Mehr als nur Kleidung

Warum muslimische Frauen ein Kopftuch tragen

Die Kopftuchdebatte ist ein Dauerbrenner und steht manchmal mehr, manchmal weniger im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Eine Frage wird aber oft ausgeblendet: Warum tragen muslimische Frauen überhaupt ein Kopftuch? Dies erklärt Hacer Çakmak.

18
04
2015

Quellen für das islamische Kopftuch

Das islamische Kopftuchgebot für Frauen wird an zwei Stellen im Koran aufgegriffen:

Zum einen in der Sure Nûr, wo es heißt: „Und sage den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke senken und ihre Keuschheit wahren und ihre Reize nicht zur Schau stellen sollen, außer was (anständigerweise) sichtbar ist; und dass sie ihre Tücher über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen sollen (…) Und sie sollen ihre Beine nicht so schwingen, dass Aufmerksamkeit auf ihre verborgene Zierde fällt. Und bekehrt euch zu Allah allzumal, o ihr Gläubigen, damit es euch wohl ergehe.“[1]

Der andere Vers lautet: „O Prophet! Sage deinen Frauen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, dass sie etwas von ihrem Übergewand über sich ziehen sollen. So werden sie eher erkannt und (daher) nicht belästigt. Und Allah ist verzeihend, barmherzig.“[2]

Das Bekleidungsgebot lässt sich auch aus einem Hadith ableiten, welcher in der Sammlung von Abû Dawûd überliefert ist: „Aischa berichtet: ‚Asmâ bint Abî Bakr erschien in freizügiger Kleidung vor dem Propheten. Dieser wendete sich von ihr ab und sprach: ‚O Asmâ! Wenn die Frau ihre Geschlechtsreife erlangt hat, dann sollte nichts von ihr zu sehen sein außer diesem!’ Und er zeigte auf sein Gesicht und seine Hände.“[3]

Hintergründe der Koranverse

Nach Ansicht der meisten Gelehrten wurde der Vers aus Sure Nûr im Zusammenhang mit der sogenannten „Halsband-Affäre“ offenbart. Während einer Rast auf dem Feldzug entfernte sich Aischa, die Frau des Propheten, kurz vor dem Aufbruch von der Gruppe. Auf dem Rückweg bemerkte sie den Verlust ihres Halsbands und kehrte noch einmal um. Unterdessen brach die Karawane auf, da man Aischa schon in ihrer Kamelsänfte vermutete. In der Hoffnung, dass man sie bald abholen würde, wartete Aischa an der Raststelle. Dort entdeckte sie Safwân ibn Muattal, der zur Nachhut der Armee gehörte. Er ließ sie auf seinem Kamel reiten, und in der Morgendämmerung erreichten beide das Heer, das erneut rastete.

Bald darauf verbreiteten sich Gerüchte, die Aischa der Untreue bezichtigten. Die Situation setzte alle Beteiligten sehr unter Druck. Schließlich forderte der Prophet Aischa selbst auf, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Im Hause ihres Vaters, dem späteren ersten Kalifen Abû Bakr, wurden dem Propheten dann die lange erwarteten Verse offenbart, die Aischas Unschuld bewiesen: Sure Nûr, Vers 15-17.[4]

Diese Offenbarung ist eingebettet in eine Reihe weiterer Verse der Sure Nûr, die sich mit dem Thema Ehebruch und der Verleumdung unbescholtener Frauen beschäftigen. Zu ihnen gehört auch das Kopftuchgebot.[5] Demnach lässt sich das Kopftuchgebot der zweiten (medinensischen) Offenbarungsphase zuordnen.

Dennoch können auf Grundlage von Aussagen des Propheten einige Kleidungsanweisungen schon für die islamische Frühzeit in Mekka nachgewiesen werden. In einer dem Prophetengefährten Harsi al-Gamidi zugeschriebenen Überlieferung heißt es, der Prophet sei einmal von einer Menschenmenge, die er zum Islam einladen wollte, angegriffen und verletzt worden. Nachdem sich die Menge zerstreut hatte, eilte eine Frau mit einem Wasserkrug zu ihm. Sie weinte so sehr, dass sich ihr Hals entblößte. Nachdem der Prophet getrunken und sich gereinigt hatte, machte er sie darauf aufmerksam, ihren Hals mit ihrem Kopftuch lieber zu verdecken. Der Überlieferung zufolge handelte es sich bei dieser Frau um Zaynab, die Tochter des Propheten.[6]

Innerislamische Diskussionen

In der islamischen Welt wird darüber diskutiert, ob die Begriffe „Himar“ und „Dschilbab“, die in den beiden oben erwähnten Versen auftauchen, auf ein Tuch für den Kopf hinweisen, oder nur eine Bedeckung meinen, die Hals und Brust verhüllt.

Die Gegner des Kopftuchs argumentieren, dass in beiden Versen das Wort „Kopf“ nicht auftauche und der zu bedeckende Körperteil auch in den genannten Begriffen nicht impliziert sei. Hiergegen werden zweierlei Einwände vorgebracht:

  1. Wörter wie Schuh, Hut, Ring etc. weisen ebenso wenig aus sich heraus auf die Körperteile hin, für die sie bestimmt sind. Trotzdem gibt es ein allgemein verbindliches Verständnis über die Verwendung dieser Gegenstände.
  1. Man sollte die konkreten Handlungsbestimmungen des Korans nicht losgelöst vom sprachlichen und gesellschaftlichen Umfeld der Arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert betrachten. Geht man davon aus, dass mit den beiden Koranversen lediglich das Tragen eines Hals- oder Brusttuchs verbindlich gemacht wurde, heißt das nicht anderes, als dass in vorislamischer Zeit diese Körperbereiche unbedeckt waren. Von den historischen Quellen wird diese Annahme jedoch nicht gestützt. So stellt beispielsweise der bekannte Hadithgelehrte Buhârî fest, dass „vor der Offenbarung dieser Verse, die Frauen in Arabien ihren Kopf bedeckten, einige Bereiche ihres Halses oder ihrer Brust aber offen blieben“.[7] Zur Zeit des Propheten trugen die Frauen das Kopftuch, dessen Ende sie über den Rücken fallen ließen, als eine Art Accessoire.[8]

Der Koran beabsichtigte also nicht die Einführung einer vollkommen neuen Kleiderordnung. Vielmehr wurden bestehende Bekleidungsformen verfeinert und an die Erfordernisse der religiösen Ordnung angepasst. Aischa wird dazu mit folgenden Worten zitiert: „Allah soll sich der Frauen der Auswanderer erbarmen. Sie haben sofort im Anschluss des Gebotes ‘sie sollen ihre Kopftücher über ihren Busen schlagen…’ einen Teil ihrer Röcke abgeschnitten und daraus ein Kopftuch gemacht.“[9]

Mehr als nur Kleidung

Da Gott den Menschen erschaffen hat und ihn laut islamischer Auffassung mit seinen Stärken und Schwächen besser kennt als dieser selbst, glauben die Muslime aus voller Überzeugung, dass er allein dazu berechtigt und ermächtigt ist, eine derartige Bestimmung zu treffen.

Laut Koran gilt die Intimsphäre von Mann und Frau als besonders schützenswert.[10] Die Beziehung zwischen den Geschlechtern soll auf gegenseitigem Respekt aufbauen. Dieser Respekt drückt sich auch in der Bekleidung aus, sie kann ihn aber nicht allein gewährleisten. Deshalb sind die koranischen Bekleidungsvorschriften in einen Kontext ethischer Handlungsanweisungen eingebettet[11], die vor allem in der mekkanischen Offenbarungsphase stark betont werden. Dazu gehört unter anderem die Entwicklung eines guten Charakters. die verantwortungsvolle Einstellung gegenüber der Welt und die Ehrfurcht vor Gott als Grundvoraussetzung verantwortungsbewussten Handelns.

Die in Mekka herabgesandte Verse enthalten vor allem Beispiele, bildhafte Beschreibungen vom Paradies und von der Hölle, vom Jenseits im Allgemeinen und von ethischen Grundprinzipien, die im Rahmen der Wahrung von Ehre und Würde des Menschen, der Erhöhung des moralischen Standards in der Gesellschaft und der Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen thematisiert werden. Die 23. Sure des Korans beispielsweise umschreibt die Eigenschaften der Gläubigen, indem er ebenfalls auf die Beziehung zwischen Mann und Frau eingeht: „Wohl ergeht es den Gläubigen, die in ihrem Gebet demütig sind, und die sich von unbedachter Rede abwenden, und die die Abgabe entrichten, und die ihre Scham bewahren.“[12]

Die Bewahrung der Scham umschreibt hierbei die allgemeine ethische Grundlage, auf dem im weiteren Verlauf die Kleidungsvorschriften aufgebaut werden. Das bedeutet: Die Vorschriften im Islam im Allgemeinen und die Kleidungsvorschriften im Speziellen sind eine Grundlage für einen Aufbauprozess der individuellen und gesellschaftlichen Reife.

Wichtig ist in jedem Fall, dass die Ehre eines Menschen nicht allein über seine Kleidung bestimmen lässt. Ausschlaggebend ist nach islamischem Verständnis der Grad der Takwâ (Gottesfurcht), den wiederum nur Gott allein bemessen und beurteilen kann.


 

[1] Sure Nûr, 24:31

[2] Sure Ahzâb, 33:59

[3] Abû Dâwûd, Sunan, Libâs, 34

[4] Ibn Hischâm, Sîra, II, S. 298

[5] Lings, Martin, Muhammad – Sein Leben nach den frühesten Quellen, S. 337

[6] Izzaddîn ibn al-Asîr, Usd al-Gaba, I, S. 203

[7] Buhârî, Istizan, 2; „Deutung der Sure Nûr“, 12

[8] Kurtubî, Tafsîr, XII/230

[9] Buhârî, Sahîh, Auslegung des 31. Verses der Sure Nûr

[10] Vgl. Sure Arâf, 7:25

[11] Vgl. z. B. Sure Arâf, 7:26; Sure Nahl, 16:81

[12] Sure Mu’minûn, 23:1-5

Leserkommentare

Freidenker sagt:
Hallo zusammen, sehr interessant zu lesen, was hier so geschrieben wird. Dabei bekomme ich den Eindruck, dass jeder Gläubige versucht, seiner Religion hinterherzulaufen und ihr bloß gerecht zu werden. Alle laufen ein paar wenigen hinterher. Nämlich denen, die den Koran/die Bibel/die Tora maßgeblich mitschrieben. Ich glaube nicht, dass es in der heutigen Zeit wichtig ist, jahrtausendealten Sätzen und Handlungsanweisungen nachzueifern, sondern etwas für unseren Planeten und den Zusammenhalt der Menschheit zu tun. Gerade letzteres schließt in meinen Augen eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion aus, da man sich damit von anderen eher ab- als zuwendet. Religion ist in meinen Augen heutzutage nur noch ein Machtinstrument, um möglichst viele Menschen einer Glaubensgemeinschaft dazu zu bringen, was einer oder ein paar wenige wollen. Und das ist falsch. Das ist auch ziemlich gefährlich. Mir ist es egal, wenn Frauen Kopftuch, die Männer Kippa, die anderen Kreuze um den Hals tragen. Ich finde alles ziemlich dumm, weil es andere automatisch ausgrenzt. Deshalb ist auch Religion im Kern dumm. Sie spaltet mehr als dass sie vereint. Die Menschheit hat wichtigeres zu tun, als sich um die wahre Religion zu kloppen. Geeint die Welt grüner zu machen zum Beispiel. Und da hilft auch kein Beten. Weder vom Christen, vom Moslem, noch vom Juden etc.. und vonwegen Beichten und Beten: wenn ich hier lese, dass es Gott schon richten wird oder alles nur in seinen Händen liegt, dann frage ich mich, wie lebenserfahren der ein oder andere Gläubige so ist. Es ist die Abgabe der eigenen Verantwortung und Unzulänglichkeit an etwas, das dann Gott genannt wird. Schwache Menschen wenden sich an etwas, dass sie sich vorstellen. Etwas das Ihnen hilft. Es ist ja auch nicht verkehrt. Ganz im Gegenteil. Ich finde es muss jeder an etwas glauben, das ihm oder ihr hilft. Es ist ja oft nur die pure Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt. Genau deshalb finde ich es verkehrt, sich an Jahrtausende alte Vorstellungen/Schriften/Ansichten zu klammern, die in Form der Kirche etc. auch noch institutionalisiert und damit kommerzialisiert worden sind. Scientology ist nur ein ein Beispiel dafür, aus menschlicher Schwäche Profit zu schlagen. Das Christentum damals galt übrigens auch als Sekte. Es ist immer das gleiche. Einige wenige versuchen an die Macht zu kommen. Dazu müssen möglichst viele folgen und unterstützen, damit man selbst an der Macht bleibt. Die institutionalisierte und in weiten Teilen auch missbrauchte Religion unterscheidet sich damit kaum von profitorientierten Weltkonzernen wie Google, Apple & Co., die der Politik die Richtung weisen. Alles in allem also ziemlich vernichtend, mein Beitrag zur Religion und dessen Missbrauch. Ich denke „die Religion“ darf es nicht geben. Jeder sollte seinen Teil der Verantwortung über unsere Gesellschaft und über unseren Planeten tragen. Dazu braucht er Liebe, Mitmenschlichkeit und andere Dinge, die ihm hoffentlich auch ohne Religion vom Elternhaus, der Familie oder des Freundeskreises schon zu Teil geworden sind.
08.06.19
0:34
Danke Freidenker sagt:
Danke, es braucht keine Religion mehr als Machtinstrument, wir sehen alle wohin das führt Tag für Tag. Jeder Mensch kann seine ganz private Beziehung zum Schöpfer haben, innerlich und mit ganzem Herzen und sich in der äußeren Welt für ein repsekt- und liebevolles Miteinander einsetzen, die Unverletzlichkeit des Lebens Selbst anerkennen und das Seinige dafür tun, dass es ihm selbst und seinem direkten Umfeld gut geht. Würden wir alle das machen und den "Religionen, Regierungen, Lobbyisten, ..." die ungesunde gierige Macht entziehen, dann gäbe es überall Frieden auf dieser schönen Erde.
16.06.19
18:48
thomas sagt:
ich kann die braunen und die rassisten nicht ausstehen... doch ich muss sagen NIRGENDS IM KORAN STEHT DASS EINE FRAU EIN KOPFTUCH TRAGEN MUSS das sagen muslimische Freunde die es gelesen haben !
17.06.19
22:18
thomas sagt:
mit den Braunen meine ich rassisten ....
17.06.19
22:25
thomas sagt:
@freidenker naja das ist nicht so ganz richtig mit den Religionen. Religionen sind nicht immer schlecht und Grund für Probleme. jede der drei Weltreligionen hat Vorteile und weniger gute Seiten. wenn es morgen keine Religionen mehr geben sollte, dann würden gruppenbezogene Menschenfeinde andere Merkmale und unterscheidungspunkte finden, um andere Menschen als die bösen darzustellen dann kehrt man zurück zu Rasse-Diskriminierungen
17.06.19
23:06
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