„Konflikte muss es nicht geben“

Wie viel Vielfalt kann Deutschland vertragen? Mit Religionswissenschaftlerin Paula Schrode sprach Paula Konersmann (KNA) über die Herausforderungen religiöser Vielfalt.

06
02
2015
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Nicht erst seit der Debatte über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist die Existenz religiöser Minderheiten brisant. Die Religionswissenschaftlerin Paula Schrode erforscht das Zusammenleben verschiedener religiösen Gruppen. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht sie über die historische Entwicklung und künftige Herausforderungen dieses Zusammenlebens.

Frau Schrode, gehört der Islam zu Deutschland?

Schrode: Die Zustandsbeschreibung ist unstrittig, der Islam ist ein Teil deutscher Realität und auch Teil deutscher Identitäten. Das Problem an dieser Formulierung ist wohl, dass sie auch normativ verstanden werden kann, also in dem Sinn, dass Deutschland ohne den Islam ist nicht Deutschland ist, dass Islam ein notwendiger Teil von Deutschland ist. Das ist für viele eine neue Definition auch der eigenen Identität und wirkt irritierend – gerade, wenn es von Politikern kommt.

Hat diese Irritation hat auch etwas mit der Angst vor Machtverlust zu tun?

Schrode: In Zeiten, die eigentlich durch den Rückgang religiöser Bindungen und den Bedeutungsverlust der großen Kirchen geprägt sind, spielt das sicherlich eine Rolle. In Deutschland können Religionsgemeinschaften bestimmte Privilegien erhalten. Dadurch verschieben sich auch Machtbeziehungen. Das betrifft den Religionsunterricht ebenso wie die Möglichkeit, dass eine Religionsgemeinschaft zur Körperschaft des öffentlichen Rechts werden kann. Eine kleine Gruppe, die diesen Status erreicht, hat andere Möglichkeiten als eine größere Gruppe, die ihn nicht erreicht.

Viele Menschen betrachten die jetzige Vielfalt der Religionen in Deutschland als Folge der Globalisierung. Stimmt das?

Schrode: Religiöse Vielfalt ist in einem bestimmten Maß der historische Normalfall. Es gab immer ein Aufeinandertreffen von Religionen oder auch eine innere Ausdifferenzierung von Religionen. Die Anfänge des Buddhismus in Deutschland hatten beispielsweise wenig mit der Einwanderung von Buddhisten zu tun, sondern eher mit bestimmten Modeströmungen innerhalb der Gesellschaft. Religiöse Zugehörigkeit ist in unserer Gesellschaft in hohem Maße wählbar geworden. Die soziale Bindekraft von Religion lässt nach, zugleich können verschiedene Angebote unverbindlich genutzt werden.

Diese Patchwork-Religiosität sehen die Kirchen eher kritisch. Manche Beobachter sehen darin sogar einen Grund für die Radikalisierung junger Menschen. Wie schätzen Sie das ein?

Schrode: Das hört man tatsächlich von jungen Menschen, die sich radikalen Strömungen anschließen. Das betrifft vor allem Formen des Islam, die auf jede Frage eine vermeintlich klare Antwort bieten, die nur schwarz und weiß kennen und die Gesellschaft in die „wahren Muslime“ und die „Feinde des Islams“ einteilen. Die Aussagen vieler Jugendlicher lassen erkennen, dass sie von der Vielfalt und Unübersichtlichkeit der postmodernen, pluralen Gesellschaft schlichtweg überfordert waren – bis sie einen sehr rigiden Islam für sich entdeckt haben, der auf einmal Antworten auf alles geben konnte. Das ist wohl eine Kehrseite der verstärkten Pluralisierung unserer Gesellschaft.

Ist trotzdem ein friedliches Zusammenleben der Religionen möglich?

Schrode: Konflikte zwischen Religionen muss es nicht zwangsläufig geben. Ich denke, dass man in Deutschland nicht wirklich von ernsthaften Konflikten zwischen den Religionsgemeinschaften sprechen kann. Es gibt eher eine Art Wettstreit, und den vor allem innerhalb bestimmter Traditionen. Zum Beispiel setzen sich zurzeit Islamvertreter darüber auseinander, wer für den Islam in Deutschland sprechen kann. Die blutigen Ereignisse von Paris wiederum waren keine Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften, sondern zwischen unterschiedlichen Wertesystemen. Auch wenn gezielt Juden ermordet wurden, war das in erster Linie ein Angriff auf die säkulare französische Gesellschaft und nicht auf andere Glaubensgemeinschaften.

 

Persönlicher Kontakt mit Muslimen wichtig

Die anti-islamische Pegida-Bewegung ist besonders erfolgreich in Gegenden, in denen es kaum Muslime gibt. Woran liegt das?

Schrode: Was die Pegida-Demonstranten unter dem Islam oder der „Islamisierung“ verstehen, erscheint diffus. In erster Linie scheinen sie Muslime mit Ausländern oder Einwanderern gleichzusetzen. Was wirklich die Hintergründe für dieses Phänomen sind, finde ich schwierig zu beurteilen. Aber klar ist, dass die Vorstellungen von Gruppen wie „den Muslimen“ überall dort wesentlich weniger stereotyp sind, wo Menschen persönliche Kontakte mit Muslimen haben. In der Praxis verläuft das Zusammenleben ja meistens gut, doch aus der Ferne hört man häufig nur von den Problemen.

Könnten genau da auch die Medien ansetzen, etwa durch ausgewogenere Berichterstattung?

Schrode: Der Umgang der Medien mit diesen Themen ist meiner Meinung nach besser als ihr Ruf. Vertreter des Islam behaupten immer wider, dass Muslime pauschal als Terroristen dargestellt werden, aber das ist meines Erachtens genau so wenig wahr wie die Behauptung, dass die Medien keine kritischen Stimmen zum Islam zu Wort kommen lassen würden. Berichterstattung ist natürlich immer an Konflikten oder besonderen Ereignissen orientiert und nicht am funktionierenden Alltag. Das betrifft andere Themen genauso. Aber wenn man das einmal zugesteht, leisten die Medien durchaus einen sehr wichtigen und insgesamt konstruktiven Beitrag zur Verständigung der Gesellschaft über Themen wie Religion, Säkularität und Islam.

 Wo sehen Sie künftig die größten Herausforderungen im religiösen Zusammenleben?

Schrode: Die größte Konfliktlinie sehe ich nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen bzw. zwischen islamischen und anderen Glaubensgemeinschaften, sondern bei den bereits angesprochenen radikalen Strömungen, die für Jugendliche offenbar attraktiv sind. Dem muss die Gesellschaft etwas entgegensetzen, und das muss sie gemeinschaftlich tun.