Talk bei Jauch

Im Namen Allahs – Eine Sendungskritik

Falsche Auswahl von Gästen, manipulative Einspieler und zu wenig Raum für die richtigen Gedanken. So beschreibt Rukiye Doğan den gestrigen Talk bei Günther Jauch und erklärt warum die Sendung keine Antworten lieferte. Ein offener Brief an die Redaktion.

18
03
2013
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Sehr geehrte Redaktion,
dass in einer zusehends mediengesteuerten und medienorientierten Gesellschaft auch Polittalks in öffentlich-rechtlichen Sendern eine Plattform für Selbstdarstellung bieten, und die Sendung vorab schon zum Scheitern verurteilt ist, wurde gestern leider erneut durch ihre Sendung bewiesen.

Angesicht der Festnahme von vier jungen Männern in Leverkusen, die einen Mordanschlag auf Markus Beisicht, Chef der rechtsextremen PRO-NRW-Splitterpartei, geplant haben sollen, war es nicht verwunderlich, dass sich Ihre Redaktion des Themas angenommen und die Sendung „Im Namen Allahs- was tun gegen Deutschlands Gotteskrieger“ genannt hat. Die Aktualität des Themas bewegt die Gemüter und es gibt ein Bedürfnis für die Auseinandersetzung mit der Thematik. Die Redaktion greift motiviert das Ereignis auf und überlegt, mit welchen Gästen zum Thema diskutiert werden soll. So weit, so gut.

Aber dass dabei die Auswahl auf Gäste wie CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, der für seine polemische Haltung gegenüber dem Islam (auch wenn er neuerdings eine Grenze zwischen der Religion und dem Islam zieht) bekannt ist, dem Ex-Muslim Barino Barsoum, der sich zum Medienphänomen entwickelt hat und der Berliner Sozialarbeiterin und Journalistun Güner Balcı, die lieber über ihre emanzipatorische Haltung, die ihrer Meinung nach nicht konform mit den Werten des Islam ist, diskutieren will, wirft Unverständnis auf.

Bereits das Einführungsvideo am Anfang der Sendung und das Einzelgespräch mit Barino Barsoum schafft beim Zuschauer ein befremdliches Gefühl gegenüber dem Islam und den Muslimen. Das Video „Was ist Salafismus“ erinnerte eher an einen schlechten Beitrag für Kindersendungen.

Auch im Laufe der Sendung kommt man davon nicht los und es wird deutlich, dass es den Gästen Bosbach, Barsoum und Balcı nicht darum geht, politische Positionen und Lösungen zu vermitteln, sondern lediglich den Erwartungen der Zuschauerinnen und Zuschauer in der Negativhaltung gegenüber dem Islam – wie so oft in einfachster verallgemeinernder Form – gerecht zu werden , und sie weiterhin darin zu bestätigen.

Die sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema der Sendung ging dabei sichtlich verloren.

Ganz im Sinne einer angeblichen intellektuellen Streitbarkeit ging der ein oder andere Schuss von Güner Balcı los (für ihre Inszenierungen gewaltbereiter Türken vor der Kamera bekannt), um als besonders schlagfertig, integriert und demokratieliebend vom Publikum und Zuschauer goutiert zu werden. Auch wenn es um Deutschlands Gotteskrieger ging, so waren für sie die „armen unterdrückten, ihrer Freiheit beraubten“ Kopftuchmädchen und die Geschlechtertrennung anscheinend von höherer Bedeutung für die Sicherheit Deutschlands, als die eigentlichen Gotteskrieger.

Ein wirkliches Gespräch kam nicht einmal ansatzweise zustande. Das Thema wurde wie so oft zu einer Islamdebatte. Der Berliner Imam Ferid Heider hatte mehr mit der Verteidigung seiner Person und seines Glaubens zu tun, als eigene Beiträge zum Thema zu leisten.

Obwohl der ZEIT-Journalist Yassin Musharbash zu erklären versuchte, dass es sich um zwei Debatten handle, einmal die Debatte um Sicherheit und Terrorismus und die andere die Integrationsdebatte und vor allem fragte, wie wir sie gemeinsam gestalten wollen, war die gesamte Diskussion kläglich.

Von einer konstruktiven Auseinandersetzung der Frage wollte außer ihm keiner wirklich etwas wissen. Es drehte sich um ein Thema, bei dem es um eine radikale Randgruppe geht, das in Wirklichkeit aber die gesamte Gesellschaft betrifft.

Denn aus der Mitte der Gesellschaft haben sich genau diese Jugendlichen entfernt und Zuflucht in den radikalen Gruppierungen mit extremistischem Gedankengut gefunden. Sie werden zu selbst ernannten „Gotteskriegern“. Die Ursache und Gründe für diese Zuflucht und die Entwicklung werden in der Sendung überhaupt nicht erörtert oder diskutiert.

Die Frage, warum diese vier jungen Männer den Versuch wagten, einen Anschlag auf den Rechtspopulisten Markus Beisicht zu verüben, oder immer mehr Jugendliche in den gewaltbereiten Extremismus abdriften, wird nicht hinterfragt.

Fakt ist, dass neben den 4500 Salafisten mit einer geringeren Zahl an gewaltbereiten Anhängern in Deutschland die Islamfeindlichkeit in den letzten Jahren als eine der modernen Formen der Fremdenfeindlichkeit der rechtsextremen Szene an Bedeutung gewinnt und die Zahl der gewaltbereiten Neonazis auf 5600 gestiegen ist. Laut Verfassungsschutz sogar zunehmend im legalistischen Bereich.

Die Protagonisten versuchen Überfremdungsängste oder Vorurteile der Bevölkerung gegenüber Muslimen und dem Islam zu erzeugen oder vorhandene Ressentiments zu schüren, um die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dazu zählt die „Bürgerbewegung pro NRW“ („pro NRW“), die dem rechtsextremistischen Spektrum zu zuordnen ist.

Der Chef der rechtsextremen Pro-NRW-Splitterpartei, die provokativ gegenüber Muslimen agiert, ist Markus Beisicht, auf den der Anschlag vergangene Woche verübt werden sollte. Es war folglich nur eine Frage der Zeit, dass das Fass zum Überlaufen kommt. Angesichts dieser Tatsache und dem Hintergrund, dass gegenüber Muslimen die Gewalt und die islamophobe Haltung unter dem Deckmantel einer legitimen, demokratischen Religionskritik geführt wird, ist es unfassbar, wie sehr die Islamophobie die Mitte der Gesellschaft erreicht hat, und sie offenkundig als freie Meinungsäußerung gilt, wo es sich für die Betroffenen längst wie Volksverhetzung anfühlt.

Hierbei ist nicht die Kritik am Islam, sondern der Rassismus, der unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit seine Stimme findet, zu diskutieren.

Einige der Studiogäste pochen auf das Grundgesetz und die demokratischen Werte, dabei missachten sie sie alle. An dieser Stelle stellt sich die Frage: Quo vadis Demokratie? Die demokratische Meinungsfreiheit wird für die Antipathie und Propaganda gegenüber den Muslimen instrumentalisiert und missbraucht.

Wenn Demokratie weiterhin in dieser Form missbraucht wird und gesellschaftspolitische Themen diskutiert werden, ist ein weiteres Abdriften von Jugendlichen in radikale Gruppen mit rechtsextremistischer oder „islamistischer“ Ausrichtung vorhersehbar. Denn ohne nach den Ursachen für die Geschehnisse zu fragen, und sich der moralischen und journalistischen Verantwortung zu stellen, bleibt es bei dem Schlagabtausch und wir fragen uns immer wieder: Was war zuerst da? Die Henne oder das Ei?

Freundliche Grüße aus Hamburg
Rukiye Doğan