Nachgefragt

„Vielfältige Schattierungen entdecken“

Autoren schreiben problemlos hunderte Seiten, doch was passiert wenn sie ihr Buch auf seine Essenz herunterbrechen müssen? Unsere Serie „Nachgefragt“ liefert Antworten und stellt sowohl Buch, als auch den Autor dahinter vor. Heute mit Dr. Gerhard Schweizer.

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11
2016
Das Buch von Dr. Gerhard Schweizer - Islam verstehen.

IslamiQ: Wem würden Sie Ihr Buch gerne schenken und warum?

Dr. Gerhard Schweizer: Mein Buch schenke ich gerne Lesern, die sich speziell für den religiös-politischen Konflikt zwischen der islamischen und der westlichen Welt interessieren. Aber mein Buch könnte auch interessant für jene sein, die darüber hinaus eine grundsätzliche Neugier an fremden Religionen und Kulturen haben. Denn das Verständnis des Fremden außerhalb unseres abendländischen Horizonts schafft die Voraussetzungen, die eigene Kultur aus einem völlig anderen Blickwinkel heraus neu – und selbstkritisch – zu entdecken.

Dr. Gerhard Schweizer
Islam verstehen
ISBN: 978-3-608-98100-1
Klett-Cotta Verlag
2016

IslamiQ: Warum ist die Thematik Ihres Buches im Lichte aktueller Debatten wichtig?

Schweizer: In den westlichen Medien wird über die religiösen, kulturellen und politischen Gegensätze zwischen der islamischen und westlichen Welt oft sehr einseitig berichtet. Die negative Tendenz überwiegt. Ich versuche dagegen in meinem Buch zu zeigen, dass Muslime und Europäer viele Jahrhunderte lang trotz der offensichtlichen politischen und religiösen Gegensätze oft rege geistige Kontakte pflegten und gegenseitig von der jeweils fremden – und doch geistesverwandten – Kultur profitierten.

Seit vielen Jahrhunderten existiert zwar eine tief gehende Rivalität zwischen Abendland und Islam mit teils sehr blutigen Auswirkungen, aber der kulturelle Austausch hat ebenso viel Gewicht. Und in diesem Zusammenhang wäre es falsch anzunehmen, dass Muslime ihre Feindseligkeiten in erster Linie gegen den Westen richten, es dominieren vielmehr die Konflikte innerhalb des eigenen Kulturraums. So gab – und gibt bis heute – äußerst heftige Kämpfe zwischen Sunniten, Schiiten, Aleviten sowie zwischen fundamentalistischen und säkular orientierten Muslimen. Die fatalen Bürgerkriege in Syrien und im Irak sind die aktuellsten Belege für diesen Sachverhalt. Terrororganisationen wie der IS oder die Al-Qaida töten in der Hauptsache „ungläubige“ Muslime und erst in zweite Linie „ungläubige“ Feinde aus der westlichen Welt. Es handelt sich also nicht um den vielzitierten Kampf von sehr gegensätzlichen Kulturen, sondern viel mehr um Kämpfe innerhalb der jeweils eigenen Kultur. Umgekehrt gilt das Gleiche für die Europäer. Die schrecklichsten Kriege im christlich geprägten Abendland wurden keineswegs gegen die islamische Welt geführt – viel schlimmer als die Kreuzzüge oder die Türkenkriege waren die Glaubenskriege zwischen christlichen Konfessionen und später die nationalistisch motivierten Weltkriege.

Aber auch was die radikal-islamischen Strömungen betrifft, fehlt es oft an einer differenzierten Darstellung. Es führt zu verhängnisvollen Fehleinschätzungen, wenn wir Terrororganisationen wie den IS, die Al-Qaida oder die Taliban in einem Atemzug nennen mit den vielfach aufgefächerten Bewegungen der Muslim-Bruderschaften, der Hamas, der Hizbollah und der Islamischen Republik Iran. Zu groß sind die religiösen und weltanschaulichen Unterschiede. Auch wird oft verkannt, dass in den Bewegungen des politisierten Islam nicht nur radikal antiwestliche Tendenzen existieren, sondern hier und da findet sich auch die Bereitschaft zu einem konstruktiven Dialog mit dem Westen. Wir werden der islamischen Welt erst gerecht, wenn wir die vielfältigen Schattierungen entdecken.

IslamiQ: „Beim Lesen guter Bücher wächst die Seele empor“. Warum trifft dieses Zitat von Voltaire auf Ihr Buch zu?

Schweizer: Ich weiß nicht, ob das Zitat von Voltaire auf mein Buch zutrifft. Naturgemäß bin ich als Autor befangen. Aber es würde mich freuen, wenn mein Buch zumindest einige Denkanstöße geben könnte, Vorurteile und Klischees zu durchbrechen.

IslamiQ: Ihr Buch in drei Wörtern zusammengefasst?

Schweizer: In drei Wörtern, das schaffe ich nicht. Lassen Sie es mich in ein paar knappen Begriffen versuchen: Mein Buch „Islam verstehen“ setzt sich analytisch mit dogmatischer Intoleranz, unreflektierten Klischees und mangelnder Differenzierung historischer Sachverhalte auseinander.

IslamiQ: Eine spezielle Frage für Sie: Was heißt es, den Islam richtig zu verstehen?

Schweizer: Wichtig ist in diesem Zusammenhang zunächst einmal, den eigenen kulturellen Standort selbstkritisch zu hinterfragen. Mein Eindruck ist, dass viele Europäer und Amerikaner deshalb so gereizt auf Fehlentwicklungen des Islam reagieren, weil sie dort Parallelen zu ähnlichen Krisensymptomen im christlich geprägten Abendland des Mittelalters und der frühen Neuzeit feststellen. Ich brauche da, wie zuvor schon angedeutet, nur an die Glaubenskriege, den Fanatismus und den absolutistischen Herrschaftsanspruch des Christentums vor dem Zeitalter der Aufklärung zu erinnern. Man kann Aversionen gegen einen „fanatischen Islam“ zwar nicht grundsätzlich das Recht absprechen, aber solange unser Blick nur auf solche Aspekte konzentriert bleibt, blenden wir die Vielfalt islamischer – wie auch abendländischer – Kultur aus. In meinem Buch versuche ich zu zeigen, dass Islam für viele Hundert Millionen Muslime etwas völlig anderes bedeutet als das, was radikal-religiöse Splittergruppen als den „einzig wahren Glauben“ und die einzig richtige Gesellschaftsform propagieren.

Leserkommentare

Johannes Disch sagt:
Das Buch von Gerhard Schweizer kann man nur empfehlen! Es klärt viele Irrtümer, die hier immer wieder vorgebracht werden (Christen wären für Muslime "Gläubige zweiter Klasse", etc.)
25.11.16
17:17