Interview mit Rebiya Kadeer

Chinas Hass auf die Uiguren

Wir sprachen mit der Präsidentin des Weltkongresses der Uiguren (WUC), der Menschenrechtsaktivistin Rebiya Kadeer, die seit 2005 im Exil in den USA lebt, über ihr Leben und ihren Einsatz für die vom chinesischen Staat unterdrückte und verfolgte Minderheit der Uiguren.

21
09
2014

Rebiya Kadeer ist eine international bekannte uigurische Menschenrechtsaktivistin. Sie ist zudem Präsidentin des Weltkongresses der Uiguren (WUC). Kadeer setzt sich für die Rechte der Uiguren in der Volksrepublik China ein, die vor allem im Autonomen Gebiet Xinjiang (Ostturkestan) leben. Wir sprachen mit Kadeer über ihre Arbeit und die Situation der Uiguren in China.

IslamiQ: Sie wurden früher einmal vom chinesischen Staat als erfolgreiche Geschäftsfrau und Vorbild für andere Frauen aus Minderheitengruppen gerühmt. Inzwischen werfen Ihnen chinesische Behörden vor, die uigurischen Türken aufzustacheln. Können Sie uns sagen, wie es zu dieser Entwicklung kam?

Rebiya Kadeer: Ich habe in Ostturkestan drei große Einkaufsmärkte eröffnet. Das Erste gründete ich 1987 mit dem Namen „Einkaufszentrum der Frauen”, dessen Ziel es war, bedürftigen und alleinstehenden Frauen eine Möglichkeit zu geben sich ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.

Danach folgte die Eröffnung des Rebiya-Kadeer-Einkaufszentrums in Ürümqi (Urumtschi). Hier wurde 500 gehaltsschwachen Uiguren die Chance eröffnet, ein eigenes Geschäft zu gründen. Einige dieser Händler sind inzwischen Millionäre. Die Hälfte aller Uiguren, die mit der Türkei Geschäfte macht, stammt von diesen Händlern aus Ürümqi ab. Die Anzahl dieser Händler ist mittlerweile auf mehrere Tausend angestiegen.

Ich war in China aber nicht nur eine Geschäftsfrau, sondern auch eine Politikerin. Denn ich war Mitglied im Landesparlament und im chinesischen Parlament. Insgesamt wurde ich für zwei Legislaturperioden in die Parlamente gewählt, sodass ich zehn Jahre im Dienst war.

Danach war ich für weitere zehn Jahre die Vorsitzende der Handelskammer in Ostturkestan im Gebiet von Xianjiang. Im gleichen Gebiet war ich darüber hinaus die Vorsitzende des Vereins der Geschäftsfrauen und gleichzeitzeitig Mitglied der chinesischen Handelskammer. Außerdem war ich Generalsekretärin der Handelskammer für Handwerk und ebenso Mitglied des chinesischen Ausschusses für Frauen auf dem Weltfrauenkongress im Jahre 1995, der in Peking stattfand.

Der chinesische Staat kürte mich zur „vorbildlichsten Frau Chinas“.

Während ich diese zahlreichen Ämter bekleidete, habe ich es nie versäumt, ohne Rücksicht auf persönliche Verluste, mich für die Interessen und Probleme der Uiguren einzusetzen und diese Problematiken in die politische Tagesordnung der chinesischen Regierung zu tragen.

Selbstverständlich hatte ich nicht die Macht auf die chinesische Regierung Einfluss zu üben. Deshalb ging ich den Weg, ihnen von den vorhandenen Problemen zu erzählen und so einen Lösungsweg zu finden. Zu dieser Zeit dachte ich, dass die chinesischen Bevollmächtigten die tatsächliche Situation der Uiguren nicht kannten und auch nicht richtig darüber informiert wurden. Aus diesem Grund versuchte ich sie darüber aufzuklären was tatsächlich passiert, sodass das chinesische und mein Volk davon profitieren können und sich etwas am Zusammenleben ändern würde.

Natürlich wurde ich davor gewarnt, diese Themen anzusprechen. Mir wurde gesagt, dass wenn ich weiter machen würde, würden sie mein Vermögen beschlagnahmen. Uiguren, die vor mir diese Probleme thematisierten, wären verhaftet oder gar getötet worden. Ich solle nicht deren Schicksal teilen.

Aber ich konnte nicht schweigen. Als Geschäftsfrau habe ich alle Städte und Dörfer Ostturkestans bereist und wurde Zeuge der prekären Lebenssituation der Uiguren.

Ich habe immer wieder die Probleme der Uiguren und den Druck der Chinesen zur Debatte gebracht. Gerade weil die Uiguren davon wussten, dass ich mich für die Belange der Uiguren einsetze, kamen viele aus ganz Ostturkestan dorthin, wo ich mich jeweils aufhielt. Einzig und allein um mir von ihren Problemen und Nöten zu berichten. Ich empfand es als meine Verantwortung gegenüber den Uiguren, den chinesischen Behörden von ihren Nöten zu berichten.

Genau in dieser Phase meines Engagements ereignete sich, am fünften Februar 1997, das Massaker an den Uiguren. Zu dieser Zeit war ich Parlamentsmitglied und hatte die Möglichkeit, aufgrund entsprechender Amtsbefugnisse, zu allen Regierungsdienststellen und sogar zum Staatspräsidenten zu gehen. Einige führende Vertreter im Gebiet von Ostturkestan hielten mich an, nach diesem blutigen Ereignis, still zu schweigen.

Jedoch konnte solch ein blutiges Ereignis nicht verdeckt bleiben: Fünf Kinder wurden vor den Augen ihrer Mutter einer Mutter von chinesischen Streitkräften getötet. Die Unterdrückung der Streitkräfte ging indes so weit, dass Eltern, Geschwister und andere Familienmitglieder zum Hinrichtungsurteil ihrer verhafteten Kinder, applaudieren mussten. Diejenigen, die nicht applaudierten und gegen dieses Urteil waren oder diesem Urteil nicht zustimmten, wurden teilweise getötet.

Um diese Unterdrückung zu beobachten, bin ich mit drei weiteren Personen nach Ghulja gereist. Im Rahmen meiner Recherche erkannte ich erstmals das schreckliche Ausmaß der Ereignisse. Um der Zentralregierung davon zu berichten, sammelte ich alle Dokumente und Informationen zusammen. Allerdings haben mir die Streitkräfte alle Unterlagen, wie beispielsweise Filmaufnahmen des Massakers, aus den Händen gerissen. Seit diesem Vorfall stehe ich unter Beobachtung und werde ausspioniert.

 

IslamiQ: Ich möchte Ihnen gerne ein paar Fragen zu Ihrem Engagement stellen: Sie initiierten das Projekt „1.000 Mütter”. Was war das Ziel dieses Projekts und wie wurde das Projekt umgesetzt?

Rebiya Kadeer: Das erste Ziel des „1.000 Mütter”- Projekts war es uigurischen bedürftigen Kindern aus Ostturkestan, die keine Möglichkeit hatten die Schule zu besuchen, den Zugang zur Bildung zu sichern.

Sie waren größtenteils Kinder uigurischer Bauern, denen vom chinesischen Staat das Land gewaltsam genommen wurde, um es chinesischen Bürgern zu überlassen. Sie verloren dadurch ihre Arbeitsmöglichkeit und konnten daher ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken. Aus diesem Grund sind Tausende von uigurischen Kindern ohne Bildung geblieben.

Selbstverständlich gab es Akademiker unter den Uiguren in Ostturkestan, die beim Staat beschäftigt waren und hohe Ämter bekleideten. Diejenigen, die von den Möglichkeiten des Staates und des Stadtlebens profitierten, waren entweder Mitglieder des Parlaments oder Arbeiteten in verschiedenen Staatsorganen mit, jedoch machten diese insgesamt nur 5% aller Uiguren aus.

Das „1.000 Mütter – Projekt“ zielte auch darauf ab bedürftigen Frauen zu helfen, sodass sie eine Arbeit hatten. Gleichzeitig sollten diese bedürftigen Frauen mit uigurischen Akademikerinnen zusammenkommen, die von den Annehmlichkeiten des Staates profitierten. Zwischen diesen Frauen sollte eine Geschäftsbeziehung aufgebaut werden. Gemäß den Bestimmungen des Projekts waren politische Themen innerhalb des „1.000 Mütter – Projekts“ verboten.

Ein anderes Ziel war, dass wir uns den alleinstehenden Kindern, deren Eltern in Haft waren, annehmen. Dazu sollten Schulen gegründet werden, damit die Kinder zur Schule gehen konnten. Hierfür wurden Spenden bei der Bevölkerung gesammelt, um die Bedürfnisse der Kinder, wie Kleidung und Versorgung, abzudecken.

Dementsprechend haben wir Projekte ins Leben gerufen, um den Uiguren Fremdsprachen beizubringen und die uigurischen Kinder ins Ausland schicken zu können.

Außerdem haben wir uns darum bemüht, dass uigurische Frauen einen Beruf erlernen, damit sie auf eigenen Beinen stehen können. Es sollte mit den Frauen ein internationales Unternehmen aufgebaut werden. Die ostturkestanischen Frauen hatten ein starkes Interesse an diesem Projekt und haben mit viel Begeisterung Geld dafür gesammelt.

Um das „1.000 Mütter” – Einkaufszentrum zu gründen, hatten wir ein Grundstück gekauft, auf dem ein hohes Gebäude mit 27 Stockwerken errichtet werden sollte. Indirekt haben wir dadurch versucht, die uigurische Sprache und Kultur zu schützen.

Der chinesische Staat hatte zunächst die Erlaubnis für dieses Projekt, das chinesischen Vorgaben nicht widerspricht, erteilt. Jedoch schreckte die Begeisterung der Uiguren für dieses Projekt ab. Die Frauen zeigten so viel Interesse für dieses Projekt, dass sie sogar ihre goldenen Armreifen dieser neuen Bewegung spendeten. Das verunsicherte den Staat, sodass wir angewiesen wurden, uns aufzulösen. 51 % der Kapitaleinlagen für dieses Projekt wurden von mir geleistet, wobei 49 % sich aus den Spenden des übrigen Volks zusammensetzten. Unser Vorstand und die Geschäftsleitung bestanden aus 21 Frauen. Aufgrund des Drucks der chinesischen Regierung mussten wir die gesammelten Spenden zurückgeben und konnten dadurch leider keinen Erfolg verbuchen.

 

IslamiQ: Welche Probleme und Nöte erleidet das Volk Ostturkestans?

Rebiya Kadeer: Das Volk Ostturkestans ist vor allem kulturellen Repressalien ausgesetzt. Der größte politische Druck, den der chinesische Staat auf die Uiguren Ostturkestans ausübt, ist der Versuch sie zu säkularisieren. So ist die Ausübung der uigurischen Kultur, der Alltagstraditionen und Bräuche, verboten.

Den größeren Anteil an der uigurischen Bevölkerung machen mit etwa 86 % die Landwirte aus. Genau jene Schicht ist es, die die uigurische Kultur aufrechterhält. Aus diesem Grund vertreibt die chinesische Regierung die uigurischen Bauern aus ihren Grundstücken und Farmen und gibt diese an chinesische Migranten weiter, sodass Uiguren dazu gezwungen sind, zunächst in die ostturkestanischen und dann in die chinesischen Städte auszuwandern, was dazu führt, dass sie sich langfristig kulturell assimilieren.

Genauso verbietet der Staat, dass die uigurische Sprache an Schulen und Universitäten gelehrt wird, und somit offiziell anerkannt wird. Weiterhin werden, als Teil der chinesischen Assimilationspolitik, junge Frauen aus Ostturkestan im Alter von 14 bis 26 Jahren gezwungen in die inneren Gebiete Chinas zu emigrieren. Bis heute wurde diese Praxis bei Tausenden uigurischen Mädchen angewandt. Von Tag zu Tag wird Ostturkestan bedürftiger, weil es wirtschaftlich systematisch benachteiligt wird. Gleichzeitig werden ihnen jegliche Bildungsmöglichkeiten vorenthalten. Außerdem versucht die chinesische Regierung seit Jahren Chinesen aus dem Inland in Ostturkestan anzusiedeln, damit die Uiguren dort langfristig zur Minderheit werden.

Jeder der gegen diese Ungerechtigkeiten ankämpft, sitzt inzwischen im Gefängnis. Für die Chinesen ist es einfach, die Uiguren zu verhaften und sie in die Gefängnisse zu sperren. Deshalb gibt es in Ostturkestan Zehntausende von politischen Häftlingen.

Obwohl es offiziell seit 1989 in China keine Hinrichtungen mehr für politische Gefangene gab, wird diese Praxis ohne weiteres bei uigurischen Häftlingen angewendet. Schon seit einigen Jahren werden Uiguren zu Todesstrafen verurteilt und abgesehen davon auch ohne Rechtsgrundlage, in willkürlicher Manier, von chinesischen Sicherheitskräften getötet.

Schon vor den Ereignissen des fünften Juli, waren die Straßen von Ostturkestan voll mit Polizisten. Nach dem fünften Juli verstärkten sich die Sicherheitsvorkehrungen und zusätzlich zur Polizei begangen auch chinesische Soldaten in den Straßen Ostturkestans zu patrouillieren. Die momentane Situation in Ostturkestan ist erschreckend. An jeder Ecke befinden sich bewaffnete Polizisten und Soldaten und durch die Straßen fahren Militärpanzer.

Seit 2013 gibt es eine neue Art der Unterdrückung, denn den Uiguren wurde verboten, sich zu versammeln. Wenn etwa 20 bis 30 Uiguren zusammenkommen, werden sie ohne Vorwarnung von chinesischen Soldaten getötet. Außerdem sind bis dato Tausende, insbesondere, junge Männer verschwunden. Sie werden aus den Händen ihrer Familien gerissen, mit der Erklärung, dass sie nach der Befragung wieder zurückgebracht werden. Wenn die Familien nachfragen, wo denn ihre Kinder geblieben sind, antwortet man ihnen, dass man es nicht weiß. Auf diese Art sind schon Tausende Menschen verschwunden. Diejenigen, die unbedingt ihre Kinder finden wollen, werden verhaftet. Der massive Druck, der auf die Uiguren ausgeübt wird, ist nicht mehr auszuhalten.

Der Staat reagiert indes mit einer einfachen Strategie, indem sie die jungen Uiguren als Terroristen darstellt und damit die Art des Umgangs rechtfertigt. Die Uiguren sind, das sagt sogar die Regierung, ein friedliches Volk. Jedoch nötigt die Staatspolitik sie zu Extremen. Jede Familie musste Opfer verzeichnen, sodass es in jeder Familie Menschen gibt, die entweder getötet, verhaftet oder verschwunden sind. Aus diesem Grund ist die Geduld des ostturkestanischen Volkes am Ende.

Ich versuche alles in meiner Macht stehende zu tun, um diese Ereignisse in der Welt öffentlich zu machen. Vielleicht haben Sie von der Situation in Kirgisien gehört: Dort wurden elf Uiguren durch kirgisische Sicherheitskräfte getötet. Die Chinesen üben politischen Druck auf ihre Nachbarländer aus, sodass auch diese Uiguren töten.

 

IslamiQ: Womit wird diese Unterdrückung der Uiguren gerechtfertigt? Mit welcher Begründung beispielsweise wurden Sie 1999 verhaftet?

Rebiya Kadeer: Im Januar wurde der Wirtschaftsprofessor Ilham Tohti auf Befehl des Staates verhaftet. Tohti wurde aus den gleichen Gründen, wie ich damals, verhaftet: Weil er die Ungerechtigkeit nicht stillschweigend beobachtet und erträgt.

Die chinesische Regierung ermahnte mich ein paar Mal, dass mir viele Möglichkeiten offen stünden, weil ich Geld hätte, gesellschaftliches Prestige genieße und politische Zuständigkeiten inne hätte und ich von diesen Möglichkeiten einen Nutzen ziehen solle. Außerdem sollte ich die schrecklichen Ereignisse nicht weitererzählen und meine Augen davor verschließen. Ich erkannte, dass der chinesische Staat mich zu den Problemen der Uiguren nicht anhören wollte, sodass ich beschloss die Situation der Uiguren für die Welt öffentlich zu machen. Ich konnte nicht zu den Ungerechtigkeiten, den Repressionen, den willkürlichen Verhaftungen und den Tötungen meines Volkes schweigen. Ich war gezwungen zu handeln.

Eigentlich war keine meiner Aktionen illegal, sondern rechtlich unkritisch. Der Umgang mit mir und die Reaktionen auf mein Engagement waren jedoch alles andere als gesetzmäßig.. Als sie mich verhafteten, warfen sie mir vor, ich würde Staatsgeheimnisse herausgeben. Das was als „Staatsgeheimnis” eingestuft wurde, war eine Nachricht, die in den chinesischen Zeitungen nachzulesen war. Und ich wollte diese Nachricht an meinen Mann in den USA zusenden. Das war´s!

In dieser Nachricht standen die Namen derjenigen uigurischen Kinder, die zum Tode verurteilt wurden, woraufhin der chinesische Staat mich verhaften lies. Das Gericht, vor das ich angeklagt wurde, hat mich zu acht Jahren Haft verurteilt. Mein Sohn Abdulhekim wurde, nur weil er zugegen und völlig ahnungslos war, zu drei Jahren Haft verurteilt, die er auch absitzen musste. Als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde und in die USA ging, nahmen sie meinen Sohn erneut fest und verurteilten ihn zu weiteren neun Jahren Haft. Zurzeit ist mein Sohn immer noch im Gefängnis.

Alles was ich erreichen wollte, sollte zum Nutzen aller Menschen, die innerhalb der Grenzen Chinas leben, sein. Der Frieden in Ostturkestan bedeutet gleichsam das friedliche Zusammenleben aller Einwohner in diesem Gebiet. Die Rechte und Interessen der Uiguren sollten respektiert und umgesetzt werden, sodass ganz Ostturkestan in Frieden leben kann.

Die Forderungen, die wir stellten, waren mit der chinesischen Verfassung vereinbar. Wir haben lediglich, die durch die Verfassung gesicherten Rechte in Anspruch nehmen wollen und jegliche Forderungen unsererseits waren nicht illegal oder verfassungswidrig.

Es muss den Uiguren Ostturkestans und den uigurischen Türken, also den Einheimischen dieses Landes, ihre Rechte zugestanden werden. Leider haben sie aber nicht so viele Rechte wie die Han-Chinesen, die im Nachhinein dorthin angesiedelt worden sind.

Der Staat verdient in dieser Gegend eine Menge Geld durch die Gewinnung von Erdschätzen wie Öl und Erdgas. Normalerweise sollte die Regierung den Menschen als Gegenleistung wirtschaftliche und soziale Rechte zubilligen, sodass sie es schaffen sich zu entwickeln. Zumindest müssten sie die Möglichkeit bekommen, mit einem eigenen Landbesitz, sich selbst zu versorgen.

Sie wissen sicherlich, dass viele Uiguren arbeitslos sind und das der Staat keinerlei Anstrengungen unternimmt, um ihnen Arbeit zu verschaffen. Wobei den später angesiedelten Chinesen Arbeit und Unterkunft gewährt wird. Aus diesem Grund können Millionen von Uiguren von keinem Recht, wie beispielsweise einer Versicherung, Gebrauch machen.

 

IslamiQ: Sie waren sechs Jahre lang im Gefängnis. Wie waren die Haftbedingungen dort?

Rebiya Kadeer: Ich habe im Gefängnis keine körperlichen Strafen erlitten, jedoch stand ich unter großen psychischen Repressionen. Ich durfte mir nichts anhören, durfte nichts lesen und durfte mit keinem anderen Menschen sprechen. Eine der psychologischen Repressalien, die ich erlebte war, dass uigurische Kinder und politische Gefangene vor meinen Augen gefoltert wurden. Es war wirklich das Schlimmste, was ich im Gefängnis erlebte. Dies ging zwei ganze Jahre lang so. Danach haben sie mich in ein normales Gefängnis gebracht.

 

IslamiQ: Fürchten Sie um das Leben Ihrer Familie, die sich noch in Ostturkestan befindet?

Rebiya Kadeer: Selbstverständlich. Die Regierung hat mein ganzes Vermögen beschlagnahmt und insgesamt 23 Mitglieder meiner Familie, darunter meine Kinder und Enkelkinder, leben unter ständiger Beobachtung. Fünf meiner Kinder leben in Ostturkestan. Ich kann an dieser Stelle nicht erläutern, was sie dort erleben; sie sind der Gnade und Ungnade der Chinesen ausgeliefert.

Die chinesischen Streitkräfte nehmen sie, wann sie wollen, zum Verhör mit, schlagen und foltern sie und lassen sie danach frei. Zwei meiner Kinder wurden, nachdem ich ins Ausland ging, in das Gefängnis geworfen. Alim, der eine von ihnen, wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er hat seine Haftstrafe abgesessen und ist wieder draußen, jedoch lebt er unter ständiger Beobachtung.

Ich war insgesamt sechs Jahre im Gefängnis und mein Mann war neun Jahre in Haft. Wie schon eben erwähnt, ist mein Sohn Abdulhekim, der zu zwölf Jahren verurteilt wurde, immer noch im Gefängnis. Das bedeutet, wir haben als Familie 37 Jahre unseres Lebens in Haft verbracht. Ich habe erfahren, dass mein Sohn Abdulhekim vor kurzem aus einer normalen Haftanstalt in eine Hochsicherheitsunterbringung abtransportiert wurde. Er musste, aufgrund der schweren Verletzungen, die ihm die Gefängniswärter zufügten, wohl für zwei Monate in ein Krankenhaus.

Dabei gibt es keinerlei Straftatbestand, weswegen meine Kinder verhaftet worden sind. Die chinesische Regierung rächt sich an mir, wegen meinen Versuchen, den Fall um die Unterdrückung und Verfolgung der Uiguren der Welt zu berichten.

Wenn ich, um für die Belange der Uiguren zu kämpfen mich an einer Aktion beteilige oder mich mit einem Staatsmann treffe, leiden meine Kinder, die sich in Ostturkestan befinden, darunter. Sogar meine Enkel wurden verhört und verprügelt.

Wenn Sie mich fragen wollen, warum China mich zum Staatsfeind Nummer eins ernannt hat, dann kann ich Ihnen sagen, dass ich nichts Illegales getan habe. Ich wurde zum Feind ernannt, weil ich gesagt habe, dass man den Uiguren ihre Rechte geben muss und dass man ihre Kultur, Sprache und Religion respektieren soll. Ich wurde zum Feind erklärt, weil ich forderte, dass man mit den Angriffen auf die Uiguren und den willkürlichen Tötungen aufhören soll.

 

IslamiQ: Wie halten Sie den Kontakt zu Ihrer Familie aufrecht?

Rebiya Kadeer: Ich kann immer nur mit einer Person übers Telefon reden. Das ist entweder meine ältere Schwester oder meine Tochter. Wir können natürlich miteinander nur über unsere Befindlichkeiten reden. Weil ihr Leben in Gefahr ist, können Sie mir nichts am Telefon erzählen.

Nach den Vorfällen des fünften Juli zwang die Regierung meine Familie im chinesischen Fernsehen aufzutreten und zu reden, sodass von da an das ganze chinesische Volk meine Familie kannte.

Aus diesem Grund schwebt meine Familie, jedes Mal wenn sie rausgeht, in Lebensgefahr, weil sie von Chinesen angegriffen werden könnten.

Da meiner Familie ihr ganzes Vermögen genommen wurde und ihnen verboten wurde Handel zu betreiben, sind sie wirtschaftlich von allen Seiten eingeschränkt. Zur gleichen Zeit können Sie nicht arbeiten, weil es den Arbeitgebern verboten wurde, sie einzustellen. Momentan bewohnen sie eine Wohnung in dem gleichen Haus, in dem die Sicherheitskräfte leben, weil auch ihr Haus enteignet wurde. Dort leben sie unter ständiger Beobachtung der Sicherheitsleute.

Das von mir gegründete Einkaufszentrum wurde mit Stacheldraht umzäunt und die Uiguren, die dort arbeiteten, wurden entlassen. Die Regierung verbietet jegliche Tätigkeiten in diesem Gebäude, sodass es momentan wie ein Geisterhaus da steht.

 

IslamiQ: Wie beurteilen Sie die Wahrnehmung der Uiguren durch das chinesische Volk? Sind sie über die staatlichen Repressionen gegenüber den Uiguren informiert? Welche Reaktionen lassen sich beobachten?

Rebiya Kadeer: Natürlich betreibt die Regierung extreme Propaganda gegen die Uiguren, sodass einige Menschen tatsächlich der Auffassung sind, dass die Uiguren getötet und dem Erdboden gleichgemacht werden müssen.

Es herrscht eine feindselige Stimmung des Hasses gegen Uiguren, sodass sogar Kinder von Chinesen getötet werden, nur weil es sich um Uiguren handelt.

Aber es gibt auch Chinesen, die nicht der Propaganda des Staates Glauben schenken und die gleichermaßen fordern, dass den Uiguren ihre Rechte, gemäß der chinesischen Verfassung, zugesprochen werden sollen. Ebenso meinen sie, dass die aktuelle Politik und die Repressalien gegenüber den Uiguren eingestellt werden sollen.

Die Fürsprecher der Uiguren kommen vor allem aus dem Inland Chinas. Jedoch überwiegt die Zahl derer, die nach Ostturkestan ausgesiedelt worden sind, und fordern, dass die Uiguren vollkommen vernichtet werden. Sie wurden manipuliert, in dem man ihnen sagte, dass dieses Land eigentlich ihnen zustehen würde und die Uiguren sich diese Ländereien unrechtmäßig angeeignet hätten. Mit so einer Propaganda wachsen die Chinesen in Ostturkestan auf. Man kann festhalten, dass es innerhalb der Chinesen zwei Lager gibt, die unterschiedlich über die Situation der Uiguren urteilen.

 

IslamiQ: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass die Probleme der Uiguren in den Medien kaum thematisiert werden?

Rebiya Kadeer: Der erste Grund ist der, dass der Druck Chinas schon zu einer alltäglichen Praxis geworden ist. Außerdem verhindert der wirtschaftliche Aufstieg Chinas, dass dieses Problem in die Weltpolitik passt. Gleichermaßen übt China einen großen Einfluss auf eine Vielzahl von Nachbarländern und Medienakteuren aus.

Werfen Sie doch mal einen Blick auf die Haltung der Länder Kasachstan, Usbekistan und Kirgisien, die wir eigentlich als Geschwister ansehen. Sehen Sie rüber in die Türkei, in die ich nicht einreisen darf. China ist dazu bereit, alles Mögliche einzusetzen, um Ostturkestan, das strategisch günstig liegt und reich an Bodenschätzen ist, nicht zu verlieren.

Wer wirtschaftliche Beziehungen mit China pflegt, muss als Bedingung zusichern, dass man den Uiguren in Ostturkestan nicht hilft. Es gibt sogar Abmachungen mit größeren Staaten, dass mir als Person, Rebiya Kadeer, keine Hilfe zukommen darf.

Allerdings werden wir für unsere Sache weiter kämpfen. Nach den Vorfällen in Ostturkestan haben europäische Länder und die Vereinigten Staaten von Amerika, China dazu aufgerufen, die Rechte der Uiguren zu wahren. Von uns wird gewünscht, dass wir an den Sitzungen der Vereinten Nationen teilnehmen. Dabei wird die prekäre Lebenssituation der Uiguren angesprochen und uns werden Fragen bezüglich der chinesischen Politik gegenüber den Uiguren gestellt. Weltweit sind Menschenrechtsorganisationen auf unserer Seite und bringen unsere Sache auf die Tagesordnung. Zudem sind wir dem türkischen Volk sehr dankbar, da sie, genauso wie Europa, sich für unsere Sache einsetzen und uns in jeglicher Hinsicht behilflich sind.

 

IslamiQ: Bei den Ereignissen am fünften Juli starben etwa 200 Menschen. Zudem führt China seine Assimilationspolitik beziehungsweise die HAN-isierung des Gebiets weiter durch, sodass wir erwarten müssen, das solche Spannungen weiterhin vorkommen werden. Welche Lösungsvorschläge haben Sie, damit dieser graue Schleier der über Ostturkestan schwebt, verschwindet?

Rebiya Kadeer: Zuerst sollte der chinesische Staat die Militäreinheiten, die absichtlich Angriffe gegen Uiguren durchführen, aus dem Gebiet von Ostturkestan abziehen. Danach sollten alle politischen Häftlinge in Ostturkestan freigelassen werden. Schlussendlich sollte den Einwohnern Ostturkestans die Möglichkeit gegeben werden, ihre politische Zukunft selbst zu bestimmen – dies wäre die einzig richtige Lösung.

Erst dann kann man mit den Chinesen über andere Dinge sprechen und nur so kann zwischen China und Ostturkestan ein anhaltender Frieden hergestellt werden.

 

IslamiQ: Können Sie uns ein wenig von Ihren aktuellen Bestrebungen erzählen? Was für eine Zukunft stellen Sie sich für das Volk Ostturkestans vor?

Rebiya Kadeer: Eine unserer Aktivitäten ist es, die uigurischen Organisationen und die weltweiten Aktivisten zu koordinieren und zu vernetzen, damit im amerikanischen Kongress und bei internationalen Organisationen die Sache der Uiguren auf der Agenda erscheint und bleibt. Unser Ziel ist es, die Sache der Uiguren zu einem festen Bestandteil der US-amerikanischen Außenpolitik werden zu lassen.

Früher war es uns ein Anliegen die Sache der Uiguren der weltweiten Öffentlichkeit zu berichten. Heute ist es unser Ziel, in allen westlichen Ländern, die Sache der Uiguren in den Beziehungen zu China zu einem Gegenstand ihrer Außenpolitik werden zu lassen.

Eine andere Aktivität ist es die internationale Öffentlichkeit und Menschenrechtsorganisationen über die politische Lage der Uiguren und der Bevölkerung Ostturkestans aufzuklären.

Wenn zum Beispiel in Ostturkestan etwas passiert, dann nutzen wir unsere Kontakte und teilen dieses Geschehen den Vereinigten Staaten, Japan, der Europäischen Union und der Türkei mit, sodass sie eine offizielle Stellungnahme herausbringen können.

Wir arbeiten darauf hin, dass diese Länder in allen Gesprächen mit China den Fall Ostturkestan ansprechen.

Früher dachten viele Uiguren, das sich die Politik Chinas und die Annäherungen ändern können. Jedoch sind seit der Besetzung Ostturkestans, im Jahre 1949, bis heute mehr als eine Million Uiguren getötet worden. Nunmehr sind die Uiguren erwacht und versuchen bewusst etwas zu verändern.

Aus diesem Grund hoffe ich, dass wenn die Welt dem Fall der Uiguren mehr Beachtung schenkt, die Uiguren irgendwann einmal einen eigenen Staat gründen werden. Unsere Hoffnung wird gestärkt und bestätigt durch die inneren Spannungen in China. Der Kampf der Uiguren für ihre Freiheit ist heute auf dem Höhepunkt und die Zeit ist angebrochen, dass die Uiguren ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen.

Das Gespräch führte Meltem Kural

Leserkommentare

Anderson sagt:
Rebiya Kadeer ist eine sehr bewundernswerte und mutige Frau. Ich wünsche mir so sehr dass die Ungerechtigkeiten gegen das uigurische Volk aufhören. Die chinesische Regierung sollte endlich zur Vernunft gebracht werden.
06.02.15
20:20
Steffi sagt:
Ich habe das Buch von Frau Kadeers gelesen. Ich bin begeistert von ihrem Engagement, und ich bin wachgerüttelt worden, was die chinesische Regierung betrifft, so geheuer war mir diese Regierung noch nie. Es wird Zeit, dass da endlich eingegriffen wird.
06.02.15
20:22
peace sagt:
Und so ein Massaker läuft schon seit Jahrzehnten, ohne dass die Weltpolitik eingreift. Millionen von Menschen mussten sterben, Kinder mussten sterben und trotzdem ist keiner aufgewacht. Nicht einmal in den Medien ist bislang darüber berichtet worden. Da frag ich mich persönlich, wo die Menschenrechtler sind, wo die Liberalen sind??? Warum müssen Menschen und vor allem Kinder so lange leiden, bis uns westlichen klar wird, was wirklich in der Welt abgeht?? Was abartik, krank ja sogar bestialisch ist?? Religion, Rasse oder Herkunft hin oder her, man sollte NIEMALS vergessen, dass wir alle sterbliche Menschen sind!!! Kein Mensch hat es verdient, so bestialisch unterdrückt zu werden, ob moslems, christen, Juden, hinduisten etc! Das sollte uns doch bereits die Vergangenheit gelehrt haben. Schade um das Blut unserer ahnen, denn sie sind scheinbar umsonst geflossen, wie sich das zeigt. Sie sind gestorben damit wir ein demokratisches liberales soziales leben leben können!!! China wach endlich auf!!! Auch dein Volk besteht nur aus menschen aus Fleisch und blut!!! So wie die uiguren!!!! Werde menschlicher, einfühlsamer, liberaler, toleranter!!! Hör endlich auf MENSCHEN (egal welcher RASSE sie gehören) systematisch auszutotten. Steh aus deiner trounce auf!!!! Zur liebe der MENSCHHEIT, den wir sind alle gleich...
30.06.15
1:48
irgendwann sagt:
So herzlose Menschen .. falls man sie noch menschen nennen kann ! Ich kann es nicht mehr verstehen überall herrscht unterdrückung und keiner tut etwas . Ich möchte an dieser stelle mein respekt gegenüber fr.kadeer erwähnen gäbe es überall so eine person wie sie . Ich hoffe das sie etwas erreichen ich hoffe das keiner mehr zu sieht und etwas unternimmt ich hoffe das ihr leid endlich aufhört . Allah ist groß ! Allah soll mit euch sein meine geschwister Allah soll euch helfen euch sabır geben .. ich glaube dran das unsere geschwister es schaffen ich glaube dran das diese unterdrückung aufhört irgendwann .. ich hoffe doch sobald wie möglich . Ich kann es nicht ertragen das diese menschen jeden tag mit ihrer angst leben müssen ich kann es nicht ertragen das diese Menschen mit dem körperlichen und auch seelischen schmerz leben müssen ich ertrage es nicht das sogar kleine kinder drunter leiden . Ya Allah :(
30.06.15
15:28
Uwe Huntenburg sagt:
Ich habe Frau Kader in Hamburg kennen gelernt. M.E. vertritt sie die Sache der Uiguren besser als der Dalai Lama die Sache der Tibeter. Frau Kader verzichtet bewusst auf den Schwerpunkt Religion in ihrer Argumentation für die Sache der Uiguren. Wenn man bedenkt, dass das Uigurische der Hintergrund aller fenno-ugrischen Sprachen und damit unter Anderem auch der Sprachen, die von den indigenen Völkern einschließlich der Inuit und Samen rund ums Nordmeer ist, haben wir es mit einem hoch bedeutsamen Kulturvolk zu tun. Ich habe vor Ort in Xinjang sowohl Uiguren als auch Chinesen als Reisebegleiter schätzen gelernt. Der alte Hass wurde dadurch geschürt, dass China in den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts seine eigenen Straftäter in diese schon wegen ihres wüstenhaften Charakters nicht einfach zu bewirtschaftende Gegend verbannt und dadurch den schwierigen Überlebenskampf in dieser Gegend noch verschlimmert hat.
15.11.16
13:53