Kölner Silvesternacht

Die sinnlose „Nafri“-Debatte

Köln steht wie im letzten Neujahr im Mittelpunkt vieler Nachrichten. Diesmal beschäftigt das Wort „Nafri“ die Gemüter. Für Esra Lale zeigt dies vor allem, dass nichts aus den Debatten vom Vorjahr gelernt wurde und die Verbreitung des Wortes „Nafri“ nicht förderlich ist.

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2017
Der Ort des Geschehens: Der Bahnhofsvorplatz in Köln © flickr / CC 2.0 / Andrey

Es scheint, als würde jedes neue Jahr eine neue Diskussion mit sich bringen. War es Anfang 2016 noch die Debatte über Sexismus als „importierte Unsittlichkeit aus dem arabischen Raum“, ist es jetzt die Debatte um Racial-Profiling. Damals wurde zu recht kritisiert, dass Sexismus als „importierte“ Unsittlichkeit gesehen wurde und versucht klarzustellen, dass es in jedem Land zu solchen Straftaten kommt. Die allgemeine Stimmung war nämlich, als hätten die „nordafrikanischen Grabscher“ an Silvester das Rad neu erfunden. Falsch war auch, dass nicht über die Opfer – die Frauen – diskutiert wurde, was auch dieses Jahr nicht anders ist. Es wird nicht über das hauptsächliche Problem gesprochen, sondern eine Scheindebatte nach der anderen angefeuert.

Das eigentliche Problem ist doch, dass – und die „Nafri“-Debatte zeigt das sehr deutlich – diejenigen, die Racial-Profiling als gerechtfertigte Folge des letzten Jahres deuten, dies untereinander diskutieren und alle anderen, die es ablehnen, es genauso untereinander diskutieren. Wo ist die Schnittstelle? Meinungen kundzutun ist wichtig, doch inwiefern wird damit ein konstruktiver Austausch in der Gesellschaft angetrieben? Diese bilateralen Argumentationsstränge erwecken eher das Gefühl, dass sich nur die Fronten erhärten, ohne dass die eigentliche Ursache beachtet wird.

Racial-Profiling ist rechtswidrig

Natürlich wäre es wünschenswert, dass wir als Gesellschaft auf dem Stand wären, Racial- Profiling nicht erklären zu müssen. Während die Betroffenen ein Lied davon singen können, wie ermüdend das sein kann, sind diejenigen, die nie verdachtsunabhängig kontrolliert wurden, nicht genug sensibilisiert. Sie argumentieren sogar damit, dass es beispielsweise Muslimen doch eine Hilfe wäre, da somit die „schwarzen Schafen“ aussortiert würden. Nach dem Motto: einen Tod musst du sterben. Im Vorfeld wird jeder verdächtigt und später selektiert.

Das eigentliche Problem liegt hier aber auch wieder tiefer. Muslime, Flüchtlinge, Nordafrikaner etc. werden hierzulande kriminalisiert. Ist das der Fall, wird jede rechtswidrige Behandlung gerechtfertigt. Denn – und auch dies wird immer wieder ausgeblendet – Racial-Profiling ist rechtswidrig. Das sollte eigentlich kein Gegenstand einer Diskussion sein. Doch Gesetze verlieren ihre Rechtswirksamkeit, wenn Angst sich dazu gesellt. Wurde erst mal erfolgreich das Bild von dem sexual geladenen „Nordafrikaner“ installiert, was Silvester 2015 erfolgreich getan wurde, so ist jede polizeiliche Maßnahme berechtigt – auch wenn sie nur auf oberflächlichen Merkmalen basiert.

Politische Schlagwörter

Dieses Jahr gab es dann noch die twitterkonforme Abkürzung „Nafri“ auf die Mütze. Ein Wort, das wie ein Hipster-Ausdruck klingt und auf Jute-Beutel und T-Shirts ganz schick aussehen würde. Die Polizei hat unbewusst ein Schlagwort geschaffen, das sich wie ein Feuer ausgebreitet hat und innerhalb von Millisekunden Assoziationen zur Silvesternacht, zu Köln, gefährlichen Nordafrikanern und sexueller Gewalt aufruft. Der Sprachwissenschaftler Thomas Niehr definierte für die Bundeszentrale für politische Bildung, Schlagwörter wie folgt: „Schlagwörter dienen in der politischen Kommunikation dazu, Forderungen und Programme unter das Volk und damit unter die potentiellen Wählerinnen und Wähler zu bringen. Dabei haben Schlagwörter den entscheidenden Vorteil, dass sie Forderungen und Programme so verkürzen, dass diese mithilfe nur eines Wortes ausgedrückt werden können.“ Da dieses Jahr die Bundestagswahlen stattfinden werden, kann die polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit also als Keimling für den aufblühenden Wahlkampf der Parteien gesehen werden.

Ein Wort erhält seine politische Schlagkraft vor allem durch die massenhafte Verwendung. Demnach ist es nicht sinnvoll, diese weiter anzufeuern. Oder es gelingt den Muslimen in Deutschland, den Begriff positiv zu besetzen. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass das Wort ein lange bekanntes Wort für „nordafrikanische Intensivtäter“ ist und in diesem Kontext „nur“ benutzt wurde, „um Platz zu sparen“, wie die Polizei Köln angab. Gleichzeitig war es aber auch ein Paradebeispiel für die Kriminalisierung aller dunkelhäutigen Männer am Kölner HBF. Ein Teufelskreis. Die Verlierer bleiben die gleichen und die Gewinner bleiben die gleichen.

Leserkommentare

Johannes Disch sagt:
@Esra Lale Fantastischer Artikel. Worte nutzen nichts, wenn die Bedeutung dahinter nicht klar wird. Selbst 1 Jahr nach Silvester 2015 halten wir uns bei Schlagwörtern auf und befeuern eine emotionale Debatte. Dabei wäre für das gegenseitige Verständnis eines entscheidend: Mehr Wissen über den Anderen. In unserem Fall: Mehr Wissen über Religion, Geschichte und Kultur des Islam. Und hier sieht es auch nach Jahren der "Islamkonferenzen" leider nicht besser aus. Was unsere Politiker über "Den Islam" so ablassen, das zeugt von erschreckender Unkenntnis und strotzt nur so vor Allgemeinplätzen. Toller Artikel, und sehr treffend, Esra Lale. Danke.
05.01.17
2:16
Marietta sagt:
Der Polizei wird in der Diskussion doch einfach nur frech "racial profiling" unterstellt. Von der Polizei selbst kommt hingegen die Behauptung, dass die festgesetzten Nafris durch ihr aggressives Verhalten auffällig waren. Wenn das so war, dann war es auch richtig, dass die Polizei eingeschritten ist.
05.01.17
18:03
Enail sagt:
" Damals wurde zu recht kritisiert, dass Sexismus als „importierte“ Unsittlichkeit gesehen wurde und versucht klarzustellen, dass es in jedem Land zu solchen Straftaten kommt. " Dieses Einkesseln, dieses Begrapschen, diese sexuellen Übergriffe in dieser Form kannte ich bis letztes Jahr nicht. Diese Form der sexuellen Belästigung bis hin zur Vergewaltigung kam bis dato in Deutschland nicht vor. Der Großteil der Täter stammte aus Nordafrika und den arabischen Ländern , wo kaum einer, trotz der vielen Anzeigen, verurteilt wurde, weil es eben bei der Masse der Menschen die einen begrapschten und man nur damit beschäftigt war, die fremden Hände vom Körper zu bekommen, nicht möglich war, jemanden zu identifizieren Bei uns gab es früher das Sprichwort:"Mitgegangen-Mitgefangen." Und wenn sich, weil ja keine Konsequenzen zu dem kriminellen Handeln aus dem vergangenen Jahr erfolgten, sich genau diese Menschen wieder auf den Weg machen, die dann auf die vorbereitete Polizei treffen, kann man nicht von Diskriminierung sprechen, wenn man diese Klientel als das bezeichnet was sie ist und sie daran hindert, das fortzusetzen, was sie ein Jahr zuvor begonnen hat. Wieder hatten sich tausende aus allen Richtungen auf den Weg gemacht. Es waren keine Schweden oder Norweger oder Isländer, es waren eben Nafris.
07.01.17
21:50
Johannes Disch sagt:
@Esra Lale Bei allen Verdiensten für ihren Artikel, die ich in meinem ersten Posting auch hervorgehoben habe-- welche Bezeichnung wäre denn ihrer Meinung nach zutreffend?? Es ist nun mal eine Tatsache, dass unter den Tätern von Köln 2015 eine Menge Tunesier, Marokkaner und Algerier waren. Also Nordafrikaner. Und dasselbe gilt für die Gruppen, die die Polizei Silvester 2016 rechtzeitig aussortierte.
11.01.17
1:32
Johannes Disch sagt:
@Korrektur Die Kölner Polizei hat ihre Angaben zu Silvester 2016 heute korrigiert. Die kontrollierten Personen seien nicht überwiegend Nordafrikaner gewesen, sondern Syrer, Iraker und Afghanen.
13.01.17
18:06
Mads sagt:
Macht es die Sache besser, dass es sich nicht um Nordafrikaner, sondern um Araber und Muslime weiter aus dem Osten handelt? Der kulturelle Hintergrund bleibt damit doch der aggressive Islam. Darüber zu sinnieren, ob dieses aggressiven Araber und Muslime nun Nafris waren oder nicht, lenkt jedenfalls von den Tatsachen ab und soll den Menschen Sand in die Augen streuen. Womit sich wieder einmal zeigt, dass den Muslimen in Deutschland unser Rechtssystem nichts wert ist. Oder warum sonst stellen sie sich schützend vor ihre verbrecherischen Glaubensbrüder?
16.01.17
10:53
Johannes Disch sagt:
@Mads Ich finde, Sie begehen den Kurzschluß, die Dinge zu kulturalisieren und zu religionisieren. Als wäre der Islam schuld, dass diese Männer kriminell gehandelt haben. Andererseits ist es eine Tatsache, dass Menschen aus Maghreb-Staaten nur 2% der Asylberwerber stellen, aber 22% der Straftaten begehen. Die Frage ist nun aber: Woran liegt das? An ihrer Religion? Viel einleuchtender ist der Umstand, dass diese Menschen kaum eine Bleibeperspektive haben. Und das wissen sie auch. Aber so lange sie hier sind müssen sie sich irgendwie über Wasser halten. Und liegt illegales Verhalten nun mal nahe.
16.01.17
13:13
Manuel sagt:
@Johannes Disch: Es liegt schon auch am verkrampften und tabusierenden Umgang mit Sexualität, besonders der Weiblichen, im Islam, ganz können Sie das auch nicht ausblenden.
18.01.17
18:35