Ramadan

Das richtige Verhältnis zum Essen

Der Ramadan ist da. Denkt man an das Fastenbrechen, denkt man an vielfältige und opulente Gerichte auf dem Tisch, die schnell und hastig den leeren Magen füllen sollen. Doch ist das Sinn der Sache? Das fragt sich Sebahat Özcan.

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06
2015
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Esma beißt in eine getrocknete Feige. Sie ist außen sehr trocken und ihre Konsistenz zwischen den Zähnen sehr fest, ihr Inneres aber ist weich, saftig, sehr süß und aromatisch. Zwischen ihren Zähnen spürt sie die vielen kleinen runden Kerne knacken, auf die sie beim Kauen beißt. Ganz bewusst isst sie ganz langsam und hält währenddessen immer wieder einmal inne. Selten hat sie etwas beim Essen so genossen. Sie schließt die Augen. Ganz unkontrolliert kullert ihr eine Träne über die Wange. Diese Feige schmeckt so unerwartet gut.

Sie hat ein zehn tägiges Heilfasten hinter sich, während dem sie nur Flüssigkeit zu sich genommen hat. Heute ist der erste Tag, an dem sie ihren Magen langsam wieder an feste Nahrung gewöhnen möchte.

Doch Esma schämt sich. Sie ist Muslimin. Das heißt, sie fastet einmal jährlich für einen ganzen Monat. In dieser Zeit isst und trinkt sie nichts zwischen der Morgendämmerung und dem Sonnenuntergang. Jeden Tag, einen Monat lang. Sie schämt sich, weil sie bisher niemals im Ramadan solch eine Erfahrung machen konnte. Aus einem einfachen Grund: sie isst zum Sahur[1] und zum Iftar[2] so viel sie kann.

Dabei sind so viele Überlieferungen des Propheten Muhammad (s) über Ernährung bekannt. „Der Mensch füllt kein schlechteres Gefäß als seinen Magen. Es genügen ihm schon wenige Happen, um seinen Rücken aufrecht zu halten. Will er aber unbedingt mehr essen, dann sollte er einen Drittel seines Magens mit Essen, einen Drittel mit Wasser füllen und einen Drittel zum Atmen lassen.“ (Tirmizî, Zuhd, 47, 2381) Oder in einer Überlieferung zieht ein Heilkundiger nach Medina und lebt dort zusammen mit dem Propheten und seinen Gefährten. Nach einiger Zeit geht er mit einem Anliegen zum Propheten Muhammad (s). „O Gesandter Allahs, ich bin seit sehr langer Zeit nun hier, aber ich werde hier nicht gebraucht. Deshalb wollte ich dich bitten weiterzuziehen an einen Ort, an dem man mich braucht. Davor möchte ich aber wissen, warum ihr nicht krank werdet?”, darauf antwortet der Prophet „Wir essen nicht, bevor wir hungrig sind und wir hören auf zu essen, bevor wir satt sind.”

Esma aber isst, wie so viele Menschen in den Industriestaaten, weit über ihren Hunger hinaus. „Wir haben vergessen, warum wir überhaupt essen, wozu Essen überhaupt dient”, denkt sie sich. Manchmal isst sie aus Langeweile, oder weil es so gut schmeckt, manchmal isst sie, obwohl sie keinen Hunger hat, weil sie sich denkt, dass sie gleich vielleicht keine Gelegenheit dazu haben wird. Manchmal weiß sie nicht einmal, warum sie isst.

Sie weiss doch eigentlich, dass im Islam der Körper und die Seele eine Einheit bildet. Wie kann man die Seele reinigen, wenn man alles in sich hinein stopft? Wie kann der Ramadan eine Reinigung für Körper und Geist sein, wenn man nicht darauf achtet, dass man sich gesund und leicht ernährt?

Musste sie ein Heilfasten durchführen, das von Person XY entworfen wurde, damit sie das Fasten im Ramadan besser versteht? Die Süße der Feige immer noch schmeckend, belächelt sie sich selbst und ihr Verhalten, weil sie alle Regeln des Saftfastens eingehalten, aber bisher während des Ramadans niemals auf die Empfehlungen des Propheten geachtet hat.

Esma wischt sich die Träne weg, öffnet die Augen und lächelt. Sie freut sich auf den Fastenmonat, auf die Erfahrungen die sie nun mit diesem Bewusstsein machen wird und darauf, dass sie mit aufrichtiger Absicht Allah dienen und alle Empfehlungen des Gesandten befolgen wird.

[1] Die Mahlzeit zur Morgendämmerung

[2] Die Mahlzeit zum Sonnenuntergang