Charlie Hebdo

„Luzier hat nicht aus Langeweile aufgehört“

Der Charlie Hebdo Karikaturist Renald Luzier sagt, er hätte das Interesse am Propheten Muhammad verloren und ihn zu zeichnen wäre mittlerweile langweilig geworden. Dr. Milena Rampoldi denkt aber, dass diese abrupte Entscheidung andere Gründe hat.

05
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2015

Renald Luzier, ein Karikaturist bei Charlie Hebdo, will damit aufhören den Propheten zu zeichnen, angeblich weil er das Interesse an ihm verloren hätte. Er sagte in einem Interview mit der französischen Zeitung „Les Inrockuptibles“, die Terroristen vom Januar hätten nicht gewonnen. Denn hätten sie gewonnen, wäre ganz Frankreich noch in Angst versetzt, was aber nicht der Fall sei. Er vergleicht seine Karikaturen des Propheten mit denen von Sarkozy, die ihn mit der Zeit auch gelangweilt hätten. Somit hätte er Sarkozy und jetzt auch den Propheten der Muslime verlassen. Wenn man das Ganze umdreht, möchte man meinen, dass er sein Ziel, Angst vor dem Islam zu schüren wohl gar nicht erreicht hat, nicht einmal nach dem Attentat, das von vielen auch als False-Flag Operation gesehen wird. Ein Widerspruch? Das hängt ganz davon ab, in welche Denkmuster man sich versetzt und wie man das Attentat sieht.

Aber ich bin der Meinung, dass Renald Luzier nicht aus Langweile diese Entscheidung getroffen hat. Ich glaube einfach, dass die Reaktionen auf seinen islamfeindlichen Karikaturen für ihn immer undurchschaubarer wurden. Denn Luzier verbreitet sein Weltbild, mit der Überzeugung, dass die Islamfeindlichkeit den Islam korrekt darstellt, nämlich als eine Religion der Gewalt, der Rache und des Terrors. Aber die muslimischen Mitbürger und die Musliminnen und Muslime aller Welt kamen ihm ideologisch in die Quere. Und da musste er handeln, als die Mehrheit der Muslime das Attentat islamisch denunzierten. Luzier wagte es aber ein paar Wochen nach dem Attentat, als er sah, dass seine Anschauung des Islam ins Wanken geraten war, die muslimischen Mitbürger und auch die Vertreter der islamischen Staaten, die sich in Paris versammelten, um die Solidarität mit den ermordeten Mitgliedern der Redaktion zum Ausdruck zu bringen, anzugreifen. Er bezeichnete sie als falsch und unehrlich, weil sie sich dem „je suis Charlie“ Motto angeschlossen hatten. Da war dann seine Dialektik wohl dahin.

Falsche Solidarität der Muslime

Aber als Islamfeind hatte er auch darauf eine Antwort: die Musliminnen und Muslime, die sich „je suis Charlie“ und gleichzeitig „je suis Mohammed“ bzw. „je suis Gaza“ bzw. „je suis Palestine“ identifizierten, konnten gar nicht ehrlich sein. Somit war ihr „je suis Charlie“ Ausdruck ihrer Falschheit und ihres Kalküls, um jeden Preis friedlich aussehen zu wollen. Somit gelten die Muslime für Luzier alle als latent gewalttätig und als zukünftige Terroristen, ob sie nun „je suis Charlie“ schreiben oder nicht. Blind gegenüber der Solidarität der Muslime, verblendete er wohl auch die Menschenkette der norwegischen Muslime. Oder kam ihm vielleicht der junge Muslim aus Mali in die Quere, der zum Franzosen wurde, weil er die Menschen im Supermarkt, unabhängig davon, ob sie Muslime oder Juden waren, einfach rettete, weil es ihm um Menschen ging?

Luziers Weltbild ist stark ins Wanken geraten und ein anderes Weltbild, um seine Kritik gegenüber dem Islam noch zu verschärfen, hat er momentan nicht zur Verfügung. Ich denke, er hat an dem Punkt aufgehört an dem keine Steigerung mehr möglich war. Es freut uns auf jeden Fall, dass Renald Luzier nicht mehr unseren Propheten zeichnet. Aber er ist einer von vielen, und der nächste Renald ist sicher schon dabei sich die nächste Karikatur zu überlegen.

 

Leserkommentare

Florian sagt:
Man muss natürlich vorwegschicken, dass leider vieles von dem was unter „Islamkritik“ firmiert, nichts als dumpfes Ressentiment ist. Richtig ist auch, dass viele Mohammed-Karikaturen dumpfes Ressentiment reproduzieren. Ein Paradebeispiel ist da die berühmte Westergaard-Karikatur von Mohammed mit Bombe unter dem Turban. Die bekannte Karikatur von Luzier mit dem weinenden Mohammed mit dem Schild „Je suis Charlie“ und dem Text „Tout est pardonné“ fällt hingegen nicht in die Kategorie des dumpfen Rassismus, sondern greift gerade die Tatsache auf, dass sich viele Muslime mit der Redaktion von „Charlie Hebdo“ solidarisierten. Gleichzeitig zeigt sie aber auch die Notwendigkeit in einer freien und demokratischen Gesellschaft Mohammed weiterhin karikieren zu können. Diese Notwendigkeit besteht so lange, wie Leute die Mohammed-Karikaturen anfertigen, um ihr Leben fürchten müssen. Zudem kann ein dialektischer Umgang mit den Lehren Mohammeds, sowie eine Analyse der historischen Person des Mohammed nicht gelingen, wenn er auf dem unantastbaren Sockel des Sakrosankten steht. Und genau auf diesen Sockel hebt ihn eine Durchsetzung des Bilderverbotes, vor allem dann, wenn es sich nicht um eine politische, sondern eine gewaltsame Durchsetzung handelt. Die Autorin sollte nicht so oft von „Dialektik“ reden, wenn ihre eigene Dialektik nur bis zur Grenze ihrer Religion reicht. Ich nehme im Übrigen an, Luzier hat nach all der medialen Beachtung und all dem Rummel um die Ereignisse schlicht keine Lust mehr für alle Zeiten „dieser Typ der immer Sarkozy und Mohammed zeichnet“ zu sein. Das kann ich nun wirklich verstehen! Abgesehen davon ist das Gerede um eine angebliche "False-Flag-Attacke" eine platte Verschwörungstheorie und eine Art anti-dialektischer Abwehrreaktion einiger Muslime, die ihnen die Notwendigkeit erspart, sich mit den Radikalismen innerhalb der eigenen Ummah kritisch auseinanderzusetzen.
04.10.15
18:39