Radikalisierung

Warum werden Jugendliche radikal?

München, Ansbach, Würzburg. Die Radikalisierung von Jugendlichen aus allen Lagern ist ein aktuelles Thema. Warum radikalisieren sich Jugendliche und welche Faktoren spielen dabei eine Rolle. Erläuterungen von Cemil Şahinöz.

07
08
2016
Der Täter in München © Screenshot/Amateurvideo

Wenn die Welt eine menschliche Person wäre, dann bräuchte sie dringend eine Psychotherapie. Jeden Tag präsentieren uns die „Breaking News“ ein neues Attentat. Anschläge werden live übertragen. Wie in einem Kinosaal sitzt man vor dem Fernseher und spekuliert noch während der Tat – wer was wie dahinter steckt.

Nicht selten verfällt man dabei in Verallgemeinerungen. Immer sind es DIE X oder DIE Y, die schuld sind. Differenzierte Betrachtungen bekommen kaum noch Beachtung oder werden als Naivität oder Romantik abgestempelt. Popularisierte Aussagen dagegen, die genauso radikal sind wie die Taten und die Täter werden als Schablonenlösungen angeboten. Diese “Lösungen“ sind knapp, kurz und einfach. Die Schuldigen sind eine bestimmte Religion, eine bestimmte Ethnie oder eine bestimmte Nation. Je nach Tat ändert sich das.

So sind auch Flüchtlinge öfters im Visier der Polarisierer. Klar ist, dass durch die Flüchtlingsströme kein erhöhtes oder besonderes Terrorrisiko besteht. Flüchtling zu sein, ist kein Faktor, der zu einer erhöhten Radikalisierung führt. In keiner Studie wird ein erhöhtes Risiko nachgewiesen. Der Anteil der Radikalen unter den Flüchtlingen wird also nicht höher sein als der Anteil unter Nichtgeflüchteten.

Anstatt also Sündenböcke zu suchen, soll hier an dieser Stelle analysiert werden, welche Faktoren tatsächlich zur Radikalität und Extremismus führen.

Gleiche Muster, verschiedene Namen

Es gibt viele Faktoren, warum sich Menschen – vor allem Jugendliche – radikalisieren[1]. Egal ob rechter, linker oder religiöser Fanatismus, die Muster scheinen jedoch gleich zu sein. Die Forschungs- und Beratungsstelle Terrorismus / Extremismus (FTE) des Bundeskriminalamtes stellt fest, dass rechts-, links- und religiösextreme in ihrer Radikalisierung die gleichen Muster (z.B. kaputte und schwierige Familien, Trennungen, Todesfälle, Alkohol, Drogen, Gewalt, Belastungen in der Kindheit, Probleme in der Schule, keine abgeschlossene Ausbildung) aufzeigen und kommt daher zum Schluss: „In welchem Extremismus diese Personen […] landen, ist letztlich reiner Zufall. Überspitzt gesagt: Ein Islamist aus Dinslaken hätte in Sachsen genauso gut ein Rechtsradikaler oder in bestimmten Stadtteilen Berlins oder Hamburgs ein Linksradikaler werden können“[2]. Daher sind auch die Rattenfängermethoden dieser Gruppierungen identisch. Jugendliche werden mit offenen Armen empfangen. Die Muster sind gleich. Nur Namen, Begriffe und die Semantik ändern sich.

Suche nach Geborgenheit und Orientierung

Fast nie geht es um theologische Gründe. Laut einem Bericht kauften sich Radikale kurz vor ihrer Reise in den Krieg nach Syrien das Buch “Islam für Dummies“[3]. Das heißt, auch wenn es keine Konvertiten sind und vorher schon Muslime waren, sind es sozusagen “Neugeboren Muslime“, die ebenfalls “konvertieren“. Laut dem Verfassungsschutz gibt es in Deutschland 1100 gewaltbereite Personen aus dem religiösen Milieu. Zum Vergleich: Es gibt 7600 gewaltbereite Linksextreme und 10500 gewaltbereite Rechtsextreme.[4]

Stärker “anfällig“ für radikale Gruppen sind männliche Jugendliche zwischen 19 und 27 Jahren. Häufig sind es Jugendliche, die nach Orientierung und Sinn im Leben suchen, vorher geringe religiöse Bildung hatten und denen Perspektiven und Ziele fehlen. Auch Gefängnisinsassen sind stärker anfällig, da bei ihnen die gerade genannten Faktoren im hohen Maße zutreffen.

Diese Sinnsuche wird verknüpft mit der Sehnsucht nach Geborgenheit, Anerkennung, Vertrauen, Fürsorge und Liebe. Viele Jugendliche erhoffen sich durch den Anschluss an eine radikale Gruppe die viel ersehnte familiäre Wärme zu finden. Sie suchen in der Gruppe eine Geborgenheit. Diese waren ihnen in der eigenen Familie oder im Freundeskreis verwehrt. Sie erhalten plötzlich eine Wertschätzung und werden wichtig, alles was sie im “vorherigen Leben“ nicht bekamen. Daher fühlen sie sich wieder wertvoll und nützlich. Die Gruppe wird zu ihrer Ersatzfamilie.

Religion dient als Identitätsstifter

Auf Grund einer entfremdeten oder Konflikt-Biographie erhalten die Jugendlichen in der radikalen Gruppe eine selbststärkende Identität. Obwohl sie auch hier eine entfremdete Identität, ja fast eine Schizophrenie ausleben, vorspielen und inszenieren, wird dies durch die erfahrene Geborgenheit unterdrückt. Meist dient dann auch die Religion nur als Identitätsstifter. Das heißt, diese Personen handeln dann nicht aus tiefstem Inneren oder aus Überzeugung religiös, sondern, weil ihnen Religion eben diese Identität liefert. So bieten radikale Gruppen eine einfache und klare Antwort auf die Identitätssuche vieler Pubertierender an.

Dieser Identitätswandel erfolgt bei Jugendlichen sehr schnell. Der Jugendliche, der vorher sehr wenig Bezug zu seiner Religion hat, wird binnen weniger Wochen zu einem “Gelehrten“, bzw. er verhält sich so, als würden die übrigen Personen die Religion falsch ausleben und er und seine auserwählte Gruppe hätten die Religion richtig verstanden. Diese sehr schnelle Veränderung ist psychisch fatal für die Identität und zeugt auch eine Identitätssuche.

Auch bei einigen Konvertiten spielt die Identität eine Rolle. Sie suchen eine komplett neue Identität und wollen mit ihrem “früheren“ Leben nichts zu tun haben. Daher wollen sie eine Gesamtveränderung, auch äußerlich und namentlich (Selbst der Prophet Muhammed hat nur dann die Namen der Muslime ändern lassen, wenn sie eine negative Bedeutung hatten.) Diese komplett neue Identität erhalten sie in radikalen Gruppen. Hier werden sie nicht nur zu Muslimen, sondern ändern alles andere auch, wie z. B. Aussehen, Sprache, Kultur.

Die radikale Gruppe bietet zudem Sicherheit. Es gibt ein einfaches Weltbild, das aus Gut und Böse besteht. Alles scheint klar und ersichtlich zu sein. Die Regeln sind klar, die Wahrheiten einfach. Diese dichotome Weltsicht ist für viele Jugendliche ein wichtiger Anziehungspunkt, weil sie in der undurchsichtigen modernen Gesellschaft diese Gewissheit nicht haben. Daher bietet ihnen die Gruppe eine Komplexitätsreduzierung an.

Radikalisierung als Gegenreaktion

Bei Eintritt in diese Gruppen wird das Wir-Gefühl gestärkt. Hier finden die Jugendlichen gehör. Hier sind sie willkommen, werden nicht ausgestoßen. Sie gehören dazu. Sie sind wichtig, was noch einmal das Selbstwertgefühl steigert. Daher ist die Radikalisierung auch eine Gegenreaktion zur Ausgrenzung. Zudem ist der Mensch ein soziales Wesen, das sich in bestimmten Situationen einer Gruppe anpasst, auch wenn es den Werten der Gruppe nicht glaubt. Gruppenzwang, besonders bei Jugendlichen, spielt hier eine einflussreiche Größe. Hinzu kommen Jugendbedürfnisse, wie z. B. Protestbedürfnis, Abenteuerlust, Zugehörigkeit zu einer Clique. Radikale Gruppen stillen diese Bedürfnisse. Eigene Symbole wie Sprache, Musik oder Bekleidung machen die Gruppe zu etwas besonderem.

Das Gerechtigkeitsempfinden

Ein anderer Faktor, was bei Radikalen – egal ob Jugendlich oder nicht – eine immense Rolle spielt, ist das Gerechtigkeitsempfinden. Viele gehen davon aus – auch auf Grund der dichotomen Weltsicht – dass es nur Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gibt. Sie wollen dann mit Hilfe ihrer Gruppe “die Welt retten“. Ihre Anschläge sollen die Gesellschaft “verbessern“. So fühlen sie sich wie “Helden“, ihr Selbstwertgefühl steigt. Das Paradoxe ist, dass sie die Gesellschaft durch ihre Anschläge zerstören. Dies wird dann damit legitimiert, dass einige geopfert werden müssen, damit es besser wird!

Viele Radikale geben an, dass sie sich vor ihrem Eintritt in die Gruppe ungerecht und diskriminierend behandelt fühlten. Negative Erlebnisse in Schule, Arbeit und Familie, Ausgrenzungserfahrungen, Diskriminierung verstärken dieses Gefühl. Wenn dieses Gefühl ein hohes Maß annimmt, verknüpft mit fehlender Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen, suchen sie nach alternativen Wegen, um diese zu erfüllen. Sie lehnen also die Ungerechtigkeit ab und suchen andere Gerechtigkeitsmodelle. Dies ist der größte Nährboden für Radikalisierungen jeglicher Art. Radikalisierung ist Verlockend für die, die sich sowieso ausgegrenzt fühlen. Eine Studie über den Radikalisierungsprozess bestätigt dies. Marc Sageman (Leaderless Jihad: Terror Networks in the Twenty-First Century. University of Pennsylvania Press: Philadelphia, 2008) interviewte 500 Gewalttäter aus Terrornetzwerken. Er kam zum Ergebnis, dass Faktoren wie Bildung oder theologisches Wissen keine Rolle spielen. Das einzige was zählt ist das Gerechtigkeitsbedürfnis.

Studie: „Radikale sind religiös ungebildet“

Das britische Inlandsgeheimdienst MI5 führte ebenfalls eine große Studie durch. Bestandteil der Fallstudie waren mehrere Hundert gewaltbereite Extremisten, die, von der Finanzierung bis zum Selbstmordattentat, an terroristischen Aktivitäten beteiligt waren. Das Ergebnis: Radikale sind weder psychisch verrückt noch wurden sie einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie sind religiös eher ungebildet. MI5 schreibt, dass sie große Wissenslücken im Islam haben und daher eher religiöse Novizen sind. Wenn sie älter als 30 Jahre sind, sind sie verheiratet und haben Kinder. Sie sind weder arm und ungebildet noch gesellschaftlich privilegiert. Meistens sind es ehemalige oder aktive durchschnittliche Kriminelle. Drogendealer oder Diebe versuchen durch fanatischen “Glauben“ ihre Sünden wettzumachen. Vergewaltiger oder Schläger zieht die dem Terrorismus innewohnende Gewalt an. Laut der Studie verbreiten und verfestigen auch die Berichterstattungen einiger Massenmedien Vorurteile gegenüber Muslimen, welches dann wiederum zu Radikalisierungen führt. Aus der Studie geht ebenfalls hervor, dass das Internet ein wichtiges Hilfsmittel bei der Verbreitung der Ideologie ist, aber nicht die Hauptrolle bei der Radikalisierung spielt. Die Radikalisierung findet letztendlich statt, wenn man gleichgesinnte in der Umgebung hat. Es sind dann nicht die Imame oder der Moscheeverein, sondern bestimmte Rekrutierer, die letztendlich zur Radikalisierung führen. Gründe, die zur Radikalisierung führen, sind laut dieser Untersuchung gefühlte oder tatsächliche Ungerechtigkeiten, Diskriminierungserfahrungen und die Vorstellung, dass ein “Krieg gegen den Islam“ geführt wird. Allerdings werden solche Gründe meist im Nachhinein konstruiert, um das eigene Handeln zu rechtfertigen. Insgesamt wird die radikale Szene durch unterschiedliche Faktoren, wie z.B. Mitgliedschaft bei einer (selbsternannten) Elite, Kämpfer für eine (angeblich) gerechte Sache, Popstarstatus innerhalb der radikalisierten Gruppe, Heiratsvermittlung, klare Regeln und einfache Feindbilder und paradiesische Verlockungen schmackhaft gemacht[5].

Fazit: Die Faktoren zur Radikalisierung von Jugendlichen sind soziologischer und psychologischer Natur. Suche nach Sinn, Anerkennung, Geborgenheit, Vertrauen, Fürsorge, Sicherheit, Liebe, Wir-Gefühl, Klarheit, Einfachheit, Reduzierung der Komplexität, Gerechtigkeit und gefestigter Identität sind entscheidende Gründe, warum sich Jugendliche radikalisieren. Vor allem der Gerechtigkeitssinn und die Identitätssuche sind einflussreiche Faktoren.

[1] vgl. Şahinöz, Salafimus, Extremismus und Fanatismus verstehen und handeln, BOD Verlag, 2016

[2] Hart aber Fair: Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem?, ARD, 11.04.2016

[3] Hasan M.: What the Jihadists Who Bought ‚Islam For Dummies‘ on Amazon Tell Us About Radicalisation. In: Huffington Post. 21.08.2014

[4] Tagesschau: Gewaltbereite Extremisten in Deutschland. 11.12.2015

[5] Die Welt: Warum ein Mensch zum Terroristen wird. 26.08.2008

Leserkommentare

Johannes Disch sagt:
@Manuel Nochmal zu dem Umstand, dass der IS-Führer Bhagdadi angeblich islamischer Theologe ist: Bereits vor 2 Jahren haben über 200 islamische Gelehrte aus aller Welt in einer Fatwa das Treiben des IS als unislamisch gebrandmarkt. Und sie haben das ausführlich aus der islamischen Theologie begründet. Dasselbe hat der Großmufti von Ägypten getan. Er hat dem IS sogar ein eigenes Buch gewidmet ("Das ideologische Schlachtfeld"). Auch der Großmufti von Ägypten kommt zu dem Ergebnis, dass das Tun des IS unislamisch ist. Der IS-Bghadadi ist kein (islamischer) Theologe, sondern ein Verbrecher! Ach, und der berühmte "Schwertvers": Sie können sich nicht einfach irgendeinen Vers aussuchen, um damit der Religion der Religion des Islam die Schuld am Terrorismus zu geben. Es sei denn, Sie wollen auf demselben Niveau wie der IS-Bhagdadi argumentieren??? Und das unterstelle ich Ihnen nicht. lg Johannes Disch
16.08.16
4:44
Ute Fabel sagt:
@Johannes Disch: Was mich immer wundert ist, dass sich der islamische Allah nur in einer Sprache - nämlich in Arabisch - korrekt ausdrücken können soll. Wobei viele Katholiken sind ja auch der Meinung der christliche Gott ist nur auf Latein und Altgriechisch richtig verständlich. Ich bin durchaus Ihrer Meinung, dass der Koran ein Sammelsurium von Verschiedenem darstellt. Von ethisch durchaus Positivem (Hilfsbereitschaft gegnüber den Armen) und -überwiegend- ethisch nach heutigen Verständnis höchst Fragwürdigem geht es - ähnlich wie auch die griechisch-römische Mythologie, die jedoch heute niemand mehr - zum Glück - als Gottes Wort betrachtet. Bibel und Koran sollten heute am besten so betrachtet werden wie die Epen von Homer. Noch jeder Moslem hat mir bisher allerdings bisher erzählt, dass Mohammed als letzter Prophet Allahs zu betrachten ist. Das halte ich für einen sehr totalitären Personenkult- den Menschen ist dann nämlich nur noch erlaubt Mohammeds Ergüsse auszulegen aber nicht mehr über ihn hinaúszudenken. Deshalb halte ich die monotheistischen Buchreligionen für einen intellektuellen Hemmschuh.
16.08.16
8:00
Manuel sagt:
@Johannes Disch: Die islamistischen Terroristen berufen sich aber auf dem Schwertvers, solange dieser nicht eindeutig verurteilt wird, wird es immer wieder solche geben.
16.08.16
18:56
Johannes Disch sagt:
@Ute Fabel Das mit dem "Sammelsurium" bezüglich des Koran ist meines Erachtens ein sehr passendes Bild. Spricht Gott nur arabisch, fragen Sie zu Recht. Nein, sagt der inzwischen leider früh verstorbene profilierte ägyptische Theologe Abu Zaid (Einzelheiten lasse ich jetzt mal außen vor). Die monotheistischen Buchreligionen müssen kein intellektueller Hemmschuh sein-- wenn man sie richtig versteht. "Richtig verstehen" meint im historischen Kontext verstehen. Und da ist der Koran keineswegs das letzte und endgültige Wort Gottes.... Wenn ich ihre Ps richtig verfolgt habe, dann sind Sie eher arreligiös? Korrigieren Sie mich, wenn ich mich täusche. Im Grunde genommen ist die Sache ganz einfach: Unser GG garantiert Religionsfreiheit, so lange sich ihre praktische Ausübung im Rahmen unserer Gesetze bewegt. Wir sollten aber auch aufpassen, dass wir den Bogen nicht überspannen und jede kulturelle Eigenheit die uns ungewöhnlich erscheint, als "Islamische Eroberung" zu betrachten. Nehmen Sie den "Burkini." Wieviel Haut eine Frau zeigt, dass bleibt ihr selbst überlassen. Das ist eine Frage der Selbstbestimmung. Ob im Bikini, im Stringtanga oder im Burkini--- daraus sollten wir keine Grundsatzfrage machen. Generell sind wir beide gar nicht weit voneinander entfernt. Auch ich kann ganz gut ohne Religion auskommen. Aber für viele--- grade Muslime-- ist es halt wichtig. Wir sollten etwas entspannter werden. Den Terrorismus besiegt man nicht mit einem Burkini-oder Burka-Verbot. Die meisten Muslime haben weder mit der Burka was am Hut, noch mit dem dhihadistischen Terrorismus. lg Johannes
17.08.16
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