Buch

Theologe von Stosch verteidigt den Islam

Mit dem Tag der offenen Moschee wollen Muslime den Islam besser bekanntmachen. Angesichts vieler Vorurteile ist das auch nötig, so der katholische Theologe Klaus von Stosch. Sein neues Buch will Abhilfe schaffen.

30
09
2016
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Symbolfoto: Bücher führen uns in eine andere Welt © by Chris auf Flickr (CC BY 2.0), bearbeitet islamiQ

„Der Islam hat derzeit keine gute Presse.“ Mit dieser Feststellung beginnt das neue Buch „Herausforderung Islam“, das der katholische Theologe Klaus von Stosch jetzt als „Christliche Annäherungen“ vorgelegt hat. Der Leiter des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften an der Universität Paderborn arbeitet seit Jahren zum Forschungsschwerpunkt „Jesus im Koran“. In seinem neuen Buch befasst sich der Professor mit Stereotypen, denen sich Muslime und ihre Religion derzeit ausgesetzt sehen. Vor allem geht es ihm um eine christliche Würdigung des Islam, die gerade die Verschiedenheit beider Religionen als Wert entdecken möchte.

Systematisch behandelt der Autor zunächst Entstehung und Lesarten des Koran, Biografie und Bedeutung des Propheten Muhammad – von Stosch verwendet diese Schreibweise – sowie die Unvergleichlichkeit Allahs. Dabei hat der 45-Jährige den Anspruch, alle heißen Eisen in der gegenwärtigen Debatte über den Islam aufzugreifen: vom Kopftuch über das Rechtssystem Scharia bis hin zur Gewalt gegen Andersglaubende. Jeweils am Ende eines Kapitels fragt von Stosch „Der Koran – ein Wort Gottes auch für Christen?“, „Muhammad – ein Prophet auch für Christen?“ bis hin zu der entscheidenden Frage „Glauben wir an denselben Gott?“. Der Theologe bietet Argumente für ein „Ja“ – unter bestimmten Bedingungen.

Der Wissenschaftler analysiert einschlägige Koranverse und ordnet sie historisch und theologisch ein. Damit gelingt es ihm, einige kritische Themen wie die Stellung der Frau, Polygamie oder Muhammad als gewaltbereiter und judenfeindlicher Streiter geradezurücken. Richtig verstanden ist für von Stosch die Scharia ein System, das Glaubensfreiheit für jeden, Unverletzlichkeit der Menschenwürde sowie Wachstum und Wohlergehen künftiger Generationen propagiert. In diesem Sinne sollte auch Deutschland „mehr Scharia wagen“, meint der Autor.

Prominent nimmt sich von Stosch vermeintliche Aufrufe im Koran zur Gewalt gegen Andersdenkende vor. „Letztere sind es ja auch, die heute im Kontext des Islams so viel Aufsehen erregen und durch den Terror des IS traurige Berühmtheit erlangt haben“, schreibt der Theologe und entlarvt Fehlinterpretationen von einschlägigen Versen. Weiter vermerkt der Autor, dass die Ursprünge islamistischen Terrors in der Kolonialzeit liegen. Diese sei auch mitverantwortlich, dass die reiche Ideengeschichte des Islam verschüttet wurde.

Muslimische Fundamentalisten zeichneten sich durch eine atemberaubende Ignoranz gegenüber der eigenen Religion und ihrem intellektuellen Fundus aus, so der Autor. „Die Neosalafisten hassen nichts so sehr wie die islamische Tradition.“ Damit könne sich auch der IS nicht auf den Islam berufen.

Das Buch will zu einer Begegnung mit dem Islam einladen, „die nicht nur Verstehen, sondern Liebe will“, schreibt von Stosch. Seine differenzierenden Ausführungen bieten nicht nur zum „Tag der offenen Moschee“ wertvolle Denkanstöße. (KNA/iQ)

Leserkommentare

Manuel sagt:
Also tut mir Leid, aber die Hadd-Strafen brauchen wir nicht wagen!
01.10.16
15:07
Maiko sagt:
huddud ist huddud. auch diese sind ausdruck von barmherzigkeit.
02.10.16
22:25
Ute Fabel sagt:
Schon im späten 7. und 8. Jahrhundert wurde innnerhalb der islamischen Herrschaftssphäre den Andergläubigen eine Strafsteuer, die so genannte Dschizya aufgebrummt, wenn sie nicht zum Islam konvertieren wollten. Von wegen Glaubensfreiheit für jeden!F Grundlage war dafür Sure 9:29, die Rudi Paret folgendermaßen übersetzt: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten (oder: für verboten erklären), was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand (?) Tribut entrichten! (ḥattā yuʾtū l-ǧizyata ʿan yadin wa-hum ṣāġirūn)“
03.10.16
12:19
Johannes Disch sagt:
@Ute Fabel Im klassischen Islam ging es den Juden jedenfalls besser als im christlichen Europa. Wir sollten nicht den historischen Kontext außer Acht lassen und frühere Epochen an heutigen Maßstäben messen, um daraus dem Islam einen Strick zu drehen. Wie gesagt, der Umgang von Christen mit anderen (religiösen) Minderheiten war auch nicht immer nach der reinen christlichen Lehre.
05.10.16
0:19
Bernd sagt:
Man kann den Islam doch nicht auf einen winzigen Teilaspekt, nämlich die Hadd-Strafen reduzieren und verteufeln. Auch im Christentum gab es grausame Strafen. Und Atheisten haben sich auch durch einige Grausamkeit ausgezeichnet. Besonders Kommunisten und Nationalsozialisten.
05.10.16
12:15
Ute Fabel sagt:
@Johannes Disch: Mit der "reine christliche Lehre" meinen Sie wahrscheinlich das Neue Testament. In diesem findet man zwar durchaus Bekenntnisse zu Liebe und Vergebung, allerdings auch ständig etwas über die Hölle, die neben den Sündern vor allem den Ungläubigen droht. Psalm 14 lautet: Der Narr spricht in seinem Herzen: „Es gibt keinen Gott!“ Sie handeln verderblich, und abscheulich ist ihr Tun; da ist keiner, der Gutes tut." Religiöse Intoleranz ist Kern sowohl der reinen christlichen aus auch der reinen islamischen Lehre (z.B. Sure 9:29, die ich in meinem letzten Posting zitiert habe). Ich finde es einfach objetkiv unwahr und damit unverantwortlich, immer allen weismachen zu wollen, der Islam und das Christentum seien grundsätzlich gut. Monotheistische Religionen mit ihren alleinigen Wahrheitsanspruch haben eine Tendenz sich zu faschistoiden Führerkulten zu entwickeln, wenn man sie nicht zähmt. Das sollte nicht unter den Teppich gekehrt werden.
05.10.16
14:36
Manuel sagt:
@Johannes Disch: Ja aber das Christentum hat daraus gelernt, wenn man sich hingegen die islamischen Länder ansieht, gibt es praktisch keines, das nur annährend Minderheitenrechte gewehrt.
05.10.16
16:43
Johannes Disch sagt:
@Ute Fabel Ich habe hier noch niemanden erlebt, der behauptet hätte, das Christentum oder der Islam (oder auch das Judentum, der Buddhismus, der Hinduismus, etc.) seien grundsätzlich nur gut.
05.10.16
19:40
Johannes Disch sagt:
@Manuel So so, das Christentum hat daraus gelernt? Und wie lange hat es dafür gebraucht? "Das Christentum" hat nicht gelernt. Jedenfalls nicht die christliche Institution namens Kirche. Die musste förmlich dazu gezwungen werden, ihren weltlichen Herrschaftsanspruch aufzugeben. Und tun wir doch nicht so, als hätte es konfessionelle Konflikte bei uns nicht gegeben. Der blutigste Konflikt in der europäischen Geschichte, der die meisten Opfer forderte, war kein ökonomischer, sondern ein konfessioneller: Der Dreißigjährige Krieg. Dem Christentum attestieren Sie lernfähig zu sein. Dem Islam sprechen Sie das ab. Zudem ist ihre Sichtweise historisch nicht haltbar. Es gab eine Zeit, da liefen die ach so fortschrittlichen Europäer noch im Lendenschurz durch die Wälder, da hatte der Islam bereits eine blühende Hochkultur. Geschichte ist nicht statisch. Es findet kein linearer Fortschritt statt. Es gibt Brüche, Umbrüche, Rückschritte. Es hat sich eingebürgert, alle Probleme, die es heute in der muslimischen Welt gibt, "Dem Islam" anzulasten und in der Religion die Ursache zu sehen. Das ist eine sehr verkürzte monokausale Sichtweise.
05.10.16
19:51
Holger Berger sagt:
Islam-Koran-Anhänger wollen den Islam besser bekannt machen. Ein katholischer Theologe verteidigt den Islam in einem Buch, das er zum Kauf anbietet. In diesem Forum könnte man auch sehr viele islamkritische Bücher vorstellen, die alles andere als eine Verteidigung des Islam darstellen. Wo sind die hier zu finden? Wo bekommen hier die kritischen Geister eine Würdigung? Bekanntlich fordert ja die islamische Weltanschauung einen bedingungslosen Glauben an gewisse transzendente, übersinnliche Phänomene mit Engelserscheinungen, die absolut wahr sein sollen in Verbindung mit aufgelisteten Scharia-Normen & Gesetzen. Gerne lese ich auch hier die Detailangaben zu den absolut wahren Engelsmitteilungen in grauer Vorzeit, welche Basis für jegliche islamische Orientierung mit entsprechendem Gehorsam darstellen.
07.10.16
1:07
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