentimentale und verklärende Haltung gegenüber dem Konzept der Umma beobachten. Ihr Interesse an Konflikten wie in Ostturkestan, Palästina und Bosnien kommt und geht mit der medialen Berichterstattung. Auf der anderen Seite steht die Lage von Muslimen in anderen Weltregionen wie Zentralafrika, Sudan oder Nigeria scheinbar überhaupt nicht auf der Tagesordnung. Wie können wir diese Unausgewogenheit überwinden?

Winter: Da mag die Situation in Deutschland von der in Großbritannien abweichen. Hier besteht seitens der Muslime z. B. ein ziemlich großes Interesse an der Lage in der Zentralafrikanischen Republik und Uganda. Noch einmal: Muslime müssen gebildeter werden und weniger pathetisch.

Die Massenmedien, insbesondere das Internet, machen es jungen, religiös ungebildeten Menschen leider leicht, sich ihre eigenen Anführer auszusuchen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie sich vor allem von lauten, emotionsgeladenen Rednern angezogen fühlen, weil ihnen das Wissen fehlt, um einen echten Gelehrten zu erkennen. Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. 

IslamiQ: Muslime neigen offenbar dazu, aktiv zu werden, wenn ein bestehendes Problem zu eskalieren droht; siehe Aleppo. Das führt dann zu überstürzten Reaktionen. Was sagt dieses Verhaltensmuster über unsere Beziehung zur Umma aus? 

Winter: Das Handeln der Araber in vorislamischer Zeit wurde von Stammesdenken und Emotionen geprägt. Diese fieberhafte, gefühlsgeladene Leidenschaft – Hamiyya – lehnt der Koran ab. Gerechtigkeit und Weisheit erfordern Aufgeklärtheit. Einige junge Muslime sitzen lieber dagegen im Dampfbad ihrer eigenen Emotionen, unfähig, Sachverhalte ruhig und objektiv zu betrachten. Daher die Verbreitung der von Ihnen beschriebenen Bauchentscheidungen. Selbst wenn sie meinen, im Geiste islamischer Solidarität zu handeln, werden junge muslimische Gemeinschaften heute manchmal eher vom Geiste der Dschahiliyya bestimmt als vom Islam.

Die Lösung liegt in der Wiederbelebung jener Dimension des Islams, die sich mit der Selbstdisziplin befasst (Riyadat an-Nafs), der Wissenschaft des Sufismus, wie sie in den großen Werken Imam Kuschayris und Imam Kalabadhis beschrieben wird. Solange uns eine innere Methode fehlt, unsere stürmischen Gefühle zu beherrschen, werden wir ihnen immer wieder zum Opfer fallen und nicht überlegt handeln können.

Die Gelehrten sind sich daran einig, dass ein Islam ohne Wissenschaft wie ein kopfloses Huhn, ein Islam ohne Sufismus aber wie ein Huhn ohne Herz ist: Eine blindwütige, gefährliche, nutzlose Bestie, die von Niederlage zu Niederlage, von Katastrophe zu Katastrophe stolpert. Wir müssen den Mut aufbringen, zu einem vollständigen Islam zurückzukehren, der die spirituelle Dimension der Sunna anerkennt, die in den letzten Jahren auf Betreiben Saudi-Arabiens vernachlässigt wurde.

Timothy Winter, der sich nach seiner Konvertierung zum Islam auch Abdal-Hakim Murad nennt, ist ein britischer Islamwissenschaftler an der Faculty of Divinity at the University of Cambridge und einer der führenden britischen muslimischen Gelehrten.

IslamiQ: Gerne wird behauptet: Diejenigen, die sich Muslime nennen, aber die Regeln der Kriegsführung überschreiten, seien keine Muslime. Das scheint eine Sichtweise zu sein, die einen davor schützt, sich mit der Realität von Al-Qaida und der IS auseinandersetzen zu müssen. 

Winter: Die Muslime in Großbritannien sind sich der verbrecherischen Natur des Verhaltens einiger Muslime sehr bewusst. Das ist ein Grund dafür, weshalb sich in jüngster Zeit zahlreiche Mitglieder salafistischer Gruppen von diesen abgewandt haben und zum klassischen-sunnitischen Mainstream zurückgekehrt sind. Selbst in Saudi-Arabien gibt es inzwischen Gelehrte wie Adel Kalbani und Scharif Awni, die den IS-Extremismus explizit auf den Wahhabismus zurückführen, wovon viele dort peinlich berührt wurden. Sie können sich den Tatsachen aber nicht verschließen und der Dialog hat begonnen. Sie haben die Wahrheit des koranischen Gebots „Seid Wahrer der Gerechtigkeit, selbst wenn es gegen euch selbst oder die Eltern und nächsten Verwandten sein sollte“ (Sure Nisâ, 4:135). Die Stimmung ist merklich umgeschlagen, größtenteils zum Besseren. In Europa sind wir jedoch eine junge Gemeinschaft und benötigen mehr Gelehrte, die uns führen. Der Koran und die Sunna halten alle Antworten bereit, die wir brauchen, aber es herrscht ein Mangel an Gelehrten!

IslamiQ: In Europa wird Radikalisierung fast ausschließlich mit Muslimen in Verbindung gebracht. Welche Haltung sollten Muslime gegenüber den von westlichen Regierungen initiierten Präventionsmaßnahmen und Deradikalisierungsprogrammen einnehmen, die hauptsächlich auf muslimische Gemeinschaften und Institutionen abzielen?

Winter: Die Regierungen sind berechtigterweise besorgt über den salafistisch-wahhabitischen Extremismus und suchen nach Lösungen. Wenn die Krankheit allerdings in einer Verirrung des religiösen Denkens liegt, sind Regierungen wenig wirkungsvoll. Im Gegenteil machen sie die Sache höchstwahrscheinlich nur noch schlimmer, weil ihnen nur soziologische oder strafrechtlich sanktionierende Instrumente zur Verfügung stehen, nicht aber theologische.

Es ist das Beste, sich von solchen Regierungsinitiativen fernzuhalten, da sie in der Regel in gefährlicher Weise kontraproduktiv sind und das Gefühl von Argwohn und Entfremdung noch verstärken. Wir sollten stattdessen nicht müde werden, ein authentisches Verständnis von Koran und Sunna unter Jugendlichen zu fördern und nach Wegen suchen, um die verletzten Herzen dieser jungen Menschen zu heilen, vor allem derjenigen, die mit dem Strafjustizsystem in Kontakt gekommen sind oder eine Drogenkarriere hinter sich haben. Statt sie wegzustoßen müssen wir uns ihrer annehmen. Wir müssen ihnen erklären, dass wir an Orten leben, an denen Dawa bitter nötig ist. Niemals dürfen wir Menschen durch die Annahme religiöser Auslegungen abstoßen, die nicht nur den klassischen Lehren widersprechen, sondern zudem Islamhassern Munition liefern. Es geht um die Ehre der muslimischen Gemeinschaft, die von Extremisten beschmutzt und erniedrigt wird. Selbst ein Unwissender kann dieses Argument nachvollziehen.

IslamiQ: In Deutschland und allgemein in Europa hat die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt erreicht. Was hält Muslime davon ab, mehr Verantwortung zu übernehmen und die Initiative zu ergreifen? 

Winter: Der Fehler liegt hauptsächlich bei den neuen politischen Bewegungen und Milizen in islamischen Ländern, die nicht miteinander kooperieren können. In Libyen gibt es inzwischen über neunzig bewaffnete Gruppen! Sektiererischer und ethnischer Hass sind Teil unserer neuen Dschahiliyya – sehr zur Freude unserer Feinde. Wir müssen unser Emotions-Dampfbad verlassen und uns mit Muslimen zusammentun, die andere Überzeugungen vertreten, ausgeschlossen natürlich die knallharten Extremisten, die niemals mit uns sprechen werden. Wenn es der Islam nicht geschafft hat, die Menschen in Syrien und im Irak zu einen, ist es unwahrscheinlich, dass uns dies in Europa gelingt oder uns hilft, gemeinsam im Interesse der Flüchtlinge zu handeln. Aber das ist der falsche Islam. Nur ein integrativer, authentischer Islam, der sich Kompromissen verweigert und auf der Verpflichtung zur Brüderlichkeit beharrt, wird überhaupt Fortschritte erzielen.

Das Interview führte Meltem Kural. 

Leserkommentare

Manuel sagt:
Es herrscht auch ein Mangel an islamischer Selbstreflektion und dem Umgang mit Kritik!
07.01.17
18:32
Charley sagt:
"Die Gelehrten sind sich daran einig, dass ein Islam ohne Wissenschaft wie ein kopfloses Huhn, ein Islam ohne Sufismus aber wie ein Huhn ohne Herz ist: Eine blindwütige, gefährliche, nutzlose Bestie, die von Niederlage zu Niederlage, von Katastrophe zu Katastrophe stolpert." Gehören die Märtyrertum in Kindercomics verherrlichenden Dyanet-Schreiberlinge auch zu diesen "Gelehrten"? - Ansonsten ist dsa Bild mit dem Huhn sehr gut! Weiß das Huhn aber seinen Kopf und sein Herz zu schätzen? Wer ist überhaupt "das Huhn"? Ein Gruppe oder wer als Indidivuum? Erst wenn der einzelne Muslim in diese Fragen sich existenziell hinein gestellt fühlt, wird es eine Heilung in diesem Wahn der Gottbesessenheit geben.
09.01.17
1:37
Doris sagt:
Es gibt doch total viele muslimische Gelehrte. Es kommt nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität. Wenn der Islam auf der Stelle tritt, liegt das also nicht daran, dass es nicht genügend Gelehrte gibt, sondern dass die, die es gibt, schlicht und ergreifend einfach nichts taugen.
09.01.17
17:41
Charley sagt:
Die moralische Selbstbestimmung im Islam ist kompliziert und vielleicht selbst schon ein religiöser Prozeß. Allerdings ist es problematisch, wenn man dann v einem Gelehrten abhängig ist, an den man ja dann auch (teilweise) die Verantwortung abgibt. Das ähnelt durchaus katholischen Strukturen im Beichtprozeß. Gute Gelehrten könnten diesen notwendigen komplizierten Prozeß des Pendelns zwei "einerseits", u "andererseits" aufzeigen u vor schnellen, zB salafistischen Antworten bewahren. Dazu müssten sie selbst solche Dinge als spiritueller Prozeß kennen. Gelehrter sein reicht da nicht. Nur in wem der Geist real u lebendig geworden ist, überzeugt.
09.01.17
22:31
Johannes Disch sagt:
@Doris Nun, dass muslimische Gelehrte nix taugen, so weit würde ich nicht gehen. Wer nix taugt, das sind fundamentalistische Gelehrte. Es gibt aber auch viele liberale islamische Reformtheologen. Diese sind im Westen-- zumal in Deutschland-- aber leider kaum bekannt. Zu nennen wären da beispielsweise ein Abu Zaid und ein Yasar Nuri Öztürk. Und dann gibt es noch trojanische Pferde, die sich geschickt und eloquent als "Islamrefomer" verkaufen, aber doch einen fundamentalistischen Islam vertreten. Zu nennen wäre da beispielsweise Tariq Ramadan, der bei vielen im Westen als "Modernist" gilt, aber tatsächlich Traditionalist ist. Der macht aus dem "Dar Al Islam" ("Haus des Islam") einfach ein "Dar Al Schahada" ("Haus des Bekenntnisses"). Beide Formeln sind aber nicht mit dem westlichen Demokratieverständnis vereinbar. Trotzdem gehen hier im Westen leider noch viele dem eloquenten "Reformer" Ramadan auf den Leim.
11.01.17
9:56
Mads sagt:
@Johannes Disch: Abu Zaid mußte Ägypten verlassen und wurde zum Ungläubigen erklärt. Da eine Muslimin aber nur mit einem Moslem verheiratet sein darf, wurde die Ehe zwangsgeschieden. Auch Yasar Nuri Öztürk war in der Türkei schweren Anfeindungen ausgesetzt. Auch Mouhanad Khorchide in Deutschland kann ein Lied davon singen. Tariq Ramadan ist immerhin ein Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der Moslembrüder. Er versteckt seine erzkonservativen Lehren hinter schönen Vokabeln. So sagt er z.B., dass Frauen durch den Koran vorgeschrieben ist, Kopftuch zu tragen. Auch due harten Körperstrafen möchte er nicht völlig abschaffen. Er sieht es lediglich als zulässig an, auf sie zu verzichten, solange Muslime in Europa in der Minderheit sind. Tatsächlich ist der Mann ein Brandstifter.
16.01.17
10:48
Kritika sagt:
L.S. "Der Islam ist eine Religion des Wissens." sagt Timothy Winter. Keine Religion beruht auf Wissen sondern alle beruhen nur auf Glauben, sagt Kritika. Astrologie ist Glauben, Astronomie ist Wissen. Homöopathie ist Glauben, Pharmacie ist Wissen. Shintoismus, Christentum, die Griechische Mytologie, Islam, Hindoismus usw. ; keiner dieser Religionen hat jemals überprüfbare Beweise vorgelegt. Sehr wohl kann der Glauben dennoch eine heilsame Wirkung entfalten: als Placebo. Deshalb wäre es manchmal sogar verwerflich, jemandem davon zu überzeugen, seine Religion existiere überhaupt nicht. Gruss, Kritika
30.01.17
18:45