Islam und Kinder

Kinder und ihre Vorstellungen vom Tod

Der Tod ist im Islam das Ende des diesseitigen Lebens. Für Kinder und Jugendliche ist die Vorstellung vom Tod und Sterben durchaus verschieden. Christine Aischa Ebner ist der Frage nachgegangen, was muslimische Kinder und Jugendliche über den Tod wissen und denken.

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08
2016
Symbolbild: lächelnder Muslim © Michał Huniewicz auf flickr (CC BY 2.0), bearbeitet by IslamiQ.

Zu den Glaubensgrundsätzen der Muslime gehört der Glaube an ein Leben nach dem Tod, an die Auferstehung und das Jüngste Gericht. Der Tod ist im Islam das Ende des diesseitigen Lebens. Er ist unvermeidbar und gilt für alle Menschen. Der Tod ist auch der Anfang des ewigen Lebens und damit ein Abschluss der Prüfungen des Lebens und entscheidender Wendepunkt für das jenseitige, ewige Leben. In einem Koranvers steht: „Ein jeder wird (einmal) den Tod erleiden. Und wir setzen euch mit Schlechtem und Gutem (gewissen) Prüfungen aus, um euch (damit) auf die Prüfung zu stellen. Und zu uns werdet ihr (dereinst) zurückgebracht.“ (Sure Anbiya, 21:35)

Für Kinder (und Jugendliche) ist die Vorstellung von Tod und Sterben an ihre kognitive Fähigkeit der Erfassung abstrakter Dinge gebunden und damit durchaus unterschiedlich und vielfach fantasiereich. Für sie ist Tod und Sterben etwas, das es zu begreifen gilt und eben etwas, das nicht dem Leben entspricht. Je nach Alter verstehen und deuten Kinder Tod, Sterben und Leid unterschiedlich, doch immer in Bezug auf ihre individuelle und intellektuelle Verarbeitungsmöglichkeit.

Kinder erleben Verluste

Kleinstkinder im Alter bis zu drei Jahren stellen sich Tod und Sterben noch nicht vor, sondern erleben Verluste, wie etwa, dass Mama kurz aus dem Raum geht oder dass auf Hungersignale nicht sofort reagiert wird. Trennungs- und Verlustschmerz ähneln in dieser frühen Altersphase schon häufig Formen der Trauer. Kinder werden zwar mit der Fähigkeit Gott bzw. die Wahrheit erkennen zu können (Fitra) geboren, verfügen aber nicht über „Wissen“, im Sinne von islamisch-theologisch angesammelten (Gelehrten-) Wissen.

Kinder lernen insbesondere durch genaues Beobachten und Nachahmen der Erwachsenen. Sie erkennen mit der Zeit die Zusammenhänge und den Kreislauf der Natur und das Leben des Menschen, indem sie beobachten, ganz genau hinschauen, nachfragen und ihre Ansichten immer wieder an der Realität überprüfen und verändern. Dies tun sie, bis sie tragfähig sind, bis sie „Sinn“ ergeben. Sie entwickeln erst im Laufe ihrer Kindheit und der Jugendzeit ein immer komplexeres Weltbild.

Ewigkeit ist relativ

Wie lange Jahrhunderte sind, ist für Kinder nicht einzuordnen. Fünf Minuten oder fünf Stunden vergehen im Spiel und der kindlichen Lebensrealität manchmal gleich und so sind auch Endlichkeit und Ewigkeit Begriffe, die Kinder erst mit der Zeit lernen. Je nachdem womit Kinder und Jugendliche konfrontiert sind, mit welchen Bildern, Erklärungen und Wörtern über das Sterben und den Tod gesprochen wird, welche Erklärungen Erwachsene und andere Kinder anbieten, welche religiösen und kulturellen Rahmenbedingungen die Kinder vorfinden oder ob ein Todesfall eines nahen Menschen schon einmal erlebt wurde, passen Kinder und Jugendliche ihre Vorstellungen vom Tod durchaus flexibel und kreativ an.

Tod als vorübergehender Zustand

Für Kindergartenkinder ist der Zustand des Todes ein vorübergehender und kann rückgängig gemacht werden, weil ja auch die Superhelden im Fernsehen unter Umständen immer wieder lebendig werden. Und sie beziehen den Tod nicht auf sich selbst, sondern es sterben nur die anderen, weil sie unter Umständen „böse“ oder alt waren.

Der so genannte Ursache-Wirkung-Zusammenhang ist in dieser Phase vorherrschend. Kinder gehen davon aus, dass ihr Handeln die Ergebnisse beeinflussen. Da kann es passieren, dass Kinder sich zusammenreimen, dass nur deswegen die geliebte Tante gestorben ist, weil sie diese nicht regelmäßig im Krankenhaus besucht haben oder dass jemand stirbt, wenn man aufhört an sie zu denken. Sie nehmen die Verantwortung auf sich und sprechen sich selbst ein Schuldgefühl zu, welches sie natürlich verbal nicht ausdrücken können. Schlimmstenfalls wird dieses Gefühl pathologisch und führt zu schweren kindlichen Krisen.

Hunderte „Warum-Fragen“ sorgen für Aufklärung

Im Grundschulalter haben Kinder die Andersartigkeit von Leben und Tod begriffen und es treten die unzähligen Sinnfragen auf. Dabei bekommen insbesondere das Jenseits und die tradierten Vorgänge rund um den Jüngsten Tag eine große Bedeutung. Hunderte „Warum-Fragen“ am Tag erleichtern den Kindern das Begreifen der Zusammenhänge der Welt. Kinder bringen Erwachsene nicht selten in Erklärungsnot, bieten aber auch spannende Impulse für uns Erwachsene selbst.

Eine Umfrage zum Thema Tod und Sterben, Leid und Theodizee, die ich 2015 an baden-württembergischen Grundschulen durchgeführt habe, hat interessante Einblicke in die kindliche und jugendliche Vorstellungswelt geliefert. Dabei wurden die Schülerinnen und Schüler gebeten, ihre „Fragen an Allah“ zu stellen.

Aus den insgesamt 917 gestellten Fragen von 193 Kindern konnte man herauslesen, dass es sich um eine fast wissenschaftliche Auseinandersetzung der Kinder mit dem Tod, dem Sterben und dem Leid handelt. Fragen nach dem konkreten Ablauf, dem „Sinn“ und Allahs Rolle sind vorrangig. Die Fragen spiegeln auch belastende Erlebnisse in der Kinderwelt, wie etwa dass Geschwister oder nahe Verwandte sterben und man sich um sie sorgt. Aber auch eine erweiterte Wahrnehmung der eigenen Umwelt ist erkennbar. Ängste und Sorgen um Verwandte, Freunde, „die Menschheit“ sind erkennbar und auch die großen Fragen rund um das jenseitige Leben, für die auch Erwachsene nur mit sehr gefestigtem Glauben eine tragfähige Antwort kennen.

Die evangelische Religionspädagogin Elisabeth Naurath hat 2009 mit muslimischen Kindern einer dritten Grundschulklasse in Bayern über den Tod nachgedacht und dabei festgestellt, dass sie vielfach über ganz konkrete, im Koran und der Tradition verankerte Vorstellungen über den Jüngsten Tag und das Jenseits verfügen.

Verlust der Wirklichkeit durch Medien

Jugendliche Vorstellungen vom Sterben und Tod gleichen sich an die Erwachsenenwelt an. Sie begreifen den Tod vor allem als medizinisch-bedingtes natürliches Ende allen Lebens, das Allah als Schöpfer so bestimmt hat. Jugendliche erkennen die Unausweichlichkeit des Endes und suchen nach nüchternen Fakten, Antworten und Deutungen.

Eltern sind in dieser Phase nicht mehr die vorrangigen Ansprechpartner. Die Jugendlichen beziehen ihr Wissen vor allem aus Medien, der Schule und ihrem Umfeld, wie etwa der erweiterten Moscheegemeinde. Und es ist vor allem der oft häufige Medienkonsum, der die Jugendlichen in Bezug auf die reale Wirklichkeit des Todes abstumpfen lässt. In den Computerspielen, in Echtzeit und gemeinschaftlich, wird auf alle möglichen Arten gestorben, ohne dieses Sterben wirklich bedeutsam werden zu lassen. Dies fördert nicht wirklich eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod und Sterben. Häufig wird dann der Tod von realen Menschen nur sehr entfernt begriffen und/oder wahrgenommen.

Kinder sind keine „leeren Gefäße“

Entwicklungs- und verständnisfördernd für das kindliche (und jugendliche) Begreifen von Tod und Sterben ist eine authentische, verständnisvolle, möglichst nicht wertende Haltung der Erwachsenen den Kindern gegenüber. Es bringt wenig, Kinder wie „leere Gefäße“ zu behandeln und sie füllen zu wollen, wie die italienische Ärztin und Entwicklungspädagogin Maria Montessori das so treffend formuliert hat. Es bringt noch weniger Kinder vom Fragen oder Besprechen schwieriger Inhalte abzuhalten mit dem Argument, dass man gewisse Dinge nicht fragt. Wissen wir Erwachsenen immer und in jeder Situation so genau, was denn nun der Tod ist und mit sich bringt? Verstehen wir selbst immer so genau, warum genau dieser oder jene geliebte Mensch vielleicht für uns viel zu früh gestorben ist?

Wir muslimischen Erwachsenen verlassen uns auf die tröstenden Worte Allahs im Koran. Dort steht: „Diejenigen, die glauben, und deren Herz im Gedenken Gottes Ruhe findet – im Gedenken Gottes findet ja das Herz Ruhe –, diejenigen, die glauben und tun, was recht ist, sind selig zu preisen. Und eine schöne Einkehr haben sie (dereinst) zu erwarten.“ (Sure Rad, 13:28-29) Kinder und Jugendliche sind darauf angewiesen, stetig um ihre eigene Interpretation zu ringen und sind in der Auseinandersetzung mit den islamischen Deutungen des Leids, des Sterbens und des Todes aufs Höchste gefordert, aber mit Gottes Hilfe nicht allein.

Leserkommentare

Ute Fabel sagt:
Der Tod ist nicht das Ende des diesseitigen Lebens, der Tod ist das Ende des Lebens überhaupt. Für lebensfrohe Menschen sicher irgendwie bitter, macht aber das Leben hier und jetzt umso wertvoller - gerade weil es eben nicht ewig ist. Für mich ist der (Lebens-)Weg das Ziel. Wir sollten dankbar sein, dass wir ein endliches Leben haben, das Beste daraus machen. Die Glaube des Islams und Christentums an ein ewiges Leben und Jüngstes Gericht ist durch nichts belegt, genauso wenig wie der Glaube fernöstlicher Religionen an eine Seelenwanderung ein Hirngespinst ist, das dazu im Widerspruch steht. Der Sitz unseres Bewusstseins ist das Hirn, wenn dieses nicht mehr funktioniert, gibt es des eigene Bewusstsein auch nicht mehr .- machen wir uns als Menschen des 21. Jahrhunderts nichts vor. Ewiger Schlaf, der selbe Zustand wie vor der Geburt - so schaut der Tod aus nach all dem, was wir heute über den menschlichen Organismus wissen. Ewiges Leben - eine Mischung zwischen Wunschdenken und Aberglauben!
31.08.16
17:51
Suleiman sagt:
Frau Fabel, ich respektiere Ihre Auffassung vom Leben und dem, was danach ist oder eben nicht ist. Als Muslim, das wird Sie sicherlich nicht wundern, halte ich diese Auffassung aber für falsch, ebenso wie die Behauptung, dass ein Leben danach nicht belegbar sei. Worin wir uns wohl einig sind, ist die Endlichkeit des Lebens, das ist ja sinnlich wahrnehmbar. Muslime teilen darüber hinaus die Überzeugung, dass alles andere, was uns Menschen sinnlich zugänglich ist, ebenso endlich ist. Womit alles das eben nicht unendlich sei und damit mit einem Anfang behaftet sein muss. Wir nennen das dann Schöpfung und verknüpfen diesen Vorgang mit einem Schöpfer, für die Buchreligionen i.A. Gott, für Muslime Allah. Allah hat den Muslimen anschließend durch die Offenbarungstexte In Kenntnis darüber gesetzt, dass es nach dem Tod eine Auferstehung und einen Rechenschaft geben wird über das diesseitige Leben. Die Korrektheit dieser Information leiten Muslime aus der Überzeugung ab, das der Koran von Gott stammt und nicht vom Menschen. Dieser Überzeugung liegt die im Koran formulierte Herausforderung zugrunde, dass der Mensch etwas gleiches erschaffen solle, wie den Koran (nachzulesen in Sura 2). Sofern er nicht dazu in der Lage ist, so muss der Koran vom Schöpfer abstammen, da der Mensch als Ursprung ausgeschlossen worden ist. Also quasi die Verifikation der Information (Offenbarung) über das jemseitige Leben über die Authentizität der Informationsquelle (Allah der Schöpfer unserer Realität). Mfg, S.
01.09.16
22:33
Ute Fabel sagt:
@Suleiman: Ein allmächtiger Schöpfergott müsste doch wohl in der Lage allen Menschen zu aller Zeit seinen Willen klar und eindeutig zu verkünden. Die angeblichen "Offenbarungstexte" wie der Koran sind aber immer nur in einem Erdwinkel aufgetaucht, die darauf aufbauenden Religionen - die bald in Splittergruppen (Sunniten, Schiiten) zerfallen sind, haben sich erst über Jahrhunderte - meist durch Kriege - verbreitet, so z.B. ins heutige Istanbul erst im Jahr 1453. Die indianischen Ureinwohner vor der Entdeckung Amerikas oder die australischen Ureinwohner, die Aborigines, dürften Allah oder auch dem christlichen Gott scheinbar über Jahrhunderte gleichgültig gewesen sein, da ihnen weder islamische oder christliche Offenbarungstexte noch Propheten gesendet wurde und sie daher gar nicht an diesen Gott glauben oder nach seinen Geboten leben können. Religionen sind für mich daher offentsichtlich allein von Menschen gemacht. Die Endlichkeit des Lebens und die Endgültigkeit des Todes, von dem ich ausgehe, ist für mich ein großer Ansporn das Meistmögliche aus der begrenzten Zeit zu machen, um unser aller Dasein verbessern zu können. Mein Lebensziel ist es, einen Beitrag zu leisten, dass die Welt, die ich bei meinem Tod verlasse, eine bessere ist als jene, die ich als Kind vorgefunden habe. Die Welt wird nicht durch fünfmaliges Beten am Tag, einmonatiges Fasten oder Pilgerfahrten besser - das ist nur Massenhysterie, die vielleicht ein positives Gruppengefühl bewirkt. Aktives Engagement zur Verbesserung der Gesellschaft, besonders entschlossene Forschung, um die vielen Krankheiten besser bekämpfen zu können, ist viel sinnvoller. Davor habe ich viel größeren Respekt als dem Abspulen von religiösen Ritualen.
02.09.16
12:32