Frankreich

Hollande fordert einen „französischen Islam“

Frankreichs Premierminister François Hollande fordert in einem offenen Brief einen „französischen Islam“. Frankreichs Muslime reagieren gespalten.

28
09
2016
FRANÇOIS HOLLANDE auf flickr.com (CC 2.0 by Saly Bechsin ), bearbeitet IslamiQ

In einem offenen Brief mit dem Titel „Wir – Franzosen und Muslime – stellen uns unserer Verantwortung“ fordert der französische Premierminister François Hollande einen französischen Islam. Frankreichs Muslime sollten sich zu Frankreich und Europa bekennen und gemeinsam mit der Regierung dem IS den Krieg erklären. Etwa 40 bekannte muslimische Unternehmer und Akademiker unterstützten und unterzeichneten den Brief, so beispielsweise auch der Arzt Madjid Si Hocine. In einem Interview mit dem französischen Radiosender France Inter kritisiert er den muslimischen Rat Frankreichs als Staathalter der Maghreb-Staaten, der eine Reform des Islam nach französischen Werten blockiere.

„Wir müssen andere Persönlichkeiten hervorheben, die den Islam in der öffentlichen Debatte repräsentieren. Muslime, die in Frankreich geboren und aufgewachsen sind, die hier gearbeitet haben, Französisch sprechen und voll integriert sind. Muslime, die kein Problem damit haben, dass sie Franzosen sind. Sie können mehr oder weniger religiös sein. Wichtig ist, dass sie einen Teil der muslimischen Franzosen abbilden, dass es keine Karikaturen mehr sind“, so der Mediziner

Viele Muslime reagieren allerdings mit Kritik und Skepsis auf den offenen Brief des Premierministers. Seine Forderung einen französischen Islam zu kreieren sei anmaßend und entmündigend. Der Premierminister setze undifferenziert den Islam mit Terrorismus gleich und unterstelle den Muslimen Verbundenheit zu Terroristen.

Diverse muslimische Geistliche und Intellektuelle, die sich stets um den Islam und die Muslime in Frankreich bemühen, üben scharfe Kritik an den Forderungen des Premierministers. Nassr Eddine Errami, ein Imam in Straßburg kritisiert das Vorgehen des Premiers als kolonialistisch.

„Der Staat kann nicht von oben einen Islam verordnen. Schon der Begriff ‚Islam de France‘ ist völlig unangebracht. Es gibt keinen nationalen Islam. Nebenbei gesagt: Radikalisierung lässt sich nicht bekämpfen, wenn man sich nicht mit Ursachen und Wirkung fundamentalistischer Lektüren des Islams aus dem Ausland auseinandersetzt – wie etwa den saudischen Wahhabismus. Und wie passt es zusammen, dass die Regierung einen Islam fordert, der individuelle Freiheiten respektiert, das säkulare Prinzip und die Gleichstellung der Frauen, gleichzeitig aber Saudi-Arabien aus wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen zu einem privilegierten Partner macht? Diese Politik ist voller Widersprüche“, kritisiert der Imam empört.

Leserkommentare

Ute Fabel sagt:
Der Ansatz von Francois Hollande ist sehr gut. Ich verstehe gar nicht, dass man darüber überhaupt meckern kann. In Großbritannien ist seit kurzem Sadiq Khan als Bürgermeister von London im Amt. Er versteht sich als Moslem, ist aber sehr weltoffen und tolerant und hat sich als Parlamentarier sogar für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe eingesetzt. Es wäre gut, wenn es auch in Frankreich in naher Zukunft solche vorbildlichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gäbe.
29.09.16
8:54
Holger Berger sagt:
Erst wenn ein homosexueller Moslem tatsächlich einen Mann mit anderer Religionszugehörigkeit heiraten kann - ohne dass beide nachher verfolgt, geächtet oder hingerichtet werden - erst dann glaube ich an eine echte Friedfertigkeit und Barmherzigkeit und Göttlichkeit des Islam.
30.09.16
3:09
Charley sagt:
100% Zustimmung zu Hilger B! Dass man hier so ein Geschrubbel schreiben kann, ist symptomatisch. "Ändert ihr erst Saudi-Arabien, dann andern wir uns." Damit weicht der Iman der eigentlichen Frage aus, die sich (!) IHM stellt und bekundet sogar seine Abhängigkeit von Saudi- Aabien! ... Diese Denke liegt auch d anderen Reaktionen zugrunde.
02.10.16
5:20
Zara sagt:
Solange die Muslime sich nicht der Welt öffnen, dann wird es auch keinen Frieden geben. Oder habt ihr einen Muslimen auf der Straße gesehen, der gegen den Salafismus und den Wahabismus demonstriert hat, wenn er doch gegen die radikale Auslegung ist? Habt ihr jemals einen Muslimen gesehen, der sich dafür eingesetzt hat, dass auch in seinem Heimatland Kirchen gebaut werden können bzw Minderheiten geschützt werden. Das Problem ist die Identität der zwangsislamisierten Menschen in der muslimischen Welt. Back to the roots!
20.10.16
2:21