Konvertitin

Zeynap hat Angst, ein Kopftuch zu tragen

Früher war Zeynap in engen Jeans und mit offenen Haaren unterwegs, feierte und trank Alkohol. Dann ist sie zum Islam konvertiert. Eine befreiende und erleichternde Entscheidung sei das gewesen, sagt sie. Trotzdem hat die junge Frau Angst.

22
06
2015

Zeynap traut sich nicht in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen. Noch nicht. Lediglich beim Beten trägt sie ein Tuch über den Haaren. Eine Muslimin, die sich nicht traut, ein Kopftuch zu tragen? Zeynap hat Angst. Sie hat Angst vor Vorurteilen und davor, ausgeschlossen und benachteiligt zu werden. Zeynap, die auch einen deutschen Namen hat und evangelisch getauft wurde, ist zum Islam konvertiert. Das war vor drei Jahren. Seitdem lebt die 22-Jährige aus Nordrhein-Westfalen hin- und hergerissen zwischen innerer Befreiung und der Sorge vor einer Stigmatisierung.

Mit wallenden, ungebändigten Haaren, hautenger Jeans und einem geschminkten Gesicht betrat Zeynap vor etwa vier Jahren – ziemlich nervös – das erste Mal eine Moschee. Trotz ihres für den Islam unüblichen Aufzugs habe man sie dort an diesem Tag mit lächelnden Gesichtern empfangen, sagt sie. Als sie die hohen Räume mit der hellen Holzverkleidung und dem roten Teppichboden betrat, sei es gewesen, als würde die Sonne für sie aufgehen, erzählt die junge Frau.

In ihrem früheren Leben, wenn man es so nennen kann, verstieß sie eigentlich gegen jede Regel des Islams für die Frau: Alkohol, Diskotheken, kurze Röckchen. Frei setzte sie sich den Blicken der Männer aus.

Wenn die 22-Jährige sich daran erinnert, schüttelt sie den Kopf. Dabei fallen ihr braune Haarsträhnen in das nur ganz leicht geschminkte Gesicht. Ihre schmale, hochgewachsene Figur ist von weiter Kleidung umhüllt. Sie trägt lange Ärmel, einen hohen Kragen. Sie blickt auf die vielen Modezeitschriften auf ihrem Tisch. Zeynap liebt Mode. Nur zu Hause läuft sie in kurzen Kleidern umher. Sie möchte nicht auf ihren Körper degradiert werden, sagt sie. Das ist alles.

Junge Frauen, die in Deutschland aufgewachsen sind und schließlich zum Islam konvertieren, machen sonst vor allem negative Schlagzeilen, wenn sie als „Terrorbräute“ dem Ruf des Dschihad folgen. Da schüttelt Zeynap nur den Kopf. Für die BWL-Studentin war es eine rationale Entscheidung, zum Islam zu konvertieren, eine befreiende Erkenntnis. Die Terroristen, sagt sie, ziehen den Islam in den Schmutz. Wer dem Koran folge, der dürfe nicht einmal eine Spinne töten. Trotzdem nimmt einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung zufolge mehr als die Hälfte der Deutschen den Islam als Bedrohung wahr.

Monika Wohlrab-Sahr, Religionssoziologin an der Universität Leipzig, hält die Angst vor der Radikalisierung von Konvertiten nicht für begründet: „Es gibt keine genuine Verbindung zwischen Konversion und Radikalisierung. Das sind nur ganz wenige Fälle.“ Allerdings gebe es eine Verbindung zur Striktheit, denn wer konvertiere statt mit einer Religion aufgewachsen zu sein, neige zu einer purifizierten Form der Religiösität. Diese Menschen verändern – so wie Zeynap – ihr ganzes Leben und richten es auf den Glauben aus. Das gelte für Konversionen zu allen Religionen. „Oft lockert sich das mit der Zeit wieder“, sagt die Professorin.

Religiös war Zeynap schon immer, auch als Christin. Schon als Kind betete sie mit gefalteten Händen zu Gott, bevor sie sich die Decke über den Kopf zog und schlafen legte. Auch zur Konfirmation ist sie gegangen. Doch irgendwas stimmte für sie nicht.

Die Bibel hat sie ganz gelesen, dennoch habe sie nie Antworten gefunden auf die Fragen, die sie plagten, erzählt sie. Wie ist das mit der Trinität? Liebt Gott wirklich alle Menschen? Verwirrung und Wut stiegen in ihr auf, als sie erkannte, dass Christen verschiedene Auffassungen von Gott und Glaube haben.

Doch zum Islam konvertieren? Zeynap war unsicher, die Religion empfand sie als dunkel, als anders. Und das Bild der Frau: Im Islam wird sie doch unterdrückt! Doch heute bedeutet der Islam für Zeynap nicht Unterwerfung, nicht Tortur. „Ja gewiß, die Frauen sind die Ebenbürtigen der Männer“, zitiert sie den Propheten.

Zeynap verzweifelte, fand keinen Ausweg aus ihrer Glaubenskrise. Sie wollte doch nur Frieden mit sich finden. Sie begann, über den Islam zu recherchieren. Eltern und Freunden verschwieg sie die stundenlangen Recherchen, bei denen sie gebannt vor dem Computer saß.

Sie las auch den Koran, fragte sich immer wieder: Ist dies das Wort Gottes? Der Islam faszinierte sie. Nicht weil er dunkel und anders ist, nein, weil vieles, was im Koran zu lesen ist, in ihren Augen wissenschaftlich bestätigt ist. Alles sei so klar.

Irgendwann kam dann dieser Tag, an dem sie mit wallenden Haaren die Moschee betrat. Wenig später entschied sich die junge Frau. Auch an diesem Tag fühlte Zeynap sich unwohl. Mehrmals übte sie die Betonung des arabischen Glaubensbekenntnisses.

Eines Abends saß sie dann vor ihrem Computer und sagte sie, die Worte, die sie zur Muslimin machten: „Ash hadu ana la ilaha ilal lah wa ash hadu ana mohammadan rasul lalah.“ Kaum hatte sie das Bekenntnis über die Lippen gebracht, machte sich Erleichterung in ihr breit. Ihre Freunde aus der Moschee schenkten ihr einen Gebetsteppich, lange Röcke, Tücher für die Haare, ihren ersten eigenen Koran.

Zuerst war es ihr Geheimnis. Irgendwann musste sie es ihren Eltern erzählen. Es sei ein Tabu gewesen, dass die Tochter einer gut bürgerlichen Familie zum Islam konvertiert ist, erinnert sie sich. Ob sie jetzt komplett verschleiert herumlaufen würde, war die erste Frage der entsetzten und geschockten Mutter. „Eigentlich sollte Mama sich freuen, ich trage keine Miniröcke mehr, trinke keinen Alkohol“, sagt Zeynap und lacht. Es kam zu Diskussionen und Streit, auch zu Versöhnung. Wenn das Wort „Islam“ fällt, ist es für ihre Eltern immer noch schwierig.

Langsam passt sie nun ihr Leben dem Islam an. „Es soll kein Zwang sein im Glauben“, besagt der Koran. Sie erfindet keine Notlügen mehr, macht den Ramadan, besucht Koranschule und Arabischunterricht. In der Uni betet sie in stillen Räumen. Dann hat sie einen bunten Schal mit Tigermuster und ihren Gebetsteppich dabei. Das Wort Gottes hat sie gefunden. Sich selbst als Muslimin noch nicht ganz. Eins fehlt noch, das Kopftuch. „Dann wäre ich so selbstbewusst mit meiner Religion, wie ich es sein sollte.“ (dpa, iQ)

Leserkommentare

Hamburger Jung sagt:
Hab keine Angst Zeynap, Allah ist mit Dir, wir auch. Also stehe auf und schreite fort. Das Paradies ist das Ziel.
23.06.15
2:11
Hatice sagt:
Hallo liebe zeynap ! MasAllah barakAllah zu deiner Geschichte. Ich bin selber konvertiert und kenne daher die Probleme und Ängste sehr gut. Gerade wenn es um Hijab (kopftuch) geht habe ich mir Zeit gelassen und als es dann soweit War nur bereut solange gewartet zu haben. Alhamdullilah es hat mich befreit und keiner konnte mir was schlechtes sagen. Ich wünsche dir und allen die auch mit dem kopftuch hadern rein wegen der Gesellschaft nur das beste und das Ihr euren weg findet. Liebe grüße
23.06.15
15:48
Kritika sagt:
Liebe Zeynap. Ob Allah mit den Kopftuchträgerinnen ist oder doch lieber mit den Ungläubigen, das überlege einmal selber: Welche Menschen haben ein friedlicheres Leben, die im Moslemischen Pakistan, Syrien, Jemen, Irak, . . . Oder die im Ungläubigen Deutschland, Niederlande, Schweiz . . .? Wieso strömen milionenfach Kopftuchträgerinnen aus Moslemischen Länder zu den Ungläubigen? Viele friedliche Menschen in den Ländern der Ungläubigen stören sich an dem Symbol einer unfriedlichen Religion, provoziere die bitte nicht unnötig mit dem Kopftuch - Danke. Oder emigriere zu den Saudies? noch moslemischer und noch unfreier geht es kaum. Gruss Kritika
06.03.17
16:42
Nour sagt:
Vielen Dank für diesen Bericht, Zeynap. Er spricht mir aus dem Herzen. Ich bin vor kurzem konvertiert und mir geht es ebenso. Allah ma'ak.
18.06.17
23:07