Nachgefragt

„Mehr auf die islamische Erziehung der Jugend achten“

Autoren schreiben problemlos hunderte Seiten. Doch was passiert, wenn sie ihr Buch auf seine Essenz herunterbrechen müssen? Unsere Serie „Nachgefragt“ liefert Antworten und stellt sowohl Buch als auch Autor vor. Heute mit Amina Luise Becker, Autorin des Buches „Spurensuche“.

17
07
2016
Spurensuche von Amina Luise Becker © Plural-Publications
Spurensuche von Amina Luise Becker © Plural-Publications

IslamiQ: Wem würden Sie ihr Buch „Spurensuche“ gerne schenken und warum?

Becker: Innerhalb meines Projektes „Integration durch Religion“ würde ich mein Buch den Jugendlichen, die daran teilnehmen, näherbringen wollen. Darüber hinaus hoffe ich, dass sich Lehrpersonen in den muslimischen Gemeinschaften und in den Moscheen das Buch zulegen.

IslamiQ: Warum ist die Thematik Ihres Buches im Lichte aktueller Debatten wichtig?

Becker: Aktuell vergeht kein Tag, an dem nicht medial zum Thema Islam berichtet wird. Leider ist diese Berichterstattung mehrheitlich nicht objektiv. Eine ganze Reihe von international anerkannten Untersuchungen bestätigt die vielfache Diskriminierung der Muslim_innen in Europa. Die gesellschaftliche Meinung weiter Teile der europäischen Bevölkerung zum Islam wird erschreckenderweise mehr und mehr islamophob.

In den zugelassenen Schulbüchern finden sich zum Thema Islam teilweise immer noch diskreditierende, rassistische Darstellungen des Islams, die schon vor zwei Jahrzehnten durch anerkannte Studien als diskriminierend entlarvt wurden, weil sie dem Anspruch einer objektiven Darstellung des Islams nicht entsprachen. Auch diese Kritiker verwechselten – ob absichtlich oder durch Unwissen – die Lehre mit dem Brauchtum.

Muslim_innen müssen jedoch auch selbst mehr auf die genuin islamische Erziehung und Bildung ihrer Jugend achten. Sie sollten die Heranwachsenden stärken, in dem diese mittels eines gründlichen Wissens über die islamische Lehre und Lebensweise sowie eines breiten gesellschaftlichen Allgemeinwissens die Defizite ausgleichen können. Dies dient ihrem Seelenfrieden, aber auch um auf Kritik sachlich antworten und sich in die Gesellschaft einbringen zu können. Auf der anderen Seite wäre es gut, wenn die Gesellschaft wahrnähme, dass durch die Lehre des Islams Andersdenkenden keinerlei Schaden entsteht, im Gegenteil ein produktives Miteinander gefördert würde. Eine Veränderung in der negativen Haltung gegenüber dem Islam kann nur durch authentisches Wissen auf beiden Seiten erreicht werden. Integration bedeutet Mitsprache. Sie ist keine Einbahnstraße.

IslamiQ: „Beim Lesen guter Bücher wächst die Seele empor.“ Warum trifft dieses Zitat von Voltaire auf Ihr Buch zu?

Amina Luise Becker
„Spurensuche. Reisen durch prophetische Zeiten“
ISBN 978-3-944441-05-4
PLURAL Verlag
2016

Becker: Ich denke Voltaire hat Recht. Bücher die das Innere des Menschen nicht berühren wären besser nicht geschrieben worden, ausgenommen vielleicht Sachbücher. Heute ist der Markt überfrachtet mit Literatur, welche die problematischen gesellschaftlichen Trends in einer neoliberalen, kapitalistischen Gesellschaft befeuern; einer Gesellschaft in der Gewinnmaximierung die Grundmaxime des Lebens geworden ist. Das ist nicht ungefährlich für die ethische Entwicklung der Menschen. Den Muslim_innen wird es verunmöglicht hierauf Einfluss zu nehmen und Selbstdarstellungen mit einzubringen; sie werden nicht beteiligt. In Diskussionen geht es meistens nicht um Problemlösungen, im Gegenteil, Muslim_innen sollen sich für ihre Lebensweise rechtfertigen.

Muslim_innen müssen daher selbst mehr für islamkonforme Literatur Sorge tragen. Es gibt zwar zunehmend einiges an Büchern für muslimische Jugendliche in der Sprache, in der diese sich täglich in Schule und Freizeit artikulieren, jedoch müssen wir beachten, welche pädagogischen Leitlinien diese Bücher beinhalten. Bücher, die überwiegend oder gar ausschließlich normative Inhalte vermitteln, haben kaum eine Chance die heutigen religiösen Bedürfnisse der Jugend zu befriedigen. Sie entsprechen auch wenig dem koranischen Menschenbild. Religion ist Befreiung. Wenn sie durch überbordende normative Erziehung zur Bedrückung wird, stimmt etwas nicht.

IslamiQ: Ihr Buch in drei Wörtern zusammengefasst?

Becker: Pädagogisch lehrreich, wissenschaftlich/authentisch, unterhaltsam.

IslamiQ: Eine spezielle Frage für Sie: Sie haben auf Grundlage des Korans, islamische Rätselgeschichten und Krimis geschrieben. Wollten Sie so einer jüngeren Leserschaft einen alternativen Zugang zum Koran bieten?

Becker: Ja, die Geschichten beruhen alle auf koranischen Texten. Junge Muslim_innen kennen mehrheitlich koranische Aussagen in deren Bedeutung für ihr Leben nicht; sie kennen auch wenig von ihrer Geschichte. Es wird ihnen manchmal auch ein problematisches Gottesbild vermittelt. Schüler_innen finden zu den klassischen islamischen Lehrbüchern und Unterrichtsmethoden kaum noch einen Zugang. Die Differenz zu ihrer Lebenswelt ist viel zu groß. Solche Werke lassen viele eher traurig und frustriert zurück. Wir müssen Literatur entwickeln, welche das Interesse der jungen Menschen an Religion weckt und deren Bedeutung für ihr Leben offenlegt. Das gelingt nur, wenn wir von ihrer Lebenswirklichkeit ausgehen, denn lassen wir diese außer acht, verstärken wir ein dualistisches Weltbild.

Auch der Koran spricht in den seinerzeit vorgefundenen Kontext hinein und setzt sich mit ihm auseinander. Wenn wir dies nicht bedenken, erzieht die Gesellschaft die Jugendlichen im Sinne der Alltagsrealität und die Moschee zu einer davon. Wir finden im Koran beide Welten: die des Alltags und der Religion. Heute werden aber den Schüler_innen meistens beide Welten getrennt und mit völlig anderen Lehrmethoden vermittelt. Das Resultat ist, dass sie sich im Alltag zurechtfinden, in der Welt der Religion aber nicht, oder sie haben zu ihr nur einen statischen Zugang. Zur notwendigen Veränderung an pädagogisch und didaktischen Methoden wollte ich einen praktischen Beitrag leisten.

Leserkommentare

Manuel sagt:
Und was ist die islamische Erziehung nun, das jede Frau ein Kopftuch tragen muss, sonst ist sie keine gute Moslema, wie in einigen islamischen Kidnergärten gepredigt wird?
18.07.16
19:24
Ute Fabel sagt:
Seit ich begonnen habe den Koran zu lesen, hat sich meine Meinung über den Islam deutlich verschlechtert. Anregungen zum selbstständigen Denken bzw. kritischem Hinterfragen habe ich keine gefunden, einzig die Hingabe gegenüber dem Propheten wird ausgiebig zelebriert. Die deutsche Übersetzung von Islam lautet ja auch "Unterwerfung", das ist auch der Geist des Buches, so wie ich ihn empfunden habe. Die negative Einstellung, die viele Leute gegenüber dem Islam haben, halte ich keineswegs für Vorurteile sondern für höchst verdiente Werturteile. Ich würde jedem empfehlen, den Koran im Origanaltext auf sich einwirken zu lassen, und sich unverfälsch auf dieser Grundlage die eigene Meinung zu bilden. Erschreckend finde ich eher solche Schönredner wie Frau Becker, die den Islam völlig verklären.
19.07.16
10:13
Manuel sagt:
@Ute Fabel: Man braucht gar nicht so weit gehen, man sehe sich die islamischen Länder an, dort kann man den Islam bei der Arbeit sehr gut beobachten.
19.07.16
12:01
Rabia K. sagt:
@Ute Fabel Ihnen ist aber schon klar, dass eine Übersetzung kein Originaltext ist? Ich gebe Ihnen zu 100% Recht: Jeder sollte seine Meinung über die Religion auf der Grundlage des Koran bilden. Lieber Manuel, könnten Sie Ihre Aussage bezüglich "islamischer Kindergärten" bitte konkretisieren? Wenn Sie wissen wollen wie Kinder aus muslimischen Haushältern indoktriniert werden , könnten Sie ja mal anfangen, ihren haltlosen Aussagen Halt zu geben. Ein kleiner Tip: legen Sie sich doch Frau Luise Beckers neues Buch zu und erforschen die Untergründe der islamistischen Terroristen im Deckmantel selbstwertstärkender, identitäts- und charakterbildender Erziehung zur Selbstbildung und -Findung.
19.07.16
12:37
Ute Fabel sagt:
@Rabia K.: Was mich wundert ist, dass der allmächtige Allah sich nur in einer Sprache - nämlich Arabisch - verlässlich ausdrücken können soll und nicht in der Lage ist richtige Übersetzungen in andere Sprachen steuern zu können. Sure 4 11 lautet zum Beipiel: Allah empfiehlt euch hinsichtlich eurer Kinder: Einem männlichen Geschlechts kommt ebensoviel zu wie der Anteil von zwei weiblichen Geschlechts. Ist niemand in der Lage die Zahlen "eins" und "zwei" richtig vom Arabischen ins Deutsche zu übertragen? Ist wirklich ein Übersetzungsfehler, dass Frauen nur halb so viel bekommen sollen als Männer? Ich denke nicht. Dieses ständige Gerede über angeblich überall kursierender Übersetzungsfehler halte ich für einen Vorwand für diejenigen, die sich nicht einfach nicht eingestehen wollen, dass der 1.400 Jahre alte Koran einfach ein von Menschen geschriebener Text seiner Zeit ist mit all seinen Makeln, und nichts darüber hinaus.
20.07.16
7:46
Manuel sagt:
@Rabia K.: Lesen Sie mal Ednan Aslans Endbericht über Wiener islamischer Kindergärten, wo kleinen Mädchen eingetrichert wird, sie müssten später ja ein Kopftuch tragen, sonst wären sie des Teufels. Dann reden wir hier weiter.
21.07.16
18:35