Tagung

„Islamischer Feminismus“ – eine internationale Annäherung

„Islamischer Feminismus“, ein sensibles und junges Forschungsfeld. Dunya Adıgüzel besuchte die Berliner Veranstaltung, die sich dieser Thematik annahm und schreibt über Inhalte und offene Fragen.

06
02
2016
Muslime
Muslime © by Garry Knight auf Flickr (CC BY 2.0), bearbeitet islamiQ

In Kooperation des Aktionsbündnis muslimischer Frauen und der Friedrich-Ebert-Stiftung fand am 3. Februar eine Veranstaltung zum Thema „Islamischer Feminismus“ statt. In Vorträgen und Diskussionsrunden wurde über die Bedeutung eines „islamischen Feminismus“ gesprochen. Was ist überhaupt ein „islamischer Feminismus“, und sind diese Begriffe zusammen kein Widerspruch? Die amerikanische Feministin Anse Tamara Gray prangerte an, dass zum einen Muslime den Feminismus muslimischer Frauen als Verrat an der muslimischen Community kritisieren und das auf der anderen Seite Mainstream-Feministinnen den muslimischen Feministinnen den Feminismus als solchen absprechen. Denn nach dieser Argumentation könne jemand, der das Kopftuch – als Zeichen der Unterdrückung per se – trägt und hoch hält, keine Feministin sein.

Gerade beim Thema Kopftuch wurde in Bezug auf das Recht am eigenen Körper diskutiert. Aus dem französischen Kontext berichtete die Feministin Malika Hamidi, wie sie 2004 mit anderen Feministinnen aus ganz unterschiedlichen Kontexten zusammenkam, um gemeinsam gegen das Kopftuchverbot vorzugehen. Dabei ging es den lesbischen, europäischen oder queer Feministinnen nicht darum, das Kopftuch zu verteidigen. Nur sollte eine Frau nicht das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper verlieren. Denn wie das Recht besteht, sich ausziehen zu dürfen, muss auch das Recht bestehen, sich zu bedecken. Es herrschte weitgehend Konsens, dass der Austausch unter Feministinnen und das Schließen von Allianzen sehr wichtig sei. Letztendlich würden alle Frauen unter ungleichen Gehältern, häuslicher Gewalt oder sexueller Belästigung leiden. Hier ist es wichtig, zusammenzukommen und sich darüber auszutauschen, um dann gemeinsame Strategien zu entwickeln.

Als besonderes Hindernis solcher Allianzen und der Thematisierung von Feminismus in muslimischen Communities wurde die Instrumentalisierung der feministischen Kritik durch antimuslimische und rechte Gruppierungen und Akteure bezeichnet. Dadurch würde der Machtdiskurs zwischen Minderheit und Mehrheit auf sehr negative Weise für die muslimischen Communities als Minderheit in Europa beeinflusst. Dabei identifiziert sich die Mehrheit als Art Befreier der Frau, der durch Frauenbewegung und Gleichberechtigung schon eine Gleichstellung erwirkt hat. Alle negativen Aspekte der Unterdrückung der Frau werden der Minderheit der muslimischen Community zugeschoben, die sich ständig rechtfertigen und distanzieren soll. Um in diesem Teufelskreis nicht mitzuspielen, wurden „sichere Orte“ gefordert, um frei sprechen zu können. Dass es in muslimischen Communities Probleme in puncto Gleichberechtigung von Frauen und deren Selbstbestimmungsrecht gebe, müsse ansprechbar sein, damit es verändert werden kann. Das sei aber keine theologische Debatte um den Islam, sondern eine Debatte um Kulturen und gesellschaftliche Praxis. Insofern war die Veranstaltung ein wichtiger Beitrag, um viele unterschiedliche Akteure zusammenzubringen und den Austausch zu fördern.

Ein Fragezeichen bleibt allerdings stehen: Was bedeutet es, wenn sich eine SPD-nahe Stiftung dem Thema „Islamischer Feminismus“ annimmt und sich darum bemüht, durch Veranstaltungen diesen Diskurs mitzuprägen? Denn wer Veranstalter ist, der benennt auch die Referenten. In diesem Sinne war auffällig, dass unter den geladenen Gästen keine Vertreterin muslimischer Moscheegemeinden anwesend war. Gleichzeitig müssen wir Muslime aber auch kritisch hinterfragen, ob muslimische Frauen in den Vorständen der Moscheegemeinden sich dieser Thematik überhaupt bewusst sind. Schließlich ist es hier wie mit vielen anderen Themen: Wenn wir nicht anfangen, Agenda-setting zu betreiben, dann werden es andere tun. Das Fazit der Veranstaltung ist insgesamt positiv. Dieser Diskurs ist in Deutschland überfällig und sollte in Zukunft weitergeführt werden – jedoch mit allen betroffenen Frauen.

Leserkommentare

Manuel sagt:
Wahrscheinlich werden uns jetzt diese angeblich Feministinnen auch noch einreden wollen, das Kopftuch wird die Frau befreien oder?
06.02.16
15:55
Ali Mete sagt:
Sicherlich sollte das Thema diskutiert werden - auch und vor allem von Muslimen. Jedoch hat diese Veranstaltung einen faden Beigeschmack, da hier politische Interessen der Veranstalter vermutet werden können. Solche Diskussionen müssen aus der Mitte der muslimischen Gemeinschaft hervorgehen. Die Gemeinschaft muss sich 'feministischer' Fragen bewusst werden. Angefangen von der Frage, was denn 'islamischer Feminismus' ist.
06.02.16
19:24
Wolf D. Ahmed Aris sagt:
So notwendig eine solche Tagung ist, so ärgerlich ist sie auch, weil sie euro-zentriert allein die Fragen vom Standpunkt europäischer Emanzipation thematisiert. Die islamischen Matriarchate oder die beispielhaften großen gelehrten Frauen und ihre Biographien werden nicht einmal genannt. Selbstverständlich hat jede Frau ein Recht auf eine eigene Position - sei sie politische oder philosophisch begründet.- aber der Weg zur Selbstständigkeit in Europa ist eines von mehreren Modellen. Muslima haben ein Recht ihren Weg zu definieren und zu gehen.
07.02.16
9:33
Manuel sagt:
Der erste Schritt wird sein, endlich einmal über das Kopftuch zu diskutieren, statt ständig zu versuchen, das Kopftuch als Bereicherung darzustellen.
07.02.16
10:02
Mehmet Karaoğlu sagt:
Warum so eine Stiftung sich so einem Thema annehmen muss, hat natürlich einen bitteren Beigeschmak. Der Beweggrund ist eindeutig und leicht verständlich; "die Muslime brauchen eine Aufklärung und wir müssen sie antreiben. Ob die Muslime das auch so sehen, steht nicht zur Debatte". Gerade eine deutsche Stiftung muss ausgerechnet in Berlin den vermeintlichen islamischen Feminismus thematisieren, wo doch in Berlin 8000-10000 Frauen der Prostitution nachgehen (müssen). Tut mir leid, das war ein unpassendes Beispiel; schließlich dürften Prostutierte selber entscheiden, ob sie ihre Freier küssen, oder nicht.
07.02.16
18:55
Manuel sagt:
@Karaoğlu: Im Iran gehen auch viele Frauen der Prostituition nach, das schiitische Eherecht (Kurzzeitehe) erlaubt das, also zunächst mal vor der eigenen islamischen Tür kehren.
08.02.16
11:34
Gabriele Boos-Niazy sagt:
Die Tagung hat den Blick auf die internationale Situation gerichtet. Wie Frau Gray berichtete, sind z.B. in den USA nur 6 % der Muslime in Moscheegemeinden organisiert - also noch weniger, als in Deutschland. Von daher ist es verständlich, dass hier Einzelreferentinnen eingeladen waren, die für Frauenorganisationen gesprochen haben, keine Moscheevertreter(innen). Wie am Anfang der Tagung gesagt wurde, wird es eine Folgeveranstaltung geben, die dann den Blick auf Deutschland richtet und dann werden die Karten bzgl. der Referentinnen die Karten neu gemischt. Und dabei ist die Frage von Frau Adıgüzel, ob bei den (oft nur pseudomäßig vorhandenen) Frauen in den Vorständen der Moscheegemeinden oder Verbänden das Thema überhaupt für wichtig gehalten wird, durchaus berechtigt. Fest steht, dass nichts und niemand in der Vergangenheit die "Mitte der muslimischen Gemeinschaft" oder die Verbände davon abgehalten hat eine Tagung zum Islamischen Feminismus zu veranstalten oder Frauen, die sich in dem Bereich engagieren (sich aber aus nachvollziehbaren Gründen mit dem Begriff Feminismus nicht wohlfühlen) einzuladen und mit ihnen zu diskutieren. Das ist nicht geschehen, um es zurückhaltend auszudrücken, deshalb sollte man das, wie es einer der Kommentatoren tut, jetzt eigentlich nicht als an Kritik der Veranstaltung ins Feld führen. @ Mehmet Karaoğlu: Ist die Aussage: "die Muslime brauchen eine Aufklärung und wir müssen sie antreiben. Ob die Muslime das auch so sehen, steht nicht zur Debatte". ein Zitat der FES? Falls nicht, warum steht es dann in Anführungszeichen? Und wenn dies die Absicht der FES gewesen wäre - was das AmF als Mitveranstalter nicht nur gewusst, sondern auch verhindert hätte - dann wären sicherlich andere Namen auf der Rednerinnenliste aufgetaucht. Dann hätten wir uns nicht an den eloquenten Ausführungen einer Frau Gray in einem Outfit, das selbst konservatiste Muslime nicht als "feminismusgeprägt" wahrgenommen haben dürften, erfreuen dürfen, sondern hätten uns z.B. die Tiraden der auf anderen Tagungen hofierten Frau Ayaan Hirsi Ali anhören müssen. @Manuel: Seit Jahren macht die Gesellschaft kaum etwas anderes, als über das Kopftuch zu diskutieren. Dass Sie das trotz spektakulärer Coverfotos von Spiegel, Focus & Co nicht mitbekommen haben, ist verwunderlich. Aber Gott sei Dank hat uns ja jetzt das Bundesverfassungsgericht höchstrichterlich das bestätigt, was eigentlich jeden Bundesbürger freuen sollte: Artikel 4 GG gilt auch für Musliminnen, die sich über den Putzfrauenjob hinaus qualifizert haben und einem Beruf nachgehen wollen (und damit Steuern zahlen). Das sollte Sie freuen - die Wahrscheinlichkeit, dass auch Sie in einem Aspekt Ihres Lebens einer Minderheit angehören, ist angesichts der Pluraltiät dieser Gesellschaft hoch und die mutigen Frauen, die gegen das Kopftuchverbot geklagt haben, haben damit auch für Sie einen Sieg errungen. Der Zwang, ein Kopftuch zu tragen, ist dem Zwang, das Kopftuch ablegen zu müssen, gleich - wie man das nicht einsehen kann, bleibt wohl eines der Rätsel der Menschheit. Versuchen Sie es mal in einem Gedankenexperiment mit irgend etwas, was Ihnen absolut wichtig ist, dann kommen Sie vielleicht drauf. Vielleicht ist Ihnen allerdings auch alles gleichgültig, leider aber dennoch nicht alles gleich gültig. Dann bleibt nur wenig Hoffnung, Sie in eine vielfältige, moderne Gesellschaft zu integrieren.
08.02.16
17:18
Manuel sagt:
@Gabriele Boos-Niazy: Mutig sind jene Frauen, die das Kopftuch ablegen und nicht solche, die sich auch noch in den Dienst dieser patriachlischen Gesellschaftsordnung stellen, solche Frauen zerstören jeden Versuch einer Emanzipation innerhalb des Islams. Finde es traurig, dass Sie da auch noch klatschen, aber das zeigt eben welchen Geistes Kind Sie sind. Weiters gibt es genug islamische Länder, wo eine islamische Gesellschaftsordnung etabliert ist, wenn Ihnen die sogut gefällt, steht es Ihnen frei dorthin zu gehen, in Europa wollen wir jedenfalls so eine Ordnung nicht und wenn Sie hier leben wollen haben Sie das auch zu akzeptieren.
09.02.16
12:53
Subah sagt:
Dass Sie, lieber Manuel, kein Verständnis für den vorbehaltslos gewährleisteten Art. 4 des Grundgesetzes aufbringen können, zeigt, wessen Geistes Kind Sie sind. Darüber hinaus ist es unverschämt, wenn Sie es sich anmaßen, die - wohlgemerkt Deutsche - Frau Boos-Niazy des Landes zu verweisen. In diesem Sinne sei vielleicht Ihnen nahe gelegt, wenn Sie sich schon nach konformistischen, unfreiheitlichen und totalitären Regimes sehnen, die den Menschen nicht die Wahl lassen, zu tragen was sie möchten, sich ihrerseits in ein solches begeben können. Wenn Deutschland - die Heimat von Millionen Muslimen, autochton oder in x-ter Generation - ist Ihnen offenbar zu freiheitlich.
14.02.16
18:52
Manuel sagt:
@Subah: Wenn Ihnen die totalitären islamischen Gottesstaaten wie Saudi-Arabien oder der Iran oder der Islamist Erdogan so gut gefalllen, steht es Ihnen frei in diese Länder auszuwandern, dort können Sie dann jeden Tag eingewickelte und rechtlose Frauen bewundern. Und ja ich habe kein Verständnis dafür, wie Sie hier ein Frauenunterdrückungssymbol verherrlichen und auch noch mit dem GG daherkommen, weil es Ihnen nicht passt, dass das islamische Kopftuch kritisiert wird. In unserem Land herrscht Meinungsfreiheit und da haben Sie auch andere Meinungen zu respektieren und zu akzeptieren, auch wenn man Ihre Religion kritisiert. Und die meisten dieser Mio. Moslems leben in Parallelgesellschaften, siehe Neukölln, sind nicht gewillt sich zu integrieren und sich eindeutig von der Scharia oder anderen problematischen religiösen Praktiken und Vorschriften loszusagen, Sie sind das beste Beispiel dafür.
15.02.16
14:59
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